Todernste Al Quaida Jünger

Humor ist gefährlich, wusste schon Umberto Eco. Er befreit, er schafft Abstand zwischen der üblichen Sicht auf die Wirklichkeit und dem Selbst und ist nur bei freiem Geist und in Abwesenheit von Furcht möglich. Religiöse Fanatiker sind deshalb meist humorlos bis aufs Blut. Der Fundamentalist wähnt sich unter steter göttlicher Beobachtung und Humor ist da Mangel an Gottesfurcht, der Witz als teuflische Handlung sozusagen. Wie auch alles andere, was Menschen Spaß bereitet, was sie frei genießen wollen. Sex, Essen, Humor, überall lauert der imaginierte Teufel. Freude ist sich selbst genug und das stört maximal. Wer Freude hat, glücklich und zufrieden ist, sich an allem ohne Furcht erfreut und Restriktionen, ist weniger gläubig im Schnitt, denn die beschriebenen jenseitigen Belohnungsszenarien sind oft geprägt von eben dieser Bedürfnisbefriedigung (als asketische Variante: Bedürfnislosigkeit). Wer sich in diese elementaren Bedürfnisse und weltlichen Freuden hineinreden läßt, wer Verbote der Tradition akzeptiert, ist auch sonst ein guter Untertan, frei flottierende Manipulationsmasse.

Da moderne Gesellschaften dazu neigen, Menschen viele dieser Dinge selber zu überlassen, ihnen die selbstgewählte Freude zu gönnen, ist bei fundamentalistischen Gläubigen meist ein relevanter Anti-Modernismus neben dem Anhedonismus zu verzeichnen. Die moderne westliche Welt, Freiheit, die Freiheit des anderen vor allem, wird als Bedrohung empfunden. Freiheit des anderen ohne Strafe zeigt auf, dass die eigene Kasteiung möglicherweise unnötig ist. Humor erst, der Witz über den Glauben vor allem, wird als Frontalangriff verstanden. Das ist auch bei nicht gewalttätigen Personen so, die ihre Emotionen noch zügeln. Wer den Gründer seiner Religion mehr liebt als Mutter und Vater, mehr als den Intimpartner (die Zerstörung menschlicher Bindungen durch fanatische Religion wird an anderer Stelle Thema sein), wird Witze über ihn als persönlichen Angriff empfinden, denn dieses ist das ihm nächste. Das ist sein Wesenskern. Das wird genau so von stark religiösen Personen geschildert, das wurde auch genau so bei den weltweiten Protesten gegen die Mohamed-Karikaturen deutlich.

Die Charlie Hebdo Morde und auch die jüngsten Pariser Attentate zeigten dies ebenso auf eindrückliche wie traurige Art und Weise. Über den fanatischen Glauben zu spotten, die Sache nicht ernst zu nehmen, die der Fanatiker mit heiligem Ernst verfolgt, zieht unweigerlich dessen starke Emotionen an: Er lacht nicht mit, sondern will von dem Spötter eben die Unterwerfung, die er selbst lebt. Dieses Muster zieht sich durch alle irrationalen Glaubenssysteme. Je weniger Argumente da sind, desto aggressiver wird es im Zweifelsfall. Wenn die Worte fehlen, spricht die Faust.

 

Auf der Al Quaida-Info-Seite „Ummah Islam“ gibt es deshalb aktuell einen gesonderten Vortrag eines Shaykh  Dr. Eyad Qunaybi*,  der vor Spiel und Witz warnt:

http://ummahislam.com/die-spielerisch-witzige-persoenlichkeit

„Der Komiker kann nichts schätzen und auch nichts verehren. Er verspottet nur alles. Das Problem der Komiker ist ihre Persönlichkeit, welche auch dazu führt, sich über die Verse des Quran, über die Ahadith vom Nabi (Sallallahu aleyhi wa sallam), über die Malaiks und Sahaba (Alayhimus Salam) lustig zu machen. Diese Komiker könnten mindestens die gerade aufgezählten Sachen verehren und verwürdigen, stattdessen machen sie sich darüber lustig…Und Sie sind in eine Ebene geraten, wo Sie all die Menschen, die diese Sachen verehren, als extrem verurteilen.“

Es geht in dem Beitrag um die Bekämpfung des Humors in den eigenen Reihen, den inneren Feind sozusagen. Es geht um die Moral der Truppe, die durch Humor aufgeweicht werden könnte. [Qunaybi wird auf deutschsprachigen Extremisten-Seiten übrigens als politischer Gefangener geführt. Er ist Pharmazeut. Seit einigen Tagen ist er im Hungerstreik.]

