Wer definiert, gewinnt

Diese alte Soziologen-Weisheit ist von unveränderter Aktualität. Begriffe ermöglichen Diskussion, ja erst das Denken. Ist etwas ohne Namen, dann bleibt es nur diffus.

Realität spiegelt sich in Begriffen. Der Begriff „Islamismus“ wird seit einiger Zeit offensiv bekämpft von allerlei Personen und Organisationen, die zwischen normalem Muslim und dem Terroristen keine weiteren Grenzziehungen wünschen. Überspitzt: Alles bis Jihadi-John soll nur Muslim sein. Der wiederum hat dann gar nichts mit dem Islam zu tun, denn er ist ja – Terrorist. Diese Exkommunizierung hat natürlich u.a. den Sinn, den Islam als eine Ursache von Terrorismus außen vor zu lassen. Die gleichen Personen, die den Ansatz von Olivier Roy gut finden – er sieht verkürzt im islamischen Terror ein Phänomen, das sich sozusagen nachträglich islamisiere: „Terror hat keine Religion“ – wollen gerne, dass die Muslime, alle Muslime als Schutz vor der Ideologie stehen. Ideologiekritik kann so zu Rassismus umgedeutet werden. Damit wird eine Ideologiekritik unmöglich, denn sie wird sofort in einen Rassismusdiskurs überführt. Diese Linie wird anscheinend von den großen muslimischen Verbänden verfochten, und man muss sich schon wundern, wo da die Linie gezogen werden soll: Radikale Muslime, Islamisten sollen so in Deckung gehen können zwischen allen Muslimen, seien sie auch klar säkular eingestellt oder sogar nur aus einem muslimisch dominierten Gebiet herstammend (aber womöglich Atheisten o.a.). Verfassungsfeinde gibt es dann nicht mehr, sondern nur Terroristen und fromme Brüder.

Das ist im Grunde auch die Auseinandersetzung, wie und wo sich die Muslime der Mitte positionieren können. Kann das Gemeinwesen sie als Leumundszeugen und Kombattanden für Freiheit und Demokratie benennen oder können die muslimischen, meist ultrakonservativen Verbände sie als Testimonials für sich und noch islamistischere Strömungen benennen? Welche Seite sie mitzählen kann, ist in der Einschätzung der Gemenge- und Stimmungslage ja relevant. Identifizieren sich diese liberalen oder ggf. auch nur wenig an Religion interessierten Muslime mit den stärker glaubensgebundenen Geschwistern oder sehen sie sich – bei Fragen des Gemeinwesens – vorrangig als Demokraten, als Bürger? Es geht also um eine Hierarchisierung der Normen. Wer den Glauben und dessen Vorgaben über menschliche Gesetze stellt, sie für alle, auch Nichtgläubige, verbindlich hält, ist nach einer einfachen Definition Islamist. Er möchte die Gesellschaft in seinem Sinne ändern.

Der Kampf um den Begriff „Islamismus“ zeigt ungefähr die Linie auf. Natürlich wollen Demokraten den Begriff gerne nutzen. Er ermöglicht, die rote Linie zu ziehen zwischen privatem Glauben und politischem Gestaltungsanspruch. Er ermöglicht nach der Gretchenfrage die Zuordnung und nicht das Schulterzucken. Er ist wertvoll für die Differenzierung und die politische Gegenposition. Hat man keinen Begriff mehr für die politische Agitation, für den bekundeten politischen Machtanspruch, ist alles Religion, nichts mehr ist Politik. Der politische Agitator kann sich als religiös Beflissener ausgeben, dessen Bestrebungen doch „nur seine Religion“ sind. Damit ist er ganz unschuldig, hat eigentlich gar keine Wahl. Er gibt sich damit als Person aus, die nur Regeln befolgt. Er handelt mit anderen Worten als politisches Subjekt, gibt aber vor, die Verantwortung gar nicht zu tragen. Z.B. so:

