Von den Socken

Fundamentalistisch eingestellte bzw. extrem religiöse Personen einiger Weltanschauungen vollziehen zum Teil Rituale, die befremden und die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind. Es werden Opfer dargebracht, Reinigungsriten vollzogen, reliquien angebetet, bestimmte Körperhaltungen eingenommen, an Körpern bleibende Veränderungen vorgenommen, um die verschiedensten Gottheiten gewogen zu stimmen. Der Nachbar, der einer anderen Weltanschauung angehört, findet diese Riten zwar meist seltsam, was ihn aber oftmals nicht dazu bringt, die eigenen Handlungen zu hinterfragen. Jeder meint von sich, die eigenen Maßnahmen zur Angstabwehr seien zweifellos die geeigneteren Handlungen, um der eigenen Gottheit, die allen anderen überlegen und sicher die einzig anbetungswürdige sei, wohl zu stimmen. Dass die Angst wiederkommt, weil jenseits der Vergewisserung durch andere Personen, die die jeweils gleichen Handlungen vollziehen, keine relevante und objektivierbare Rückmeldung zu erwarten ist, fällt auch meist nicht auf. Der Weg aus dieser speziellen Angst, deren Urgrund meist durch die Eltern gelegt wurde nebst der Tradition ihrer Methode zur Abwehr dieser selbstgeschaffenen Angst, führte für viele aber in ein Szenario, das ihnen noch mehr Angst machte: Selbstbestimmung, Freiheit und selber, als Mensch, für Gerechtigkeit sorgen helfen müssen, beansprucht mehr als Sinn und göttliches Strafgericht als vorgegeben anzunehmen und dafür allerlei rituelle Handlungen zu vollziehen.

Ein seltsamer Brauch im fundamentalistischen Islam ist das Sockenstreichen. Erwachsene Menschen lassen sich in epischer Breite darüber aus, ob das Bestreichen der Socken erlaubt sei oder nicht, ob man damit eine Zustand der rituellen Reinheit erhalten könne oder nicht, welche Fristen gälten für das Sockenstreichen und wie diese Socken beschaffen sein müssten. Welche Art Socken wohlgefällig und erlaubt und welche Art Socken das Bestreichen ungültig machten. Ziel dieser Überlegungen ist es, den für das Gebet bedingenden Zustand einer rituellen Reinheit zu erzielen. Ist man nicht im Zustand der rituellen Reinheit im Gebet, verliert dieses seine Gültigkeit, wird vor Gott nach der fundamentalistischen Auslegung nicht anerkannt: Man hat demnach umsonst gebetet. Einige Beispiele:

Muhamed Ciftci, ein problematischer Prediger aus Braunschweig, relativ kurz über Befristung bestrichener Socken:

 

Der Herr Dabbagh, problematischer Prediger aus Leipzig, wie häufig relativ knapp und präzise. Er erwähnt, dass manche Gelehrte 14 (!) Bedingungen benannt hätten, um das Sockenstreichen für gültig zu erklären::

 

Abdellatif Rouali schon etwas länger über die Bedingungen für das Sockenstreichen und was man dabei alles so falsch machen kann:

 

Der Herr Bubenheim klärt das – ganz Intellektueller – lieber mit einer schriftlichen Ausarbeitung, die sich auf seiner Seite findet:

Bubenheim Sockenstreichen 160529

 

Das Bestreichen von Ledersocken, Wollsocken und Schuhen

Abul Baraa, sehr problematischer Prediger aus Berlin, über „nützliches Wissen“ zum Sockenbestreichen. So führt er aus, wann bestrichene Socken zu einem Zustand der Reinheit führen und wann nicht. Auch er gibt Fristen vor. Bei sich selber hat er es nicht so mit den Fristen. E hält dazu fast eine Dreiviertelstunde Vortrag

 

Es gäbe verschiedene Gelehrtenmeinungen darüber, ob Socken mit Löchern noch bestrichen werden dürften. Er erläutert genau die Handbewegungen, die überliefert sind und die das bestreichen der Socken gültig machten nach seiner Auffassung. Baraa betont, dass der Muslim seiner Prägung nicht hinterfragen darf, sondern zu gehorchen hat, wenn eine Meinung bestätigt sei. Das Abstreiten dieser Meinung sei schon „eine gefährliche Sache“.

Nach der fundamentalistischen Auslegung kann man also schon bei banalsten Alltagstätigkeiten wie der Vorbereitung zu einer religiös gültigen Vorbereitung zum Gebet eine Menge falsch machen. Ziel dieser Dinge ist das dauernde Halten in Angst und schlechtem Gewissen. Dadurch sind Menschen manipulierbar, Furcht hält in andauernder Unsicherheit, die erst durch ein Urteil eines als Gelehrten anerkannter Person beseitigt wird. Dadurch wird eine erhebliche psychische Abhängigkeit geschaffen.

Das ist also mehr als einer Erheiterung dienend: Es zeigt die fatale psychische Wirkung fundamentalistischen Glaubens, einer als real wahrgenommenen und als bevorstehend imaginierten Abrechnung durch penibelst notierende Buchhalter-Engel und einen maximal strafenden Gott. Eine Art der Überwachung, die bis in den Schlaf hinein Kontrolle imaginiert, eine Kontrolle, wie sie sich ein freiheitlich denkender Mensch kaum vorstellen kann und erst recht nicht wünscht.

Menschen, denen Freiheit aber mehr Angst macht als diese fundamentalistische Auslegung, die eine solch totalitäre Form des Glaubens anstreben, werden die selbst empfundene Kontrolle auch von anderen bestätigt sehen wollen. Jede Person, die diese Kontrolle nicht so wahrnimmt wie sie, die sich den Vorgaben, denen sie folgen, eben nicht beugt, ist ihnen Gefährdung ihrer Hauptrealität. Der Kontakt mit dem Nicht- und Andersgläubigen, schon mit dem moderaten Muslim, der sich nicht um solche Petitessen kümmert, erscheint ihnen daher gefährlich. Sicherer ist der Kontakt zu anderen, die die gleiche Realität konstruieren und ihr Realitätskonstrukt gegenseitig bestätigen können. In dieser Welt spielen auch Socken eine Rolle. Subjektiv können sie über ewiges Wohl oder Wehe entscheiden und so wird das Vorbild des Religionsgründers sklavisch nachgeahmt. Es ist eine fremdartige Welt, in der schon der falsche Sockengebrauch Angst macht. Was für eine traurige Welt.

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