Saudi-Arabien: Folgen der Massenhinrichtung

Einige Überlegungen zur Einordnung

Saudi-Arabien hat gestern 47 Todesurteile vollstreckt, eine derartige Gruppenhinrichtung gab es nur wenige Male in der Geschichte des Landes. Die Beschuldigung lautete i.d.R. „Terrorismus und Anstiftung zur Gewalt.“ Neben vier Schiiten wurden 43 andere Personen getötet, Sunniten:

http://www.welt.de/politik/ausland/article150540356/Saudi-Arabien-hat-das-Tor-zur-Hoelle-geoeffnet.html

 

 

Saudi-Arabien war bei der Absichtserklärung zur Vollstreckung an den Schiiten u.a. vom Iran gewarnt worden, das Vorhaben umzusetzen. Nach den Hinrichtungen sind verschiedene Reaktionen erfolgt. Neben den Stellungnahmen von UN, US, EU sind weitere Besorgnisse  laut geworden. Darüber hinaus gab es bereits erste öffentliche Proteste gegen die Hinrichtung nicht nur in Saudi-Arabien selber, sondern auch anderen Ländern. Im Iran wurde die saudische Botschaft gestürmt. Es besteht durchaus die Gefahr, dass eine echte Auseinandersetzung um die Vormacht im Raum ihren Anfang nahm. Ajatollah Ali Chamenei spricht aktuell von „göttlicher Rache“:

http://www.tagesschau.de/ausland/saudiarabien-hinrichtungen-107.html

Vor einem Monat allerdings schon hatten auch Al Qaida-Gruppen im Jemen gewarnt:

„Al-Qaeda’s affiliate in Yemen has threatened the Saudi government over its plan to carry out a mass execution of prisoners, including al-Qaeda members, the militant group announced in a statement posted on social media.“

http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/al-qaeda-threatens-mass-bloodshed-in-saudi-arabia-over-planned-mass-execution-a6755346.html

Die Massenhinrichtung ist also ungewöhnlich. Der Zeitpunkt dieser saudischen Maßnahme (etliche Personen sind seit längerem verurteilt) ist daher auch interessant und das Ausmaß bemerkenswert.

Guido Steinberg meinte in der SZ:

Für Guido Steinberg, Golf-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, kommt die Hinrichtung Al-Nimrs überraschend, weil mit dem Geistlichen jemand umgebracht worden sei, von dem keine Gewalt ausging: „Da geht die saudi-arabische Regierung doch ein gutes Stück weiter, als in den letzten Jahren.“ Für die Schiiten im ölreichen Osten, von denen sich bislang keine militante Gruppe gegen Riad wende, sei das Urteil „eine Provokation“.

Nach Ansicht Steinbergs ist die Massenhinrichtung vor allem eine Reaktion König Salmans auf die Bedrohung durch die Terrormiliz IS. Diese ist auf irakischem Gebiet bis an die Staatsgrenze der Monarchie herangerückt. Auch in Saudi-Arabien, das sich international gegen die Extremisten engagiert, sind IS-Anhänger aktiv. Die Terrormiliz hatte 2015 die Verantwortung für mehrere blutige Anschläge auf schiitische Moscheen übernommen.

http://www.sueddeutsche.de/politik/saudi-arabien-die-gefaehrliche-strategie-des-saudischen-koenigshauses-1.2803633

Vielleicht ist die Hinrichtung Al-Nimrs und dreier weiterer Schiiten jedoch nur „Beiwerk“ (sofern man das schaurig so nennen kann).

Es könnte auch eine Reaktion auf die Zusammenschlüsse der letzten Tage sein. Etliche Gruppierungen hatten Kampf-Allianzen gebildet: Al Qaida-nahe Gruppen und IS-Unterstützer gegen den gemeinsamen Feind von außen, die Ungläubigen. Gleichzeitig ist für den IS Saudi-Arabien nicht fern. In Saudi-Arabien sind relevante Netzwerke von Al Qaida aktiv. Ob z.B der Bin-Laden-Clan politisch aktiv ist, ist nicht bekannt. Eine Vermischung schlichter Machtinteressen mit politischem Vorgehen ist bei Clanstrukturen allerdings nicht allzu selten. Wenn eine Allianz von außen herannaht, könnten Clans, die groß und finanzstark sind, ihre Stunde gekommen sehen, einige Claims mehr abzustecken, sofern wesentliche Mitglieder die Al Qaida bevorzugen oder protegierten oder dies einfach als politische Chance betrachteten. Verschiedene Familien könnten also differierende Interessen haben. Das Herrscherhaus könnte meinen, ein gemeinsamer Feind im Inneren sollte da entweder einen oder dem Herrscherhaus ermöglichen, weitere unliebsame Personen der „Kollaboration“ zu zeihen. Hier eine vollständige Liste der getöteten Personen:

