Der böse Blick

Glaube und Aberglaube sind nicht selten nah beieinander. Beliebt unter islamistischen Predigern ist die Befassung mit dem „bösen Blick“.  Ein Synonym ist das „böse Auge“. Da sich viele Personen damit beschäftigen, es nur um glauben, anmuten oder wähnen geht, gehen Diagnose und Therapie unter den einschlägigen Spezialisten naturgemäß auseinander. Nichts davon ist natürlich dem Beweis zugänglich. Das böse Auge ist kein medizinisches Problem, sondern ein – freundlich formuliert – psychologisches. Um so interessanter ist es, diese verschiedenen Sichten zu betrachten.

Eine kleine Synopse beliebter Ratgeber aus der Szene:

Abu Abdullah (Brahim Belkaid) hält den bösen Blick für überaus weit verbreitet. Aber nicht nur der der Menschen. Nein, auch der Jinns…
Das sei die Haupt-Todesursache in der Ummah*. In einer Sekunde könne einen das zu Tode bringen – aber auch langes Siechtum hervorrufen.

[Jenseits des Lustigen werden in dem Video auch psychische Störungen fehlgedeutet, was zur Nichtbehandlung durch den Psychiater oder Psychologen führen kann.]

Der Herr Muhammad al Arifi, das ist der mit dem Persilschein für Selbstmordattentäter, wenn sie im Land der Ungläubigen sind, ist da präzier:

– subjektives Wärmeempfinden

– Desorientierung

– Vergesslichkeit

– Stichartige Schmerzen in Brust oder Bauch (aber auch Rücken)

Diese Symptome müssen nicht alle auftreten. Ein untrügliches Zeichen sei auch das Tränen der Augen, wenn den Betroffenen Koranverse gelesen werden. Aber, wichtige Differentialdiagnose: Er stöhnt dabei nicht. Mit Stöhnen ist es Zauberei oder ein Jinn. Wenn parallel geschwitzt wird, sei das ein ganz untrügliches Zeichen für die Richtigkeit der Verdachtsdiagnose. Als probates Gegenmittel empfiehlt er das Lesen der Sure 67:1-4. Oder der Sure 68:51. Oder einige andere Stellen. Dieses soll der „böse Blick“-Betroffene dann selber lesen oder lesen lassen. Dann in seine Hände spucken und sich bestreichen. Oder auf seine Brust spucken. Und so werde er – die Erlaubnis des Schöpfers vorausgesetzt – geheilt.

Abu Walaa, der sich nie mit seinem Gesicht zeigt (wir ahnen jetzt, warum, oder ist es die Vorsicht vor dem Verfassungsschutz?), meint, es gäbe viele Krankheiten, die ungeklärt seien. Appetitlosigkeit, Müdigkeit. Diese gingen auf den bösen Blick zurück. Ebenso wie viele, viele andere Probleme mit der Frau, den Kindern oder an der Arbeitsstelle. Hass gegen andere oder man selber gehasst werde. Der Ungläubige an und für sich wolle gerne alleine mit seinem Blick schaden. Man solle Ruqia (Heilbesprechungen, Koranverse lesen) machen. Alles Ungemach sei durch die Ferne zum Koran und zum Glauben bedingt. Und natürlich ist gefährlich, wenn die Frau in „zu dünner oder enger Kleidung ausgeht“. Das zieht den bösen Blick förmlich an. das wird – so Abu Walaa – ihr schaden und sie schadet damit auch anderen. Man soll das eigene Waschwasser (gewonnen aus Ghusl, der rituellen Waschung) auf den Verursacher kippen. Das helfe. Auch solle man den Verursacher zu sich nachhause einladen und unter einem Vorwand das Wasser seiner Gebetswaschung (wudu) gewinnen. Dieses Wasser helfe, man könne es für die ganze Familie verwenden. Überdies solle man Wasser abfüllen, „besprechen“, und dann nur dieses trinken*

Hassan Dabbagh wollte ja mal Medizin studieren. Er spricht immerhin das Problem an, dass sehr viele Personen sich gleich bei Widrigkeiten vom bösen Blick oder vom Jinn getroffen fühlen. Und auch, dass so einige „Geschwister“ ein Geschäft damit machen, 150 € pro Stunde mit Ruqia zu verdienen.

Er relativiert korrekt: Viele körperliche Beschwerden können viele natürliche Ursachen haben. Wenn man seine normalen Gebete mache, könnten die Jinns, der Shaytan oder der böse Blick einem nichts anhaben, meint er und versucht damit, Ängste zu nehmen. Ein noch relativ vernünftiger Ansatz, das muss man bei aller Gegenposition in der Regel zu Gute halten. Allerdings ist auch für ihn der böse Blick existent, Jinns und der Shaytan reale Entitäten.

