Das Nador-Netzwerk

Wie Tarik ibn Ali eine spezielle marokkanische Diaspora vernetzt

Nach Jahren nahezu ungehinderten Wirkens waren zwei geplante Auftritte des belgischen Predigers Tarik ibn Ali oder Tarik Chadlioui gestern und vorgestern etwas breiter in den Medien. Konkreter Anlass waren die Attentate in Brüssel und seine bevorstehenden Besuche in Duisburg und Essen. Beide Gemeinden widerriefen die Einladungen auf erheblichen öffentlichen Druck hin. Nach außen hin wurde bekundet, man kenne den Prediger nicht so gut und seine Inhalte auch nicht. Nun wird ibn Ali – seine Predigten gelten als unterhaltsam, aber theologisch nicht sehr entwickelt – weniger der Gelehrsamkeit halber geladen, sondern wegen seines Bekanntheitsgrades und seiner Verbindungen. Beides nun nicht gewußt haben zu wollen, erscheint befremdlich. Immerhin holte man ihn aus dem Ausland herbei; wäre es nur um die Erbauung gegangen, hätte es vielleicht auch ein Kollege aus Köln getan. Doch wie sehen diese Einbindungen nun aus?

 

Tarik ibn Ali Mitte Februar in Frankfurt Bild: Tarik ibn Ali-fb-Account

 

Ibn Ali kommt wie viele Personen im Rhein-Main-Gebiet, im Ruhrpott und auch in Molenbeek aus Nador, einer marokkanischen Provinz, die stark berberisch und ländlich geprägt ist*. Aus diesem Grund wird dort Tamazight, die Berber-Sprache, gesprochen. ibn Ali predigt meist auch in dieser Sprache. Die Einwanderung aus der strukturschwachen Gegend war und ist meist wirtschaftlich getrieben. Mitgebracht oder in der Diaspora konserviert wird häufig ein sehr rückwärtsgewandtes Islamverständnis, das sich im europäischen Umfeld fundamentalistisch präsentiert bzw. als „salafistisch“ eingruppiert werden kann.

„[…] zeigt, dass religiöser Fundamentalismus in den westeuropäischen muslimischen Gemeinschaften kein Randphänomen ist. Fast 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten; 75 Prozent meinen, dass nur eine Auslegung des Korans möglich ist, an die sich alle Muslime halten sollten; und 65 Prozent sagen, dass ihnen religiöse Regeln wichtiger sind als die Gesetze des Landes, in dem sie leben. Durchgängig fundamentalistische Überzeugungen mit der Zustimmung zu allen drei Aussagen finden sich bei 44 Prozent der befragten Muslime. Unter sunnitischen Muslimen mit türkischem Hintergrund (45 Prozent Zustimmung zu allen drei Aussagen) sind fundamentalistische Haltungen etwas seltener als unter solchen mit marokkanischem Hintergrund (50 Prozent).

https://www.wzb.eu/sites/default/files/u252/s21-25_koopmans.pdf

Dies ist der ländlichen Gegend und der dort vorherrschenden, eher bildungsferneren, aber religionsnahen Bevölkerungsschicht geschuldet, die seltener Zugang zu Bildungsangeboten hat. Eine Person wie ibn Ali oder auch Menschen, die von ihm radikalisiert werden, fallen hinsichtlich ihrer Ansichten in diesem Umfeld oft wenig auf, sofern sie nicht gewalttätige Phantasien oder konkretere Pläne äußern. Die Einlassung, man habe nicht gewußt, dass ibn Ali radikal sei, trifft also weniger den Kern als der Umstand, dass seine Haltungen für relativ normal gehalten werden. Es stößt erst auf, wenn die Kollision dieser Ansichten mit denen der Mehrheitsgesellschaft offenbar wird, weil einmal darüber geredet wird. Dies vermied man bislang offensichtlich: Wer die Gretchenfrage nicht gestellt bekommt, beantwortet sie auch nicht freiwillig.

In Nador sind bereits seit Jahren ebenfalls Probleme mit terroristischen Zellen bekannt:

http://www.maroc.ma/en/news/morocco-arrests-member-isis-related-terror-cell

Das ist hier gedanklich wenig präsent, da viele Marokko als reines Urlaubsland wahrnehmen. Erst vor einem Jahr sah sich Marokko jedoch gezwungen, seine Anti-Terror-Gesetze und die gegen Geldwäsche zu verschärfen:

Schärfere Anti-Terror-Gesetze in Marokko

ibn Ali ist nun äußerst umtriebig. Obwohl er nach Medienberichten für den gesamten Schengen-Raum zur Beobachtung ausgeschrieben ist, sucht er mehrere Male im Jahre bestimmte Moscheen und Kulturvereine immer wieder auf. Beispiel einer Tournee im Rhein-Main-Gebiet:

