Bilal Gümüs und das alles erklärende Fliwatüt

„Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.
Bertrand Russell, englischer Mathematiker und Logiker, 1872-1970

Die Evolutionslehre ist für Personen, die einem fundamentalistischen Glauben anhängen, meist ein Stein des Anstoßes. Hinsichtlich der Ablehnung dieser Lehre sind sich die Argumentationsmuster außerordentlich ähnlich. Am liebsten würden sie sie ganz verbieten. Wissenschaft ist des Teufels und die Evolutionslehre die Mutter aller Teufel.

Russel hatte auf der persönlichen Ebene schon recht hinsichtlich der subjektiven Wirkung, die auch Eigenreflexion hat. Aber natürlich kann man Abläufe in der Natur, sofern sie der Beobachtung zugänglich sind, so gehaltvoll abklären, dass man von Sicherheit sprechen kann. Der einzelne Mensch ist vielleicht unsicher, Wissenschaft aber als Gemeinschaftsprojekt in der ständigen selbstgewählten Verbesserung baut auf und aus. Treten bahnbrechende neue Erkenntnisse oder Schlüsse hinzu, werden sie inkorporiert. Es geht vom Speziellen zum Allgemeinen.

Die Evolutionslehre zählt zu den Erkenntnissen, die so gut abgesichert und mit so vielen Beispielen untermauert sind, dass andere Vorstellungen recht abwegig sind. Man findet immer wieder Aspekte, die Nuancen beleuchten. Wer jedoch etwas gegen den Kern der Evolutionslehre vorbringen will und ernst genommen werden möchte, muss unserer Tage mit sehr, sehr guten Belegen kommen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird es ein kleiner Trugschluss sein, Bedingungen, die nicht beachtet wurden etc.

Personen, die die Lehre jedoch nicht verstanden haben und auch sonst in der Schule wohl entweder nicht gut aufpassten oder schon dort „doppelte Buchführung“ vollzogen, haben nach wie vor Probleme mit den Aussagen. Zu schwierig, zu kompliziert, da gefallen einfache Metaphern und Bildchen besser. Die Vorstellungskraft, die bei Imaginiertem ganz ordentlich ist, versagt bei der Vorstellung langer Zeiträume oder chemischer Abläufe. Auch der narzisstische Verlust ist hoch: Von der Krone der göttlichen Schöpfung, von Gottes Ebenbild degradiert zu einem Wesen, das Ergebnis von Zufällen ist. Das gefällt ganz und gar nicht.

Der Frankfurter Lies-Protagonist Bilal Gümüs meint aktuell, einen Beitrag zur Debatte liefern zu müssen.

 

Da freut sich die Zielgruppe: Doch so einfach? Ja, wenns der Herr Gümüs sagt…

Dieselbe Verkennung und Unwissenheit über naturwissenschaftliche Grundfakten und Fehldeutungen sowie Trugschlüsse, aber schon in der Version für die „Intellektuellen“ von Marcel Krass, der das gläubige Klientel immer wieder mit seinem in diesem Zusammenhang völlig belanglosen Dipl. Ing. zu beeindrucken sucht. Er fordert Beweise für Nichtexistenz gleichermaßen wie für Existenz. Schon da hapert es, denn Beweise für Nichtexistenz sind weder Usus noch erbringbar. Das ist zumindest theoretisch so; in der Praxis arbeitet man da mit Wahrscheinlichkeiten.

 

 

Auch die anderen Prediger fühlen sich immer wieder berufen, über diese Dinge zu schwadronieren. Immer irgendwo zwischen direkter Textauslegung und Intelligent Design* Plagiat. Der türkische Kreationist Harun Yahya ist da sozusagen höchste Instanz. Er hat sein Archtekturstudium abgebrochen (was keine Schande ist) und macht seit vielen Jahren auf Biologie-Guru (was eine Schande ist bei dem Kenntnisstand).

Gümüs befindet sich also in illustrer Gesellschaft.
So wird es also weitergegeben. Warum sich mit Chemie quälen, wenn es doch sowieso nur Trugbilder sind? Warum Biologie begreifen wollen, wenn es nur Gottes prüfungen sind, die den wahren Gläubigen verwirren sollen?

Bilal Gümüs auf jeden Fall ist den einfachen Weg gegangen. Den ohne Chemie und Biochemie, aber dafür mit einer Selbstgewißheit, die aus allen Poren quietscht.

 

 

* „Intelligent Design“ ist die US-amerikanische, fundamentalchristliche Variante, die nur dezent anders daherkommt. Es werden meist immerhin Beispiele genannt, die aber dann so falsch benutzt werden, dass aus einer statthaften Frage eine bizarre Antwort erfolgt. q.e.d.

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