Mahnwache vom 18.06.2016

Von 15-17 Uhr vor dem „My Zeil“. Herzlichen Dank an die Frankfurter Polizei für die freundliche Betreuung.

Ein junger Mann nebst Freundin trat heran. Beide waren wahrscheinlich Muslime und Anfang 20. Er gab vor, sich informieren zu wollen, mahnte jedoch gleich an, das Wort „islamistische Gruppierungen“ müsse von meinem Plakat herunter. Er kannte die Gruppierungen offensichtlich nicht, sondern wollte nur das Wort, die Zuordnung an sich in Frage stellen bzw. diese „weg kriegen“. Das beleidige alle Muslime, den ganzen Islam. Auf den Hinweis, das sei nun mal das Wort, das zur Differenzierung notwendig sei und es werde z.B. auch von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) genutzt, behauptete er tatsächlich, er wäre von der bpb, das stimme so nicht (man bekommt wirklich bunte Behauptungen auf der Strasse im Schutz der Anonymität erzählt). Er wollte das Wort nicht akzeptieren. Auf meine Gegenfrage, was denn sein Vorschlag wäre oder ob denn alles bis Jihadi-John im grünen Bereich sei, und wenn nicht, wie er das denn nennen wolle, kam nichts.

Einige junge Mädchen, vielleicht 15, 16, fragten nach, was das solle mit dem Plakat. Ich erklärte die Straßenradikalisierung. Sie meinten, das sei persönliche Entscheidung, das ginge mich nichts an. Ob es es sie etwas anginge, fragte ich nach. Nein, das ginge niemanden etwas an, vor allem solle ich weggehen. Leider konnte ich wegen einer Störung durch einen leicht aggressiven Mann, der sich neben mir aufbaute, nicht weiterfragen, ob man denn auch Neonazis einfach machen lassen solle, nichts tun könne und nicht wenigstens eine Gegenmeinung platzieren solle.

Ein Mann, ca. 50, dem linken Spektrum zuzuordnen, der schon wiederholt am Rande der Mahnwache gewesen war und das Ansinnen bis heute nicht verstanden hat trotz mehrmaliger Erläuterung (er lässt allerdings auch nicht aussprechen), versuchte eine Gruppe jüngerer Passanten aufzuwiegeln. Er rief zu diesen (er stand in Hörweite) ständig, er würde uns seit längerem beobachten. Wir seien mit Pegida aufgetaucht, wir SEIEN Pegida. Das stimmt zwar alles nicht, aber das stört ihn nicht. Er ist in diesem festen Vorurteil nicht zu beirren (ich trug gestern mein die „Menschenrechte-Shirt“ zusätzlich, auf dem Rücken steht: “ Freiheit, Gleichheit, Mitmenschlichkeit. Die Menschenrechte sind größer.“ Vorderseite: „Das Grundgesetz ist stärker“: Ergänzend war ich als SPD-Mitglied erkennbar per Sticker). Trotzdem glauben ihm einige Leute und so schollen während der ganzen Zeit aus dieser Ecke immer wieder herabsetzende Rufe. Auch einige andere Passanten assoziierten locker, lasen gar nicht die Plakate, sondern spien nur vor uns aus. Andere Passanten blieben stehen, lasen, und kamen dann extra herüber, um uns die Hand zu schütteln.

Ein jüngerer Mann, wahrscheinlich afrikanischer Herkunft und so groß wie ich, aber fast doppelt so breit, baute deutlich auf die Wirkung seiner physischen Präsenz. Ich solle nach Hause gehen und mich um die Kinder kümmern. Er fuhr fort mit Herabsetzungen verschiedener Art. Ich sagte ihm, dass ich so nicht mit ihm reden werde, und nahm einen Meter Abstand. Er rückte nach und meinte zur Menge, ich hätte keine Argumente, deswegen würde ich abrücken. Ein weiterer Ansatz scheiterte wieder an nur Herabsetzedem. Ich rückte wieder ab. Er wandte sich dann einer Mitstreiterin zu. Später rief jemand in der Richtung „Takbir!“, eine Gruppe antwortete mit „Allahu akbar“. Es blieb jedoch ohne größeren Wiederhall.

