Das Heft des Handelns

Jugendarbeit an Frankfurter Moscheen – Fortsetzung

Über das Projekt, säkulare Jugendarbeit an Frankfurter Moscheen anzubieten, war zuletzt hier berichtet worden:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/06/16/eine-halbe-wahrheit/

 

A-childs-painting-of-a-te-003

Bild: https://www.theguardian.com/money /gallery/2009/oct/05/when-i-grow-up-dream-jobs

Der Verein KUBI e.V., ein säkularer Bildungsverein aus Frankfurt, war in der Darstellung der Integrationsdezernentin zuletzt nicht genannt worden. Die, die mit Arbeit und Umsetzung betraut waren, kamen weder vor noch zu Wort. Diese Parteinahme öffentlicher Stellen ist per se schon bemerkenswert und deutet auf eine mangelnde Wertschätzung des säkularen Trägers hin während jegliche Kritik am Vorgehen der Moschee-Vereine verunmöglicht werden soll. Nun hat sich der Träger KUBI e.V. zu Wort gemeldet und es ist wegen der relativ breiten Betrachtung dieser Vorgänge an diesem Ort angemessen, wenn die Pressemitteilung von gestern in Gänze wiedergegeben wird.

 

Pressemitteilung des Vereins für Kultur und Bildung e.V.

Schuldzuweisungen der Moscheen sind eindeutig unzutreffend

Als eindeutig unzutreffend bezeichnet Arif Arslaner, Geschäftsführer des Vereins KUBI e.V. der Träger des Modellprojekts „Aufbau professioneller Jugendarbeit in Moscheegemeinden“ ist, die aus verschiedenen Moscheegemeinden geübte Kritik am bisherigen Ablauf des Projektes. „Sowohl der Vorwurf, dass die Jugendarbeit der Gemeinden nicht direkt unterstützt wurde, als auch Anmerkungen dergestalt, dass in dem Projekt nichts passiert wäre, muss ich nachdrücklich zurückweisen“, so Arslaner in einer am 21. Juni übersandten Pressemitteilung.

Zutreffend sei, dass sehr viel Zeit aufgebracht wurde, um die in den Moscheen aktuell bestehenden Strukturen kennen zu lernen und Wege zur Erreichung der eigentlichen Zielgruppe, nämlich der jungen Menschen, zu finden. 

Geleistete Unterstützung wird nicht gewürdigt 

Umso mehr bedauert KUBI e.V. als Projektträger, dass offensichtlich die konkreten Hilfs- und Unterstützungsprojekte überhaupt nicht gewürdigt wurden oder werden. Arif Arslaner: „Wir haben im Rahmen des bisherigen Projektverlaufes vielfältige Aktivitäten mit Jugendlichen unternommen und auch den Gemeinden konkrete Hilfen für ihre Jugendarbeit zur Verfügung gestellt. Allein die über das Modellprojekt angeschafften Fotokameras, Beamer, Mikrofone etc. sprechen eine deutliche Sprache und zeigen auf, dass es nicht sein kann, dass nichts geschah.“ Besonders trifft Arif Arslaner der indirekte Vorwurf, dass viele Mittel an den Projektträger gingen aber nur wenig für die Arbeit der Moscheen selbst zur Verfügung stehen würde. Arslaner: „KUBI e.V. ist seit 23 Jahren ein säkularer Träger, der von Beginn an die schulischen und beruflichen Integrationschancen von jungen Menschen gleich welcher Herkunft zu verbessern sucht – und dadurch auch die Verständigung über Kulturgrenzen hinweg gefördert hat und auch weiterhin fördern wird. Das hierfür –auch im Projekt „Aufbau professioneller Jugendarbeit in Moscheegemeinden“ qualifiziertes Personal benötigt wird, das Geld kostet, dürfte allen Beteiligten klar sein.
Aber wir verdienen mit dieser Arbeit kein Geld, sondern unterstützen sie sogar wegenihrer Bedeutung mit einem jährlichen Eigenanteil in Höhe von 3.500 Euro.“Sehr stark bedauerten die bei KUBI e.V. beschäftigten Projektmitarbeiter_innen, dassihre Bemühungen um eine in den Herbstferien des letzten Jahres stattfindende Berlinreise, die gemeinsam mit den Jugendlichen unter dem Motto „Demokratie und Migration“ geplant wurde, eine knappe Woche vor dem Abreisetermin durch den Vorstand einer Moschee abgesagt wurde. Arif Arslaner: „Bus und Unterkunft waren reserviert, alle Führungen geplant, die Eltern in die Vorbereitung einbezogen und dann wurde aus Sicht des Vorstandes der Moschee die vorgesehene Eigenbeteiligung von 12 Euro je Jugendlichem die unüberwindbare Hürde, die diesen Projektbestandteil zum Scheitern brachte.“ Ebenso nicht nachvollziehbar ist es für Arslaner, dass im Zusammenhang mit der Kooperationskündigung der Moscheen, diese eine zur Kommunalwahl vorgesehene Informationsveranstaltung mit integrierter Podiumsdiskussion mit Kommunalpolitiker_innen, die mit den Jugendlichen vorbereitet wurde, kurz vor dem Termin absagten.
Arslaner: „Ausschlaggebend für den Rücktritt war aus meiner Sicht der Wunsch der Moscheen nach eigener Mittelzuwendung und eigenständiger Jugendarbeit. Dies war und ist aber nicht Bestandteil des Modellprojektes.“

