Next Generation

Graue Wölfe – und der Nachwuchs

Politische Haltungen, Weltanschauungen oder allgemein die Sicht auf den Mitmenschen – das sind Dinge, die von nicht wenigen Menschen von den Eltern übernommen werden. Manchmal zeigt sich über Generationen nur ein gewisses Finetuning, eine Anpassung an gerade herrschende gesellschaftliche Umfelder oder besondere Umstände. Der Mensch an und für sich ist konservativ. Politisch aktive oder machtbewußte Personen sind das in besonderem Maße: Ist doch Papas (oder Mamas) Clan, Gruppe oder Seilschaft recht nützlich für das eigene Vorankommen. Man muss dazu gar nicht so weit fahren wie nach Indien oder Bangladesh. Das ist hierzulande  auch nicht auf Bayern oder Niedersachsen beschränkt. Inhaltlich ist ebenfalls alles vertreten, von der CSU bis zur SPD finden sich Beispiele von politischen Erbhöfen.

Bei islamistischen Gruppierungen ist das oftmals wenig anders. Die Kaplan-Anhänger – sie wollen einen Kalifats-Staat – folgten erst Kaplan sen., Cemalettin Kaplan. Nach seinem Tod gilt die Treue dem Junior Muhammed Metin. Auch die legalistischen Gruppierungen sind da nicht außen vor. Auch dort finden sich Stämme und mittlerweile einige Äpfel, die nicht arg weit fielen. Zur Vorgeschichte der Grauen Wölfe und zu gegenwärtigen Lage sei z.B. dieser interessante Artikel empfohlen:

Denn die Herrschaft der seit 2002 alleine regierenden und gemeinhin als islamisch-konservativ charakterisierten Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung(Adalet ve Kalkınma Partisi – AKP) von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu stützt sich zunehmend auf die Ideologie, die Methoden und selbst das Personal der Grauen Wölfe. Umgekehrt ist die offiziell in der Opposition stehende parlamentarische Vertretung der Grauen Wölfe, die Partei der Nationalistischen Bewegung(Milliyetçi Hareket Partisi – MHP) eine Kriegsallianz mit der AKP-Regierung gegen die kurdische Befreiungsbewegung eingegangen.

Graue Wölfe hießen ursprünglich nur die jugendlichen Paramilitärs unter der Führung des Oberst a.D. Alparslan Türkeş, die während der bürgerkriegsähnlichen Zustände in den 1970er Jahren Tausende Linke, Angehörige der alevitischen Glaubensgemeinschaft sowie Kurden töteten.

http://www.sicherheitspolitik-blog.de/2016/04/20/erdogans-woelfe-die-kriegsallianz-von-mhp-und-akp/

Man nähert sich also an. In Deutschland werden dem Spektrum der Grauen Wölfe neben der ATB auch die ATIB zugerechnet:

Neben der ADÜTDF existieren weitere Organisationen, die dem türkischen Nationalismus der
„Grauen Wölfe“ zuzurechnen sind, insbesondere die „Union der türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa“ (ATIB) und der „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ (ATB).“

https://lfv.hessen.de/sites/lfv.hessen.de/files/content-downloads/Graue_Woelfe_Internet_0_0.pdf

Bei speziell der ATIB sind u.a. die Familien Celebi und Öner von Einfluss. Celebi war derjenige, der 1987 die ATIB abspaltete; vorher stand er sehr gut mit Alparslan Türkes, der die Grauen Wölfe begründet hatte (und MHP-Vorsitzender war). Celebi war der Deutschland-Vorsitzende der Grauen Wölfe. Ihsan Öner ist der von Celebi nach Organisationnachrichten wohl vorgeschlagene aktuelle Vorsitzende:

http://www.atib.org/content.php?baslik=haberler&detay=atib-in-25-kurulus-yili-ve-genel-merkez-binasi-acilis-toereni

[Man beachte auch die illustren Gäste.]

