Mahnwache vom 11.04.2015

Vor dem „My Zeil“ von 16-18 Uhr. Ein herzlicher Dank an die Frankfurter Polizei für die freundliche Betreuung.

Wir hatten gestern Unterstützung von Kurden und Aramäern, antifaschistisch eingestellten Menschen und anderen. So bunt gemischt waren wir selten: Muslime, Christen, Juden, Atheisten. Menschen aus u.a. der SPD, FDP, Grüne, Parteilose.
Einige kamen mit der Fahne ihrer Gruppierung. Ein schönes Bild.

 

 

Menschenrechte haben keinen Glauben und keine Nationalität. Sie sind universell und wir alle müssen für sie eintreten. Immer wieder, überall.  Jeder von uns ist in der Pflicht.
Gerade, wenn es in unserer Mitte passiert, dass menschenfeindliches Gedankengut verbreitet wird und Radikalisierung stattfindet.

Die LIES!-GmbH hatte sicherheitshalber, wie es schien, gestern erst gar keinen Stand geplant. Dies könnte auf die Teilnahme der kurdischstämmigen Mitbürger zurückzuführen sein, die sich vorher auf der Seite von Tobias Huch in größerer Zahl angekündigt hatten.

Jenseits einzelner Protagonisten de Unterstützer-Szene („Akhi-Szene“) waren diese Jugendlichen gestern mehrheitlich nicht da. Ein Faktor mag auch sein, dass Abdellatif Rouali entgegen seiner Ankündigung noch kein Ladengeschäft in Zeilnähe gefunden hat, das als Logistik Zentrale dienen könnte. Das Fehlen eines solchen sicheren Anlaufpunktes erschwert den Ablauf erheblich.

Eine Mitstreiterin berichtet, sie habe mindestens drei Mal im Verlauf der zwei Stunden gehört, die Juden seien ja an allem Schuld. Ein anderer Junge sei ausschließlich verbal übergriffig gewesen und so laut, dass weder sie noch eine andere Mitstreiterin, die dies mitbekam, Lust verspürten, sich mit ihm zu beschäftigen. Das führte – ergebnislos – nur dazu, das er noch lauter wurde. Da ist gar kein Gespräch gewollt, sondern nur Abreaktion von Aggressivität.

Mehrere Passanten machten durch Gesten Mut oder zeigten ihre Zustimmung.

Aus dem Rückblick einer Mitstreiterin:

„Mein eigenes Schild mit der Aufschrift „Muslime! Laßt Euch Euren Glauben nicht von ISIS kaputtmachen“ hatte ich heute einer Mitdemonstrantin geliehen, die es sehr schön fand. Ich habe dafür ein Schild mit der Aufschrift „Frankfurt zeigt Gesicht gegen Salafismus“ hochgehalten, das die Veranstalterin zur Verfügung stellte.

