Mahnwache vom 16.04.2016

Von 15-17 Uhr vor „My Zeil“. Herzlichen Dank an die Frankfurter Polizei für den freundlichen Schutz.

Eine turbulente Aktion. Längere Gespräche waren kaum möglich.

Einige junge Frauen, westlich gekleidet und wohl Nichtmusliminnen, verkünden nacheinander, dass sie sich wegen uns schämten. Sie verstehen offenkundig nicht, was gemeint ist und reagieren reflexhaft auf den Ausdruck „Islamismus“. Diskutieren wollen sie jeweils nicht, betonen auch auf die Anmerkung, sie hätten nicht verstanden, worum es gehe, sie verstünden sehr wohl.

Ein junger Mann, englischsprachiger Muslim, lässt es sich erklären und versteht nach wenigen Sätzen, worum es geht. Er lehnt die Handlungen der Salafisten ebenfalls ab und bedankt sich für die Aktion und das Gespräch.

 

Mahnwache 160416Zwei junge Schiitinnen mit Kopftuch nutzen die Menge, um ihre Flugblätter auszuteilen. Es ist eine Veranstaltungswerbung für eine Vorstellung ihres Propheten Mohammed. Ich komme mit ihnen kurz ins Gespräch, erläutere eine Zahl auf dem Plakat und das Anliegen. Sie verstehen das, teilen die Besorgnis hinsichtlich der Wahabiten (zur Besprechung des iranischen Regimes kommen wir nicht), bleiben am Rande aktiv, nachdem ich sie bat, das doch nicht direkt bei mir zu verteilen. Sie respektieren meinen Wunsch. Es ist zwar ok was sie verteilen, aber dann doch ihrem und meinem Anliegen in der Konstellation nicht förderlich.

Der Platz füllt sich längsam, um mich und Mitstreiter stehen Trauben Menschen. Immer wieder wird von hinten gegen mein Plakat geschlagen. Einem Mitstreiter rückt man sehr nahe. Sowohl er als auch ich wechseln die Standorte auf dem Platz, immer höhnisch kommentiert mit: „Ihr habt nichts zu sagen“. Es ist schwierig, wenn gleichzeitig von mehreren Seiten ins Wort gefallen, gegen das Plakat geschlagen wird und wenn das Plakat sich dann bewegt eine nicht getroffene Person aufschreit, man hätte sie mit dem Plakat berüht und verletzt. Die Passanten rücken von allen Seiten näher. Weicht man aus, schreien andere: „fassen sie mich nicht an, sie hat mich angefasst…“. Eine teilweise anonyme Menge (manche kennen sich untereinander), die in aggressiver Weise gemeinsam agiert und jede Schwäche nutzt.

Eine junge Frau lässt sich mehrfach das Wort „Islamismus“ erklären. Wiederholt versteht sie angeblich nicht, was gemeint ist, wird immer aggressiver. Als ich sage, es hat keinen Zweck, sie verstehen es halt nicht, schreit sie: „sie hat gesagt, ich bin dumm!“ in der Absicht, andere gegen mich aufzubringen.

„Kümmert euch um eure eigenen Probleme!“ ruft ein junger Mann herüber. Ein häufiger Vorwurf, der aber nicht genannt würde in anderen Zusammenhängen. Aber das Ansprechen von Problemen, die mehrheitlich Muslime betreffen, weil dort Islamisten besonders erfolgreich sind, das stört ihn offenkundig massiv.

Mehrere junge Mädchen, vielleicht 13 Jahre alt, „westlich“ zurechtgemacht und stark geschminkt, erklären mir, ich solle „erst mal Bücher lesen“.

Sie zeigen eine häufige Haltung auf: Wer über den Islam informiert sei, wer Wissen habe, müsse zwangsläufig Muslim sein, denn dies sei die Wahrheit. Wer also kein Muslim ist, kann nach dieser Herleitung prinzipiell kein Wissen haben. Eine Art Rassismus (auch wenn das Wort Rassismus hier kaum passt): Unwissende sind alle Nichtmuslime. Der 12 jährige Muslim ist jedem Nichtmuslim prinzipiell und unverrückbar überlegen, da er im Besitz der Wahrheit ist. So einfach, so primitiv ist das. [Dieser Hinweis mag vielleicht einigen Pädagogen helfen, die sich manche Insubordination nicht herleiten können; Autorität durch sein Wissen können sie in der Sicht so geprägter Schüler nicht haben; hätten sie echtes Wissen, wären sie Muslime.]

Ein Paar mittleren Alters, sie wirken wie Akademiker, hat das Treiben eine zeitlang mitverfolgt. Sie wollen dann gehen, sind aber sichtlich irritiert über ihre Beobachtungen. Sie halten solche Aktionen für wichtig.