Zur Vorgeschichte Celebis siehe diese Aufbereitung des Papst-Attentates 1981 durch Mehmet Ali Agca

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513601.html

Zur Vorgeschichte des Graue Wölfe Gründers Alparslan Türkes, an dessen Händen viel Blut von Gegnern klebte, siehe:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alparslan_T%C3%BCrke%C5%9F

Strukturell wird von den Vertretern des Graue Wölfe Spektrums eine legalistische Strategie verfolgt. Diese ist in den letzten Jahren deutlich durch einen Generationswechsel geprägt. Die Älteren, die oft noch nicht sehr akulturalisiert waren, die auch noch organisatorische „Altlasten“, s.o., haben, werden zunehmend durch die „Generation Smart“ ersetzt. Die haben besagte „Altlasten“ nicht, ihr Name könnte auch Zufall sein und die Ideologie – die tritt nicht so stark nach vorne. Man verkauft sich über Kultur, Partizipation und Teilhabe, und alle Vokabeln, die im Integrationsbereich tätige Personen gerne hören und gebrauchen, werden fleißig benutzt. Aus dem Jahr 2011, aber immer noch wertvoll und unverändert in der Aussage ein Kurzbeitrag von Volker Siefert, ab Minute 4:30 zum strategischen Vorgehen der Grauen Wölfe (hier: ADÜTDF in Ausländerbeiräten, „liebevoll“ eingebunden durch SPD-Mitglieder (!):

 

Die ATIB selber ist Gründungsmitglied des Zentralrats der Muslime. Zu radikaleren Personen hat man manchmal schon nachweislich nicht die nötige Distanz.

Ein Beispiel aus einer Frankfurter ATIB-Moschee, ein Aushang von Stefan Salim Nagi* 2012 zu einer Demonstration gegen Zahid Khan, der Aufruf wurde zweifach von ATIB Höchst verbreitet

Dieser Teufel muss sein Buch zurücknehmen!

 

 

Der Herr Khan erscheint auch als Person, die sicher einige Fragen hinsichtlich des eigenen Realitätsbezuges offen lässt. Aber einen Aufruf dieser Art zu teilen – dazu gehört schon eine besondere Weltsicht. Immerhin ging es lediglich um ein Buch, der Aufzug sollte bis „vor die Villa von Khan“ gehen und es ist zu vermuten, dass man mit dieser Aktion eher weniger das ruhige Gespräch mit dem Herrn Khan suchen wollte. Nagi verübte – zumindest wurde er so verurteilt – später einen Überfall auf Khan mit zwei Mittätern.

Ultrakonservativ-nationalistisch-islamistisch in der Grundhaltung, um es noch freundlich neutral auszudrücken – diese Linie ist integrationsfeindlich. Parallel behauptet man jedoch, genau integrativ zu wirken. Man verkauft sich nach außen so. Integrations-Marketing.

Die tatsächliche Ideologie wird also meist nicht sehr stark nach außen getragen. Ziele, Ausrichtung und Abgrenzung zu anderen türkischstämmigen Angeboten bleiben so für den Außenstehenden unklar und sollen es wohl auch sein. Die Außendarstellung scheint absichtsvoll geglättet. Auf den Seiten der sozialen Medien wird in deutsch und v.a. türkisch kommuniziert. Die Stellungnahmen der Gemeinden sind oft nur auf türkisch.

So manches Mal leuchtet aber doch durch, was so unter der Oberfläche schlummern mag jenseits des auch auf den sozialen Medien aufscheinenden Nationalismus. Der Nachwuchs positioniert sich. ATIB-Vorstandsmitglied Mustafa Cagri Öner (der Name ist kein Zufall) in einigen Zitaten:

https://www.facebook.com/profile.php?id=100000431851773&fref=nf

Die Idee der emanzipierten Freiheit westlicher Frauen ist ihnen fremd, der Minirock für sie ein Symbol falsch verstandener Freizügigkeit. „Wir werden viel mehr respektiert, wenn wir unsere Religion und Kultur beibehalten, als wenn ich mich zum Affen mache. Ich kriege viel mehr Respekt, wenn ich kein Schweinefleisch esse und keinen Alkohol trinke“, sagt Mustafa.

