Im Zentrum der Macht

Aiman Mazyek ist als Vorsitzender des Zentralrats der Muslime (ZDM) bundesweit präsent. Doch hinter dem umtriebigen Vorsitzenden bleibt der Rat seltsam diffus. Die Inhalte hinter dem Marketing werden kaum noch hinterfragt.

 

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„Aiman Mazyek“ von Jakub Szypulka

Aiman Mazyek dreht ein großes Rad: Er geht bei politisch Verantwortlichen ein und aus. Fotos, Veranstaltungen, Reisen. Er ist in Talkshows häufiger Gast und nachgefragter Interview-partner. Häufig betont er, Bürger sein zu wollen wie andere auch. Andere Bürger gehen mit ihrer Religionszugehörigkeit zwar nicht so offensiv um, aber dafür ist er ja auch Verbandsvertreter. Muslim sein ist dem Anschein nach sein persönliches Geschäftsmodell. Aber:Bürger sein, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, heißt, auch angemessene Anfragen zur öffentlichen Funktion zu beantworten. Da allerdings wird es etwas schwierig, denn kritische Anfragen werden schon mal ablenkend oder ausweichend beantwortet. Oder gar nicht.

So beantwortet Mazyek seit längerer Zeit die konkrete Frage, wie viele Mitglieder die Mitgliedsgruppierungen des ZDM haben, nicht. Das irritiert etwas, denn Mazyek geht sonst mit allem möglichen an die Öffentlichkeit. Über twitter, facebook, alle Medien, die Publikumszugang ermöglichen für seine Anliegen. Keine Erwähnung ist zu pinzig, kein Anlass für seine spezielle Form von „fishing for Betroffenheit“ zu klein, kaum eine Meldung, sofern sie nur seine Klischees erfüllt, zu unglaubhaft für seine twitter- und facebook-Nachrichten. Man will massiv Öffentlichkeit für die eigenen Themen – aber nur die genehmen. Das ist sicher auch persönliche Note. Wenn man aber überlegt, dass der angeblich so große ZDM nicht einmal seine eigene Veranstaltung im Januar bezahlen kann, wird es fragwürdig, denn es wird möglicherweise mehr Größe vorgegeben, als tatsächlich vorhanden ist:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article144444970/Wie-die-Politik-den-Anti-Terror-Islam-inszeniert.html

und

http://www.ruhrbarone.de/duennes-eis-der-parteienbeteiligung-fuer-muslimische-mahnwache/110799

Hier die Darstellung von Mazyek:

http://islam.de/26636

Das klärt nur wenig über das Bekannte hinaus, lenkt ab auf einen bekannten Opferdiskurs und ist auch etwas fragwürdig, denn den Parteien ist – im Gegensatz zum Herrn Mazyek – durchaus klar, dass das ein Problem mit dem Parteiengesetz geben kann. Auch bei dieser Angelegenheit sind noch eine Menge Fragen offen.

Aktuell hat der ZDM 27 Mitglieder. Vor kurzem kamen zwei neue Mitglieder hinzu, darunter die Islamische Gemeinde Frankfurt e.V. Abubakr-Moschee, in der Mazyek im letzten September den Aktionstag der Muslime öffentlichkeitswirksam zelebrieren liess:


1. Union der Islamisch Albanischen Zentren in Deutschland (UIAZD)
2. Union der Türkisch-lslamischen Kulturvereine in Europa e.V. (ATIB)
3. Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD)
4. Islamische Gemeinde Saarland e. V. (IGS)
5. Deutsch – Islamischer Vereinsverband (DIV – Rhein-Main)
6. Union des Musulmans Togolais en Allemagne e.V. (UMTA)
7.Vereinigung Islamischer Gemeinden in NRW (VIG)
8. Freier Verband der Muslime FVM e.V.
9. Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V. (DML BONN)
10. Deutsche Muslim-Liga e.V.
11. Islamisches Zentrum Hamburg e.V. (IZH)
12. Islamisches Zentrum Aachen e.V. (IZA)
13. Islamisches Zentrum München e.V. (IZM)
14. Islamisches Zentrum Dresden e.V.
15. Islamische Gemeinschaft Braunschweig e.V. (IGB)
16. Islamische Gemeinde in Erlangen e.V. (IGE)
17. Stuttgarter Moscheeverein e.V
18. Haus des Islam e.V. (HDI)
19. Islamisches Kulturcenter Halle / Saale e.V.
20. Islamische Gemeinde Penzberg e.V.
21. Islamische Gemeinde Frankfurt e.V. Abubakr-Moschee
22. Muslimische Studentenvereinigung in Deutschland e.V. (MSV)
23. Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V. (IASE)
24. Bundesverband für Islamische Tätigkeiten e.V
25. Haqqani Trust e. V. / Osmanische Herberge
26. DMK-Berlin e.V.
27. Inssan e.V. 

