Mahnwache vom 21.05.2016

Von 15-17 Uhr vor dem „My Zeil“. Herzlichen Dank an die Frankfurter Polizei für die umsichtige Betreuung.

Besonderer Dank gilt auch der Initiative „extrem dagegen“ aus Herford. Die Präventionsinitiative mit und für Jugendliche setzt Engagement für die Demokratie gegen Extremismus. Mit Workshops, Besuchen und Aktionen gestalten Jugendliche ihre Auseinandersetzung mit allen Extremismusformen. Eine kleine Gruppe Jugendlicher mit ihrer Lehrerin Birgit Ebel war zu Gast auf der Mahnwache, um sich die Aktion anzuschauen und die Reaktionen der Bevölkerung zu beobachten, ggf. auch mit einzusteigen in die Diskussion mit den Passanten. Die Gruppe war eher am Anfang der Aktion da, da sie noch einen Anschlußtermin hatten. Vielen Dank fürs Kommen und Mitmachen, die Visite war eine Bereicherung für uns!

Hier die Facebook-Seite der Initiative:

Extrem dagegen

 

Eine junge Muslima, bosnischstämmig und westlich gekleidet, ließ sich die Aktion erklären. Sie verstand den Sinn der Aktion im Gespräch und liess sich auch nicht durch einen Störer, der unser Gespräch verunmöglichen wollte und mich beschimpfte, irritieren. Sie hatte den Fall der beiden jungen Wienerinnen, die radikalisiert von einem extremen Prediger nach Syrien aufgebrochen waren und jetzt beide tot sind, mitbekommen. Sie pflichtete bei, dass noch viel mehr an konkreter Aufklärungsarbeit erfolgen muss.

Eine Gruppe junger Frauen stieg in die Debatte mit Fragen ein. Nach kurzem wurde klar, dass sie an den Antworten nicht interessiert waren, sondern nur gegen Unverstandenes gegenhalten wollten. Ich brach das Gespräch ab, was sie höhnisch kommentierten und nachrückten nur um wieder von vorne zu beginnen. Ein Junge, vielleicht 13, wertete vor dieser Gruppe massiv ab. Er kenne etliche, die bei „LIES!“ mitmachten, das seinen nur gute Muslime. Meinem Verweis auf die Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung begegnete er damit, dass er schon verstünde und er schon gebildet sei im Gegensatz zu mir. Das ist auch ein wiederkehrender Narrativ: Wer den Islam kenne, müsse zwangsläufig ein Muslim sein oder werden, denn wahre Bildung werde unzweifelhaft dazu führen, dass man „die Wahrheit“ erkenne. Als Muslim ist man damit gebildet, ein Nichtmuslim habe entweder keine Ahnung vom Islam oder sei einfach zu dumm, um „die Wahrheit“ zu sehen. Als letzte Alternative bleibt die vermutete Bösartigkeit, die teuflisch inspirierte Gegensätzlichkeit zum Islam. Ungläubige sind in dieser einfachen Weltsicht ausschließlich negativ konnotiert und auch ihr Wissen. Das erklärt manchen Überlegenheitswahn schon von Kindern: Man lehrt sie, einer genuin überlegenen Gruppe anzugehören.

Ein junger Mann schlenderte vorbei und fragte, wie viel es koste, wenn ich ginge mit meinen Plakaten, ich würde doch sicher bezahlt für den Auftritt in der Öffentlichkeit. Wie bei Vielen fehlt es am Verständnis für eine politische Betätigung und der Normalität dieses Tuns. Mancher kann sich einfach nicht vorstellen, dass man Aufklärungsarbeit macht ohne Geld dafür zu erhalten. Es dient wohl auch der einfachen Herabsetzung. Mit den Inhalten eines vermuteten Claqueurs muss man sich nicht auseinandersetzen.

Etliche Minuten lang baut sich ein größer Mann vor einer Mitstreiterin auf und brüllt ihr aus 30 cm Entfernung die ganze Zeit ins Gesicht. Der ältere Mann, vielleicht 60 und autochthon, hat erkennbar kein Problem damit, sich so einer Frau gegenüber zu verhalten. Die Mitstreiterin erträgt das stoisch ruhig. Als er immer noch erbost wegläuft, ruft sie ihm hinterher: Und trotzdem gilt die Religionsfreiheit. Der Mann hatte sich offenkundig über die Rückseite des von ihr gehaltenen Plakats erregt, die besagt „Friedliche und säkulare Muslime, schließt euch an!“.

