Die Wiederkehr der „Schwarzen Pädagogik“

Kindheit und Kindsein verbinden die meisten mit Frische, Naivität und Unschuld. Der Ausruf „Kinder an die Macht!“ ist die Erhebung dieser Vorstellungen zum Ideal einer gerechteren Welt, in der jeder Mensch so gesehen wird wie er ist ohne schlechte Absicht, Vorurteil oder Täuschung. Dahinter steht der Gedanke, dass Menschen von Natur aus gut, sanft und gerecht seien, dass Erziehung diesen im Grunde perfekten Menschen verderbe: Der kleine Adam wird aus dem Paradies freundlicher Naivität vertrieben.

Nun wird jeder, der mit real existierenden Kindern zu tun hat, wissen, dass Erziehung eine harte Arbeit sein kann. So manchem Kind hilft nicht alleine das Vorbild, sondern es sind Regeln nötig, damit das Zusammenleben funktionieren kann. Jetzt und später, wenn er aus dem elterlichen Haus unter andere Menschen kommt. Wer mit einem Ideal des perfekten Urzustandes an Erziehung geht, wird manchmal verzweifeln, wenn der kleine Einstein partout nicht lernen oder der kleine Gandhi den Nachbarsjungen hauen will.

Die meisten Kinder machen Phasen durch, in denen scheinbar wenig bis gar nichts voran geht in der Erziehung – Abgrenzung vs. Annäherung, Austesten von Grenzen etc. Erziehung heißt da auch Geduld haben und mit Vorbild, aber auch Grenzen die Weichen zu stellen. Das ist individuell recht verschieden und doch ähnlich: Die Art, wie sich Sozialverhalten entwickelt ist biologisch und entwicklungspsychologsich begründet, aber auch Spiegel der familiären Erlebnisse und anderer Einflüsse.

Familien können nun unterschiedlich hinsichtlich der Binnenkonstellation und dem Binnenverhalten sein: Sind Vater und Mutter intellektuell und von der sozialen und finanziellen „Macht“ her auf Augenhöhe oder unterschiedlich, wie gehen die Eltern miteinander um, wie wird Dissens in der Familie geregelt oder ertragen, wird das Kind in seiner Person geachtet?

Neben dem Einfluss der Grundkonstellationen gibt es auch Erziehungsstile. Autoritär – antiautoritär, repressiv – auf Überzeugung bauend, egalitär – antiegalitär z.B. um nur einige Sichten zu nennen. Autoritäre und repressive Erziehungsstile zeichnen sich auch durch eine starke Polarisierung aus erlaubt vs. verboten. Das hat erhebliche Folgen auch für das Diskussionsverhalten: Wer nur erlaubt und verboten kennt und Liebe oder Hass, neigt nicht zum Aushandeln und Diskutieren, sondern denkt schon in polarisierenden Regeln, die Zwischentöne fehlen. Das schafft oftmals Probleme schon bei der affektiven Kontrolle, erzeugt auf jeden Fall eine erhebliche kognitive Dissonanz, sofern „verbotene“ Inhalte gedacht, diskutiert oder umgesetzt werden sollen, die in einem anderen Kotext als erlaubt gelten. Sind widersprüchliche Regeln gleichzeitig vorhanden, so ist üblicherweise eine Abwägung möglich und nötig, die jedoch nicht immer geleistet werden kann. Eine kognitive Dissonanz führt nicht selten in Aggressivität. In der deutschen Pädagogik und auch der Elternerziehung ist der annehmende, diskursive Erziehungsstil durch Vorbild und positive Verstärkung positiv besetzt und wird gesellschaftlich propagiert. Das Kind ist nicht mehr Untertan und Objekt, sondern oftmals jüngerer Freund und seine Eigenständigkeit soll geachtet werden. Schlichte Unterordnung alleine (sie ist nötig bei Handlungen, die für das Kind wirklich gefährlich werden können) ist meist nicht mehr Ablauf und Ziel der Erziehung.

Grundkonstellationen

In Familien, die aus patriarchalen, traditionell orientierten Herkunftsgesellschaften kommen, wird häufiger als hier mittlerweile in der Mehrheitsgesellschaft üblich ein anderes Verständnis von Familie vorgelebt. Die Geschlechteraufgaben sind meist nicht frei ausgehandelt zwischen Mann und Frau, es gibt oftmals eine deutliche Hierarchie zugunsten der Männer und Gewalt spielt auch häufiger eine Rolle – zwischen den Geschlechtern aber auch in der Erziehung.