„Below is a full list provided by SPA of people who were executed today:

1- Ameen Mohammed Abdullah Al Aqala – Saudi nationality.
2- Anwar Abdulrahman Khalil Al-Najjar – Saudi nationality.
3- Badr bin Mohammed bin Abdullah Al-Badr- Saudi nationality.
4- Bandar Mohammed bin Abdulrahman Al-Ghaith – Saudi nationality.
5- Hassan Hadi bin Shuja’a Al-Masareer – Saudi nationality.
6- Hamad bin Abdullah bin Ibrahim Al-Humaidi- Saudi nationality
7- Khalid Mohammed Ibrahim Al-Jarallah – Saudi nationality
8- Ridha Abdulrahman Khalil Al-Najjar- Saudi nationality
9- Saad Salamah Hameer – Saudi nationality
10- Salah bin Saeed bin Abdulraheem Al-Najjar – Saudi nationality
11- Salah bin Abdulrahman bin Mohammed Al Hussain -Saudi nationality
12- Saleh bin Abdulrahman bin Ibrahim Al-Shamsan – Saudi nationality
13- Saleh bin Ali bin Saleh Al-Juma’ah – Saudi nationality
14- Adel bin Saad bin Jaza‘ Al-Dhubaiti – Saudi nationality
15- Adel Mohammed Salem Abdullah Yamani – Saudi nationality
16- Abduljabbar bin Homood bin Abdulaziz Al-Tuwaijri – Saudi nationality
17- Abdulrahman Dhakheel Faleh Al-Faleh – Saudi nationality
18- Abdullah Sayer Moawadh Massad Al-Mohammadi – Saudi nationality
19- Abdullah bin Saad bin Mozher Shareef – Saudi nationality
20- Abdullah Saleh Abdulaziz Al-Ansari – Saudi nationality
21- Abdullah Abdulaziz Ahmed Al-Muqrin – Saudi nationality
22- Abdullah Musalem Hameed Al-Raheef – Saudi nationality
23- Abdullah bin Mua’ala bin A’li – Saudi nationality
24- Abdulaziz Rasheed bin Hamdan Al-Toaili’e – Saudi nationality
25- Abdulmohsen Hamad bin Abdullah Al-Yahya – Saudi nationality
26- Isam Khalaf Mohammed Al-Mothri’e – Saudi nationality
27- Ali Saeed Abdullah Al Ribeh – Saudi nationality
28- Ghazi Mohaisen Rashed – Saudi nationality
29- Faris Ahmed Jama’an Al Showail – Saudi nationality
30- Fikri Ali bin Yahya Faqih – Saudi nationality
31- Fahd bin Ahmed bin Hanash Al Zamel – Saudi nationality
32- Fahd Abdulrahman Ahmed Al-Buraidi – Saudi nationality
33- Fahd Ali Ayedh Al Jubran – Saudi nationality
34- Majed Ibrahim Ali Al-Mughainem – Saudi nationality
35- Majed Moeedh Rashed – Saudi nationality
36- Mishaal bin Homood bin Juwair Al-Farraj – Saudi nationality
37- Mohammed Abdulaziz Mohammed Al-Muharib – Saudi nationality
38- Mohammed Ali Abdulkarim Suwaymil – Saudi nationality
39- Mohammed Fathi Abula’ti Al-Sayed – Egyptian nationality
40- Mohammed bin Faisal bin Mohammed Al-Shioukh – Saudi nationality
41- Mostafa Mohammed Altaher Abkar – Chadian nationality
42- Moaidh Mufreh Ali Al Shokr- Saudi nationality
43- Nasser Ali Ayedh Al Jubran – Saudi nationality
44- Naif Saad Abdullah Al-Buraidi – Saudi nationality
45- Najeeb bin abdulaziz bin Abdullah Al-Bohaiji – Saudi nationality
46- Nimr Baqer Ameen Al-Nimr- Saudi nationality
47- Nimr Sehaj Zeid Al-Kraizi – Saudi nationality“

Quelle: http://english.alarabiya.net/en/News/middle-east/2016/01/02/Saudi-interior-ministry.html

Daraus:
„But most of the 47 executed in the kingdom’s biggest mass execution for decades were Sunnis convicted of al Qaeda attacks in Saudi Arabia a decade ago. Four, including Nimr, were Shi’ites accused of shooting policemen.“

Der Zeitpunkt hätte dann – die Gruppen trauern um unterschiedliche Opfer – den Sinn aus Sicht des Herrscherhauses gehabt, diese Allianz wieder etwas aufzulösen (greift man evtl. Saudi-Arabien an oder nicht?) und auch ein deutliches Zeichen an die Al Qaida im Land zu senden. Der Zeitpunkt wäre dann nicht Zufall, sondern diejenigen, die in Gefangenschaft waren, dienten als Faustpfand, das man nun einlöste.