Auch Pierre Vogel hält Humor für gefährlich, ein einzelner Scherz über die Religion kann schon ewige Verdammnis bedeuten (auch bei sonst untadeligen Personen):

Der Fanatiker kann nicht zwischen sich und seiner Ideologie trennen. Humor und Kritik sind ihm persönlicher Angriff, weil er sich über diese Ideologie definiert: Ich glaube, also bin ich.

Das ist nun eine Sorte Mensch, die Macht, sehr, sehr schlecht verträgt. Er wird dazu tendieren – da Götter aktuell nachweislich eher weniger ins Tagesgeschäft eingreifen – den anderen Menschen unter den angeblichen Willen seines Gottes zu beugen.

Das ist sein persönlicher Gottesbeweis. Hat er selber die Macht dazu, imaginiert er sich als Werkzeug Gottes, als Handlanger göttlichen Willens. Das ist der maximale narzisstische Gewinn: Da er gleichzeitig Richter und Henker ist, wird er wie Gott. Gott tötet jeden Menschen irgendwann und so ist dem Fanatiker Leben (vor allem das der anderen) nichts wert. Was ist schon das kurze Leben im Vergleich zur verheißenen Ewigkeit? Er entscheidet also, wenn er kann, über Leben und Tod und empfindet dann nicht mal Reue: Hat er nicht nur Befehle befolgt? Was er macht ist nur die Umsetzung. Selbst größte Greuel werden so völlig ich-synton und der Täter fühlt sich sogar noch besonders gut, da die eigene Wertung auch schon Zweifel und mangelnde Unterwerfung unter den imaginierten göttlichen Willen bedeutete: Gottes Wille ist angeblich mit dem Stärkeren. Es ist das Gottes-Urteil. Kann er den anderen unter seinen Willen beugen, kann er ihn sogar töten, beweist er sich selbst die Macht seines Gottes. So lange es noch einen Ungläubigen gibt oder einen nicht Unterworfenen, so lange ist somit auch das fanatisch gläubige Selbst fragil.

Humor zeigt auf, dass diese Rechnung in einer freien Gesellschaft nicht aufgeht und er auch den Fanatismus in den eigenen Reihen aufweichen könnte. Täglich wird dem Fanatiker vor Augen geführt, dass es völlig straflos bleibt, seinen Gott zu spotten. Das ist ihm ein Greuel, weil es täglich zeigt, dass sein Gott eben nicht größer ist als Freiheit und Demokratie, es gibt also sichtbare Hinweise darauf, dass der eigene Gott eben nicht allmächtig ist. Das wird deshalb als „Prüfung“ umgedeutet, damit der Gläubige nicht in Zweifel verfällt. Insofern ist Nachgeben für Fanatiker genau die falsche Medizin. Das Einknicken vor Empfindlichkeiten ganz fatal. Jeder abgesteckte Claim zeigt dem Fanatiker und auch dem stark Konservativen einen Sieg (seines) Gottes an, ist ihm Beweis, dass (sein) Gott größer ist, groß ist ja nicht groß genug.

Langfristig hilft da nur Desensibilisierung: Mehr Humor, mehr Spott. Achtung vor dem Menschen, ja, aber die Immunisierungsstrategie durch „spottest du über die Religion, beleidigst du mich“ eben nicht aufgehen lassen. Erst wenn der Wesenskern „Mensch“ ist und nicht „Untertan eines Gottes“ werden wir da weiter sein, kommen wir dahin, dass der fanatische Glaube den Menschen in den vielen Formen nicht mehr derart schadet.

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* Sein fb-Profil:
https://www.facebook.com/iyadkunaybi

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