Assoziierte Mitglieder:
1. Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland-Zentralrat e.V.
2. Rat der Imame und Gelehrten (RIG)
3. Deutsch-Islamische-Moscheestiftung Düsseldorf (DIMS)
4. Deaf-Islam e.V.

Quelle: 

http://zentralrat.de/16660.php

Da sind also etliche Kleingruppen dabei, kleine Vereine und Gemeinden, die vielleicht nicht mehr als 50 oder 100 Mitglieder haben mögen.

Unter den Mitgliedern sind auch viele fragwürdige Vereine. Die ATIB soll z.B. ein Verein sein, der den Grauen Wölfen nahe steht. Die IGD und einige andere den Muslimbrüdern. Also immerhin so fragwürdig wegen ihrer Erwähnung im Verfassungsschutzbericht, dass man sich wundern kann, warum Mazyek nach eigenem Bekunden zu einem „Dialog Leitungsebene Bundeskriminalamt“ beigeladen wird. Will man da wirklich einen Vertreter u.a. der Muslimbrüder oder einen der Grauen Wölfe am Tisch haben? Wird er eingeladen als Person oder als Funktionär des ZDM? Auch erstaunt die Aufführung einer „Mitgliedschaft“ bei einem „Deutschem Verfassungstag des Bündnis für Demokratie und Toleranz (BfDT)“, wenn man gleichzeitig eine Gruppierung vertritt, die Ende 2014 von den Vereinigten Arabischen Emiraten als dem islamischen Terrorismus zuzurechnende Organisation aufgeführt wurde. Die Liste ist mit 83 Positionen nicht kurz. Als einzige deutsche Organisation findet sich die IGD.(1)

Wie kann man das nun in eine Linie bringen?

Wie das Mazyek selber in eine Linie bringt, kann man nur spekulieren; es drängt sich aber auf, dass er möglicherweise Demokrat unter Vorbehalt ist. Ein Demokrat europäischer Prägung kann die Inhalte z.B. der Muslimbrüder nicht vertreten. Der muss sie klar zurückweisen. Das eine oder das andere muss bei diametral entgegengesetzten Grundauffassungen vorgegeben sein. Man kann z.B. nicht gegen gleiche Frauenrechte sein und für sie. Das geht nur, wenn man hier dieses erzählt, da jenes und es egal ist, Hauptsache, man kommt damit durch und/oder die Kasse stimmt. Es funktioniert deshalb, weil die Institutionen nicht (mehr) näher nachfragen, weil die Medien in der Regel nicht nachfassen, sondern ihn einfach reden lassen. Da wird es dann schon mal bunt und vielfältig, je nach Publikum. Demokrat nur, so lange das nützlich ist.

Dass dem wahrscheinlich so ist, kann man sich erschließen, wenn man Mazyek tatsächlich genau zuhört, was leider zu wenige machen. Zum Beispiel hier: „Die Demokratie ist für uns gegenwärtig die beste Staatsform“ (Aiman Mazyek, Interview in DAS PARLAMENT, Freitag, 29.02.2008).
„Gegenwärtig“ ist nun ein sehr starker Vorbehalt. Diese Formulierung zeigt auf, dass es etwas Besseres gibt nach gesellschaftlicher Lage. Der Kommunismus wird es sicher nicht sein, der Mazyek vorschwebt, wahrscheinlich auch nicht der übliche Faschismus und ganz sicher nicht eine Monarchie. Bei allen Eckdaten von Aiman Mazyek bleibt da nichts anderes, als dass er eine islamische Theokratie gut findet. Nicht für die Gegenwart, aber für die Zukunft. Mazyeks Utopia ist dann vielleicht die islamische Republik Deutschland (von Gottes Gnaden). Das mag etwas überspitzt erscheinen hinsichtlich der normativen Kraft des Faktischen und der tatsächlichen Zahlenverhältnisse. Aber auch die Muslimbrüder haben solche Visionen von Ländern unter islamischem Recht:

https://de.wikipedia.org/wiki/Muslimbr%C3%BCder#Muslimbr.C3.BCder_in_Deutschland

Gruppierungen vertreten, die nicht auf dem Boden der FDGO stehen, und von der Bundeszentrale für politische Bildung, die für das BfDT verantwortlich zeichnet, auf Augenhöhe akzeptiert werden? Wie geht das? Das funktioniert über die persönlichen Beziehungen, die Mazyek durchaus geschickt und zielführend zu knüpfen weiß. Vor allem Politiker sind, da manchmal sehr gläubig, in Zeitnot und suggestibel bei bunter Vielfalt und von interessierter Seite angemuteter Größe der Gruppierung, leichte Opfer. Mazyek schweigt vermutlich nicht umsonst über die Zahl der real exitierenden Mitglieder des ZDM: Es ist etwas anderes zu behaupten, sehr viele Muslime Deutschlands hinter sich zu haben und doch real vielleicht nur 20.000 zu repräsentieren. Auch die Talk-Show-Redakteure schauen wenig in die Runde geeigneter Personen, wenn es um die  Einladung einer Person geht, die die muslimische Stimme sein soll in einer Runde. Mazyek geht immer, denkt sich wohl so mancher und erspart sich dann die Talentsuche unter neuen Gesichtern. Hinterfragen ist bei solchen Formaten sowieso nicht im Zeitbudget der Redakteure.

