Fifty shades of black

Geschlechter-Apartheid bei den Salafisten

Jungen Frauen, so könnten man meinen, bietet der salafistische Islam wenig Anreize. Das klare Schema von Ein-und Unterordnung unter die andere Hälfte der Menschheit bietet Frauen ein besonders trübes Bild. Dabei wird verkannt, dass Freiheitsliebe kein per se natürlicher Antrieb des Menschen ist, sondern er zunächst auf einfacherer Stufe von seinen Einbindungen in soziale Systeme abhängig ist. Insbesondere Frauen sind oft stärker als Männer darauf fixiert, wie diese Einbindungen sich gestalten und welche Kooperationen und Wertungen sich aus ihnen ergeben. Aus dem unterschiedlichen Hierarchisierungsverhalten (Frauen haben flachere soziale Hierarchien) und der leichter ausgeübten sozialen Kontrolle (aktiv und passiv) bei Frauen untereinander ergeben sich geschlechterdifferente Anwerbe- und Argumentationsmuster. Selbst bei Kenntnis dieser Muster erstaunt jedoch, wie leicht manchmal ein freiheitlicher Ansatz zugunsten eines autoritären aufgegeben wird.

Manche Frauen sind mit Freiheit und Freizügigkeit überfordert. Das Maß der Wahlmöglichkeiten, die Anstrengung, wenn man eine Wahl hat, diese auch selber treffen zu müssen, ist manchen zu viel eigene Bemühung. Vor allem aber die Folgen, die eine eigene falsche Wahl hätte, werden gefürchtet. Eigene Wahl heißt eigene Verantwortung. Beim Scheitern eines Lebensentwurfs ist es in der modernen Gesellschaft nicht Schicksal, sondern kann aus eigenem Versagen und mangelnden Möglichkeiten sowie Zufällen zusammengesetzt sein. Es ist angenehm, statt sich Möglichkeiten zu schaffen, also gegebenfalls kreativ zu sein, sich darauf verlegen zu können, dass es ausschließlich die äußeren Bedingungen seien. Noch bequemer ist es, wenn man eine Gruppe Schuldiger ausmachen und benennen kann.

 

 

Fundamentalistische Muslime bieten nun diesen einfachen Ausweg: Ist man Mitglied dieser Gruppe, verändert sich die Sichtweise. Man ist Teil einer generell unterdrückten und marginalisierten Gruppe, die andauernd diskriminiert wird. Dass dies nicht zuletzt dem aufgeblasenen Selbstbild, einem wenig begründeten Überlegenheitswahn (es gibt Textstellen, die das hergeben), geschuldet ist, wird selten dazu erwähnt. Die Seiten von Salafisten sind voll mit Klagen, bei denen es sich häufig um völlig vorhersehbare rechtssaatliche Handlungen oder andere Vorfälle handelt, die aber unter dem Opfer-Diskurs eine andere subjektive Bewertung erfahren. Man fühlt sich noch diskriminiert, wenn einem die Vorfahrt genommen wird. Die Umgebung wird als feindlich wahrgenommen. Um so heller strahlt da die eigene Gruppe, die als edel und moralisch hochstehend verkauft wird.

Die Orientierung, die ein fundamentalistischer Islam bietet, nämlich einen klaren Lebenssinn (Bewährung), eine Aufgabe (eine gute Gattin sein) und strikte Anweisungen auch in den kleinsten Lebensäußerungen, das Totalitäre, ist jedoch für manche Frau zusätzlich verlockend. Ihr Weg zum Paradies wird ihr vorgezeichnet. Es gibt klare Regeln, wie sie sich zu verhalten hat. Die sofortige und andauernde Unterwerfung hat einen Preis und ein Ziel, das aber erst im imaginierten Jenseits erreicht wird.

Neben diesen Orientierungsaspekten darf nicht übersehen werden, dass ein klarer subjektiver Vorteil, sofern man so strukturiert ist, auch darin besteht, sich relativ ungehemmt über andere erheben zu dürfen und sie ggf. maßregeln zu können – sofern man sich selber glaubensstrenger, d.h. moralischer wähnt. Das fängt bei der abgewerteten Gruppe, den Ungläubigen an. Durch einfache Konversion bzw. Hinwendung zu mehr Glaubensstrenge allen Ungläubigen überlegen, ein einfacher Schritt. Fünf Minuten von der Reinigungskraft, der gehetzten Studentin hin zur geehrten Schwester, die sich von allen Respekt einfordern darf, wenn sie es vorher als Reinigungskraft, als Studentin selbstempfunden nicht schaffte, sich Achtung zu verschaffen. Das ist die Außenwirkung.

