Mahnwache vom 23.04.2016

Von 15-17 Uhr vor dem „My Zeil“ in Frankfurt. Vielen Dank an die Frankfurter Polizei für die gute Betreuung. [Man beachte auch den Bericht einer Mitstreiterin, der als Kommentar unten angefügt ist. SHM]

Unmittelbar nachdem eine Mitstreiterin und ich unsere Plakate hoch genommen hatten, flanierte ein junges Ehepaar vorbei. Sie hatten ihren kleinen Sohn, vielleicht 3 oder 4 Jahre alt, dabei, den der junge Vater an der Hand führte. Die Mutter schob einen Buggy. Beide wirkten modern, wie junge Akademiker mit Migrationshintergrund wie es viele gibt. Nichts äußerlich Auffälliges. Diagonal an einer Mitstreiterin vorbeilaufend erklärte der junge Mann seinem Nachwuchs laut: „Und das sind die Menschen, denen wir den Tod wünschen.“ Das junge Paar blieb nicht einmal stehen, sondern setzte seinen Weg unbeirrt fort. Keine Aufregung, kein Geschrei, sondern nur die ruhige Erläuterung eines jungen Vaters. Wie im Zoo, wenn man an einem Affenkäfig vorbei läuft und seinem Kind freundlich die Welt erklärt. Wir waren – was selten vorkommt – sprachlos. Es war so unaufgeregt und normal und gerade dadurch wirkte es so beklemmend irreal.

 

Mahnwache 160423

 

Eine jüngere Frau, vielleicht 30 Jahre alt und wohl mit Migrationshintergrund, ließ sich die Aufschrift meines Plakates erläutern. Immer wieder insistierte sie, dass sie verstanden hätte, um dann auf falsch Verstandenes leicht aggressiv zu reagieren. Strohmänner am laufenden Band. Sie sei keine Muslima, sagte sie, aber mein Plakat „Mahnwache gegen Islamismus“ sei rassistisch. Weitere Erläuterung. Der Islamismusbegriff sei falsch, meinte sie. Ich riet zur Information bei der Bundeszentrale für politische Bildung*, wo sie sich über den Begriff und vor allem die Hintergründe informieren. könne. Ich fügte noch an, sie hätte diesbezüglich einen Nachholbedarf an Bildung, wen sie sich nicht von mir aufklären lassen wolle, so könne sie dies bei der bpb tun. Das regte sie nun sehr auf. Sie sei sehr gebildet meinte sie, schließlich sei sie Lehrerin. Wie spannend, dass das Pädagogik-Studium neuerdings allwissend macht. So gingen wir auseinander, sie unbeirrt. Diese falschen Inhalte gibt sie nun weiter; das ist jemand, der als Lehrerin entweder die Materialien der bpb nicht anfordert oder die so weit relativiert, dass sie für die Schüler sinnlos werden, sollte sie ein entsprechendes Fach lehren. Die konservativen bis fundamentalistischen Verbände können sich freuen: Ihre Umdefinition bzw. Zurückweisung des Islamismus-Begriffs funktionieren bei erheblichen Teilen der Community und noch weit darüber hinaus. Die Fehldefinition bzw. die Zurückweisung des Begriffs gelten selbstempfunden als Bildung, kein Hauch eines Zweifels war da zu erregen.

Ein englichsprachiger Israeli ließ sich die Aktion erläutern. Nach wenigen Sätzen weiteten sich seine Augen: Oh! Hier? Er meinte dann, er verstehe völlig, er kenne „diese Dinge“ ja aus Israel. Deutschland könne und solle von Israel in dieser Hinsicht lernen. Da waren wir völlig einer Meinung.

Drei etwa 15 jährige Jungen hörten erst zu und ließen sich dann informieren. Sie wollten eigentlich auch darüber sprechen, dass sie an ihrer Schule – eine Privatschule, wie sie sagten – zwar Ethik-Unterricht hätten, dieser aber mit christlichen Elementen durchsetzt sei. So ganz neutral sei das nicht, meinten sie. Ansonsten fänden sie es besser, wenn man mit „diesem ganzen Religionskram“ eher in Ruhe gelassen werde. Da mich diese Haltung verwunderte, gab ich dem einen meine Kontaktdaten (wir konnten dann nicht weiter sprechen wegen Störungen).

