Mahnwache vom 01.08.2015

Vor dem „My Zeil“ von 17-19 Uhr. Vielen Dank an die Frankfurter Polizei für aufmerksame Betreuung.

 

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Vielen Dank auch explizit an den Kurdisch-Israelischen Freundschaftsverein (KIFA e.V.) für die Unterstützung.

Ein jüdischer Mitbürger, Akademiker, der häufiger vorbeikommt, teilte seine pessimistische Einschätzung mit. Er hält die Sache für verloren und wird in naher Zukunft nach Israel gehen. Bei den anbrandenden jungen Menschen, die ihren Judenhaß oftmals ganz frei und völlig selbstverständlich dort auf der Frankfurter Zeil artikulieren, könne man nur bestürzt und besorgt sein. Ich teile seine Einschätzung nicht und selbst wenn ich da keine Hoffnung mehr hätte, so könnte man doch nichts anderes tun: Wir müssen versuchen, das friedlich und mit rechtsstaatlichen Mitteln und auch bürgerschaftlichem Engagement hinzukriegen. Und wenn es das letzte ist, was man täte, diese Sache kann man gar nicht aufgeben.

 

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Es waren gestern viele englischsprachige Touristen auf der Zeil unterwegs, die oftmals neugierig fragten. Ein vielleicht 12 jähriger Junge verstand die Problematik nach kurzer Erläuterung umgehend. Schwieriger war es mit einer jungen Muslima, Anfang 20, nach eigenem Bekunden „Medienfrau“ aus UK. Sie verstand nur wenig bzw. wollte auf die Schiene, ob ich denn persönlich dabei gewesen sei, wenn die Gruppen radikalisierten. Sie leugnete problematische Textstellen im Koran und versuchte, mit dem bekannten „wenn man einen Menschen tötet…“-Zitat gegenzuhalten. Wie das weitergeht, wusste sie nicht bzw. in welchem Kontext das steht. Es gilt nämlich nur für „die Kinder Israels“ (s. Sure 5, Vers 32). Das wird trotzdem immer wieder gerne zitiert von Personen, die entweder ihren heiligen Text nur oberflächlich kennen oder die über diese Einbindung bzw. deren Bedingung täuschen wollen. Es ist erstaunlich, wie sich manche Haltungen und Denkarten ähneln über die Ländergrenzen hinweg bei fundamentalistischeren Anhängern.

Ein Junge, wohl aus Eritrea herstammend, selber Muslim und ca. 15, fragte neugierig nach. Er berichtete, dass es in seinem schulischen Umfeld durch andere Jungen, die durch LIES! beeinflusst seien, zu Problemen käme. Er fand es sehr wichtig, dass wir auf das Problem aufmerksam machten. Leider wurden wir dann getrennt, so dass ich nicht nachfragen konnte, um welche Schule es sich handelt.

Eine sehr junge und schmale Mitstreiterin, die syrische Christin ist, wurde von der Unterstützerszene heftig angegangen und mehrreihig eingekreist. Sie hielt stand, war extrem mutig gerade wegen ihrer Angst. Mut hat ja auch immer etwas damit zu tun, wie man eine Situation einschätzt und ob man seine Angst dann überwindet. Wer keine Angst empfindet, auch wenn die Lage objektiv nicht ganz unproblematisch ist, braucht weniger Mut als jemand, dessen Gedanken ständiger Beruhigung bedürfen.

Interessant war der schrille Auftritt einer Muslima mit ihren zwei Töchtern. Alle drei waren extrem auffallend zurechtgemacht, alle drei mit geblondeten Rastazöpfen, sehr auffälliger westlicher Kleidung im 60er Stil und v.a. die Mutter sehr lautstark und aggressiv. Sie fragten, was mein Plakat solle. Ich trug zu diesem Zeitpunkt das Plakat mit der Auflistung der Gruppierungen, das auf der Rückseite ungefähr als Aufschrift hat „Mahnwache gegen Islamismus und Straßenradikalisierung. 80 % der geworbenen Kinder und Jugendlichen stammen aus muslimischen Familien. Ihr Kind könnte das nächste sein“. Immer, wenn ich ansetzte zu erklären, was Islamismus heißt, keifte mich die Mutter an, dass sie Muslima sei und ich sie beleidige. Nach dem dritten Versuch meinerseits keifte dann eine Tochter gleichartig. Es war eine bizarre Szene: „Westlich“ aufgemachte Muslima, die optisch integriert schienen, verfallen in eine aggressive Haltung auf ein Wort hin, das sie nicht verstehen, dessen Erklärung sie nicht anhören wollen und das sie trotzdem als Auslöser für aggressives Handeln nehmen. Man fühlte sich – ich bin ja von Haus aus Biologin – nicht das erste mal an klassische Konditionierung erinnert.