Die Deutschen, die seien einfach nicht offen für andere Kulturen, lautet das Fazit.

http://www.welt.de/print-welt/article212588/Wir-koennten-wunderbare-Freunde-sein.html

„Zum Affen machen“ hat aus dem Mund einer Person dieser politisch-religiösen Einordnung noch einmal einen besonderen Klang. Oder:

Das Thema Euro-Islam betrachten die Vorstandsmitglieder eher skeptisch: „Das ist Schwachsinn. Es gibt nur einen Islam. Irgendwelche Leute erfinden solche Begriffe, um sich zu profilieren“, meint Ihsan Öner, der Generalvorsitzende des Vereins. Jede Religion habe ihre eigenen Gebote und Verbote, und sie müssten respektiert werden, schildert er. So soll der Schwimmunterricht an deutschen Schulen seiner Meinung nach für Jungen und Mädchen separat stattfinden.[…]

Wir sehen uns als Bereicherung für dieses Land“, sagt Mustafa Öner und fährt fort: „Wir wünschen uns, dass auch in 100 Jahren die türkischstämmigen Menschen in Deutschland sagen können: ,Ich bin ein Türke und ein Muslim.“

http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/fuer-das-mainzer-tuerkische-kulturzentrum-steht-die-bewahrung-der-eigenen-identitaet-im-vordergrund_15962265.htm

Auch Deutscher werden jenseits der formellen Staatsangehörigkeit und einfach Bürger sein ist da wohl nicht im 100-Jahres-Plan enthalten.

Oder Mehmet Alparslan Celebi, Jahrgang 1982, frischgebackener Stellvertreter von Mazyek im ZMD. Vorstandsmitglied in nicht näher benannter Funktion der ATIB. Auch dieser Name ist kein Zufall. Studierter Kaufmann, zur Schule gegangen im Rhein-Main-Gebiet. Celebi Junior schreibt schöne Texte. Aus diesen leuchtet jedoch neben dem vielen, was er da sonst noch schreibt, durch, dass er den Begriff „Islamismus“ für eine Art böswilliges Konstrukt hält, eine liberale Strömung für nicht wünschenswert erachtet und Vereine wie die ATIB von ihm aus wohl nur als „Kulturvereine“ betrachtet werden sollen. Zu 9/11 fällt ihm vor allem ein, dass sich die Lage für die Muslime verändern werde.

Dass Begriffe, die eine Religion mit etwas negativem verbinden, in der Vergangenheit zu Volksbewegungen mit schrecklichem Ausgang für die betroffene Religion geführt haben, müsste zumindest in Europa bekannt sein. Die Judenverfolgung, die im frühen Mittelalter angefangen und nach dem Nazi-Regime weitestgehend ein Ende gefunden hatte, wurde immer wieder durch eben solche Ressentiments aufgebaut, die im Wortlaut den heutigen Assoziationen von Islam, Terror und Rückschritt ähneln. „Islamistischer Anschlag“, „Islamischer Terror“, „Frauenunterdrückung im Islam“, „Zwangsheirat“, „Ehrenmorde im Islam“ und „Islamist“ sind nur einige der zahlreichen Beispiele, denen sich nicht nur die „Bild“-Zeitung bedienen. […] Die Protagonisten der Anti-Islam-Bewegung, die meist türkischstämmig sind und all das gegen den Islam sagen dürfen, was dem einen oder anderen Populisten verwehrt bleibt, sind in diesem Fall die größten Gegner der Integration. Nimmt man ihnen die Spielzeuge „Ehrenmord“ und „Zwangsheirat“ weg, hätten Sie es wirklich schwer, mehr als 2 vernünftige Zeilen über das Thema zu verfassen. Es gibt ein gewisses Interesse in diesem Land, diese Menschen als „moderne“ Repräsentanten der Muslime zu etablieren, was Gott sei Dank nicht einmal im Ansatz gelingt.

http://mehmetcelebi.de/?p=16

Man beachte die Anführungszeichen (Öner schreibt nebenbei auch auf diesem blog z.B.: http://mehmetcelebi.de/?p=18).