http://hessenschau.de/tv-sendung/video-10764~_story-islamist-102.html

Natürlich darf man damit nicht so leicht durchkommen lassen. Immerhin wird ja frei gewählt, dass diese Regeln befolgt werden. Der Herr Fandy sieht sich aber natürlich als normalen Muslim, der ja nur mal so meint, auch ein wenig Jihad sei „halt seine Religion“. Demokraten halten ihn hingegen für einen Islamisten. Für was ihn andere Personen halten würden, die relevant sind in der gesellschaftlichen Debatte und die sich sonst sehr häufig zu Wort melden, wenn es um Bekundungen zur Mehrheitsgesellschaft geht, ist hingegen nicht bekannt. Die Herren der Verbände halten sich auffallend zurück, wenn es um genau jene Personen geht, die nach demokratischer Sicht unzweifelhaft Islamisten sind. Zu Personen wie Fandy, Abou Nagie, Sven Lau etc. herrscht bei den Herren Mazyek, Güvercin, Murtaza, Heider und einigen anderen auffallende Funkstille. Bei Terroristen – ja, da kann man sich äußern, wenn man muss. Das sind halt Terroristen, keine Muslime. Die gewünschte gesellschaftliche Sprachlosigkeit hat sie zu allererst ergriffen: Sie haben selber kein Wort, wollen den Begriff „Islamist“ nicht nutzen und da sagt man lieber gar nichts. Das kommt zupass.

Das hindert aber nicht daran, munter gegen den Begriff zu Felde zu ziehen. Denn eigentlich wollen all die Personen, die eigentlich Muslimbrüder sind, Milli Görus Leute oder Graue Wölfe, liebend gerne als normale Muslime durchgehen. Nur so bleiben sie gesellschafts- und dialogfähig, können Macht und Einfluss anhäufen und in der Stille ihre Agenda verfolgen. Sie können sich um öffentliche Gelder bemühen für ihre Zwecke. Mit dem Kainsmal „Islamist“ wäre dies weitaus schwerer, denn dann müsste sich der Einzelne erklären.

Aiman Mazyek fordert denn auch:.

Schafft den Begriff Islamismus ab!

… Längst gibt es tragfähige, politisch exakte und nachhaltige Terminologien für bestimmte politisch-religiöse Gruppen oder eine differenzierte Beschreibung bestimmter gesellschaftlicher Prozesse. Warum werden diese nicht bemüht? Etwa, weil mit dem Begriff Islamismus sich leicht unbeschadet in Indifferenz schwelgen lässt und Menschen, sobald als Muslime erkannt, stets mit (Extremismus) Vorbehalt begegnet werden kann?

http://islam.de/22816

Man bemüht sie ja. Sie gefallen ihm nur nicht. Ein Islamist ist ein Islamist ist ein Islamist. In Neusprech dreht er genau die Bedeutung um, versucht über eine Strohmann-Debatte Islamismus für obsolet zu erklären. Es ist eine, DIE politisch relevante Zuschreibung. Er will sie nicht, und deshalb soll sie kein anderer nutzen. Damit er politische Handlungen spirituell verbrämen kann.

Die selbe Strategie nutzt auch die Hizb ut Tahrir. In Deutschland ist die Gruppierung verboten (aber zur Zeit wieder im Aufwind), in GB ist sie eine politische Partei:

 

Der ultraorthodoxe Islam mit klar politischem Anspruch soll nicht als Extremismus bezeichnet werden dürfen. Damit sollen auch alle politischen und sozialen Forderungen nur normale, religiöse Interessen sein. Mit den Kindern, die mit diesen rückwärtsgewandten und integrationsfeindlichen Haltungen großgezogen werden, soll man nicht über diese Haltungen sprechen dürfen – denn das ist ja „nur ihre Religion“, das sei nicht extrem. So wird Prävention unmöglich, denn dazu gehört zwangsläufig, dass Haltungen, insbesondere die, die andere Menschen betreffen, hinterfragt werden können und dürfen. Ist alles bis zur Gewalt noch im grünen Bereich, so kann es jenseits der Einübung des Gewaltverzichts keine wirkliche Diskussion geben.