Möglichkeitsräume für Jugendliche schaffen 

Vorrangig geht es in dem Modellprojekt darum, Möglichkeitsräume für Jugendliche in den Gemeinden zu schaffen, um ihre Identität als muslimische Jugendliche außerhalb radikaler Strukturen zu leben und sich als deutsche junge Muslime an der Jugendpolitik in ihrer Stadt Frankfurt, etwa im Stadtjugendring und durch Netzwerke im Stadtteil, zu beteiligen. Deshalb ist KUBI e.V. im September 2014 auf das AmkA zugegangen, um im Rahmen des Programms „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ein Projekt zur Prävention einer Radikalisierung junger Muslime in Frankfurt zu starten.

Gemeinsam mit dem AmkA wurde ein Konzept erarbeitet, in dem Jugendarbeit in Moscheen professionalisiert, Jugendliche in die Arbeit mit einbezogen und Moscheevereine in die Lage versetzt werden sollen, Kenntnisse in der Jugendarbeit zu erwerben und diese dauerhaft fortführen können. Die damit einhergehenden Herausforderungen waren zu jedem Zeitpunkt für alle Beteiligten erkennbar. Das Projekt ist vernetzt und wird sachkundig begleitet KUBI-Geschäftsführer Arif Arslaner: „Da wir als Verein auch von Anfang an im Netzwerk mit verschiedenen Institutionen wie z.B. Schulen, Familien etc. und auch punktuell mit Moscheegemeinden zusammenarbeiten, sah ich die Chance mit diesem Modellprojekt von „Demokratie leben!“ direkt an Moscheegemeinden heranzutreten, um dort die deutsch-muslimischen Jugendlichen mit Jugendarbeit zu unterstützen. Und die Hoffnung hierauf habe ich auch noch nicht aufgegeben.“ 

Strukturell sei eine Lenkungsgruppe bestehend aus Vertretern und Jugendlichen (Jungen und Mädchen) der Kooperationsgemeinden, dem AmkA und KUBI e.V. eingerichtet worden, die sich monatlich zusammengefunden habe. In diesem Gremium wurden Inhalte, auftretende Schwierigkeiten und Bedürfnisse, wie bestehende Grenzen gemeinsam beraten. Die Zusammenarbeit im Gremium war von allen Beteiligten mit hoher Wertschätzung und Anerkennung getragen worden. Halbjährlich tagt der Beirat der aus Expert_innen der kommunalen Fachämter, Wissenschaft, kirchlichen Jugendarbeit, DIV (Deutsch-Islamischer Verein e.V.) und dem Jugendring besteht. Der Beirat ist im vergangenen Jahr zwei Mal nach Einladung des AmkA zusammengetreten. 

Projekt wegen Rücktritt der Moscheegemeinden nicht gescheitert 

KUBI e.V. respektiert den Rücktritt der Moscheegemeinden, bedauert jedoch diese Entscheidung. KUBI e.V. und die Mitarbeiter des Modellprojektes danken ausdrücklich den Jugendlichen, die hieran aktiv mitgewirkt hatten, für die Zusammenarbeit des letzten Jahres.