Abul Baraa, Prediger aus Berlin, einschlägig bekannt, behandelt das Thema am gründlichsten mit fast 75 min. Fairerweise muss man sagen, dass er sich zunächst zu Talismanen auslässt. Man erfährt so, dass verbreitet ein „blaues Auge“ als Glücksbringer verwendet werde (man mag sich gar nicht vorstellen, auf welches Ereignis dieser bizarre Aberglaube zurückgeht). Dieses schütze angeblich vor dem bösen Blick. Er meint, dass der Glaube an Zauberei insbesondere in den Maghreb-Ländern und im Slowenischen weit verbreitet sei. [In dem Vortrag sind wunderbare Beispiele für Humor: Vorherbestimmte Geldscheinfunde, sprechende Stifte usw.]

Zum bösen Blick ab 1:04 führt er aus, dass der böse Blick eine feste Größe in der islamischen Religion sei. Dieses Konzept dürfe nicht abgelehnt werden, da der Religionsgründer dies persönlich bezeuge (Muslim und Bukhari). Der böse Blick könne durch lautes Vorlesen des Korans über der betroffenenen Person geheilt werden, nach seiner Aussage durch den Religionsgründer so beschrieben (hier sei der Hinweis erlaubt, dass der Koran zu Lebzeiten Mohammeds noch gar nicht schriftlich fixiert sein soll auch nach Binnensicht – solche Logikfehler fallen allerdings nicht auf, wenn es nur durch Muslim und Bukhari aufnotiert wurde). Auch Baraa empfiehlt alternativ Waschwasser des Blickenden zur Heilung des Betroffenen. Baraa meint ebenfalls, dass Blicke töten könnten. Interessant am Ende ist, wie sehr er betont, dass jeglicher Zweifel schon in den Unglauben führe. Schon solche kleinen Dinge sollen nicht rational betrachtet werden dürfen. Glaube IST Gehorsam.

Und hier noch eine Version für die jungen „Intellektuellen“:

Mit dem normalen posting in den sozialen Medien lade man ein zum bösen Blick. Es erwecke u.a. den Neid.

Sven Lau ist da eher in die Experimentalphase eingetreten. Er hat Talismane eingekauft, die er demonstrativ zerstört (um zu belegen, dass die Dinge nicht schützen könnten, weil man sie zerstören könne; man könnte mit der gleichen Berechtigung fragen, warum Waffen besorgt werden: auch das ist dann ein Mangel an Gottesvertrauen).. Den bösen Blick gebe es zwar, aber die einzige Zuflucht sei bei Allah.

Praktischer geht der Herr Topal an die Sache heran. Er bietet entsprechende Dienste ja auch an und demonstriert, wie man vorgehen kann. Er empfiehlt, Esspapier mit Lebensmittel-Tinte mit Koranversen zu bedrucken (was es nicht alles gibt, natürlich erhältlich beim Empfehler). Alternativ kann man Wasser „besprechen“. Man kann Safran zufügen, meint er, oder Öl oder Essig. Alles egal, der Wille zählt, das Ritual.

Diese bizarre Gegenrealität bleibt nicht im spirituellen Raum.

Bei körperlichen Erkrankungen werden falsche und abergläubische Ursachen benannt. Bei psychischen Beschwerden ebenfalls. Sonstige Probleme werden externalisiert, alles Böse erscheint von außen gemacht, der eigene Anteil wird nicht diskutiert. Debatte mit dem Nachbarn? Wer hat da böse geblickt? Abmahnung vom Arbeitgeber? Das wird der Blick der Kollegin gewesen sein.

Lehren dieser Art bewirken, dass man sich mit den wirklichen Ursachen nicht auseinander setzt. Man sucht am falschen Ort, man handelt an der falschen Stelle. Sie bewirken Therapieverschleppung bei ernsthaften Erkrankungen. Sie bewirken, dass bei psychschen Problemen nicht der Fachmann aufgesucht wird, sondern der Imam. Bei allen sonstigen Problemen bietet dieses Konzept den sehr billigen „Ausweg“, niemals selber etwas bewirkt zu haben, sondern alles geschieht mit einem. Man ist Objekt einer böswilligen Umwelt. Das schafft Furcht und Mißtrauen. Ursachen werden externalisiert, und damit auch die Verantwortung vom Subjekt fortgewiesen.

Damit schaden die Betroffenen zuallererst sich selber. Aber sie schädigen auch ihr Umfeld, vergiften die zwischenmenschliche Atmosphäre, weil die Ursachen für allerlei normale Lebens-Malaisen auf das soziale Umfeld projiziert werden. Es ist im Grunde eine psychotische Sicht, eine psychotische Welt voller Paranoia die da von Hardcore-Fundamentalisten entworfen ist. Wer so etwas glaubt, glaubt auch an die Endschlacht, denn alles ist schon geschrieben. Er ist ein instrumentalisierbarer Mensch.

 

 

 

* Da es sich um ein vorwissenschaftliches Denken handelt, sind solche Sachen wie Bakterien natürlich auch nicht vorhanden und bedacht. Abgefülltes Trinkwasser, das ungekühlt gelagert wird, verkeimt. Dieses Wasser, nach der reinen Lehre also besonders heilsam, ist in Wirklichkeit genau das Gegenteil. Die abergläubische Mutter wird also im Zweifelsfall die Babynahrung mit rituell reinem, aber real völlig verkeimtem Wasser bereiten. Das kann problematisch sein, wenn nicht erhitzt, sondern nur lau angerührt wird.

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