Im Grunde ist das eine Art, politisch assymmetrisch „Krieg“ zu führen, eine Art Guerilla-Taktik. Man stellt sich und seine Positionen nicht auf dem offenen Feld der politischen Debatte. In die eine Richtung agiert man politisch, greift an, taktiert, wertet ab. Das geht, meint man. Die schlichte politische Gegenposition wird jedoch als Islamophobie diskreditiert oder als gar Rassismus bezeichnet (den es natürlich gibt, aber hier nicht gemeint ist). Die Umdeutung von Kritik an Islamismus als „Islamophobie“, versucht, den schwarzen Peter des Extremismus dem Kritiker zuzuschieben. So versucht man seine eigene Linie zu immunisieren. Der politische Anspruch verschwindet unter Laurins Tarnkappe. Man wird doch nicht etwa was gegen Religion haben? Offen könnte man islamistische Positionen debattieren, im Zusammenhang sehen und kritisieren, kann man die etwa 30 % der Muslime in Deutschland, die ein geschlossen fundamentalistisches Welt- und v.a. Menschenbild haben, als das bezeichnen, was sie sind: Islamisten. Sind sie „nur Muslime“, stehen sie und damit auch ihre Positionen kaum differenzierbar neben den 70 %, die eben nicht diese Haltungen teilen. Das ist unredlich und unfair diesen 70 % gegenüber. Diese 70 % müssten sich das aber vernehmbarer verbitten. Das ist – ein Problem, das auch die wenig organisierten anderen Konfessionslosen haben – zwar schwierig, aber unumgänglich.

Säkulare Systeme mit Religions- und Vereinigungsfreiheit werden so ins Absurde geführt. Sie sind ausgelegt darauf, dass Politisches politisch diskutiert werden kann und Religiöses zwar vor allem spirituell daherkommt, seine Ansprüche aber über Organisationen artikuliert werden. Die Trennung von Politik und Religion mag zwar auch nicht jedem schmecken, aber sie wird weitgehend akzeptiert. Es geht nicht, dass islamistisches Agieren bei Konsens politisch aufgefasst werden soll und wirken kann, bei Dissens aber plötzlich nur Religion sein soll.

Das Wort „Islamismus“ brauchen wir also dringend für die Debatte. Die 70 % der nicht fundamentalistisch eingestellten Muslime sollten sich auch für diese Differenzierung stark machen. Sie definieren dann mit, überlassen das nicht den Verbänden. Wir gewinnen im Endeffekt alle. Alle außer denen, die unsere Gesellschaft weniger frei wünschen.

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2 Gedanken zu “Wer definiert, gewinnt

  1. „Ideologiekritik unmöglich, denn sie wird sofort in einen Rassismusdiskurs überführt.
    Diese Linie wird anscheinend von den großen muslimischen Verbänden verfochten “

    Was diese Verbände ohne den Schadenszauber dieses post-kolonialen/post-strukturalistischen Diskurses im Westen überhaupt machen würden. Womöglich gäbe es sie gar nicht.

    „„nur seine Religion“ .. Damit ist er ganz unschuldig, hat eigentlich gar keine Wahl.“

    Als ein (nicht-westlicher) „Anderer“ wird er unter dem als böse definierten Blick des westlichen Betrachters: zur Geisel der Warlords, die sein Anderssein referenzieren.

    „Er gibt sich damit als Person aus, die nur Regeln befolgt.“

    Das Stockholm-Syndrom wird als das kleinere Übel diskursiv aber auch sehr nahegelegt.

    „Muslimbrüder … Milli Görus … Graue Wölfe (wollen) liebend gerne als normale Muslime durchgehen … versucht über eine Strohmann-Debatte Islamismus für obsolet zu erklären“

    Bis die fromme Gesellschaft urplötzlich als rafida vs. nawasib übereinander herfällt.

    „Prävention unmöglich … Im Grunde .. eine Art, politisch asymmetrisch „Krieg“ zu führen“

    Nach so geschütztem Aufwuchs der Extremisten bricht dann ein interner Krieg aus.

    „schwarzen Peter des Extremismus dem Kritiker zuzuschieben“

    So lange, bis nicht-westliche Feldpostnummern widersprechen. Assad, Iran, Putin.

    „Säkulare Systeme mit …freiheit werden so ins Absurde geführt.“

    Das war für so manche das Ziel und das haben sie erreicht. Unumkehrbar.

    Jenseits ausgewählter „Autoritärer“ gibt es keine Option mehr.
    Man kann gegen Trump und Orbán sein; aber gegen Putin und Iran ?

    Angefangen in Westasien wird ab jetzt die halbe Welt in der Mitte durchgerissen.

    Wegen einer „verwestlichten“ (!) Form von Religion. O-Ton Moskau/Teheran über den Salafismus.

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