Wofür steht nun Mazyek?

Oberflächlich gewandt versucht Mazyek wohl, reaktionäre Inhalte in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren, Er zentriert einen Opferdiskurs. Andere Eigenschaften, die eine Benachteiligung einer bestimmten Person bewirken können, stellt er selten heraus, auch wenn sie synergistisch oder für sich wirken können. Das ist nicht nützlich und nutzbar für ihn. Genug ist nie genug, sondern nur Etappe. Mazyek ist durchaus wie jeder andere Lobbyist zu betrachten. Er will zwar nie wie ein Lobbyist wirken, ist aber natürlich genau das.

Zentral zeigt sich das an den gewünschten Begrifflichkeiten. Aiman Mazyek lehnt das Wort „Islamismus“ ab. Wie bei etlichen, die diesen wichtigen Differenzierungsbegriff nicht wollen, stellt sich auch hier die Frage, warum Mazyek das tut. Die Ablehnung dieser Differenzierung kann einige Dinge bedeuten. Es steht vor allem im Raum, dass alle, auch islamistische Gruppierungen als ISLAMISCHE Gruppierungen gesehen werden sollen, da der unterscheidende Begriff für sie zurückgewiesen wird. So einfach werden aus der Gülen-Bewegung und den Muslimbrüdern normale Muslime, fein in Deckung zwischen Mouhanad Khorchide und Lamya Kaddor. Das ist natürlich nicht statthaft, denn zwischen liberal, säkular und friedlich auf der einen Seite und terroristisch muss es noch Worte geben, Oberbegriffe für Gruppen wie z.B. die ultrakonservativen, politischen und mit Blut an den Händen behafteten wie die Muslimbrüder. Es ist absolut inakzeptabel, wenn  Mazeyk da den Erdogan gibt („es gibt nur den Islam“), dort den Differenzierer („es gibt nicht DEN Islam“), er Terroristen völlig exkommunizieren will und er auch noch – weil es kein Journalist hinterfragt – damit durch kommt, alles ganz beliebig so zu drehen und zu wenden, wie es gerade passt. Mazyek möchte anscheinend eine echte Diskussion im Grunde verunmöglichen, er möchte bestimmte Inhalte nicht hinterfragt wissen und vor allem möchte er ungestört sein Marketing abspulen können. Kritische Fragen an ihn stören da nur im Redefluss, während er da umgekehrt weniger schüchtern, ja manchmal sogar angriffslustig ist.

Wie ungeschmeidig der talentierte Herr Mazyek sein kann, wenn man es ihm nicht so einfach macht mit der heißen Luft, das heißt, ihm einige Gretchenfragen gestellt werden, zeigte sich letzten Oktober in einem wirklich denkwürdigen Interview von hr info. Da wurde einmal sehr tüchtig nachgefragt. Es lohnt, sich das anzuhören.

Ein wenig Janus ist also für bestmögliches Eigenmarketing nicht schlecht. Für die Hardliner unter seinen Anhängern und Followern ist Mazyek auch mit Bilal Phlips über twitter verknüpft. Er retweeted Dinge von ihm, die belanglos erscheinen. Welchen Sinn ergeben harmlose Postings von einer nicht harmlosen Person, die hier zuletzt 2011 ausgewiesen wurde?

Man vergleiche die Wirkung:

Grüße an alle. Gandhi
Grüße an alle. Hitler

Die Wirkung wird alleine durch den Namen und die Zuordnungen erzielt. Mazyek signalisiert also seinen Followern – so verschwörungstheoretisch, dass die Botschaften von Philips eine Nachricht hinter den Worten enthielte, sollte man nicht sein – dass er mit Philips verbunden ist. Die Nachrichten sind inhaltlich absolut entbehrlich und ein anderer Sinn, als dass alleine das Retweeten der Sinn ist, ist nicht zu erkennen.

Aiman Mazyek Bilal Phillipsm Follower 20141225

Aiman Mazyek Bilal Phillips I Juni 14 20141225

Aiman Mazyek Bilal Phillips II Sept 14 20141225

Zu Bilal Philips:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bilal_Philips

Wahrscheinlich ist Philips nach Mazyeks Vorstellung auch kein Islamist, denn die gibt es ja gar nicht.

Mazyek hat sich also ins Zentrum der Macht hochgepokert.
Was seine Büchse der Pandora im Gepäck so alles enthält, wird sich über die Zeit zeigen.

 

 

(1) http://www.wam.ae/en/news/emirates-international/1395272478814.html