 

Die Niederlande sollen letztes Jahr ein bereits ausgestelltes Visum  widerrufen haben:

http://www.liveleak.com/view?i=e93_1424202715

Parallel wird er häufig als Hochzeits-Redner für eine Art Junggesellen-Abschied-Partys gebucht, die jenseits der flauen Witze von ibn Ali i.A. recht freudlos wirken. Das erscheint unter dem Gesichtspunkt nachvollziehbar, dass sich nicht jeder die Partnerin selber ausgesucht hat. Erst Mitte Februar leitete er eine solche Verstaltung wahrscheinlich in einem Frankfurter Bürgerhaus. Dass nicht immer alles lustig mit ihm zugeht, zeigt folgendes Video, in dem er mit einer Gruppe jüngerer Männer interagiert. Einige brechen in Weinkrämpfe aus:

 

 

Er sammelt bei seinen Glaubensgeschwistern erhebliche Summen Geldes ein, die nicht nur angesichts der Größe der Vereine, sondern auch hinsichtlich der vermuteten Einkommenshöhe der Vereinsmitglieder erstaunlich scheinen, beispielhaft eine Auflistung aus seinem eigenen youtube-Kanal, bei manchen Gelegenheiten hunderttausende Euro:

https://www.youtube.com/user/TarikIbnAli/search?query=euro

Von Oslo bis Gran Canaria werden Brüder und Schwestern so zur Kasse gebeten. Ob den Personen immer völlig klar ist, wofür ibn Ali das Geld verwendet, kann bezweifelt werden. Zweigte er etwas nicht dem behaupteten Bestimmungszweck entsprechend ab, würde er in dieser Umgebung genau seine Glaubensgeschwister und Landsleute betrügen. Offiziell zumindest sammelt er u.a. für den Moschee-Bau, inoffiziell geht das Geld auch in vielleicht nach der Sicht mancher nicht weniger fromme, aber weniger legale Kanäle:

Interestingly, Chadlioui primarily employs the Berber language when preaching, teaching and speaking in public. He is well respected in the Salafist Berber community that spans a large part of Europe.

Chadlioui’s career began in Antwerp about eight years ago as a youth preacher. He was active in ‘street Dawah’ and seen as a member of the Tablighi Jamaat. […]

He is a major fundraiser for the Salafist cause, including building projects for mosques and support activities for Syria. A talented fundraiser and charismatic speaker, it is assessed he is an important facilitator and financier of European fighters active in Syria. Although he is operating in the open he is not well known to authorities.

sowie viele weitere interessante Informationen zur Einbindung:

Inside Jihad

Die Moschee, in der ibn Ali in Brüssel predigte, ist nur wenige hundert Meter vom Auffinde-Ort Abdeslams entfernt. Das heißt wenig. Viele der jetzt aktiven Terrorzelle sind marokkanischstämmig. Das muss auch noch nichts heißen. Aus dem „Testament“ eines der Attentäter von Dienstag geht hervor, er werde „überall gesucht“. Offenkundig gibt es Gebiete in Brüssel, wo die Community, die Gegengesellschaft so dicht gewoben ist, dass sie über Monate (Abdeslam) oder Jahre (El Bakrioui) Personen, die gesucht werden, zu verbergen vermag. Das heißt, sie bekommen Obdach und vielleicht auch Arbeit in dieser Gegengesellschaft. Eine verschworene Gemeinschaft.

Zumindest zu dieser Gegengesellschaft hat Tarik ibn Ali Zugang und in ihr wohl auch erheblichen Einfluß. Es ist weiter zu prüfen, wie weit dieser Einfluß reicht und wie stark aus dem „Nador-Netzwerk“ einzelne Täter rekrutiert wurden.

 

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* NRW und Hessen sind die Bundesländer mit den höchsten Wohnbevölkerungsanteilen marokkanischstämmiger Migranten, in Europa sind dies F 1,7 %, ES 1 %, BE 2,6 %, D im Promille-Bereich. Etwa 70 % stammen aus Nador, der Rif-Region, die stark berberisch beeinflußt ist.

https://www.giz.de/fachexpertise/downloads/giz2007-de-marokkanische-diaspora.pdf

Die betrachteten Häufungen und Zahlen bitte ich unter dem Gesichtspunkt zu beachten, dass es sich nur um Häufungen und Statistik handelt. Aussagen über einzelne Personen ergeben sich daraus nicht bzw. sind zu vermeiden. Die Zahlen wurden lediglich zur Struktur-Erfassung aufgeführt und sind erst von der Person selber ausgehend „rückwärts“ statthaft, haben also keinen einen prognostischen Zweck oder dürfen für irgendwelche Zuschreibungen verwendet werden.

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