Arif Arslaner: „Das Modellprojekt ist aus unserer Sicht weit vom Scheitern entfernt. Auch wenn die drei genannten Moscheen nicht mehr Teil des Modellprojektes sind, so arbeiten wir zurzeit, in Kooperation mit dem AmkA und nach Absprache mit der Programmstelle „Demokratie leben!“ an einem Konzept zur Integration mit muslimischen Gemeinden, deutschen muslimischen Jugendlichen und jungen muslimischen Geflüchteten. Die Erfahrungen, die wir am Anfang des Projekts mit den Moscheen sammeln konnten, können wir in die weitere Arbeit einfließen lassen.

Original:

20160621_Pressemitteilung-KUBI

Nach Darstellung von KUBI e.V. wurden also eine Reihe von Ideen und Projekten versucht umzusetzen. Dass das Integrationsdezernat diese Versuche nicht würdigt, sondern sich einseitig die Sicht der Moschee-Vereine zu Eigen macht, befremdet. Es deutet darauf hin, dass man meint, für die eigene Außendarstellung die Gemeinden noch zu benötigen, den erprobten (!) säkularen Träger aber nicht. Um es einmal zuzuspitzen: Wenn man nichts Säkulares mitmachen will, dann gibt es das Geld halt auch so. Hauptsache, das schöne Bild nach außen wird nicht gestört. Man trat an mit Fördern ( = Geld von „Demokratie leben“ und AmkA) und Fordern ( = säkulare Mitarbeiter, kein Geld direkt). Die Forderungen stießen, liest man die Darstellung von KUBI e.V., auf aktiven und passiven Widerstand. Die Forderungen wurden in Folge so „modifiziert“, dass von ihnen nichts übrig blieb. Aus „Fördern und Fordern“ ist also nur Fördern geworden, nunmehr über einen religiösen Träger, den „Deutsch-islamischen Vereinsverbund e.V.“. Natürlich kann man das so nicht verkaufen, eigentlich auch „Demokratie leben“ nicht (man wird betrachten müssen, was das AmkA da schrieb; immerhin steht in den Förderleitlinien explizit, dass mehrheitlich religiöse Projekte nicht förderfähig sind). Und so tut man im Integrationsdezernat einfach so, als sei einem nicht das Heft des Handelns entrissen worden. Man tut so, indem man einfach in Stockholm-Syndrom-Manier gegen Kritik immunisiert. Ließe man diese Kritik nämlich zu, müsste das Integrationsdezernat selber deutlich werden: Dann lassen wir es halt zur Not auch. Das beinhaltet das Risiko des Scheiterns und so tarnt man das ganze lieber.

Diese Angst ist jedoch unbegründet, denn zeigte man Klarheit und Stärke (immerhin ist man die Herrin des Geldes), wäre da mehr zu bewegen. Die Gegenseite merkt jedoch, wie schwach das Gegenüber ist und wie abhängig von der öffentlichen Meinung, die man um jeden Preis möglichst und überall positiv sehen will. Damit kann man das Dezernat vor sich her treiben, bis kein Wasser mehr unter den Flossen ist. Das Integrationsdezernat verkennt die Grundhaltung der Gemeinden.

Es wäre viel gewonnen, würde man aufhören, mit Projektionen zu arbeiten und auch den Paternalismus ließe. Einfach richtig zuhören, gerade dann, wenn die Inhalte nicht gefallen, und nicht wie bei Kindern schon loben, auch wenn der Krakelmann auf dem Papier sechs Finger hat. Die Moschee-Gemeinden werden von Erwachsenen betrieben. Sie haben eine langfristig angelegte und nicht immer demokratiefreundliche eigene Agenda. Sie haben also ihre Interessen, die man gut finden kann oder auch nicht. Die Stadt hat andere Interessen. Ohne Ehrlichkeit diesbezüglich kann man keine Kompromisse finden, sondern wird von Interessenvertretern auch da überrundet, wenn man mehr wesentlich PS hat. Man muss sie aber auch auf die Strasse bringen. So lässt man sich das Heft des Handels entwinden, auch wenn man das nicht zugeben mag.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s