Eine italienischstämmige Konvertitin wollte eine Plakataufschrift in ihrer Sicht korrigieren. Sie meinte erst, wir würden Muslime beleidigen. Nach Ausräumung meinte sie, wir würden den Islam beleidigen. Auf Erläuterung hin gefiel ihr der Ausdruck Islamismus dann auch nicht. Sie sprach deutsch mittlerer Art und Güte, verstand die Erklärung des Wortes durchaus, wollte dieses aber „weg haben“. Ob ich denn überhaupt schon den Koran gelesen hätte? Ich fragte nach der Übersetzung, welche sie denn meine, woraufhin sie triumphierte, es gäbe nur einen Koran und der wäre in arabisch. So weit die Linie. Der Islam sei Frieden, meinte sie.

Zwischendrin wurde einer Mitstreiterin gegen das Plakat geschlagen und dieses von einem jungen Mann entrissen. Die Polizei stand etwas weiter entfernt, hatte den Vorgang wohl teilweise nicht wahrgenommen. Ich drückte der Mitstreiterin meine Tasche in die Hand und wollte dem Räuber nachsetzen. Nach ein paar Metern wurde ich aber dann von den nacheilenden Polizisten eingeholt und stoppte – als Veranstaltungsleiterin durfte ich ja eigentlich nicht den Ort verlassen, fiel mir da erst siedend heiß ein. Ich ging also zurück. Nach einer Viertelstunde hatten wir aber unser Transparent wieder. Vielen Dank!

Mehrere junge Frauen erkundigten sich. Sie trugen teilweise Kopftuch, eine gemischte, wohl muslimische Gruppe. Sie fragten nach den 80 % auf meinem Schild. Ich erläuterte die Zahl und auch, dass das muslimische Familien seien, die oft zerstört würden. Aus einer anfangs ablehnenden Haltung kamen sie dann dahin, dass man doch vielleicht etwas unternehmen solle gegen die Straßenradikalisierung. Es gab mehrere Gespräche dieser Art an dem Nachmittag.

Einige jüngere Männer hatten – aus welchen Gründen auch immer eine große türkische Fahne dabei. Sie stellten sich neben uns. Es war eine Art Gegendemo (die jungen Männer hatten allerdings nicht einmal gefragt, worum es denn geht). Ich bat die Polizei darum, für etwas Abstand zu sorgen (ich hatte ja schließlich angemeldet – die „Gegendemo“ nicht).

Immer wieder hingeworfene, aber übliche Herabsetzungen: „Kauf dir Zahncreme“, „Nazi“ etc. wurden im Vorbeigehen ausgerufen. Als ich einmal gegenfragte, ob man denn überhaupt verstanden hätte, worum es geht, wurde mir von einem jüngeren, autochthonen Paar verkündet, mit „einer wie mir spreche man erst gar nicht“.

Von der Unterstützer-Szene waren nur wenige einzelne Personen auszumachen.

Ein jünger Türkischstämmiger, der sich anfangs als marokkanischer Herkunft bezeichnet hatte, kam wieder einmal vorbei. Wir kennen uns seit einigen Monaten. Er ist häufiger samstags auf der Zeil, seit einiger Zeit ist er wohl mit Freundin unterwegs. Zuerst hier beschrieben:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/02/14/mahnwache-vom-13-02-2014/

Ablehnung und Unverständnis sind ungebrochen. Es scheint jedoch, dass sein Antrieb, sich vor anderen zu produzieren, etwas nachgelassen hat und er auch eingesehen hat, dass mich seine Herabsetzungen nicht wirklich tangieren. Und so ging er mit den gerufenen Worten, dass ich sowieso zur Hölle fahren würde. Die kleine, direkt umstehende Menge, die das hörte, johlte. Das war dann wohl der Gruppenkonsens.

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Ein Gedanke zu “Mahnwache vom 18.06.2016

  1. Die Eindrücke einer Mitstreiterin. Herzlichen Dank für den ausführlichen Bericht:

    Auffallend war an diesem Samstag eine eher aufgeheizte und aggressive Stimmung. Die Beleidigungen, die sich auf Körperliches bezogen, häuften sich und wenn ich diese dann selbst noch vervollständigte, da ich sie ja schon zur Genüge kenne, war man eher irritiert, denn damit liefen die Anfeindungen einfach ins Leere. Zudem wurde ich bei meinen diversen Ortswechseln mehrfach verfolgt und sowohl verbal als auch körperlich bedrängt.