Teile der Szene waren vor Ort. Junge Mädchen, junge Frauen werden oftmals vorgeschickt, um ganz nah heranzukommen. Dahinter die Männer als (versuchte) Drohkulisse. Hinter einem postieren sich weitere Männer. Gruppen junger Männer fanden sich, teilweise auch spontan wirkend zusammen und diskutierten miteinander. Während ich mit einem Mitstreiter sprach – die Menge hatte zu ihm und mir gerade etwas Abstand – machte sich ein großer Mann, vielleicht 20, den zweifelhaften Spaß, auf mich zuzustürzen. Da man auf der Strasse und in dieser Situation sehr flotte Reflexe hat, ich ihn aber nur aus dem Augenwinkel gesehen hatte, nahm ich instinktiv das Plakat schützend runter vor meine Mitte, wohin die Bewegungen zielten. Es geschah nichts, er richtete sich wieder auf und er ging zur Gruppe zurück, wo man sich sehr über meine instinktive Bewegung freute. Es verwundert auch immer wieder, dass sich bereits etwa 10 jährige Jungen offensichtlich nur in Begleitung allenfalls eines Freundes frei und ohne Eltern in der Innenstadt aufhalten. Ob da die Aufsichtspflicht immer zur Genüge wahrgenommen wird, darf bezweifelt werden.

Eine Frau, die inmitten einer Gruppe anderer stand, die am Rande beobachteten und Zigaretten rauchten, schrie herüber, dass diese ganze Polizei von ihren Steuern bezahlt werde (alle aus der Gruppe waren im mehr oder weniger gepflegten Hippie-Look unterwegs). Das sei das allerletzte. Ähnliches habe ich noch nicht von Demos gehört, wenn es um „Legalize it!“ oder veganes Essen geht. Aber wenn es darum geht, mehrheitlich muslimische Jugendliche vor der Strassenradikalisierung zu schützen, dann hat man plötzlich Furcht, dass die Tabaksteuer falsch angelegt werde. Ein guter Teil derer, die solche „Argumente“  (das kommt gelegentlich) bringen, ist übrigens völlig entspannt, wenn man ihnen erklärt, dass die Polizei wegen sich evtl. zusammenrottender LIES-Unterstützer da ist. Oft genug ist man dann der Meinung, dass das „uns nur recht geschieht“. Auch eine Form von Aggression, aber von Personen, die häufig ein besonders friedliches Eigenbild von sich haben.

Zwischendrin hielt mir ein junger Mann, vielleicht 18, mehrfach sein Handy direkt vors Gesicht. Ich verbat mir dieses, was ihn aber nicht störte. Ich verwies auf die Polizei, was ihn aber auch nicht aufhielt. Auf meinen Hinweis, ich könne seine Personalien feststellen lassen, reagierte er ungerührt, er hätte auch noch ein zweites Handy, wenn ihm das eine abgenommen werden sollte. Da er fortfuhr zu stören, bat ich die Polizei dann doch, die Personalien festzustellen, falls etwas davon im Netz landen sollte. Erst danach konnte ich wieder mit Passanten reden.