Übersehen wird dabei vor allem am Anfang gerne, dass es eine Gruppe Menschen gibt, die nach Glauben prinzipiell und unverrückbar über ihnen steht: Die Gruppe der nach ihrer Lesart rechtgeleiteten Männer. Diese Männer wissen das auch und deshalb wird eine Schwester, die ihren Platz nicht kennt, schon mal  darauf hingewiesen, dass es Orte gibt, wo sie nicht hingehen darf und Handlungen, an denen sie nicht teilhaben darf (es ging um einen Freiluft-Votrag von Pierre Vogel)::

 

Junge Frau Vogel Hanau 160410

Quelle: fb-Seite von Pierre Vogel

 

Das ist für eine Frau, die hier außerhalb dieser Parallelwelt sich mit AGG und Frauenbeauftragten gegen vieles zur Wehr setzen könnte, vielleicht ungewohnt. Aber das ist der Preis der Verantwortungsabgabe, der Orientierung und des gewähnten Sinnes. Als minderberechtigte Person kann man von jedem x-beliebigen der „höheren Kaste“ gemaßregelt werden. Das ist das glaubensdefinierte Recht des Stärkeren. der Herrscher hat gesprochen, selá.

Das ist das reale Leben. Bereits stärker eingebundene Frauen kennen ihren Platz. Sie streben ein angeblich einzig gottgefälliges Leben als Gattin eines Mannes an, dem sie Kinder gebären und den Haushalt führen. Sie wollen nicht arbeiten gehen, weil das Außenkontakte und Kompromisse bedeutet, die sie nicht eingehen wollen*. Befördert wird das in Deutschland durch ein soziales System, das eigentlich für ohne eigenes Zutun alleinerziehende Mütter gedacht war, aber hier dem umtriebigen Salafi von Welt noch die Zweit-, Dritt- und Viertfrau, islamisch verheiratet versteht sich, gestattet, die er sich im Herkunftsland definitiv meist nicht leisten könnte. Es gibt kitschige Werbe-Bildchen für solhe Arrangements, die in „Schwestern-Gruppen“ der sozialen Netzwerke geteilt werden. In einer der letzten Ausgaben von Dabiq, dem Magazin für den IS-Anhänger, gab es extra Seiten für Schwestern, in denen solche Mehrfach-Ehen gepriesen und als besoders vorbildlich dargestellt wurden. Ab Seite 19:

https://www.clarionproject.org/docs/islamic-state-isis-isil-dabiq-magazine-issue-12-just-terror.pdf

Gehen sie noch arbeiten oder studieren, dann manchmal nur, um – sofern sie noch nicht verheiratet sind – eine „bessere Partie“ abzugeben. Es wird alles auf das vorherbestimmte Leben als Hausfrau und Mutter ausgerichtet. In den sozialen Netzwerken gehen sie keine Kontakte mit „Brüdern“ ein, bilden ganz eigene Netzwerke, Schwesternschaften, akhwat. Freiwillige soziale Selbstkontrolle. Die eigene Beschränkung wird als besonders löblich erachtet. Es zeigen sich entweder vollverschleierte Frauen untereinander, die auch nur noch miteinander kommunizieren, oder nur noch Tier,- Natur- oer Kinderbilder. Die Frauen machen sich selbst unsichtbar. Die soziale Burka in Form von Blümchenbildern oder Koransprüchen als Profilbilder. Manche nehmen gar nur noch Freundschaftsanfragen an von Frauen, die ihrerseits keinerlei Männer in ihren Profilen haben. Wie sehr Frauen in dieser selbstgewählten Isolation abhängig sind, wie sehr sie auch entrechtet sind, mag diese Geschichte verdeutlichen:

 

Geworben wird damit, dass die Frauen besondere Schmuckstücke seien, besonders geachtet, wenn sie sich unterwerfen. Dass es besonders moralisch hochstehend wäre, wenn sie sich in die islamische Parallelwelt begeben. Dort sind sie jedoch einzig ihrem Mann – ihrem Herrscher – ausgeliefert. Die nach außen „stolze Schwester“ ist in Wirklichkeit ein unmündiges Kind, sogar in ihrer Jenseitshoffnung abhängig von ihrem Ehemann, dessen verhalten sie dulden muss weitgehend, will sie in Paradies. Es gibt innerhalb dieser Parallelwelt wenig Möglichkeiten, außer man tritt wieder heraus, schwimmt sich frei. Alles darunter sind meist, der Weg hinein und die Schalngenlinien darin – fifty schades of black.

 

 

* Die Ahmadiyya haben übrigens die Geschlechter-Trennung für hiesige Verhältnisse perfektioniert ungeachtet der Vorzeige- und Marketing-Frau Hübsch: Man sieht die Ahmadiyya-Frauen quasi nie auf den Veranstaltungen. Sie haben alles getrennt, sogar einen eigenen Fernseh-Kanal, für den alles in Frauen-Hand ist.

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