Beispielhaft – bei anderen patriarchalen Herkünften mag das zahlenmäßig ähnlich sein – sind 62 % der türkischen Männer der Meinung, Frauen zu züchtigen wäre statthaft:

http://www.welt.de/vermischtes/article115427763/Mehrheit-der-Tuerken-ist-fuer-Gewalt-gegen-Frauen.html

Zum Vergleich einmal China mit ebenfalls patriarchaler Struktur/Denkweise „52 Prozent würden Gewalt anwenden, um ihre Ehre zu verteidigen“:

http://german.china.org.cn/china/2013-12/18/content_30932542.htm

Zum deutschen Vergleich ist Gewalt quer durch alle Schichten und Herkünfte in D ein familiäres Problem, hier geht aber auch – erstaunlicherweise – in relevanter Zahl von Frauen Gewalt gegen Männer aus. Wie sich das in anderen Ländern verhält, bleibt Spekulationen überlassen.

Kinder werden in etwa 40 % der Familien in Deutschland allgemein gezüchtigt, wenn auch gelegentlich und mit schlechtem Gewissen:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/umfrage-in-deutschland-fast-die-haelfte-der-eltern-schlaegt-ihre-kinder-a-820836.html

Das schlechte Gewissen muss man bei Personen, die schon Frauenschlagen für statthaft halten, bei Kindern noch weniger annehmen.

Bei Eltern aus patriarchalen Herkünften – seien diese nun geographisch Pakistan, der Türkei, Marokko oder anderen Staaten zuzordnen, finden sich wesentlich häufiger autoritäre Erziehungsstile:

Klicke, um auf 3_lebenswelt-familie.pdf zuzugreifen

Kinder im Alter von 8-10 Jahren sind noch weniger durch peer groups beeinflust denn durch die Vorprägungen aus dem Elternhaus. In der Vorpubertät findet eine Loslösung von diesen elterlichen Erziehungsmaßnahmen noch nicht im späteren Ausmaß statt, auch wenn diese Loslösung nicht immer mit einer kompletten Abkehr von den elterlich tradierten Haltungen verbunden sein muss. In manchen traditionellen Kontexten lösen sich Kinder kaum jemals völlig von der Familie; auch europäisch definiert persönliche Entscheidungen werden oft familiär entweder gebilligt oder verworfen. Erhebliche Anteile werden sowieso als Gewohnheiten behalten, lebenslang weniger hinterfragt und stellen einen relevanten Teil der gewachsenen Identität. Trotzdem nimmt der elterliche Einfluss ab, genauso wie die Schule versucht, auf Kinder Einfluss zu nehmen.

In Gesprächen mit Kindern werden diese verschiedenen Faktoren sichtbar: Kinder geben die anerzogenen Haltungen oftmals wieder, ohne die sozialen oder gar rechtlichen Konsequenzen abschätzen zu können. Sind sie in einer Gruppe gleichartig erzogener Kinder, erfolgt eine oft eine Bestätigung; auch problematische Inhalte können so als Gruppenkonsens ausgehandelt werden. Je autoritärer das gelernte Verhalten ist, um so eher wird das betreffende Kind auch seine Umgebung in autoritärer Weise zu beeinflussen suchen: Reflexion auch des eigenen Verhaltens ist weniger relevant als Unterwerfung. Wenn Gehorsam und Unterwerfung, notfalls durch physische Gewalt, gelernt wurden, wird versucht werden, Unterwerfung und nicht den egalitären Ansatz als Mittel der sozialen Kommunikation auszuüben. Kommen zu dieser Grundhaltung auch noch elitäre Selbstsichten und Aggressivität, wird dieses Verhalten oftmals schon in der Schule auffällig. In konservativen islamischen Kreisen wird den Kindern meist ein hierarchisches Weltbild vermittelt. Das ist manchmal primitiv dualistisch, manchmal differenzierter.

Wie problembehaftet manche tradierte Sicht ist, zeigt sich jedoch oft erst bei Konfrontation mit einer abweichenden Meinung. Interessant dazu ist der Film „Kampf im Klassenzimmer“ von u.a. Güner Balci.