    Ein circa Mittdreißiger spricht mich an und bekundet Einverständnis mit den auf dem Plakat stehenden Aussagen zum Islamismus. Im Gegensatz zu den vielen anderen jungen Menschen, die in der Regel wohl in Deutschland geboren sind, versteht er diese Aussagen in ihrem richtigen Zusammenhang. Er sagt, er sei Ägypter, Muslim und schwul und seit zehn Jahren in Deutschland lebend. Doch mittlerweile befürchte er, in ein anderes Land umziehen zu müssen, wenn es hier in Deutschland so weitergehe. Er habe Angst, nicht mehr so frei leben zu können wie bisher. Auf meine schon fast ein wenig ungläubige Nachfrage, wieso er zu dieser Schlussfolgerung komme, sagt er nur, es kämen zu viele Araber. Er hatte die Szenerie zuvor eine Weile beobachtet.

    Eine junge Frau Anfang bis Mitte Zwanzig sagt mir – ich bin zu diesem Zeitpunkt in etwas lockererer Entfernung umringt von jungen Menschen beiderlei Geschlechts mit Migrationshintergrund – ,dass ich froh seien könnte, dass die Polizei da ist, ansonsten würden mich die Muslime fertigmachen, wobei aus ihrem Tonfall klar wird, dass sie das unterstellte Verhalten gutheißt. Sie war blond und dem Augenschein nach eher autochthon.

    Zwei autochthone Frauen mittleren Alters fragen einen Muslim um die Vierzig mit Migrationshintergrund, der sich als deutscher Staatsbürger ausweist, warum die Muslime sich nicht selbst gegen den IS und den Islamismus positionierten und wo denn die öffentlichen Proteste der Muslime dagegen blieben. Auffallend ist, dass nach solchen Fragen in der Regel keine allgemeine Zustimmung zu beobachten ist. Dieser Muslim hatte seine Ablehnung des IS allerdings deutlich herausgestellt.

    Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund, entreißt mir das Plakat und rennt damit davon. Ich hatte nicht damit gerechnet und war sehr überrascht und konsterniert. So konsterniert, dass ich nicht einmal weiß, wie die Reaktion des „Publikums“ auf diesen Vorgang war. Ein Polizist drückt mir nach einigen Minuten das Plakat wieder in die Hand; wie er daran kam, ist mir nicht bekannt.

    Ein autochthones Paar mittleren Alters aus Frankfurt kommt auf uns zu und sagt, sie finden es nicht nur gut, dass wir es machen, sondern auch wie wir es machen und bekräftigt, dass wir so fortfahren sollten, denn die getroffenen Aussagen stimmten.

    Wieder kommt ein etwas älterer Deutscher, 60+, auf mich zu und sagt mir, dass er es sehr mutig finde, was ich mache. Auf meine Rückfrage, warum er es so finde, führt er die von ihm als feindlich empfundene Umgebung an. Wir sollten weitermachen. Ein weiterer Autochthoner, eher akademisch gebildet, um die Vierzig, bestätigt nach längerer Beobachtung der Szenerie die von mir gemachten Aussagen und meint zudem, man könne dies ja alles im Koran und in den Hadithen nachlesen. Ein weiterer Autochthoner mittleren Alters fragt mich, wer hinter uns stehe, welche Partei. Meine Antwort, dass wir einfach Demokraten seien, die mehr oder weniger „privat“ dort stünden, goutiert er auffallend. Dahinter spürt man förmlich die Angst und Befürchtung, wir könnten etwas mit Pegida oder der AfD zu tun haben. Immer wieder höre ich auch bei den Vorübergehenden diese beiden Namen fallen.

    Ein weiterer Autochthoner um die Fünfzig, der schon des Öfteren durch falsche Zuschreibungen aufgefallen ist, taucht immer wieder an verschiedenen Seiten des Platzes auf und ruft laut „Bachmann“ und „Frauke Petry“ und versucht auf diese Weise wohl eine entsprechende Assoziation bei den Vorbeigehenden herstellen zu wollen, dabei hat er ein ständiges Lächeln im Gesicht.

