Was schon Bilder mit uns machen

Über die reaktive Verrohung

Die Bilder, die uns fast täglich von den Greueln des sogenannten Islamischen  Staats erreichen, sind schwer erträglich. Da werden neue Todesarten ersonnen und alte wiedergefunden. Diese Grausamkeiten werden in Videos dokumentiert, als Propaganda genutzt und von einigen Protagonisten verherrlicht. Zwei, die sich im deutschprachigen Raum besonders hervortaten, sind Denis Cuspert und Mohamed Mahmoud, alias Abu Talha al Almani bzw. Usama bin Gharib.

 

Mahmoud Cuspert LIES 151107

Mahmoud und Cuspert unter dem LIES Emblem

Von beiden gibt es grausame Videos, die sie beim oder nach dem Morden zeigen.

Von beiden kursieren aktuell Todesnachrichten. Aber auch Meldungen, wonach Cuspert doch noch am Leben sei und Mahmoud im Koma liege. Von ersterem war schon mehrfach der Tod gemeldet worden.

Schaut man sich die Kommentare in den sozialen Medien an, so hält sich das Erschrecken über die Todesnachrichten in Grenzen, was nachvollziehbar ist. In den allermeisten Fällen beherrschen Haltungen jedoch die Debatte, die Genugtuung bis Freude aufzeigen. Wird die Unsicherheit beider Todesfälle thematisiert, so wird durchaus verbreitet beiden ein möglichst qualvoller und langsamer Tod gewünscht. Das jedoch macht keines der Opfer wieder lebendig.

Sicher kann man aufatmen, dass jetzt beide keine anderen Menschen mehr töten können, sollten die Todesnachrichten stimmen. In vielen Fällen zeigt sich jedoch eine reaktive Verrohung, die auch für sich erschreckend wirkt. Die Bilder und Handlungen sind so grausam, dass die Rachevorstellung überhand gewinnt. Quasi nie wird gewünscht, man möge beider habhaft werden, um sie vor Gericht zu stellen und zu verurteilen, was der rechtsstaatliche Weg wäre. Was machen also diese Bilder und Handlungen aus uns, die wir das „nur“ am Bildschirm mitverfolgen? Doch wohl offenkundig genug, dass mancher Kommentator jegliche Hemmung – und sei es nur verbal – vergisst.

Diese Wiedererweckung ganz archaischer Muster ist etwas, was einfacher strukturierten Menschen oftmals wenig Probleme bereitet, aber reflektiertere Zeitgenossen durchaus zum Nachdenken bringen mag: Wie dick mag die eigene Kruste Zivilisation im Zweifelsfall sein?

Glücklicherweise wird die eigene Zivilisiertheit in friedlichen Gesellschaften nur selten auf eine wirklich harte Probe gestellt, nämlich dann, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, die Leben oder Tod betreffen können. Dann z.B., wenn sich die Frage stellt, wie mit einem Angreifer umzugehen ist, wenn nur die Wahl bleibt, ein Aggressor oder ich (oder eine mir nahe stehende Person). Oder wenn einer nahe stehenden Person ein anderes, menschlich verursachtes oder vermeidbares Leid geschieht. Keine alltäglichen Situationen also hierzulande glücklicherweise.

Die aktuellen Reaktionen auf die Todesfälle mögen ganz kalt und abgebrüht erscheinen, im Grunde verroht. Möglicherweise ist der Verlust an Zivilisiertheit in der Reaktion aber eine Folge der Empathie mit den Opfern Cusperts oder Mahmouds. Die Vorstellung, diese Handlungen blieben ungesühnt, ist schwer erträglich, eine Gefängnisstrafe erscheint vielen zu milde angesichts dieser Gräuel. Nur die Identifizierung mit den Opfern schafft die Gefühle der Genugtuung. Genauso, wie man jedoch von Angehörigen von Mordopfern erwartet, dass sie auf die eigene Rache verzichten, also die Abkehr von der eigenen Gewaltausübung in Reaktion fordert, so sollte man versuchen, auch da die zunächst vorhandenen Gefühle zu beherrschen.

Man kann nicht ernsthaft gegen die Todesstrafe sein (wobei es auch da verschiedene Herleitungen gibt) und das dann nach Gutdünken aussetzen, mögen die Täter noch so sehr feststehen, mögen die Taten noch so abscheulich sein. Denn die Art und Weise, wie wir mit Tätern umgehen, sagt mehr über uns aus als über Täter und Tat. Das hat nichts damit zu tun, dass man die Taten vergeben würde. Auch nicht damit, dass man zu weich gegenüber den Tätern wäre. Sondern mit dem Verzicht auf Auge um Auge und Zahn um Zahn, mit Disziplin auch hinsichtlich der eigenen Emotion, selbst wenn es fraglich ist, ob der autoritär strukturierte und primitive Täter das jemals begreifen wird. Sie zeigt auf, wie Zivilisation funktionieren sollte: Abkehr von Körperstrafen, Abkehr von der Umsetzung der Rachegedanken, auch wenn Resozialisierung nicht oder kaum möglich erscheint. Die Täter mögen die Zivilisation unserer Art aufgegeben haben und sogar ablehnen und verabscheuen. Wir sollten das nicht.