Gegen Ende trat eine junge, sehr große Frau auf mich zu inmitten einer Gruppe weiterer, eher kleiner Frauen. Zwei Kinder hatte sie dabei, vielleicht 4 und 6 Jahre alt. Sie outete sich als Muslima, was sich nach dem Äußeren nicht aufdrängte, Typus Osteuropäerin, stark geschminkt, keine religiöse, sondern sehr „westliche“ Kleidung. Sie baute sich mir gegenüber auf, d.h. sie nahm eine bewußt körperlich bedrohliche Haltung ein (sie war fast 1,90) und rückte sehr dicht auf. Sie wurde schon nach zwei Worten ausfallend und sehr unverschämt. Sie schrie halb, sie würde ja auch nicht gegen Christen demonstrieren und „sie“ dürften „so etwas“ ja gar nicht. „Wir“ würden aber sowieso aussterben. Die volle Kanne Dummheit, Fehlinformation und Opfermythos. Ein normaler Wortwechsel war mit ihr nicht möglich, da sie nur ihre sehr deutlichen Aggressionen ablassen wollte. Nach mehreren Minuten meinte sie, sie wäre das damals s.u. ** gewesen, die mein Plakat beschädigt hätte und übergriffig wurde. Ich blicke herum: Mitstreiter stehen entfernter, aber mehrere Zeuginnen stehen ja um uns herum. Ich sehe in höhnische und abweisende Mienen. Nach meiner Einschätzung der Lage hätten alle spontan geschworen, dass sie das also wirklich nicht gesagt hat. echt nicht. Ich bildete mir das ein und würde nur eine harmlose Muslima anschwärzen wollen. Ich sei eine widerwärtige Nazi-Person und verlogen bis ins Mark. Da ich genau so etwas schon mehrfach erlebt habe, verzichtete ich auf die Feststellung der Personalien, die Polizei war ja gerade beim Handy-Filmer tätig geworden.

Es hinterlässt ein merkwürdiges Gefühl, wenn man wegen der Unterzahl und ungehemmter Lüge quasi entrechtet wird. Das hat etwas von Kafka oder der Realität totalitärer Systeme. Wenn Zeugen aus einem realen oder imaginierten Eigennutz frei lügen, besteht in einem solchen Umfeld keine Chance. Ich bin mir leider ziemlich sicher: Sollte mir dort auf der Strasse einmal etwas passieren, würden sich etliche Zeugen finden, die bekunden würden, das sei vom Angreifer in Wirklichkeit nur Notwehr gegen mich gewesen. Das einmal zur Stimmung vor Ort. Da braucht es schon einen stabilen Realitätssinn und Charakterfestigkeit, um weder zu verallgemeinern noch zu verzweifeln.

 

.

 

* Bei der bpb gibt es leider mittlerweile auch einige befremdliche Einbindungen und Vorgaben. Dazu wird demnächst ein Artikel kommen

** https://vunv1863.wordpress.com/2015/11/01/mahnwache-vom-31-10-2015/

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4 Gedanken zu “Mahnwache vom 23.04.2016

  1. Hier noch der ausführliche Bericht einer Mitstreiterin:

    [Sie hatte auch noch einmal die Sache mit dem jungen Paar geschildert, etwas, was ich wegen Doppelung nun wegredigiert habe. SHM]