Eine junge Frau fragte vor der Gruppe, woher denn die Zahlenangabe 80 Prozent muslimischer Betroffener durch Strassenradikalisierung stamme (ich nehme diese Zahl um zu verdeutlichen, dass mehrheitlich muslimische Familien durch diese Umtriebe zerstört werden). Der Verweis auf die Ausarbetung des Gemeinsamen Terrorabwehrzentrums und wo sie diese auffinden (BKA-Seite) könne, stellte nicht zufrieden. Wie ich denn wissen könne, ob das stimme. Ich verwies darauf, dass das BKA eine seriöse Bundesbehörde sei. Was das BKA sei und woher ich wisse, dass dieses seriös sei usw. Nach längerem Palaver kristallisierte sich ein übliches Verfahren heraus: Nachfragen um der Beschäftigung Willen nicht wegen des Inhalts. Alles, um auf den einen Moment hinzuarbeiten, an dem keine Antwort mehr gewusst wird, an dem man alleine durch diese Fragetechnik ohne inhaltliche Auseinandersetzung sich am Ende als „Sieger“ fühlen kann. Entlarvt man die Technik, wird aggressiv gekontert und wieder von vorne begonnen.

Eine weitere Gruppe junger Frauen fragte ebenfalls nach. Sie beharrten darauf, dass ich nach Hause gehen solle und „etwas Sinnvolles tun“. Auf die Nachfrage, was sie einer Mutter erzählen würden, deren Sohn durch das Umfeld der „LIES“-Aktivisten angeworben worden sei und von dem sie seit vielen Monaten kein Lebenszeichen mehr hätte, meinten sie, das sei eben die Schuld schlechter Erziehung. „LIES!“ hätte damit nichts zu tun und überhaupt ginge mich das nichts an. Auf den Hinweis, dass wir das nur machen, weil die über 40 Moschee- und Kulturvereine Frankfurts islamischer Konnotation eben so etwas nicht machten seit Jahren, meinten sie nur, da könne man halt nichts machen. Das gehe auch die nichts an, diese schlechte Erzieung sei schuld. Man solle eher wegen der vielen getöteten Kinder in Gaza protestieren. Meine Nachfrage, warum diese Vorgänge sie etwas angingen, nicht jedoch die Vorgänge auf Frankfurts Strassen, wurde mit Schulterzucken beantwortet. Tote Muslime durch die Hand von Muslimen sind irgendwie so etwas wie Betriebsunfälle, die gehen niemanden etwas an, schon gar nicht Nichtmuslime. Tote Muslime (und sei es auch nur fiktiv oder in Einordnung und Anzahl völlig falsch wiedergegeben) durch die Hand von Nichtmuslimen und speziell Juden, sind hingegen ein Problem aller. Es wurde klar: Die eigene Gruppe besteht nur aus Opfern, wohingegen Täter Nichtmuslime sind. Entweder per se oder flott exkommuniziert („Terror hat keine Religion“, „die IS & Co sind keine Muslime“).

Ein junger Ahmadi störte sich am Begriff „Islamismus“. Die Erläuterung billigte er nicht, er wollte viel lieber sehen, dass der Terror und der Unfrieden nicht mit dem Islam in Verbindung stünden. Wer wünschte das nicht. Nur hat das mit der Realität nicht nur in Syrien weniger zu tun.

Eine Gruppe Jugendliche, die länger mit einer Mitstreiterin diskutiert hatten, erzählen ihr, sie hätten alle von hinten auf ihren Hut gespuckt, sie hätte das nur nicht bemerkt. Auch wenn es nicht wahr sein sollte – so etwas zeigt leider tiefe Verachtung und mangelnde Erziehung.

Ein junger Mann schien zunächst über ein bekanntes Muster in die Debatte einzusteigen. Nach wenigen Sätzen stellt sich dieses jedoch als Fehleindruck heraus. Er versuche selber gegen Extremismus aufzuklären, meinte er, und betätige sich dazu an einer Moschee in Frankfurts Osten. Wir vereinbarten Austausch.

Es gibt manchmal seltsame Zufälle. Gegen Ende kam eine schmale und kleine ältere Frau bei der Mahnwache vorbei. Sie fragte auf englisch nach dem Sinn dieser Aktion. Nach Erläuterung meinte sie, sie habe beim Attentat in Brüssel neulich zwei engste Angehörige verloren. Aufklärung sei wichtig. Sie konnte und wollte nicht weiterreden. Auch ich hatte da wenig Worte (ich drückte ihr nur eine Kontaktmöglichkeit in die Hand). Sie kniff mich stumm zustimmend in den Arm und ging langsam fort. Plötzlich war Brüssel ganz nah.

