Diskriminierung, warum?

Ein Debattenbeitrag aus dem letzten Jahr, am 23.10.2014 zuerst auf fb veröffentlicht.

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In der Diskussion um die islamistischen Radikalisierungen ist häufiger die Rede davon, dass man „andere Narrative“ bieten müsse und andere Identitätsangebote religiöser Art.
Mir stellt sich die Frage, inwiefern insbesondere männliche muslimische Jugendliche ANDERE Identitätsangebote brauchen sollten als alle anderen gleichaltrigen Personen. Wie kann es dazu kommen? Ist nur die religiöse Eigenzuordnung etwas, worauf man da rekurrieren kann? Ist da nichts anderes? Zuordnung als Mensch, Bürger, Mann Fehlanzeige? Reichte das nicht? Was macht den Unterschied, dass das nicht reichen könnte, man religiöse Identitätsangebote ZUSÄTZLICH überhaupt braucht?

Braucht es nicht generell wieder mehr und und auch (!) darauf strukturiertere Jugendarbeit, um das anzugehen und zwar für alle gemeinsam, denn die tatsächlichen Radikalisierungen betreffen nicht nur Kinder aus muslimischen Familien?
Ist nicht alleine diese Forderung schon ein Eingeständnis, dass es Unterschiede gibt, die man aber nicht konkret benennen mag oder kann? Ist nicht ein Teil des Problems auch in den Familien zu sehen, die Kinder schon abgrenzen, vielleicht weil sie einen zu starken Einfluss der „westlichen“ Gesellschaft* befürchten? Ist nicht Teil des Problems, dass Religion überwertig ist? Bei den Eltern, wenn sie Religion als etwas per se Gutes transportieren, bei denen, die sich professionell damit beschäftigen, wenn sie diese Überwertigkeit nicht reflektieren oder als Basis für gesonderte Überlegungen nehmen, anstatt diese Überwertigkeit auch als Problem zu erkennen und zu benennen?

Die Familien sind sich womöglich keiner Schuld bewusst, wenn sie Kinder zunächst als gute Gläubige erziehen. Das hat auch mit Traditionen zu tun und damit, dass das in der Herkunftsgesellschaft keine Probleme verursachte, denn man war eines Glaubens in seiner Umgebung. Gelebt in den Traditionen gab es da weniger Reibungspunkte.
Die Profis jedoch sollten diese Mechanismen durchschauen. Und wenn sie sie nicht erkennen, so sei ihnen anempfohlen, sich in die Fußgängerzonen zu begeben, wo man häufiger nach Glauben schon vorsortierte Kindergruppen vorfindet, die sich auch schon über ihren Glauben zu definieren wissen (verbunden teilweise auch schon mit einer deutlichen Abwertung des „anderen“). Das sind jedoch Abgrenzungen, die nicht von ungefähr kommen. 10 Jährige reflektieren eher wenig. Sie wissen jedoch oder nehmen wahr, dass die Eltern es nicht gerne sehen, wenn sie mit bestimmten Kindern Umgang haben. Wir leben jedoch jetzt alle zusammen und da sind Abgrenzungen fatal. Da schon muss man einsteigen.

Da sind Studien erforderlich, inwieweit diese Autoseparation eine Rolle spielt.
Es sollte üblich sein, dass alle Kinder z.B. an Klassenfahrten teilnehmen und gegenseitig sich zu den Geburtstagen besuchen, auch wenn manche diese nicht feiern. Man muss da z.B. muslimische Eltern deutlicher ermuntern, ihre Kinder auch zu Geburtstagsfeiern gehen zu lassen. Und alle anderen, sie einzuladen. Was absondert nach Religion ist falsch, diese Diskriminierung sollte man nicht tolerieren.

Vielleicht bräuchte man insofern weniger Gegennarrative religiöser Art, denn dann besteht immer die Gefahr, dass alte Texte wörtlich genommen werden.

Vielleicht bräuchte es eher für ALLE Jugendlichen mehr Bekenntnis zum Menschsein, Bürgersein, Mann-(oder Frau-)Sein und als Identitätsangebot ein guter Mensch, ein guter Bürger, ein guter Mann (oder Frau) sein. Die Definition, was „gut“ und „böse“ ist, darf man nicht der Religion überlassen und nicht ihren Vertretern. Ob die Person dann darüber hinaus noch ein guter Christ, Jude, Muslim oder Atheist ist, ist nachrangig und hat im Privaten genügend Raum.

Wir als Gesellschaft bräuchten mehr Zutrauen in uns selber, das zu definieren und nicht alles gleichwertig stehen zu lassen. Kulturrelativismus ist eine klare Absage zu erteilen. Mehr Ehrlichkeit, ehrlich gesagt, denn „wir“ haben ja schon eine Vorstellung, wie ein guter Mensch, ein guter Bürger, ein guter Mann (oder Frau) hier sein sollte, kurz, mehr Mut zur selbstdefinierten Ethik, Den Narrativ vom WIR. Dann klappts auch mit dem Nachbarn, egal wo der herkommt. Und das gilt für alle.
* Eine ähnliche Geisteshaltung gibt es übrigens auch bei fundamentalistischen Christen, die z.T. sogar Home Schooling betreiben, um den Außeneinfluß zu minimieren. Da ist aber die kritische Masse für eine nennenswerte Segregation meist nicht vorhanden.

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