Mahnwache vom 28.02.2015

Von 15-17:30 Uhr vor dem „MyZeil. Die Schutzpolizei war vor Ort, unterstützt durch andere Einsatzkräfte. Vielen Dank für den Schutz!

Da wir früh, schon viertel vor drei, da waren, trauten sich zwei obdachlose Männer an uns heran als wir mit dem Einsatzleiter sprachen. Sie meinten, sie hätten uns schon häufiger gesehen und fürchteten zunächst die anwesende Polizei. Nachdem sie mit dieser besprochen hatten, dass sie „nichts mehr offen hätten“ (anscheinend irgendwelche Kleindelikte der Vergangenheit, die im Zusammenhang mit ihrer Obdachlosigkeit standen), wollten sie gerne erläutert haben, worum es uns ginge. Wir erklärten die Sachlage, die sie verstanden. Da wir explizit u.a. den Slogan „Frankfurt zeigt Gesicht gegen Islamismus. Schließt Euch an!“ haben und keinerlei generelle Ausländerfeindlichkeit oder pauschale Muslimfeindlichkeit erkennbar war, sprach nichts dagegen, dass sich der, der mitmachen wollte, anschloss. Er machte die notwendige Trennung Islam-Islamismus und so harrte er die 2,5 Stunden mit aus. Zu Frankfurt gehören auch Menschen in prekären Lebenslagen und auch sie haben allgemeine Bürgerrechte, was viele Menschen oft vergessen. *

Zwei jüngere Männer wollten den Begriff Islamismus diskutieren. Nach dem Austausch einiger Argumente verwies ich (wie häufiger, wenn es um den Nachweis der Radikalisierung im Umfeld der LIES!-Stände geht) auf die Dokumentation „Sterben für Allah“ u.a. vom HR. Das führte dann allerdings über einige Zwischenschritte einer imaginierten „jüdischen Medienmacht“ dahin, dass die jungen Männer allen Ernstes behaupteten, anlässlich 9/11 sei „kein einziger Jude im Gebäude gewesen“ und die Amerikaner hätten die Twin-Towers selbst gesprengt (die seltsame Logik, dass sie dann eigene Staatsbürger töteten, irritierte nicht). Man habe auch damit ein Geschäft gemacht, denn ein Jude hätte diese Gebäude 3 Monate zuvor gekauft. Auf meinen Einwurf, dass die selbst bei günstigem Einstiegspreis ein denkbar schlechtes Geschäft gewesen sei, wenn es nur 3 Monate vorhält, entgegnete man, ja – die Versicherungssumme, DIE sei das Geschäft gewesen. So weit die verfestigten antijüdischen Verschwörungstheorien, die man so oder ähnlich leider nicht selten hört oder liest. Eine geschlossene Weltsicht, in der Muslime ausschließlich als Opfer vorkommen, nie als Täter. Da kamen wir in keiner Weise überein, sie waren da auch faktenresistent und so schieden sie missmutig.

Drei Jungen, möglicherweise aus muslimischen Familien, traten hinzu und fragten ruhig, was das mit dem Islamismus auf unseren Schildern solle. Nach den ersten zwei Sätzen von mir verlor einer schon die Geduld, meinte, man solle mir gar nicht zuhören. Er winkte abfällig und versuchte, seine Freunde wegzubringen. Diese wollten jedoch weiter zuhören und so ging er alleine auf Abstand. Den verbliebenen zwei Jungen konnte man das Problem erklären. Sie verstanden es, konnten vor allem auch nachvollziehen, dass es v.a. muslimische Familien zerstört, wenn der Sohn oder die Tochter die Schule oder das Studium abbrechen, um nur noch einem fanatischen Glauben zu folgen. Sie bedankten sich für die Ausführungen und gingen nachdenklich.

Zwei modisch gekleidete große junge Frauen wollten, dass ich das Schild herunternehme, weil ich nach ihrer Vorstellung Muslime allgemein beleidigen und herabsetzen würde. Ich verweigerte dies und versuchte zu erläutern, was jedoch daran scheiterte, dass man keinen Satz aussprechen konnte. Sie wurden, insbesondere die hübsche dunkelhäutige Person, immer aufgebrachter, weil sie sich an ihren Unterstellungen hochzogen. Nach kurzer Zeit brachen wir das Gespräch ab. Sie tauchten später noch einmal bei einem Mitstreiter auf. Dann umgeben von einer Gruppe ähnlich Gesonnener, wurden sie so aggressiv, dass man befürchten musste, dass das eine Mädchen auf den Mitstreiter losginge. Sie versuchte schon zu schubsen, wurde dann aber vom Dazutreten einer Einsatzkraft gebremst. Sie diskutierten noch länger weiter.

Einige Mitbürger jüdischen Glaubens schlossen sich an und diskutierten angeregt mit, stellten sich teils erkennbar in ihrem Glauben, teils nicht, den Gruppendebatten. Meiner Sorge, sie könnten vielleicht noch einmal gesondert Gefahren ausgesetzt sein, begegneten sie mit Mut und Gleichmut. Nach meiner Beobachtung wurden sie in unserer Gruppe nicht stärker angegangen als wir anderen auch, wozu es oftmals aber trotz Polizeischutz schon einiges an Standvermögen braucht. Chapeau!