Eine ältere Frau – optisch linkes Bürgertum, Alt-68erin – versuchte mir Pauschalisierung vorzuwerfen. Mein Hinweis auf die genaue Benennung der Gruppierungen half nicht, auch nicht die Erklärung des Wortes Islamismus (das sie nicht verstand). Sie ärgerte sich über unsere Aktion und meinte besserwisserisch, sie setze ja auf Dialog. Leider hörte sie meine Replik, ob sie denn auch bei Neonazis auf Dialog setze und wie sie sich Dialog vorstelle mit Personen, die ihr den Lebenswert aberkennen und ihren Dialog gar nicht führen wollten, sondern nur bestimmen und herrschen, nicht mehr. Diese Sofatäter wissen alles so viel besser angeblich und sie fühlen sich ungemein wohl mit ihrer Projektion, es ist schauderhaft. Wenns hoch kommt die Ringparabel gelesen und subjektiv aber Bescheid über diese ganzen Dinge und die Handelnden wissen – so einfach kann die Welt sein, wenn man sie sich so einrichtet und keine Fakten mehr heran lässt.

Aus dem Feedback einer Person, die gestern als Beobachter dabei war und mir – die Person wurde durch das Erlebte sehr aufgewühlt – dazu noch etwas rückmelden wollte (es handelt sich eigentlich um eine Privatmail, die auch privat bleiben sollte. Ich habe aber die Erlaubnis der Person, den Auszug öffentlich zu machen, eingeholt):

Ich bin gelinde gesagt, geschockt. Es geht ja zu wie im Gaza-Streifen. Wenn wir nicht so alt wären, würden wir auswandern. Wirklich. In Australien nehmen sie uns trotz Studium nicht mehr, wenn wir über 40 sind. Sind wir. Und wir sind nicht die einzigen, die sich darüber Gedanken gemacht haben.
Ich habe nie so deutlich gespürt, dass wir verloren sind. Seien wir ehrlich. Es ist doch gelaufen. Jeder dieser Typen ist mit 2 Sätzen aktivierbar.[…] Es wäre schön, wenn wir noch ein paar Worte dazu austauschen könnten. Ich muss jetzt erst mal ins Bett und mich ausweinen. Es hat mich echt fertig gemacht.

Fertig machen darf es einen natürlich nicht. Verzweiflung führt nicht weiter.
Wahrnehmen, drüber reden, schütteln und weitermachen. Allen klar machen, dass die „Generation Allah“ mitten unter uns unterwegs ist. Dass sie Unterstützer und Mitläufer haben und dass diese jungen Menschen das hiesige Bildungssystem durchlaufen können, ohne dass das ihren Fanatismus bremst oder berührt. Allen Entscheidern immer wieder sagen, dass wir einen Masterplan brauchen, eine konzertierte gesellschaftliche Anstrengung, die Querschnittaufgabe ist. Unsere Lehrer und Polizisten mit dem Problem nicht alleine lassen. Allen klar machen, dass wir mehr politischen Unterricht brauchen und mehr naturwissenschaftlichen, aber nicht noch mehr Religion. Diese Rückbesinnung auf die Religionszugehörigkeit, die auch von außen herangetragen wird DURCH den Religionsunterricht, ist Teil des Problems. Und Berater, die ihrerseits von Fundamentalisten beraten werden, die eigene Interessen vertreten im Gegenzug gegen angeblichen Einfluss auf die Jugendlichen oder Straftäter. Da wird doch einer Drohkulisse schon falsch, mit den falschen Personen und an einer fragwürdigen Stelle begegnet.

Es geht um die Zukunft. Packen wirs an.