Weniger Ausreisen, mehr Salafisten

In den letzten Wochen scheint die Steigerungsdynamik der Anzahl der in Kampfgebiete ausreisenden Personen sich abzuflachen. Ist da ein Aufatmen angesagt? Eher nicht. Denn der allgemeine Zulauf zur salafistischen Bewegung ist ungebrochen. Die Zahlen der Ausreisenden spiegeln nur wieder, wie viele Menschen in Syrien ihren „Einsatzort“ sehen. Das sind demnach nur die, bei denen die Radikalisierung in einen unmittelbaren Ausreisewunsch mündet. Dass es in Syrien vielleicht nicht ganz so abenteuerlich und zugleich brüderlich-gemütlich sein könnte wie in den Propagandavideos verbreitet, mag sich teilweise herumgesprochen haben. Nicht im Kampf Mann gegen Mann zu sterben, sondern einfach nur einer Bombe zum Opfer zu fallen oder einer Durchfallerkrankung, mag manchem auch nicht viril-heroisch genug erscheinen. Nicht wenige reisen aus, weil es ihnen durchaus um den Kampf und da vor allem auch um das eigenhändige Besiegen und Töten geht.

Die Steigerung von 7900 im letzten September auf aktuell 8350 geschätzte Anhänger hierzulande ist nicht unerheblich. Bei also ungebrochenem Zulauf und Verfestigung der Szene sieht man sich möglicherweise eher hier in der Pflicht. Die Verdreifachung der Gefährdungshinweise, die Verfassungsschutzchef Maaßen heute bekannt gab, kann man als Hinweis in diese Richtung sehen; ein Teil dieser Hinweise ist sicher auch Indiz gestiegener Wachsamkeit.

http://de.reuters.com/article/domesticNews/idDEKCN0V518U

Von 790 Augereisten wissen die Behörden aktuell. Man kann sicher ohne Übertreibung von über 1000 Personen denken. Ein Teil fiel vorher nicht auf, bei einem anderen Teil deckt die Familie bei dem Märtyrer in spe den Wunsch nach angeblich heroischem Frühableben. Ein Teil wird von niemandem vermisst, weil niemand da ist, dem es auffallen könnte.

 

Lies München 150510

Lies München Mai 2015 Bild: Die wahre Religion

Der Druck auf die Szene hat zugenommen, ja, auch wenn da viele Kommunen noch aussitzen und (zu) wenig Druck aufbauen. An den „Beweisfotos“ des LIES-Projekts kann man ersehen, dass die Aktivisten der Gruppierung z.B. in München und Bremen, in Berlin und Bielefeld weiterhin große und eindruckvolle Stände aufbauen können. Nach über 4 Jahren haben es viele Kommunen noch nicht im Griff, entweder die bestehende Sondernutzungssatzung zielführend, ggf. kreativ anzuwenden oder sie anzupassen. Einer der im Bild gezeigten Jugendlichen konnte nur knapp von der Ausreise abgehalten werden:

http://www.bild.de/regional/muenchen/muenchen/wieso-darf-ein-13-jaehriger-an-den-salafisten-stand-42009184.bild.html

In den Kommunen wäre also noch vieles zu tun, um zumindest den leichten Zugang zur totalitären Ideologie zu erschweren. Um es nicht zu einfach zu machen, dass flanierende Kleingruppen junger Männer zum Ziel salafistischer Anwerbung werden. Die muslimischen Gemeinden und Kulturvereine sollten deutlich und klar auch in der Strassensozialarbeit in die Pflicht genommen werden. Das muss auch als Arbeit für ihren Glauben, für ihre Menschen (80 % stammen aus muslimischen Familien, es werden also muslimischen Familien ggf. zerstört) vermittelt werden. Es mag sein, dass mancher das Gebet für gottgefälliger hält und die Entscheidung der Jungen für selbstbestimmt ausgibt; das ist jedoch nur eine sehr wohlfeile Ausrede für Bequemlichkeit oder eine unsoziale Haltung. Die Erhöhung der Zutrittsschwelle ist nur eine von vielen Maßnahmen, die man umgehend umsetzen könnte und sollte.

Bei den Kommunen, in denen es besser, aber noch nicht gut, klappt, reagiert die Szene. Vieles findet stärker im Verborgenen statt: Wohnungs-Dawa statt Kundgebung oder Strassen-Dawa. Auch im Netz verbirgt man stärker. Ausweichen in den sozialen Medien von Facebook auf Instagram oder Whatsapp, Posten von Bildern mit Treffs, die von den Suchmaschinen nicht erfasst werde. Es wird konspirativer. An vielen Indizien kann man jedoch sehen, dass die Szene hochaktiv ist. Der neue Szene-Trend ist die Gründung von Geschäften oder Restaurants, in denen man sich noch unauffälliger auch als Gruppe treffen kann.

Es muss deutlich mehr Energie in die Eltern-Ansprache gesteckt werden. Das ist aktive Prophylaxe. Es ist keine Gängelei, wenn man beim 14 jährigen, erst recht unter diesem Alter, informiert sein möchte, was der Junge nachmittags so macht. Es ist keine Geldverschwendung, eine größere Wohnung zu nehmen – sofern man sie sich leisten kann – damit Kinder einen ordentlichen Platz zum Lernen und auch Rückzugsmöglichkeiten haben und das Geld nicht in ein Familienauto zu investieren oder irgendwo hin zu schicken. Zu eng aufeinander zu sitzen, gerade in der Pubertät, macht schon für sich leichter aggressiv. Mehr Sinn und Klarheit anbieten im Kampf gegen den Totalitarismus, mehr gesellschaftliche Debatte um Werte gerade mit denen, die nicht die eigene Meinung nur spiegeln. Wegducken geht nicht.

Wir sind also auf längere Sicht gefordert: Lehrer, Sozialarbeiter und alle, mit denen die Gefährdeten zusammenleben. Da es wirklich jedes Kind treffen kann: also wir alle.

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