Netzwerke, Clans, Familien

Ein paar Gedanken zu den Unterstützerstrukturen, nicht nur in Brüssel

Letzte Woche wurde der lang gesuchte belgische Terrorist Abdeslam festgenommen. Er wurde in der Nähe seines Wohnorts nach 4 Monaten Versteckspiel festgesetzt. Dass er sich dort, wo er gesucht wurde, dort, wo er bekannt war, so lange einem Zugriff entziehen konnte, ist seinem ausgedehnten Unterstützer-Netzwerk zu verdanken. Aus diesem Unterstützer-Netzwerk heraus sind möglicherweise aktuell die Anschläge geplant worden.

Verschiedene Wohnungen standen zur Verfügung und wenn Abdeslam einmal auf die Straße ging, wurde er wohl entweder nicht erkannt – wie er sehen viele aus – oder nicht gemeldet. Man wird jetzt fragen müssen, wer da alles informiert war.

Das funktioniert nur, wenn viele denken wie er und ihre Loyalität im Zweifelsfall auch einem Terroristen eher gilt denn unschuldigen Mitmenschen. Es ist eine diffuse Loyalität, die entweder der Ethnie, der Nation oder der Religion gilt oder auch nur dem, der empfunden ebenfalls gegen die als feindlich wahrgenommene westliche Welt eingestellt ist. Auf dem Boden dieser Loyalität, die einer völligen Gegenhaltung zur westlichen Gesellschaft entspringt, ist auch möglich, was verschiedene Medien zu Begleithandlungen während der Zugriffs auf Abdeslam berichteten: Es habe Zusammenrottungen gegeben von Passanten, die gegen Polizisten vorgehen wollten. Es mangelte da wohl nicht am Willen, sondern nur an der Möglichkeit, wie man leider nach Sichtung einiger Eindrücke annehmen kann.

Clans und Familien sind weitere Unterstützer. Das ist leider nicht selten. Das muss man aber wahrnehmen, so differenziert wie möglich. Es mögen mehrheitlich junge Männer zwischen 18 und 30 nach Syrien ausreisen oder auf den Strassen Korane verteilen. Erhebliche Anzahlen an Familien billigen aber diese Betätigungen. Das legen z.B. die in Relation niedrigen Hilfsgesuche bei Beratungsstellen nahe. Das liegt nahe, wenn mehrere Personen aus einer Familien betroffen sind.

Bei Sichtung der jüngsten GTAZ-Untersuchung (s. Literatur-Seite) fällt auf, dass etwa 30 Prozent der Personen mit Angehörigen ausreisten. Wenn man diese Zahl nimmt, kann man sicher davon ausgehen, dass ein noch höherer Anteil an Familienangehörigen die Handlungen der eigenen „Familien-Terroristen“ weniger offensichtlich als durch Mitreise unterstützt.

Exemplarisch sei die Mutter des jüngst in Frankfurt festgenommenen Syrien-Rückkehrers Tarik S. genannt: Die Frau, Konvertitin, ist stolz auf ihren Sohn wegen seiner Syrien-Ausreise, sie verkündete dies so gegenüber Spiegel TV im Jahr 2014 völlig ungehemmt. Scham darüber braucht es in dieser Binnenlogik nicht, weil man das Gegenüber abwertet: Die Meinung zählt schlicht nicht (mehr). Eine andere Frau, Mutter von alleine 5 Söhnen, gab einem Al Kaida-nahen blog ebenfalls ein Interview. Ihr Sohn ist mittlerweile tot:

Im Januar 2015 erhielt ich tagelang keine Nachricht von ihm. Eines Nachts klingelte das Telefon und er sagte: ,,Mutter koch Tee, ich komme.“ Ich kann meine Freude nicht beschreiben, mein Löwe kam zurück!

Während andere beschäftigt waren mit Schule, Arbeit und solchen Dingen, war mein Held bereit diese vergängliche Welt zu opfern.

Als ich meine Kinder erzog, sagte ich ihnen stets: ,,Ich möchte nicht, dass meine Söhne Ärzte, Anwälte, Geschäftsmänner usw. werden. Sie sollen Mujahidin werden, die sich um die Probleme der Ummah kümmern und später sollen sie insha’Allah Shuhada werden. […] Möge Allah den Mujahidin den Sieg gewähren und sie beschützen. Insha’Allah sollen meine anderen vier Söhne auch Shuhada werden auf dem Wege meines Herrn.

