Ein salafistischer Aktivist

Eindruck eines Gesprächs

Auf der Strasse: Der junge Mann und ich erkennen uns gegenseitig, obwohl wir noch nie persönlich aufeinander trafen. Bilder werden herumgereicht, seine wie meine, von den jeweiligen Interessierten. Da ich bei dem Aufeinandertreffen vor Wochen gerade aus einer anderen, sehr angeregten Diskussion komme, merke ich sein Nähertreten launig nickend mit „ah, die Konkurrenz“ an. Er ist ein wenig irritiert, erkennt die Ironie nicht sofort.

Wir kommen ins Gespräch über die Klärung des Missverständnisses.

 

Er hat etwas zu sagen, ich höre zu. Der Freund, mit dem er unterwegs ist, lauscht stumm uns beiden. Ob dieser auch zur Szene gehört, erkenne ich nicht, auf jeden Fall kein bekanntes Gesicht. Beide Männer tragen übliche Freizeitkleidung, der Aktive mit gehäkelter Kopfbedeckung. Sie sind jung, Mitte 20 vielleicht. Mindestens einer hat nach Bekunden und Namen einen Migrationshintergrund. Beide Männer sind kleiner als ich und wirken nicht aggressiv, trotzdem behalte ich ihre Hände in den Augenwinkeln. Er redet über die Wahrheit seiner Religion, ich erkläre, dass mir sein privater Glaube egal sei und wie er ihn auslebe, dass ich aber die Anwerbungen auf der Strasse nicht billige. Wir reden über Wahrheitssuche und wie man sie finden könne, die Wahrheit. Ich gebe mich als Naturwissenschaftlerin zu erkennen. Ein wenig wird philosophiert über seine Quellen und meine. Er versucht etwas über eine Abwertung des Christentums zu punkten. Ich sage, dass ich Atheistin bin und mich Zuschreibungen über das Christentum eher weniger interessieren.

Sein reales Leben – das ist mir bekannt – unterscheidet sich von den Angaben, die er öffentlich von sich macht. In der virtuellen Welt ist alles etwas größer und bunter. Er denkt jedoch nach und ist intelligent, das ist im Gespräch durchaus erkennbar. Vielleicht wünscht er sich, dass das reale Leben etwas näher an diesen Angaben wäre. Jenseits davon räumt er ein, dass die Wirkung, die seine Gruppe im Netz erziele, diese Gruppe größer mache, als sie ist. Letzteres erscheint ehrlich.

Ich frage ihn, warum er auf der Strasse aktiv sei, was sein Motiv ist. Er antwortet nicht direkt, formuliert aber einige grundlegende Fragen wie die nach Gerechtigkeit. Er hofft auf das Jenseits, meint, wie man denn jemanden wie Hitler in diesem Leben angemessen bestrafen könne. Dafür müsse es doch ein Jenseits geben, das müsse doch gesühnt werden. Ein Gerechtigkeitssucher. Wir treffen uns gedanklich einen Moment in diesem Wunsch nach Gerechtigkeit. Er im Jenseits, ich erkläre meinen Ansatz, dass man bestimmte ungerechte Dinge erst gar nicht zulassen dürfe. Dass das unsere Pflicht sein könne, denn alles andere, auch sein Glaube, sei ungewiss. Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn wir selber sie schaffen. Und auch er vertraue doch nicht erst auf das Jenseits, sonst wäre er doch nicht aktiv? Ich erzähle ein wenig von meiner Suche nach „Gerechtigkeit“, Aktionen gegen rechte Gruppierungen, für Menschen, die benachteiligt sind, versuche zu vermitteln, dass man dazu keine göttlich legitimierte Motivation braucht, sondern nur den eigenen Willen. Seine Wünsche und Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod seien davon doch unbenommen.

Er kann es nicht nachvollziehen, dass ich weder auf jenseitige Belohnung hoffe noch auf Strafe für andere. Und dass ich seine Furcht vor der Hölle nicht teile, ist für ihn ganz undenkbar, er kann es kaum formulieren, obwohl er sonst eloquent ist. Diese Angst wird plötzlich greifbar. In diesem Moment empfinde ich Mitleid für ihn als Person, spüre die Unsicherheit, die daraus spricht. Mit einem Menschen, der Angst hat, so viel Angst vor etwas, das für einen selbst ganz irreal ist, kann man nur Mitgefühl haben. Das nimmt nicht aus, dass im gleichen Moment die Gewissheit da ist, dass er anderen diese Angst vermittelt, vermitteln will, weil er sich nur so versichern kann, dass er sich nichts einbildet. Zwischendrin meint er, das Gespräch mit mir sei viel angenehmer, als er sich das vorgestellt habe. Offenkundig kennt er nur Anhänger oder geifernde Gegner. Der normale, politische Diskurs über religiöse Inhalte mit einer Person, die klare Gegenhaltungen formuliert, aber ruhig bleibt und weder seine Angst teilt noch vor ihm Angst hat, scheint ihm ungewohnt. Ich bin etwas irritiert, sage, dass ich seine politischen Betätigungen für falsch und gefährlich halte, dass ich gegen ihn als Mensch, löste man das einmal vom politischen Subjekt, jedoch kein Vorurteil habe. Warum auch? Ein junger Mensch wie viele, die hier aufwachsen, und doch anders in seinen Handlungen. Da, bei seinen politischen Haltungen und Handlungen seien wir klare Gegner, aber über diese und die Weise, wie man Gerechtigkeit schaffen könne, müsse man reden. Ich biete ihm an, dass er, sollte er einmal über Haltungen und Handlungen sprechen wollen, meine Nummer sicher auffinden könne.

Die beiden gehen, langsam und miteinander im Gespräch. Bislang habe ich von ihm keinen Anruf erhalten. Vielleicht irgendwann.

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