Das lockte drei junge Damen (westlich gekleidet, offene Haare, eine der jungen Damen hatte darüber hinaus ein in Anbetracht der Temperaturen sehr gewagtes Dekollete) herbei, die ich schon mehrfach auf der Mahnwache als „Diskussionsteilnehmerinnen“ gesehen hatte.
Nach dem üblichen „Entschuldigung! Können Sie mir sagen….“ wurde gefragt, was auf meinem Schild stünde. Da ich sie schon kannte und wußte, dass ihr Deutsch hervorragend ist (sie sind sicher hier geboren), bat ich darum, den nun wahrhaft kurzen Text selber zu lesen. Es kam, auch das ist eine Masche, die jede Woche wieder zu beobachten ist, das von kindlichem Augenaufschlag begleitete „Aber ich versteh‘ das nicht. Was bedeutet das?“.
Ich war eigentlich heute nicht willig, zum x-ten Mal auf diese Diskussion einzusteigen und wollte die Debatte abblocken. Da platzte einer der drei, sie hatte türkische Wurzeln, der Geduldsfaden. „Sie sind gegen den Islam!“ schrie sie (das Phänomen der aggressiv angehobenen Lautstärke scheint unverbrüchlich mit der Opferrolle mancher muslimisch erzogener Mitbürger einherzugehen). Ich erklärte den Unterschied zwischen Islamismus/Salafismus und Islam. Das hatten die drei jungen Damen erwartet und nahmen es als Stichwort, sich alle drei gleichzeitig zu ereifern: „aber, aber, aber – da steht doch Islam im Wort“ .
Ich bemühte mich ruhig, auf mein Anliegen zu fokussieren und hob hervor, dass ich mich gegen die LIES! Koranverteilaktion ausspräche. Nicht gegen den Islam oder eine andere Religion. Ich begründete mein Anliegen mit der Werbung für den IS-Terror.
Und hier musste ich wieder (nicht zum ersten Mal!!!) feststellen, dass junge Muslime den Koran offensichtlich nicht kennen! Bei der Erläuterung, dass Islamismus/Salafismus sich auf den politischen Islam mit der wörtlichen Auslegung des Korans beziehe, reizte sie das Wort „Koran“. Ich wisse ja gar nicht, was da drin stünde. Und wieder plapperten alle drei gleichzeitig ihre auswendig gelernten Stereotype über die Aufnahmegesellschaft heraus.
Daraufhin sah ich mich veranlasst, Sure 2 Vers 191 zu zitieren „Tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet“. Wie schon öfters, wenn ich aus der Übersetzung zitiere, die am LIES! Stand verteilt wird, war einen Moment Sprachlosigkeit die Folge. Und einen Moment später setzte die übliche Brüllerei, hauptsächlich von der türkischstämmigen Rädelsführerein, (F**** dich, Ich sch***** auf dich) ein. Nachdem ausgebrüllt war, kam das übliche: Das ist nicht der richtige Koran. Ich konnte nochmals versichern, und das glaubten sie mir dann sichtlich auch, dass es der Koran von LIES! ist. Die Folge: Abzug der drei Dämchen ohne weitere Erwiderung..
Mir fiel nicht zum ersten Mal auf, dass sie den Text nicht gelesen haben. Dass sie nicht wissen, was in Sure 2 – egal welche Übersetzung – steht. Sonst hätten sie ja aus einer anderen Übersetzung zitiert. Aber: Fehlanzeige.“

Ein paar Aufnahmen vom Anfang der Aktion:

 

 

Einigen shoppenden Mädchengruppen mit muslimischem Hintergrund konnte das Anliegen verdeutlicht werden. Auch sie waren erschrocken über die Fakten, dass im LIES-Umfeld die jungen Männer rekrutiert werden und Eltern ihre Kinder verlieren. Wenn man ausreden kann, gebe ich üblicherweise die Geschichte von Enes, dem Jungen aus Bockenheim aus der Dokumentation „Sterben für Allah“ kurz wieder. Ergänzend verweise ich auf die Mutter, die seit nunmehr fast 2 Jahren nicht weiß, ob ihr Sohn noch lebt oder tot ist, und darauf, dass es zu 80 Prozent Jugendliche aus muslimischen Familien betrifft. Dass wir also für diese Jugendlichen da stehen, die die Familie nicht genügend vorbereitete, die die Moscheegemeinden alleine lassen und für die auch die Stadtgesellschaft nicht alles mögliche tut.

Mehrere englischsprachige Frankfurt-Touristen zeigten sich ebenfalls interessiert, darunter zwei Muslime. Sie verstanden den Ansatz nach kurzer Erläuterung und pflichteten bei.

Eine Gruppe von vielleicht 15 Jugendlichen hatte einen Wortführer, der leidlich redegewandt war. Die Gruppe johlte, er sollte uns „fertigmachen“. Der junge Mann war etwa 1,72 m, wog aber erkennbar durch übermäßiges Bodybuilding vielleicht so 100 kg. Also vom Auftreten her kompakt Typus Türsteher oder was man als „Ghetto-Schläger“ assoziieren mag. Rote glänzende Bomberjacke, rasierter Kopf, Kinnbart mit übergehenden Koteletten. Erkennbar eitel in übermäßiger Betonung der in bestimmten Kreisen als viril empfundenen Merkmalen und Kleidungsstil.