Die Shahada von Abu Dharr

Weil aktuell wieder viel kommentiert wird:

Ja, es sind meist junge Männer, die ausreisen. Und auch ja, die, die direkt agieren, sind manchmal welche, die weniger Chancen hatten als andere. Das ist jedoch nicht durchgängig so. Es sind prozentual auch Studenten darunter und viele, die ihre Chancen in dieser Gesellschaft noch gar nicht nutzen konnten oder wollten. Wir müssen selbstverständlich dafür sorgen, dass kein, oder zumindest so wenige Kinder wie möglich unfreiwillig außen vor bleiben. Man kann jedoch wenig tun bei jenen, die draußen bleiben wollen und es auch mittlerweile genügend Struktur gibt, dass sie dies können. Wir müssen neben der Bildung auch Sinn vermitteln, Sinn für Werte, Sinn für Bildung. Denn auch wenn viele junge Menschen in Brüssel z.B. arbeitslos sein mögen: Sie müssen dank der sozialen Leistungen nicht hungern  und mit dem www stünde ihnen sehr viel weltliches Wissen zur Verfügung, wenn sie denn nur wissen wollten, wenn sie gelernt hätten, es sich anzueignen und vor allem, es zu schätzen.

Wir verkennen deutlich die Breite des Problems, wenn wir nur darauf abstellen, dass es nur junge Menschen seien, die nichts mehr zu verlieren hätten. Nein, es sind viele dabei, spätestens nach der Radikalisierung, die sich bewußt abwenden von dieser Gesellschaft. Die nicht Teil der Gesellschaft sind, weil man sie ausgegrenzt hätte, sondern weil sie nicht Teil DIESER Gesellschaft sein wollen. Dieses Abwenden gedeiht auch auf dem Boden einer Lebenskrise, sicher. Sie kann jedoch auch Teil einer politischen Haltung mit Jenseits-Option sein. Sie gedeiht in Netzwerken, Clans und Familien, die nicht aufzubauen sind, weil sie schon bestehen. Die islamistische Gegengesellschaft. Terroristen sind dort wahlweise nur Kinder, die etwas übertreiben, besonders fromme Brüder oder – Helden. Klammheimliche Zustimmung wabert durch soziale Netzwerke und auch so manche Moschee-Gemeinde.

Terrorismus wächst somit nicht auf dem Boden einer Jugendkultur, sondern auf dem Boden der Gegengesellschaft. Die Jugendkultur ist nur die besonders aktive und augenfällige Form. Und es sind Menschen, die vom IS & Co propagandistisch besonders gezielt angesprochen werden und werden sollen. Das sind die Menschen, die man braucht, deswegen spricht man sie gesondert an. Sie sind nur das, was wir mehrheitlich sehen, wirksam wird sehr viel mehr.

Terrorzellen können vor diesem Hintergrund prächtig gedeihen: Ideologisch fallen die Täter in der sehr konservativen Community kaum auf, wenn sie Konkretes vermeiden. Viele Inhalte werden mit dem sehr konservativen Islam geteilt, der häufig auch mit einer Absonderung von der „westlichen“ Welt verquickt ist. der Westen gilt so einigen als verderbt. Diese Anschläge galten erneut der freien Lebensweise, „dem“ Westen als empfundene Gegengesellschaft zur islamistischen Welt.

Insofern müssen wir die Konzepte nicht nur gegen Terrorismus und Propaganda verbessern, sondern auch Vorgehensweisen entwickeln, wie wir Gegengesellschaft auflösen können.

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Ein Gedanke zu “Netzwerke, Clans, Familien

  1. Mit dem, was daraus folgt, sind Kaliber wie Trump und Putin auf Augenhöhe. Kostprobe:

    „the relatives must fight this first. If the relative, before the fact, reported it, he is not guilty. If he did not, he is guilty.”

    http://www.nytimes.com/2016/03/30/world/europe/russia-chechnya-caucasus-terrorists-families.html?ref=world&_r=0

    Für Europa ist wohl keine Antwort in normativer, bzw. institutioneller Kontinuität absehbar.

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