Zwischendurch wuseln immer wieder zwei junge Frauen durch die Menge der Passanten und versuchen wiederholt, die Menge aufzuwiegeln. Mal schreit die eine, ich solle ihr nicht zu nahe kömmen, mal rückt die andere ständig nach, wenn ich mit Dritten spreche, um meinen Gesprächspartner umgehend mit „glauben sie ihr kein Wort, sie lügt!“ zu belästigen. Die Schwestern sind nach eigener Angabe die Nichten von Abdellatif Rouali, die eine posierte auch schon für den Mekka-Shop. Sie sind häufig an diesen Samstagnachmittagen auf der Zeil. Immer rasch dabei, zu stören, aufzuwiegeln. Völlig ungehemmt in dieser Art zu agieren. Ein junger Mann skandiert „Allahu akbar“. Es bleibt jedoch ohne größeren Widerhall.

Zwei junge Männer, vermutlich Muslime, wollen wissen, woher ich denn komme. Ich erläutere kurz und versuche dann zum Sinn der Aktion zu kommen. Der interessiert sie aber gar nicht. Sie sehen mein SPD-Schlüsselband und sagen, dass ich unmöglich SPD-Mitglied sein könne, denn sie seien ja in der Partei. Sie geben an, aus Mannheim zu kommen. Ich sage ihnen knapp, wo in Mannheim die salafistischen Problemzonen sind; auch das interessiert sie leider nicht. Wie es scheint Jusos mit ganz eigener Agenda. Nach den Grundwerten der SPD hat wohl nie jemand gefragt, sondern nur gesagt, komm, ist lustig bei uns, kannste irgendwann ein Mandat kriegen. Jusos waren auch schon mal informierter.

Ein älterer Mann versucht, normale Gespräche zu torpedieren, indem er immer wieder verkündet, ich löge, ich sei Atheistin. Ein anderer älterer Mann, vielleicht Afghane, fängt an, laut an, „Rasisstin, Rassistin“ zu schreien und dass ich Frankfurt verlassen solle. Nach kurzem stimmt ein älterer Radfahrer ein. Beide versuchen, die Menge aufzuwiegeln. Zu dem Radfahrer versuche ich eine Erklärung; auch er meint, dass er völlig verstanden habe, er schreit weiter. Er bezweifelt meine Anmeldung, worauf ich einen Polizisten bitte, das zu klären. Dieser geht zu dem Mann, spricht kurz mit ihm. Nach wenigen Minuten kommt der Radfahrer wieder an. Nun in leiserem Tonfall fährt er fort, herabzusetzen. Auch er hört nicht mal einen Satz lang zu, sondern will nur seine reflexhafte Ablehnung bekunden. Der afghanischstämmige Mann versucht sich erst bei einem Mitstreiter, um dann wieder mich aggressiv auf 30 cm Abstand anzubrüllen. Was ich gegen Waffenlieferungen täte und gegen die Saudis. Ein Mann mit Fussballtrikot stellt sich plötzlich zwischen mich und den Afghanen, will wohl schützen. Der versucht, ihn weg zu schieben. Einen Moment lang ist fraglich, ob die beiden aneinandergeraten. Ich weiche ein paar Schritte aus, behalte aber den Mann im Trikot im Auge. Jenseits von Verwünschungen beruhigt es sich wieder, der Afghane versucht an anderer Stelle und mit Abstand wieder seine Parolen zu brüllen.

Ein Junge, der schon mehrfach wegen aggressiven Verhaltens auffiel, ist wieder da. Er hatte sich mir gegenüber als Marokkaner ausgegeben in einer zurückliegenden Aktion; wir hatten einander jedoch auf der türkisch-nationalistischen Demo letzten Sonntag erkannt. Er trug eine türkische Fahne als Umhang. Darauf angespriochen, interessierte ihn seine Lüge mir gegenüber nicht im Mindesten. De völlige Abwertung tritt auch darin zutage, dass völlig egal ist, was „einer wie mir“ erzählt wird. Letzten Sonntag hatte er versucht, seine Landsleute gegen mich aufzuwiegeln, indem er rief „das ist eine Atheistin! Sie kommt in die Hölle!“.

Ein junger Mann schreit mittenrein, wie viel Geld es koste, wenn ich gehen würde. Eine Reihe Jungen findet das lustig und setzt Unflätiges hintendran. Ein Ahmadi s.u. anscheined auch. Er ruft in die Menge „die hat keinen Job! Die viele Polizei bezahle ich mit meinen Steuern!“. Nur Minuten später heißt er einen Mitstreiter einen Idioten als ihm die Argumente ausgehen.

Der mir durch eine Veranstaltung bekannte Ahmadi ergötzt sich länger darin, die Menge wechselnd gegen mich und einen Mitstreiter anzuheizen. Er rückt immer wieder nach, hat sichtlich eine große Freude darin, dass die muslimischen Passanten in der Überzahl sind und aggressiv werden, woran er erheblichen Anteil hat. Obwohl angeblich Akademiker, sogar Jurist, wird er ausfällig. Er nutzt die Menge geschickt. Die begleitende junge Frau, wohl die Gattin, ist nicht minder aggressiv. Auch sie ist äußerst herablassend und keift. Auch mit ihr ist kein Gespräch möglich.

Ein weiterer Mann mittleren Alters tritt heran und schreit mich an. Der Versuch, zu erläutern, scheitert, er redet sich in noch mehr Aggression hinein: „Was ist mit den Juden? Schämen sie sich! Das wollen sie heute mit uns machen!“ Er wiederhot das mehrfach, aufgebracht und vor Wut schnaubend.