    Ein junger Muslim, der schon häufig bei der Mahnwache war und immer wieder geäußert hat, der Islam habe nichts mit dem Islamismus zu tun, sagt mir, dass der Islam die „perfekte“, also die beste Religion sei. Womit er ja auf dem Boden des Koran steht, der zudem noch in Sure 9,33 ausführt, dass Mohammed mit der wahren Religion von Gott geschickt wurde und er sie über alle Religionen siegen lasse, „mag es den Götzendienern auch zuwider sein“. Er hat mir zudem heute wieder einmal angekündigt, dass ich als Ungläubige sowieso in die Hölle komme.

    Meine Ausführungen, dass alle Religionen in Deutschland gleich behandelt werden müssten und auch deren Schriften wie die Bibel und der Koran, werden erst einmal hingenommen. Wenn ich aber sage, dass in der Bibel Unsinn steht genauso wie im Koran, wird heftig widersprochen und mir bedeutet, der Koran sei nicht zu kritisieren. Ob ihnen der Wortlaut der Sure 2,2 bekannt ist, der besagt, dass der Koran das Buch Allahs ist, „das keinen Anlass zum Zweifel gibt“, konnte ich nicht verifizieren. Dieses Phänomen lässt sich durchgehend immer wieder beobachten, in der Regel sind es junge Muslime, hier geboren, der deutschen Sprache sehr gut mächtig, aber oft doch nicht koranfest. Lese ich die Sure vor, die besagt, dass die widerspenstigen Frauen im Ehebett gemieden und geschlagen werden können, dann folgt wie auch heute sofort die Aussage, das stimme nicht, ich habe die falsche Übersetzung und ich müsse den Koran überhaupt auf Arabisch lesen. Mein Einwand, die Bibel sei auch ins Deutsche übersetzt worden, wurde von einer jungen Muslima bestätigt, die wusste, dass das Martin Luther gewesen sei.

    Als ich im Hinblick auf den IS ausführe, dass dort Yezidinnen vergewaltigt werden, fragt mich ein junger Mann mit Migrationshintergrund, ob ich dafür Beweise hätte. Offensichtlich hat er sich nicht bemüht, diese leicht zu erreichenden Quellen zu finden. Ferner werde ich gefragt, ob ich wüsste, dass der Begriff „Islamismus“ ein vom „Westen“ geprägter Begriff sei, als erübrigte das alle weiteren kritischen Fragen an sich selbst.

    Bemerkenswert war heute zudem eine junge Afghanin, westlich gekleidet und sorgsam geschminkt, die auf mich zukam, als ich mich gerade wieder aus einer großen Menschentraube herausgewunden hatte und alleine war. Sie sagte, sie habe mir länger zugehört und sei meiner Meinung. Außerdem habe der Islamismus sehr wohl mit dem Islam zu tun. Sie bedeutete, dass sie die Weigerung der Jugendlichen, die Kämpfer des IS als Muslime anzuerkennen, für falsch halte, da sich diese ja selbst als solche bezeichneten, sich auf den Koran beriefen und Verse daraus zitierten. Sie stockte sofort mit ihren zustimmenden Äußerungen, als sich wieder mehrere junge Männer mit Migrationshintergrund näherten, von denen sie einen kannte, der selbst auch gebürtiger Afghane ist. Ich entfernte mich, ging aber später noch einmal auf sie zu und fragte sie, ob mein Eindruck richtig sei, dass sie am liebsten mit mir allein sprechen möchte. Sie bejahte dies, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

    Drei jungen Mädchen, die die ganze Zeit am Ort des Geschehens sind, erzähle ich die Geschichte der Rabia von Basra, einer islamischen Mystikerin, die den Himmel in Flammen setzen und das Feuer in der Hölle löschen wollte, damit die Menschen nicht aus Angst vor der Hölle oder in Hoffnung auf das Paradies Gott anbeten, sondern um seiner Schönheit Willen. Sie hören mir sehr aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen, was sonst ständig geschieht. Leider werden wir dann doch von anderen unterbrochen, ein ausführliches Gespräch ist in der Regel nicht möglich. Manchmal fragen mich gerade junge Mädchen nach Beendigung der Mahnwache mit einem leichtem Bedauern, ob ich jetzt gehe. So war es heute auch.

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