Mahnwache vom 05.12.2015

Von 14-16 Uhr vor „My Zeil“. Vielen Dank für den freundlichen Schutz von der Frankfurter Polizei.

Trotz Kälte blieben viele Passanten stehen und beobachteten aus Abstand. Manche liefen nur kurz vorbei und bekundeten, dass sie Angst hätten, so wie wir dazustehen und über Islamismus zu diskutieren. Eine seltsame gesellschaftliche Stimmung herrscht, wenn sich Menschen nicht einmal mehr unter Polizeischutz trauen, ihre Meinung zu äußern oder nur zu ihr zu stehen. Mein Beispiel, dass ich das seit Jahren mache und das im Wesentlichen bislang unbeschadet, macht manchen Mut. Viele andere aber bauen sich da die eigene Mauer aus Angst erst auf, hinter der sie sich verkriechen. Diese Angst ist einer freien Gesellschaft, in der wir den Rechtsstaat hinter uns haben, unwürdig. Ja, man bekommt Morddrohungen, wenn man „so etwas“ macht. Aber: Freie Gesellschaft muss sich auch darstellen, sie muss mutig auftreten und wirken, auch wenn zum einzelnen Anlass viel weniger Mut vonnöten ist, als so manche annehmen. Das hilft einem nicht, wenn es mal schief gehen sollte. Man kann sich aber an Mut gewöhnen – oder an Angst.

Der Kampf um die Köpfe wird auch auf der Strasse ausgetragen. Die Verteilergruppen machen es vor und sind – da hat Ahmad Mansour leider Recht – die besseren Sozialarbeiter. Natürlich nicht wegen der Strukturen und Inhalte, denen man beherzt entgegentreten muss. Sondern einfach, weil sie da sind, wo die (jungen) Menschen flanieren, wo sie sich aufhalten in ihrer Freizeit. Wir als Gesellschaft müssen auch da sein.

 

Lies Frankfurt mit einigen neuen Gesichtern:

 

 

Ein junger autochthoner Mann wollte sich die Schilder erklären lassen. Er fragte konkret nach, weil er einige Aufschriften fehldeutete und monierte, dass ich nur zeige, wogegen wir seien. Das sei ihm „zu negativ“. Meine Entgegnung, dass ich an trauernden Eltern und verlorenen Menschen wenig Positives finde und die Welt an sich nun mal nicht nur positiv sei, stellte ihn nicht zufrieden. In einem längeren Gespräch konnte ich etwas erklären. Er blieb dann aber bei der Ansicht, dass man zunächst gegen die westliche Politik demonstrieren müsse. Ich stellte ihm in Aussicht, dass er – wir haben Versammlungsfreiheit – da gerne etwas organisieren könne. Gegen die konkrete Straßenradikalisierung sei das meiner Ansicht nach jedoch ungeeignet: Der Bezug wird völlig verwischt mit dem Ergebnis, dass man zwar aller Welt gezeigt hat, was für ein tief nachdenklicher und reflektierter Mensch man sei, weil man alles bis zur Wurzel des Übels durchdenkt (die Sicht über die Wurzel teile ich nicht), aber dann doch genau nichts gegen das, wogegen man etwas tun wollte und kann, tut. Sich selber einen Berg aufzubauen an Dingen, die man nicht zu ändern vermag als Einzelner, verhindert, dass man aktiv wird, und verhindert dann genau, dass aus einem Mann, einer Frau mehr werden. So etwas gab es schon immer und ein Anfangspunkt ist immer, dass einzelne Menschen sagen: Es muss was getan werden und dieses kann ICH tun. Und es dann tun, ohne auf andere zu warten. Ein langer Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Eine junge Frau wollte wissen, ob wir nun für oder gegen den Islam seien. Nach Erläuterung verstand sie das Wort Islamismus nicht und wiederholte ihre Frage. Ich erklärte es noch einmal. Wieder konnte sie – trotz betont einfacher Erläuterung – dem vorgetragenen Inhalt nicht folgen. Menschen scheinen häufiger einmal mit dem Begriff des Politischen gar nichts mehr anfangen zu können. Sie erleben Politik als etwas ihnen Fernes, etwas, das in Parlamenten und in den Hauptstädten stattfindet. Der Bezug zur eigenen Person, zur eigenen Lebensrealität fehlt völlig, was aber nicht daran hindert, bei Anlass auf „die da oben“ zu schimpfen.

In den 68ern und in den Jahren danach wurde das Private als *auch* politisch eingestuft von einer damals politisch erhitzten Gesellschaft. Auf der Strasse bekommt man manchmal den Eindruck, dass diese Ära endgültig beendet ist. Man erzählt etwas über politische Handlungen oder politische Inhalte – und blickt in manches leere Gesicht.

Eine Mitstreiterin wurde wiederholt sehr heftig von jüngeren, wohl mehrheitlich muslimischen Passanten umringt. Sie erzählte mir, sie habe gestern im Rahmen intensiver Diskussionen in die Menge gefragt, wer denn nun für die Gleichberechtigung ALLER Religionen sei. Keiner aus der dort anwesenden Gruppe habe sich dazu bekannt. Der Druck der Gemeinschaft oder tatsächliche Meinung aller dort anwesenden? So manches Mal wäre eine konkrete und strukturierte Befragung solcher Zufallsstichproben sicher interessant.

Mehrere junge Muslime forderten von mir, dass ich mein Schild einfach herunternehmen solle und nach Hause gehen. Nach Ablehnung meinerseits bestand kein Gesprächsbedarf mehr, ein junger Mann zog den anderen weg, man solle mit mir gar nicht diskutieren.

Die Akhi-Szene ist nun die dritte Woche nicht vor Ort. Und auch die organisierten „Schwestern“, also kleine Trupps junger Frauen unterschiedlichen Outfits, aber miteinander bekannt, die die LIES-Szene gut finden, waren gestern nicht anwesend.

Auffällig war von etlichen Passanten gestern der explizite und persönliche Dank für die Aktion. Eine Mitstreiterin und ich wurden von einem Mann ganz überschwänglich als „Heldinnen“ (seine Worte – nicht meine) gelobt und herausgestellt. Es ist schon erstaunlich, wenn Passanten es so empfinden, was eigentlich normal sein sollte: Auf der Strasse friedlich seine Meinung bekunden können, diskutieren dürfen. Wenn das für Heldenmut gilt – mit Polizeischutz wohlgemerkt, wegen ja, schlechter Erfahrungen und Vorsicht von Seiten der Polizei, und ja, ein Messer ist schnell gezogen – wie weit sind wir dann schon?

Anerkennung ist schön – schöner ist, wenn das Thema mutig in die Gesellschaft getragen wird: Friedlich, klar und so freundlich wie möglich. Wir als Gesellschaft müssen Islamisten ausgrenzen, gemeinsam mit friedlichen, säkularen Muslimen, die die Demokratie über die Religion stellen und mit uns gemeinsam dieses Gemeinwesen erhalten wollen. Die es nicht in Saudi-Arabien oder in einen Iran verwandeln wollen, sondern in das Land, in dem jeder nach seiner Facon selig werden kann.

Gegen Ende wollten etliche Passanten (60 Personen vielleicht, unterschiedlicher Meinungen) noch weiterdiskutieren. Wir haben sie vertröstet auf das nächste Mal. Diese Diskussionen müssen dringend öffentlich noch mehr geführt werden von Demokraten – bevor Personen, die nicht demokratisch gesonnen sind, all diese Angst aufgreifen und benutzen.

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