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Ein Gedanke zu “Mahnwache vom 21.05.2016

  1. Ergänzende Beobachtungen einer Mitstreiterin:

    Notizen zur Mahnwache am 21. Mai 2016

    Ein Paar aus Paderborn, beide ca. Mitte Zwanzig, er mit türkischem Migrationshintergrund, beobachtet die Szene zuerst aus einiger Entfernung. Ich spreche sie beide an und der junge Mann stimmt auf Anhieb ohne weitergehende Erläuterung den Aussagen auf dem Plakat zu und meint, eigentlich müssten die Muslime auf der Zeil stehen und die Mahnwache halten. Er wirkte sehr abgeklärt und blieb eine ganze Weile stehen und diskutierte mit wechselnden Personen. Auch seine Freundin diskutierte lebhaft mit. Der Begriff „Islamismus“ war ihnen geläufig und wurde nicht in der üblichen Weise als Diskriminierung sämtlicher Muslime missverstanden.
    Ein junger Mann, ca. Anfang Zwanzig, der ein wenig verwegen wirkte, in dessen Augen aber ein großer Ernst lag, wandte sich an mich und sagte mir, dass es richtig sei, was auf dem Plakat steht. Ich fragte ihn, woher er komme und er antwortete, er komme aus Syrien. Er hatte wohl meinen Ausführungen zu den Islamisten und ihren Untaten dort zugehört und wollte mir seine Zustimmung unbedingt mitteilen. Die jungen, mich zu diesem Zeitpunkt umringenden Muslime mit Migrationshintergrund nahmen, wie so oft, seine Äußerung nicht wahr, absichtlich oder unabsichtlich.
    Sie sind nach meinem Dafürhalten erst einmal nur auf Antihaltung gebürstet. Dieses Mal waren es drei knapp bekleidete und stark geschminkte, hübsche junge Frauen, die mich mit den immer wieder gleichen Fragen bombardierten und dabei in Dreierformation meine diversen Ortswechsel nachvollzogen.
    Als ein sich selbst als Muslim bezeichnender Jugendlicher mit Migrationshintergrund mit mir zusammen das Pakat hielt und ihnen erklärte, dass eigentlich die Muslime und auch sie selbst mitmachen und sich gegen den Islamismus positionieren müssten, waren diese jungen Frauen etwas verunsichert, ihr Redefluss stoppte, sie konnten ihn einfach mit seiner geäußerten, akzentuiert selbstkritischen Haltung nicht verstehen bzw. wollten seine Argumentation nicht nachvollziehen. In diesem Moment habe ich mich völlig aus der Diskussion herausgezogen. Es war wohltuend, diesem Jugendlichen in seiner völlig sachlichen und sehr ruhig durchgeführten Argumentation zuzuhören und zu folgen. Er kam aus Westfalen und wird unsere Runde deshalb leider nicht weiter bereichern können. Als ich den besagten jungen Damen seine Argumentation später noch einmal in Erinnerung rief, bezweifelten sie, dass er Muslim sei. In ihrer Vorstellungswelt kommt eine solche selbstkritische Haltung, geäußert von einem Glaubensbruder, nicht vor.
    Ein älterer Asiate kommt zu mir, sagt, das wir weitermachen sollen und geht weiter ohne Erläuterung. Ein anderer, ebenfalls älterer, dem Augenschein nach vom indischen Subkontinent stammender Mann sagt im Vorbeigehen, das ich mutig sei während eine junge Autochthone, ca. 25 bis 30 Jahre alt, zu mir kommt und mir von hinten seitlich den Satz „Du bist eine Rassistin und Faschistin“ zuraunt. Sie geht sofort von dannen, ich rufe hinter ihr her, dass der Islamismus rechtsradikal sei, aber sie war nicht dialogbereit, sondern wollte mich wohl nur beschimpfen. Genauso wie ein anderer junger Mann mit Migrationshintergrund, der verstehen kann, dass der Islamismus frauenfeindlich ist, jedenfalls dann, wenn man so aussieht wie ich!!! Diese Worte rief er mir noch beim Weggehen zu.
    Ein weiterer junger Mann sagt mir nach einer Diskussion im Weggehen: „Übrigens, Sie haben starken Mundgeruch.“ Das muss dann wohl so sein, denn sehr nahe sind wir uns nicht gekommen!! Ein anderer junger Mann empfahl mir eine Zahnspange. Einige Jugendliche mit Migrationshintergrund sagen, dass die Leute vor mir ausspucken und fragen mich zudem, ob ich nicht gemerkt hätte, dass man mir heute sogar des Öfteren auf den Hut gespuckt habe. Bei derartig gewollten persönlichen Angriffen kann man nur die Runde verlassen. Was ist das zudem für eine Diskurskultur, bei der Äußerlichkeiten als vermeintliches Argument benutzt werden!
    Wieder einmal werde ich von einem Autochthonen, dieses Mal ein Mann mittleren Alters, gefragt, ob und wenn ja, welche Partei hinter dieser Mahnwache steht. Bei der letzten Manwache, die nach dem Beschluss der AFD, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, stattfand, wurde gemutmaßt, das wir von der AFD sind („Jetzt ist die AFD auch schon in Frankfurt“, so die Äußerung eines Passanten).

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