Mahnwache vom 09.05.2015

Wieder vor dem „My Zeil“ von 16-18 Uhr. Ein herzlicher Dank an die Frankfurter Polizei für den freundlichen Schutz.

Vielen Dank auch an den Kurdisch-Israelischen Freundschaftsverein (KIFA) für die Unterstützung.

Auch gestern war der vereitelte Terroranschlag kein Thema.

Ein junger Mann, der wie ein Politik-Student wirkte, wohl autochthon, beschwerte sich über unsere Mahnwache. Er habe uns nun schon einige Male gesehen und finde es sehr schlecht, dass seine Steuergelder für unseren Schutz aufgewendet würden. De Entgegnung, dass wir immer wieder aggressiv angegangen werden, uns Schläge androht und man es gerne nicht nur beim Schubsen beließe, wenn die Polizei nicht da wäre, ließ ihn recht kalt. Er meinte, wir würden mit unseren Schildern provozieren. Und der Begriff Islamismus… Nach Erläuterung dieses Ausdrucks blieb er dabei. Wenn wir die Schilder nur „nicht provokant“ formulieren würden (das war nach seiner Vorstellung sinngemäß „Wir sind gegen jeden Extremismus!“, was wir ja selbstredend sind und für die freie, demokratische Gesellschaft, aber wir sind halt konkret gegen die Straßenradikalisierung und Islamismus auf der Strasse bei dieser Aktion), dann bräuchten wir keinen Schutz. Dass eine solche Mahnwache sinnlos wäre, verstand er trotz längerer Erläuterung nicht. Mit einer solchen Mahnwache würde man zwar allen zeigen, dass man ein reflektierter und differenzierter Mensch ist, ein guter Demokrat. Aber Gespräch und notwendige Debatte auch und gerade in der muslimischen Community und in der Bürgergesellschaft miteinander zu diesem Thema kämen so nicht zustande, weil der konkrete Mißstand nicht mehr benannt würde

Eine größere und sehr laute Gruppe Mädchen, die uns die ganze Veranstaltung über erhalten blieb, agierte gegen wechselnde Mitstreiter. Sehr „westlich“ aufgemacht, betonten sie ständig, dass sie als Muslimas sich durch unsere Mahnwache herabgesetzt fühlten. Sie grabschten wiederholt nach den Schildern und nutzten jede Möglichkeit, einem näher zu rücken als Gruppe, verbaten sich aber ihrerseits, wenn man einen Schritt auf sie zu machte. Die große Wortführerin war das aggressivste Mädchen. Sie bestand die ganze Zeit darauf, dass wir verschwinden müssten oder unsere Schilder herunternehmen. Und wir hätten ihr Rede und Antwort zu stehen. Sie verstand nicht, dass man auf dieser Basis gar nichts muss. Ich musste sie immer wieder einmal von allzu nahen Debatten abhalten; sie verstand nicht, dass ich sie vom Platz weisen hätte weisen können, wurde pampig. Der ganze Trupp hatte große Schwierigkeiten mit Regeln. Das eine oder andere mal gab es, wenn es allzu wild und nah wurde, auch eine kurze Ansprache von der Polizei. Die verbreitete Einstellung, Kritik an einer Einstellung sei sofort Herabsetzung der Person ist eine schwer anzugehende Sache, da sie nur einseitig als unbillig wahrgenommen wird. Nähme man Kritik mancher Diskutanden genauso persönlich, entstünde gar kein Gespräch mehr. Da hilft nur Geduld.

 

 

Ein junger Mann, vielleicht 20, beschwerte sich ebenfalls. Auch er wirkte wie ein sehr junger Student, vielleicht Philosophie. Man dürfe „so etwas“ doch nicht machen, schließlich gäbe es Pegida. Es gäbe Wichtigeres, wie die neuen völkischen Bewegungen. Ich pflichtete ihm zwar bei, dass man diese im Auge behalten müsse, meinte aber, dass diese im direkten Frankfurter Raum eine geringere Rolle spielen. Überdies fände ich es seltsam, ein Engagement damit abzutun, dass es Wichtigeres gäbe (insgeheim fragte ich mich, ob er dieses auch den etwa 500 free-Cannabis-Demonstranten vorhalten würde, die ich auf dem Hinweg gesehen hatte; sie machten mir mitnichten den Eindruck, nun alle Schmerzpatienten zu sein bzw. aus Solidarität mit Schmerzpatienten auf die Strasse zu gehen…). Er hatte sich offenkundig wenig mit der zugrunde liegenden Problematik beschäftigt (man hörte das an seinen Antworten/Fragen, die eloquent, aber inhaltsarm waren; nichts gegen Philosophie-Studenten im Allgemeinen, bitte), war aber der Meinung, dass man „so etwas“ einfach sein lassen sollte. Und natürlich hätte er Ahnung, trat aber den Beweis nicht an, sondern fühlte sich nur beleidigt, wenn ich dies bezweifelte. Er gab sich als fundamentaler Ideologiekritiker zu erkennen, er lehne jede Ideologie ab, meinte er. Meine Frage, was man denn machen solle, wenn sich eine Ideologie eben nicht ausschließlich am grünen Tisch und gepflegt besprechen ließe und wenn eben der Fanatismus an Boden gewinne, weil viele die Theoriegebilde weder verstünden noch besprechen wollten und sie einfache Erklärungsmuster vorzögen, blieb unbeantwortet. Das war so eine Person, die Nachwuchs für die Waldorf- und Stadler-Fraktion bildet: Jede Show von der bequemen Loge aus kritisieren, aber selber nicht auf die Bühne wollen.