Ein Schritt zurück: Zu der Reaktion brachte ihn das Plakat: „Mahnwache gegen Islamismus“

Eine kleine dralle Frau, vielleicht Kosovarin, läuft keifend auf und ab vor mir, vollzieht meine Ortswechsel auf dem Platz mit. Sie schäumt vor Aggressivität, erscheint nur durch die Polizei und den Umstand knapp gehemmt, dass sie vielleicht 1,55 ist und ich über 1,80. Eine Auswahl ihres farbigen Redeflusses, wechselnd zur Menge und zu mir gerufen: „sie hat letztes Mal auf die Fresse gekriegt von meinem Mann“, „ohne Polizei könnte sie nicht so dastehen“, „er hat sie von hinten genommen hier“*, „ich schick dir mal meinen Mann vorbei, damit du weist, was ein muslimischer Mann ist“ usw.
Zwischendurch versuche ich mit einem interessierten Passanten ein Zweiergespräch zu führen. Die kleine Dralle und die Rouali-Nichten rücken mir ständig nach, Fraudeckung, damit ich mit dem Mann nicht ein Wort unter 4 Augen reden kann. Sie verbünden sich spontan, ebenso wie sich der genannte Ahmadi spontan zum Aufwiegler seiner weniger sprachlich begabten Glaubensgeschwister aufschwingt.
Was auffällt: Auch muslimische Personen, mit denen man unter 4 Augen ein passables Gespräch führen konnte, intervenieren da nicht, sie halten ihre Glaubensgeschwister nicht zurück. Sie stehen stumm und beobachtend da.

Derweil hat ein junger Mann ein Pappschild gebastelt, anscheinend aus Herumliegendem. Er stellt sich in 10 m Entfernung auf. Anscheinend eine Gegendemo der mißverstandenen Art. Auf dem Schild steht in wackeliger blauer Schrift: „Islam ist Frieden“.

 

 

* Sinngemäß. Die tatsächlich benutzten Worte waren noch „ausdrucksstärker“.

** Nach sehr vielen Gesprächen mit Passanten im Laufe der Zeit muss man konstatieren, dass die großen Bemühungen, Islamkonferenzen, runden Tische etc. nicht bei den muslimischen Passanten auf der Strasse ankommen. Es müssen andere Wege der Kommunikation gefunden werden. Das leider nicht unübliche Klagen der Verbandsvertreter hat Spuren hinterlassen in der Selbstwahrnehmung. Vielleicht befördert auch das, was in den Moscheen erzählt wird, eine solches Eigenbild. Zumindest ist die gegenwärtige Kommunikation nicht geeignet, den Opfer-Diskurs in der Breite aufzulösen. Wenn die Hoffnung bestand, dass man über besonders geförderte Partizipation muslimischer Verbandsvertreter und Funktionäre eine positive Rückkopplung in die Community erzielen würde, so erscheint dies fruchtlos. Personen, die weiter weg sind vom politischen oder akademischen Diskurs, werden nicht erreicht.

5 Gedanken zu „Mahnwache vom 16.04.2016

  1. Gerne.

    Einer der erstaunlichen Punkte ist ja, dass der Begriff „Islamismus“ schon als Provokation verstanden wird. Das ist nun mal der Fachbegriff für den politischen Islam mit gesellschaftlichem Gestaltungsanspruch. Welchen anderen Begriff wollte man für Gruppierungen, die religiös motiviert ein anderes Gesellschaftssystem wollen und darauf hinarbeiten, denn nehmen?

    Welche Aktion, die das benennt, was dort und auf vielen Strassen bundesweit passiert, wäre nicht „provokant“ in Ihrem Sinne? Machen Sie doch mal Vorschläge.

    Im Übrigen ist es bedenklich, dass die Koranverteilungsaktionen, die immerhin zu Ausreisen nach Syrien führen und Menschen dazu bringen, ihr und das Leben ihrer Familien zu zerstören, anscheinend NICHT als Provokation verstanden werden. Zumindest nicht als provokant genug, um dafür auf die Strasse zu gehen.Was muss da noch passieren?

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  2. Ein mutiger Beitrag zum Thema. Auch wenn die Aktion wissentlich provokativ war, ist es erschreckend wie agressiv die Reaktionen waren. Ihr Fazit gibt mir zu denken, vielen Dank für ihren Bericht.

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  3. Es ist immer lustig, von Aussenstehenden gesagt zu bekommen, wofür die SPD steht.

    Mit Verlaub, das ist eine Fehleinschätzung.
    Auch die jungen Mannheimer Genossen irren. Sie sollten sich erst einmal mit Politik auseinandersetzen. Eine Partei ist nicht für ihr persönliches Wunschkonzert da.

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  4. Tja, anscheinend sind sie noch nicht ganz in der Realität angekommen.
    Wir befinden uns im Krieg! Angegriffen wird unsere freiheitliche Grundordnung.
    Die einzige, die nicht versteht wofür die SPD steht, sind sie.

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