Ersatz der Eltern durch das Kollektiv: Das Ummah-Prinzip

Bei dem männlichen Teil der Kinder tritt hinzu, dass oftmals die Beschneidung bewußt erlebt bzw. durchlitten wird. Da subjektiv (und objektiv) dem Kind erhebliche Schmerzen, oftmals ohne Betäubung, zugefügt werden, ist der erste und völlig natürliche Antrieb, dass das Kind sich dem entziehen möchte. Es muss jedoch auf traumatische Weise erfahren, dass selbst die Eltern nicht helfen, dieses vielmehr meist fordern und seine Schmerzen sogar feiern. Es erlebt, dass sein individueller Wille nichts ist und der Wille dieses feiernden Kollektivs (die Familie wird oft größer eingeladen) alles, dass selbst seine körperliche Unversehrtheit wenig zählt neben dem Willen dieses Kollektivs. Das kann als maximale Unterwerfung, als Zerstörungstrauma des Urvertrauens in den Schutz durch die Eltern gesehen werden. Das Kind muss sich – wie die Eltern – dem kollektiven Willen unterwerfen. Diese psychische Grenzerfahrung wird häufig verdrängt oder umgedeutet, ist jedoch für das Selbstverständnis und die Identitätsbildung nicht zu unterschätzen. Wer erlebt hat, dass sich alle Menschen, sogar die nächsten, denen man vertraute, unterwarfen, wird auch eher annehmen, dass auch alle anderen Menschen sich einem kollektiven Willen unterwerfen müssten, sei es aus Spiegelung oder autoritärer Haltung.

In der Identitätsfindung spielt auch Identifikation eine erhebliche Rolle. Tritt der Vater strafend auf und autoritär, kann auch diese Grundkonstellation abstrahiert werden.

Ist eine Gruppe wenig individualistisch, sondern mehr kollektivistisch orientiert, kann somit die Elternfunktion teilweise übertragen werden: Die Gruppe und ein potentielles Gruppenkonzept treten an die Stelle der Eltern, das Individuum verbleibt bei unbearbeitetem Trauma und mangelnder Loslösung in einer abhängigen eigenen Geisteshaltung. Das Selbstkonzept bleibt fragil und vom Kollektiv abhängig, etwas, das gerne mit „Ehre“ umschrieben wird (im Balci-Film gut sichtbar wie der befragte junge Mann gar nicht wusste, was damit eigentlich gemeint ist). Im Falle islamistischer Erziehung könnte man die völlige Ersetzung der Eltern annehmen. Der strafende Vater wird durch das Konzept eines strafenden Gottes ersetzt, die kontrollierende aber zugleich nährende Mutter durch das diffuse Kollektiv, die Ummah. Es bleibt in gewisser Weise also eine Individualisierung europäischen Zuschnitts aus, das Individuum bleibt im Grunde abhängig.

Diese Prägung ist schwer zu durchbrechen, da die Emanzipation von dieser Elternersatzfunktion nicht nur angstbesetzt, sonder auch real gefährlich ist. Die soziale Totalnichtung droht und der „strafende Vater“ kann ganz real werden, indem sich einige darüber vereinbaren, dass der Abweichler sterben muss. In nicht wenigen islamistischen Gesellschaften ist so etwas häufig vorzufinden.

All dies erinnert nicht nur an die „schwarze Pädagogik“, es ist nahezu in Handlungen und psychischen Auswirkungen identisch mit diesem Konzept bzw. der Zusammenschau der Merkmale dieses Erziehungsstils.

https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_P%C3%A4dagogik

Zusätzliche Brisanz erhält dies durch die spirituelle Überhöhung, die Legitimation durch einen fundamentalen Glauben (der den Erziehungsstil auch bei den anderen Religionen virulent macht). Das immunisiert das Konzept gegen die Diskussion.

Mit kommenden Elterngenerationen wird man über diese Konzepte jedoch sprechen müssen, sofern man die Chance dazu erhält. Diese Diskussion ist vor allem durch Menschen aussichtsreich, denen die Emanzipation gelang, ohne dass sie sich vom spirituellen Hintergrund lösten: Es bleibt der gemeinsame Ansatz, die Identifikationsmöglichkeit trotz individueller Wertung und Gewichtung, die Selbstbestimmung gegen das Kollektiv setzte.

 

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