Schwierig wurde es, als ein etwa 7 jähriger mit kleiner Schwester auf mich zulief (die Mutter saß auf einer Bank in der Nähe) und wissen wollte, was wir da so machten. Ich versuchte, es einigermaßen kindgerecht zu erklären, wurde dann aber von dem kleinen Mädchen, vielleicht 5, unterbrochen, die meinte, wir würden Gott beleidigen, das dürften wir nicht. Ich sagte ihnen, dass man nicht mal an ihn glauben müsse, dass Menschen glauben könnten, was sie wollten, und dass ich an ihren Gott nicht glauben würde. Dass ich da stünde, weil ich es wichtig fände, dass Jungen nicht zu sehr glaubten und deswegen in den Krieg zögen und selber töten oder getötet würden. Ein wohl muslimischer Mann stand daneben und starrte mich kritisch an, hörte zu, was ich den Kindern erzählte. Er sagte aber nichts. Die Mutter holte dann nach wenigen Minuten ihre Kinder ab.

Zwei Jungen, vielleicht 14 und 10 und ethnisch wohl aus Kleinasien stammend, wollten gerne diskutieren, warum man nicht auf die Opfer islamistischen Terrors in Nigeria oder anderen afrikanischen Ländern aufmerksam mache, warum überhaupt die Weltöffentlichkeit diese Untaten weniger stark wahrnehme und thematisiere. Mit der Erläuterung, das sei tatsächlich ein Wahrnehmungsproblem, schließlich sei ein Mensch ein Mensch waren sie nur teilweise zufrieden. Ich habe als Beispiel dann auch noch auf den Völkermord der Hutus an den Tutsis im Ruanda der 90 er** verwiesen. Dieser sei ganz schrecklich gewesen, hätte viele Opfer gefordert, aber (zu) wenig Beachtung gefunden, auch zu wenig internationale Hilfe. Die beiden Jungen outeten sich dann als Atheisten und sahen sich als Personen, die gleiche Menschenrechte wichtig finden. Ich habe selten von einem 14 jährigen derart differenziert-kritische Betrachtungsweisen gehört.

Eine Gruppe Jungen, in der ich mehrere Buben von letzter Woche erkannte (die Gruppe derer, die über die Herabsetzung versucht hatte, mich aus der Ruhe zu bringen), versuchte, auf dieselbe Art wieder vorzugehen. Da jedoch die beiden Rädelsführer fehlten, scheiterte dies schon im Ansatz. Die Kreativität hinsichtlich abwertender Zuschreibungen und die Aggressivität war bei den anderen nicht hoch genug, um das mir gegenüber durchzuhalten. Sie umringten nach wenigen Minuten einen anderen Mitstreiter, blieben aber auch dort passiver als in der Vorwoche.

Einige Passanten machten Mut und signalisierten Zustimmung, andere rannten vorbei und riefen nur kurz hinüber, wir sollten uns was schämen.

Ein US-Amerikaner liess sich das Anliegen erläutern und reihte sich kurz entschlossen die letzte Stunde ein, ebenso wie einige andere Passanten.

Mittlerweile hatten sich um die Gruppenmitglieder Diskussionsgruppierungen gebildet. Um eine Mitstreiterin standen etliche recht aggressive und große junge Männer, die zu nahe kamen. Ein Mann versuchter aus nächster Nähe mit voller Kraft niederzubrüllen. Auch hier stellten sich Einsatzkräfte dazwischen und lockerten so die auf manche Mitstreiter bedrohlich wirkende Umzingelung auf.

Einige Mädchen wollten den Begriff Islamismus nicht billigen. Sie meinten, ich müsse diesen ändern. Mein Verweis darauf, dass dies der Begriff von Wissenschaft und Staatsschutz sei, wurde nicht akzeptiert. Ich verwies darauf, dass es ihnen frei stünde, Abitur zu machen, etwas Einschlägiges zu studieren und dann einen besseren Begriff in der Wissenschaft zu diskutieren, wurde abgetan. Ich solle ihn einfach unterlassen bzw. ändern. Da ich darauf beharrte, schieden sie murrend.

Zwischendurch tauchten einzelne Jungen/Männer der LIES!-Unterstützer-Szene auf, jedoch nicht in verabredet scheinender Weise im Tross wie sonst üblich. Möglicherweise lag das daran, dass zumindest nach dem, was ich hörte bis 17:30 Uhr gestern kein LIES!-Stand durchgeführt wurde.

Bei einer Dreiergruppe Mädchen um die 14 scheiterte der Versuch der Erläuterung. Sie wollten den Nachweis, dass um die LIES!-Stände Radikalisierung stattfindet, ohne jedoch Hinweise der Medien und vom Verfassungsschutz für glaubhaft zu halten. Die Frage, was sie denn und v.a. von mir für glaubwürdig befinden würden, blieb unbeantwortet.

Jenseits von einigen aggressiveren Personen und Gruppen konnten mit einer Vielzahl von Menschen interessante Gespräche geführt werden.

* Da die beiden Männer auch ihre Situation kurz schilderten, konnte ich ihnen nur raten, sich ein wenig zu organisieren, um ihre Interessen besser vertreten zu können. Sie verwiesen auf viele Leerstände, die sie beobachten.

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http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda

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