Die letzte Unterwerfung

Werbung für die weibliche Genitalverstümmelung von Fundamentalisten und Fundamentalistinnen in den sozialen Medien

Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein schwer wiegender Eingriff in die weibliche Sexualautonomie, der weltweit etwa 200 Mio. Frauen unterzogen wurden. Dieser Eingriff ist meist mit relevanten, oft irreversiblen gesundheitlichen Problemen verbunden und führt bei Ausführung unter unhygienischen Bedingungen durch meist weibliche Laienbeschneiderinnen in Entwicklungsländern oftmals auch zum Tod der Mädchen.

Der Artikel 24 der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen legt im Text fest, dass Kinder Anspruch darauf haben, vor Traditionen geschützt zu werden, die ihre körperliche Unversehrtheit und Gesundheit beeinträchtigen. Dort heißt es:

(3) Die Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.

https://beck-online.beck.de/?vpath=bibdata/komm/SchmKoKRK_1/KindRechteUeb/cont/SchmKoKRK.KindRechteUeb.a24.htm

Der Berliner Prediger Abul Baraa erteilte schon vor Jahren in Berlin jedoch Unterrichte, die sich mit der weiblichen Genitalverstümmelung auseinandersetzten. Baraa stellt das je nach individuellen anatomischen Gegebenheiten in das Ermessen. Die Frage darf gestellt werden: Wer entscheidet das?
Frauen selber, die nach seiner Lesart nicht einmal eigenständig heiraten dürfen, sicher nicht. Man kann sich gruselige Vorstellungen davon machen, wie medizinisch ungeschulte aber dafür umso mehr religiös indoktrinierte Personen darüber beratschlagen, was dem Mädchen belassen werden darf oder was nach Sunnah entfernt werden sollte (man kann auch berechtigt fragen, wie der Herr Baraa das mit den eigenen Töchtern, wenn er welche hat, hielt):

 

 

Relativ neu ist das Phänomen, dass sich Frauen offen dazu bekennen bzw. selber Werbung dafür machen, die Genitalverstümmelung durchzuführen. Dominiert wurde die Debatte zuvor – wenn überhaupt, das Thema ist in den entsprechenden Communities selber stark tabuisiert – durch die berechtigte Brandmarkung des Eingriffs in der Mehrheitsgesellschaft und die Wortmeldungen waren die derjenigen, die unter der Verstümmelung litten (s. z.B. das Buch von Waris Dirie). In den Herkunftsländern hingegen kursiert auch unter Frauen noch oft genug der Wahn, nur so werde das Mädchen einen Mann finden, nur so sei es rein, nur so könne es heiraten. Frauenorganisationen machten immer wieder auf die Problematik aufmerksam. Das Sprechen der Betroffenen selber erforderte großen Mut, denn jenseits der erlittenen Verstümmelung wurde die Frau oft genug als Verräterin aufgefasst: Unsere Tradition – unsere Sache.

Das ist jedoch kein reines Import-Problem mehr. Auch hier gab es die letzten Jahre schon manchmal beim Kinderarzt erschütternde Erkenntnisse: Die Mädchen waren im Heimaturlaub der Prozedur unterzigen worden (oder gar vom angeblich wohlmeinenden europäischen Kollegen („sie machen es sowieso, dann lieber unter hygienischen Bedingungen“) operiert worden). Nicht immer fand der entdeckende Arzt dann den Weg zur Polizei, nicht immer wurde, wie es angemessen ist, das Jugendamt eingeschaltet. Bei der Abwägung, dass der entstandene physische Schaden meist sowieso kaum noch zu beheben ist und dem Entzug des Sorgerechts, fand man dann manchmal den bequemen Ausweg, einfach nichts gesehen zu haben.

Erst, wenn die betreffende Frau medizinische Probleme hatte oder das erste Kind unterwegs war, zeigte sich dann dem erschreckten Gynäkologen, was man dem Mädchen angetan hatte. Tradition und das Tabu weiblicher Sexualität fordern ihren Preis. Die Frau gehört sich nicht selbst, sondern ist nur als künftiger oder aktueller Besitz von Interesse: die Frau ist nicht so sehr Frau, sondern Jungfrau oder Mutter. Nur als Jungfrau oder Mutter ist die Frau in Grenzen rein, ein fatales und vormedernes Frauen- Und Menschenbild der übelsten Sorte. Sexuellen Eigenbedarf hat sie allenfalls insoweit zu haben, als er in einer Ehe ausgelebt wird. Da ist es doch praktisch, wenn Sex sowieso keinen Spaß mehr macht. Jeder Akt der einer der Unterwerfung, weil das eigene Verlangen nicht wirklich gestillt werden kann und nur – ganz viktorianisch – die Augen schließen und an England denken die Option ist. Die Vernichtung der klitoralen Sexualität als Sicherheit für lebenslange Keuschheit, die Jungfräulichkeit und die eheliche Treue. Wie man am Beispiel des Abul Baraa-Videos sehen kann, werden diese alten Traditionen wieder und wieder belebt. Da ist nicht der Hauch eines schlechten Gewissens bei dem Herrn. Für ihn ist es „nur“ seine Religion, der er sich unterwirft. In der Langfassung des betreffenden Unterrichts führt er denn auch aus, dass der Islam (seiner Lesart) nicht Frieden, sondern Unterwerfung bedeute.

Als Begründung genügt also folgerichtig der modernen, hippen Fundamentalistin, dass es Sunnah sei und ein Ausspruch des Religionsgründers:

 

 

Die finale Unterwerfung unter den Glauben und den Mann. Schmackhaft gemacht wird die Aufgabe einiger wichtiger Aspekte sexuellen Erlebens durch den Verweis, man werde dadurch schöner. Oder es sei „hygienischer“:

 

Das Fatale ist: Wenn die Damen denn mal wieder aus ihren fundamentalistischen Submissionsträumen erwachen sollten, können sie diesen Vorgang nicht rückgängig machen wie das Anlegen eines Niqab. Oder schlimmer noch, sie beschädigen islamistisch umnachtet die eigenen Töchter.

Das alles muss wieder mehr thematisiert werden – auch im Sexualkunde-Unterricht. Sonst holen sich die Mädchen die „Informationen“ bei Abul Baraa oder den „stolzen Schwestern“, die ihre finale Unterwerfung bereits hinter sich haben und oft nicht mehr anders können, als diesen Schritt im Nachhinein zu loben: Zu hoch wäre der Preis der Erkenntnis, dass man im religiösen Wahn einen kapitalen Fehler gemacht hat. Dann lieber andere ins Unglück reißen: Geteiltes Leid ist halbes Leid, das Schicksal und die Bestimmung der Frau ist Unterwerfung.

Aufklärung ist Schutz!

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