Die jihadistschen Anführer, die z.B. Al Qaida oder dem IS zuzuordnen sind, haben bislang unterschiedlich reagiert. Unter den Getöteten waren verschiedene Personen, die als Brüder im Geiste oder Unterstützer gesehen werden. Wie sich die einzelnen Gruppen nun positionieren, dürfte interessant sein, da die jeweils zentrierten Opfer einen Rückschluß auf die Ausrichtung erlauben.

Auf einer fb-Saite von Millatu Ibrahim-Nachfolgern werden diese Opfer beklagt:

Sheikh Fars Al Schueyl, Scheikh abdulaziz Raschid adtuil3i, Hamad abdullah ibrahim al hemidi

(3) Wacht Auf 160103 SA

Ein Al Qaida-nahes Portal:

Shaykh Faris Zahrani, Hamd al Humaydi und Abdulaziz al Tuvayili

Garniert wird die Stellungnahme mit der farbigen Bekundung:

„Wir versprechen Allah: Es ist für uns verboten zu leben solange wir die Anführer der saudischen Familie nicht geköpft haben!“

http://ummahislam.com/exekutionen-in-saudi-arabien-und-aqaps-erklaerung-diesbezueglich

Man wird weitere Reaktionen abwarten müssen, kann sich aber bei solchen Einlassungen sicher sein, dass Al Qaida getroffen wurde. Dass Saudi-Arabien – das ist Spekulation – in Kauf nimmt, erhebliche außenpolitische Spannungen mit dem Iran zu bewirken, könnte ein Indiz sein, wie die Lage eingeschätzt wird. und könnte auf relevante innere Loyalitätskonflikte hindeuten. Ob manches, was man aktuell eher nur ahnen kann, eintritt, werden die nächsten Tage zeigen. Man sollte jedoch immer daran denken, dass die Binnenlogik nicht unbedingt nach außen durchscheint und das saudische Regime eine sehr andersartige Struktur hinsichtlich der Legitimation hat. Manche Handlungsansätze könnten mit europäischem Blick schwer verständlich oder nicht so einfach herleitbar sein.

2 Gedanken zu „Saudi-Arabien: Folgen der Massenhinrichtung

  1. Gute Analyse.
    In Bezug auf die Mit-Hinrichtung von Schiiten, insbesondere dem prominenten Nimr al Nimr, hätte ich etwas hinzuzufügen:

    Kurz zuvor wurde in Syrien der islamistische Rebellenanführer Zahran Alloush getötet, durch syrische (oder russische) Luftschläge. Alloush war ein Protégé der Saudis und seine Gruppe Jaysh al Islam hatte an dem Treffen von Anfang Dezember in Riyad teilgenommen (Vorbereitung einer gemeinsamen Position der syrischen Oppositionsgruppen im Hinblick auf Verhandlungen unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen in Genf).
    Seine Tötung muss von den Saudiern als Affront ihrer Bemühungen und Desavouierung ihrer Position angesehen werden. Und (in ihrem archaischen islamis-tis-chen Ehrdenken) schulden es sich die Saudier (vor allem Männer vom Temperament des jetzigen Königs Salman, und seines Sohnes, des Verteidigungsministers), diesen Affront zu reparieren, ihn zu erwidern – durch die Hinrichtung des AlNimr.
    Dass der Iran bzw. Schiiten darauf heftig reagieren würden, war ja abzusehen.

    Es ergeben sich aus den Reaktionen zwei für die Saudis „positive“ Effekte:
    – Konsolidierung im Inneren durch Kalter-Krieg-Situation mit Iran
    – Verbesserung der eigenen Position (bzw. der der verbündeten Gruppen) in den Verhandlungen über Syrien durch Herbeiführen eines Grundes zum Schmollen gegenüber der Gegenpartei (Iran, Syrien, Russland)
    Es geht um Einflussnahme auf die Friedensverhandlungen durch Konstruieren des Bedrohungsszenarios, diese zu boykottieren, zu verschleppen, zu verzögern.
    Das wurde vom saudischen Außenminister AlJubeir nach dem Tod Alloushs schon angekündigt (natürlich mit Fingerzeig auf diejenigen, die Alloush getötet haben).

    Die Hinrichtung der über 40 anderen, sunnitischen Oppositionellen hätte in diesem Szenario eher Alibi-Funktion.

    (klingt zynisch und ist es auch. danke für die Namen)

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