Ein Brite (?) lief vorbei und meinte, es wäre angenehm zu sehen, dass „noch nicht alle Deutschen den Verstand verloren hätten“. Er sehe Islamismus als schweres und bleibendes Problem und man müsse darüber reden. Ich versuchte ihm zu verdeutlichen, dass es weniger am verlorenen Verstand läge, sondern an mangelnder Beschäftigung. Auch der beste Verstand braucht Fakten.

Ein Alt-Punk von der Strasse schloss sich an, obwohl er die „Diskussionen danach“ mit seinen Kumpels fürchtete. Aber da müsse er wohl durch, meinte er, es sei doch wichtig. Er beobachte häufig, wie die jungen Männer sich um den Lies-Stand träfen.

Zwei Schwestern, Muslimas, riefen mir zu, ob ich mich nicht schämen würde. Nachdem ich ruhig und wiederholt nachfragte, weswegen, kamen wir doch ins Gespräch (das zuvor bei einer Mitstreiterin ergebnislos verlief). Ich konnte ihnen den Begriff „Islamismus“ erläutern. Die Sache mit der Straßenradikalisierung war ihnen tatsächlich unbekannt. Sie waren aber durch den Umstand, dass diese zu 80 % Jugendliche aus muslimischen Familien betrifft und die Erzählung von der Mutter, die zum Zeitpunkt ihren Sohn 1,5 Jahre vermisste, zu überzeugen, dass man das nicht einfach so ignorieren könne. Dazustellen mochten sie sich nicht, aber sie gingen nachdenklich, nach Dank für den Austausch.

Ein christlicher Eiferer versuchte wieder, „unsere“ Menschenansammlung für seine aggressive Missionierung zu nutzen. Ich hatte ihn ja schon das letzte mal vom Platz gewiesen, was ihn nicht hinderte, gestern wieder zu kommen und genau so frech zu werden. Meinen erneuten Verweis nahm er nicht ernst und musste von der Polizei des Ortes gewiesen werden. Nach 15 Minuten war er wieder da. Er hatte sein Brustschild umgedreht, eine grüne Kinder-Sonnenbrille aufgesetzt und machte dezent, aber am gleichen Ort weiter. Die „Tarnung“ war wirklich unzureichend, aber da es kurz vor Ende war, hab ich dann nicht noch mal interveniert. Auch da ein Problem mit Regeln.

Etliche Menschen im Umfeld sprachen mit Mitstreitern ohne Plakate, die kleine Diskussionszirkel anregten und „betreuten“. Sie stimmten zu, trauten sich aber nicht, sich dazuzustellen. Sie blieben lieber fern, diskutierten aber eifrig und bedankten sich fürs Engagement..

Als ich Fotos machte, kam ich mit einer Muslima ins Gespräch. Sie meinte, der IS handele gegen den Koran, denn dort stünde doch, „wenn man einen Menschen tötet, ist es so, als habe man die Menschheit getötet“. Es ist erstaunlich, wie wenig textfest so einige Muslime sind. So kommt es zu Missverständnissen. Manche sind völlig irritiert, wenn man ihnen weniger menschenfreundliche Passagen zeigt.

Bekanntere Gesichter aus der Akhi-Szene fehlten. Nur ein paar Jüngere versuchten die Debatte.

Gegen Ende suchten drei junge Männer die Diskussion, einer davon sehr groß und stabil, alle leicht angetrunken und dadurch schon leicht beeinträchtigt. Sie verstanden nicht, dass wir – es war 18 Uhr – zusammenpacken mussten und wiederholten ständig: „Aber wir reden doch jetzt“. Ich sang es in allen Koloraturen, kam aber nicht gegen die sture Wiederholung an und ging dann einfach. Diese Anspruchshaltung ist also nicht so selten und auch das Unverständnis, dass es einfach Regeln gibt, an die man sich halten sollte.

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Nachdem wir schon länger vom Platz waren, tauchten die LIES!-Aktivisten doch noch auf, wenn auch in Minimalbesetzung (5). Auch da nur 2 bekanntere Gesichter.
Sie zogen aber nach einer Stunde wieder ab, zumal es auch schon dunkel wurde und zu regnen anfing.
Aufgefahren auf die Zeil war man – nach meiner Kenntnis ist das nicht erlaubt – mit einem Transporter, der die Materialien anlieferte.