    Umringt von jungen Menschen beiderlei Geschlechts mit Migrationshintergrund, die Mädchen mit und ohne Kopftuch, frage ich die Mädchen, was denn wäre, wenn sie lesbisch seien. Die Mädchen krümmten sich, kicherten eher auch ein wenig verschämt und sagten: „Iiihhh!“ So etwas auch nur zu denken, kommt in ihrer Vorstellungswelt nicht vor. Ein etwas älterer Wortführer im Hintergrund (ca. 25 Jahre) äußerte, dann wäre es besser für sie, tot zu sein. Diese Argumentation ist nach konservativ-islamischer Auslegung ja nun auch folgerichtig.
    Ein autochthoner junger Mann um die Dreissig kommt auf mich zu und fragt mich, warum auf dem Schild „Islamismus“ stehe. Ich erkläre es ihm, wir verstehen uns ein wenig miss und er sagt mir dann, er habe den Koran aus großem Interesse dreimal gelesen, er triefe vor Gewaltstellen und auf dem Schild müsse deshalb „Islam“ stehen. Er erzählt mir, dass er Christ sei, sich einmal in der Woche um Jugendliche kümmere, die überwiegend einen entsprechenden Migrationshintergrund haben. Er habe diese Jugendlichen gefragt, was sie als erstes täten, wenn sie König von Deutschland wären und sie antworteten ihm, sie würden die Scharia einführen. Seine Einlassung, dass dann ihrem Kind nach einem Diebstahl vielleicht die Hand abgehackt werden könne, hat sie etwas zum Nachdenken gebracht.
    Eine junge Muslima, eher Akademikerin, zwischen 25 und 30, sichert uns ihre volle Zustimmung zu, nachdem sie sich die Hintergründe hat erklären lassen. Sie sei gerade in den Bund liberaler Muslime von Lamya Kaddor eingetreten und finde, dass sich die liberal eingestellten Muslime zu wenig selbst zu Wort meldeten.
    Umringt von den uns bereits hinlänglich bekannten jungen, islamisch gewandeten Mädchen führe ich aus, wann das Gebet ungültig wird, nämlich, wenn erstens eine Frau vorbeigeht, dann der besagte schwarze Hund, der der Teufel ist sowie an letzter Stelle der Esel. Sie konnten das auch gut verstehen, denn der Mann würde doch durch die Frau abgelenkt. Mein Einwurf, dass in der Kirche Männer und Frauen miteinander gemeinsam beten, war für sie nicht nachvollziehbar. Bei den Muslimen sei es eben so. Punkt und aus! Aus dieser Gruppe heraus wurde ich ständig beleidigt, ich sei hässlich und stinke.
    Die Sure mit den widerspenstigen Frauen und ihrer Strafe wollten sie unbedingt vorgelesen haben, nachdem ich Ihnen davon erzählt hatte. Sie glaubten es mir erst einmal nicht, was ja nachvollziehbar ist. Nachdem ich sie nun vorgelesen hatte, kam das klassische Argumentationsmuster. Ich müsse den Koran auf Arabisch lesen, erst dann könne ich behaupten, was ich gesagt habe. Der Koran sei nicht übersetzbar. Und so stehe es bestimmt nicht im Koran.
    Zweimal wurde ich im Weggehen als „Fotze“ bezeichnet, ein junger Muslim musste an sich halten, um mich nicht zu treten (er machte eine entsprechende Bewegung), ging dann fluchend schnell weg.
    Zwei ältere deutsche Frauen kommen nach ausgiebiger Hörprobe und mehrmaligem Stellungswechsel meinerseits noch einmal extra auf mich zu, um mir zu sagen, dass sie diese ständigen Beleidigungen nicht selbst ertragen könnten und dass sie es mutig finden, sich einer solchen Menge auszusetzen.
    Ein älterer Rumäne, seit 30 Jahren in Deutschland lebend, sagt mir, es sei wohl schon zu spät, das „Problem“, wie er sich ausdrückte, werde allein durch die Demographie gelöst. Und die Muslime selbst hätten es ihm immer wieder auch so gesagt. Eine Slowakin oder Tschechin erklärt mir in schlechtem Deutsch, dass sich die Muslime nie integrieren werden und sie immer unter sich blieben. Sie war offensichtlich muslimfeindlich. Diese Beobachtung habe ich im Kontakt bereits mit vielen Osteuropäern machen können.
    Als ich, wiederum in einer Ansammlung junger Menschen mit Migrationshintergund sagte, alle Religionen müssten gleich behandelt werden, erhielt ich sogar Applaus. Der Sinn dieser Aussage ohne weitere Ausführung hat sich diesen jungen Leuten wohl nicht so recht erschlossen.
    Ein älterer Muslim mit Käppi versucht, mich auf Englisch anzugreifen, ich bin zu dem Zeitpunkt umringt von Menschen. Es sei falsch, was auf dem Plakat stehe und so weiter … Darauf schreitet sofort ein etwas älterer, hochgewachsener Mann mit dunklen Haaren, augenscheinlich kein Autochthoner, ein und erwidert ihm, ebenfalls auf Englisch, es sei alles richtig, was auf dem Plakat stehe und ich sei “ a brave woman“ und „a hero“. Ich frage ihn, warum er so vehement reagiere und woher er komme. Er antwortete mir auf Deutsch, er sei Atheist und ging dann sofort weg ohne weitere Ausführungen. Danach entfernte ich mich aus dieser Menge, in der dann untereinander heftig weiterdiskutiert wurde. Auf diese Weise kommen die Menschen immerhin ins Gespräch und in die Auseinandersetzung.

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