Nachdem diese Truppe den alten Mann „fertig gemacht“ hatte (sie bezeichneten es lautstark und voller Genugtuung so; es handelte sich um einen christlichen Eiferer, der ab und an auch bei uns stehenbleibt, wenn es einen Auflauf gibt), wandten sie sich mir zu. Es folgte der übliche Einstieg, ich solle mein Schild erklären. Das ist natürlich nicht als Auftakt eines ernstgemeinten Gesprächs gedacht. Lehnt man das ab, wird man verhöhnt, man habe keine Antworten oder man kneife, weil man Angst vor ihnen habe. Geht man darauf ein, wird das als Auftakt verstanden zu einem durchschaubaren Spiel. Er wurde also frech mit wiederholten Mätzchen. Etwas geübt in Rabulistik und sehr beherzt im Unterbrechen versuchte er, so zu tun, als sei die Wirkung, die er durch sein Auftreten erzielen will, nur Sache meiner Vorurteile. Beispiel: Er gab sich als Medizinstudent aus…Als ich meinte, dass ich das ja nun eher nicht annehmen würde von seinem Auftreten her, drehte er das herum, ich hätte ja nur Vorurteile, urteile nach der Optik usw. Ein Medizinstudium ist hart und stark verschult. Da bleibt definitiv keine Zeit für so viel „Muckibude“. Das ist typisch: Freche Behauptung und wenn man das wegen des Auftretens in Frage stellt, hat man angeblich Vorurteile. Ja, natürlich urteilt man auch nach dem Auftreten eines Menschen. Das ist normal und menschlich und er will mit seinem Kleidungsstil ja genau diesen Eindruck erwecken: Männlich, wehrhaft, szenetypisch. Ich würde bei JEDEM Bodybuilder im Türsteher-Outfit in Frage stellen, dass er Medizin studiert, ganz unabhängig von der Herkunft. Die Patienten sollen ja keine Angst bekommen, der achtsame Umgang mit Menschen wird eingeübt. Und nebenbei: Die 3 Stunden am Tag fürs Training hat man einfach nicht. Aber so weit kommt es nicht, weil die Antwort nicht abgewertet wird, sondern nur auf Buzzwörter gewartet wird bzw. es nicht um den Informationstausch geht, sondern darum, angeblich einen Disput zu gewinnen. Ständiges aggressives verbales Zwischengrätschen und Anmachen inkl. Der Türsteher gab an, Enes gekannt zu haben, was ich ihm hingegen sofort glaubte. Er ist also länger an die Szene angedockt oder gehört zur speziellen Akhi-Szene Bockenheim/Gallus/Höchst.

Nach einigem Hin und Her überliess ich die Truppe einem Mitstreiter, weil ich nach dem Verlauf eines anderen Gesprächskreises schauen musste. Man ist sichtlich enttäuscht, wenn man mit Mätzchen nicht weiterkommt bzw. die gelernten Stereotype zur Mehrheitsgesellschaft eben nicht greifen.

Ein sehr häufiger Gast bei uns, dominant auftretender Akhi, war gestern besonders verärgert über uns. Er verlangte „Respekt“ von mir, hielt mir gegenüber dies jedoch für entbehrlich. Er wechselte vor der Gruppe mehrfach ins Arabische, in dem er – so weit waren Mimik, Gestik und Ausdruck erkennbar – Böses und Abfälliges über mich sagte. Er wirkte nur mühsam beherrscht.

Durch das weitgehende Fehlen strukturierterer Störungen durch Akhi-Trupps und die Schwestern-Unterstützer-Kreise (Ukthi-Szene) waren aber etliche recht ordentliche Dispute und Aufklärung möglich.

Ich mache immer deutlich: Wir bieten Gespräch auf Augenhöhe, friedliche Auseinandersetzung bis hin zum Streitgespräch. Von uns Bürgern zu anderen Bürgern. Die normale und friedliche Auseinandersetzung mit Kritik, mit Dissens in einer Demokratie muss von so einigen noch gelernt werden, denn viele LIES-Sympathisanten und manche Passanten sehen sich zuerst als Muslime und nicht zuerst als Menschen und als Bürger. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten. Gestern gab es an der „speakers corner“ wieder Gelegenheit für diese spezielle Art des Streetworking. Möge das Früchte tragen.