An anderer Stelle, in der Islamischen Zeitung, wird deutlich, dass er die Abhandlung des Frankfurter Orientalisten Fuat Sezgin über die angebliche muslimische Entdeckung Amerikas, die Erdogan vor 2 Jahren aufgriff und die international für Erheiterung sorgte, noch einmal als Verleger herausgab.

Der Herausgeber der Abhandlung Mehmet Alparslan Celebi bemängelte bereits die kaum vorhandene Resonanz auf die Forschungen des Professors.

http://www.islamische-zeitung.de/kommentar-zu-den-reaktionen-der-presse-auf-erdogan-aussage/

[Wer es nachlesen möchte: http://www.uni-frankfurt.de/59003140/Sezgin_deutsch.pdf ]

Interessant sind auch seine jüngeren Beiträge in der „Huffington Post“, deren Macher mit dem Begriff „ATIB“ anscheinend wenig anzufangen wissen:

http://www.huffingtonpost.de/mehmet-celebi/

Titel: „Wir brauchen keinen „deutschen Islam“, „Darum liegt Ahmad Mansour mit der „Generation Allah“ falsch, „Das gestörte Verhältnis der Linken zum Islam“, „Warum #MuslimeFürMerkel sind“.

Es finden sich darin seltsame Linien wie diese:

Während zumindest die politische Linke in der Vergangenheit einen Beitrag zur Bekämpfung des Rassismus leisten könnte, ist sie aufgrund mangelnder Empathie für die Muslime in Deutschland zu einem Mitläufer dieses Trends [gemeint ist Fremdenfeindlichkeit, SHM] geworden. Auch die anderen politischen Lager haben es verfehlt, die Muslime als Ganzes zu umarmen und einen Platz für sie in Deutschland zu schaffen.

http://www.huffingtonpost.de/mehmet-celebi/linke-islamfeindlichkeit_b_8042498.html

Persilschein auch für Islamisten, für all jene auch aus dem Spektrum der Grauen Wölfe? Nope.

Es ist schon seltsam, wenn ein Verband wie die ATIB, die diese Geschichte und diese Zuordnung hat, nun hinter allen Muslimen, säkularen wie frommen wie unpolitischen, Deckung nehmen will. Das scheint zumindest die vorgegebene Linie des Nachwuchses in der Diaspora zu sein. In der Türkei sieht das sicher anders aus. Hochpolitisch in der Vergangenheit, versucht man die politischen Ambitionen, die nach wie vor vorhanden scheinen, besser zu vermarkten. Die Grauen Wölfe und ihre Ableger – das war nie nur „Kultur“ und das ist es auch aktuell nicht. Eine kulturelle Tradition, an der so viel Blut klebte, die kann man, wenn man anders denkt, auch einfach ablegen. Dieses Erbe muss man nicht antreten, wenn man nicht will. Die Tarnung ist demnach nicht sehr gut. Die Tarnung funktioniert nicht bei den Verfassungsschützern und dass es in der breiteren Öffentlichkeit nicht sehr bekannt ist, ist der Bequemlichkeit mancher Akteure geschuldet. Das aber ist nur eine Frage der Zeit.

Die nächste Generation möchte also Welpenschutz. Bei Grauen Wölfen sollte man sich das gut überlegen.

 

 

 

 

* Immerhin kam es in Folge zu Demonstrationen, einer juristischen Auseinandersetzung:

http://www.taz.de/!5088331/

danach sogar wahrscheinlich zu einem Angriff mit Verurteilung von Nagi:

http://www.fr-online.de/kriminalitaet/prozess-haftstrafe-fuer-angriff-auf-khan,25733026,26600064.html

Für einen Eindruck einmal, wie aggressiv die Stimmung gegen Khan war, dieses Video:

Das waren sicher nicht (nur) Graue Wölfe bzw. die Zuordnung ist da nicht statthaft. Aber um das Maß an Emotionalität darzustellen, mit welcher der angebliche „Teufel“ Khan bedacht wurde, ist das Video doch eindrucksvoll.

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