Frauenpower? Ausgepowert!

Der Druck auf Mädchen und Frauen nimmt zu – „Feministinnen“ schweigen

Es waren einmal Frauen, die verbrannten ihre Büstenhalter.* Das war ein symbolischer Akt und er sollte demonstrieren, dass sich Frauen bestimmten Normen nicht unterwarfen. Auch wenn man die Art des symbolischen Akts ein wenig merkwürdig finden kann – es stand ein Gedanke von Freiheit dahinter und von Frauensolidarität. Sozusagen pars pro toto wurde mit dieser Handlung symbolisch die ganze Frau befreit. Ein Zeitdokument von 1968:

 

Von dieser Frauensolidarität in Bezug auf Freiheitsrechte ist mancherorten in diesem Land nur noch wenig zu spüren. Ja, man beschwört die „Frauenpower“ noch, wenn es um mehr Geld für die Arbeit, Seilschaften in Parteien  oder Aufsichtsratsposten geht. Das sind jedoch meistens Luxusprobleme einer Schicht Frauen, die sowieso schon eher kariere- und machtbewußt sind. Zum richtigen Verständnis: Macht muss nichts Schlechtes sein. Man sollte sie aber, insbesondere, wenn man Solidarität in Anspruch nimmt oder genommen hat, nicht nur der eigenen Kaste zuschieben, sollte also den Benefit nicht nur „sich selber“ zuordnen.

Die normale Solidarität unter Frauen funktioniert in einigen Bereichen schlicht nicht mehr. Feminismus zeigt sich oft nur noch beim Kampf um Sprache und andere Petitessen. Alte Muster im Kampf gegen einen männlichen Chauvismus alter Schule, der sowieso nur noch Rückzugsgefechte liefert.

Dem neuen Anti-Feminismus unter religiöser Flagge hingegen setzt man nichts entgegen. Man leugnet ihn zum Teil sogar, indem man ihn – kulturrelativistisch beflissen – von politischen Lobbyistinnen als neuen Feminismus, als neue Emanzipation unwidersprochen vermarkten lässt. Von Ulusoy bis Gümüsay sind diese „neuen Feministinnen“ sehr laut und sie verstehen es, linke Frauensolidarität so zu vereinnahmen, dass diese gar nicht merken, was da passiert. Der neue Feminismus dieser Schlagrichtung verknüpft munter mit einem Anti-Rassismusdiskurs und *schwupps* verschwinden die ganzen bösen Wertungen. Aus Unterdrückung wird Folklore, wenn sich nur genügend weibliche Testimonials finden, die die Unterdrückung Emanzipation heißen.

Emanzipation jedoch gegen wen? Gegen westliche, gegen Freiheitswerte! Diese Umdeutung wird dort jedoch geschluckt, mitgetragen. Haben zu viele Frauen Lethe-Wasser getrunken? Woran hängt es, dass sogar akademisch gebildete und sonst nicht auf den Kopf gefallene Frauen diese bittere Pille schlucken und sogar für Manna heißen? Es liegt wohl daran, dass es einem selber zu gut geht. Die eigene Schicht, die soziale Umgebung ist von Männern bevölkert, die ritterlich auf das Recht des physisch stärkeren verzichten, die darauf getrimmt sind, es sich um Himmels Willen nur nicht anmerken zu lassen, wenn sie einer hübschen Frau mal auf den Po schauen. Die Wortführerinnen des Feminismus sind es nicht mehr gewohnt, mit Männern umzugehen, die ihnen schlicht einen untergeordneten Platz anweisen. Ganz banal, weil sie physisch stärker sind und auch klar machen, dass sie das im Zweifel durchsetzen. Die es zusätzlich religiös legitimieren. Sie halten sich für die Krone der Schöpfung und dann kommt lange gar nichts. Gegen diese Macho-Allüren kommt sehr, sehr wenig von Frauenseite, gar von linker. Man hat sich ausgepowert am Sparringspartner, nicht am Gegner.

Mit diesem Schweigen aber machen sich Feministinnen mitschuldig. Sie machen sich schuldig, weil sie eine Debatte über diese Art männlichen Dominanzgebarens im Grunde unmöglich machen. Das schadet ihnen in ihrem gesellschaftlichen Rotweinviertel nicht. Dort gibt es keinen Kontakt zu den Mucki-Bude-Männern, die schon untereinander durch physische Präsenz und sonst wenig anderen zu beeindrucken suchen. Bei Frauen wie der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig kommen auch die Lobbyisten einer institutionalisierten Frauenabwertung gepflegt im Anzug daher und wenn es um Frauenrechte geht, sind das die, ein Kopftuch zu tragen, nicht, es abzulegen.

Alleine gelassen mit dieser Lage sind dann die Mädchen und Frauen, die weniger gut dran sind. Die in Familie oder Clan eingebunden sind und die bei Weigerung, sich dem Gruppendruck zu beugen, gebeugt werden. Die, für die das keine bunte, nette Folklore ist, sondern Frauenschicksal, Mensch angeblich zweiter Klasse zu sein. Aber auch andere Mädchen und Frauen werden alleine gelassen. Die vielleicht ein bisschen Macho gut finden im Sinne von Klarheit im Kommunizieren des Begehrens von männlicher Seite, dann aber für alles weitere keine  Einordnung mehr vorfinden, sondern nur Schweigen:

Sie habe einmal den Fall einer deutschen Jugendlichen erlebt, ein „junges intelligentes deutsches Mädchen“, wie sie sagt. Die habe dann einen arabischen Freund gehabt und musste dann einen Schleier tragen. Den Freund hat sie dann geheiratet und hat die Schule verlassen. Später habe sie sie durch Zufall in der Stadt getroffen, „von Kopf bis Fuß verschleiert“ und „sie sah traurig aus“. Das sei kein Einzelfall. Immer wieder beobachte sie, dass sich deutsche Mädchen und Frauen verändern, wenn sie einen muslimischen Partner haben. „Viele beugen sich dem männlichen Druck. Manche bedecken sich dann halt und tragen Schleier, bevor der Mann immer wieder Theater macht.“ Ein junger Deutsch-Türke habe ihr einmal gesagt, für seine Freundin bestehe „Schleierpflicht“.

http://www.n-tv.de/politik/Viele-beugen-sich-dem-maennlichen-Druck-article18020686.html

Die gesellschaftliche Debatte und auch die in der Schule lässt diese jungen Frauen alleine. Denn wenn alles mindestens bis Burka irgendwie ok ist, wie kann es dann nicht ok sein, wenn der eigene Freund das von einem verlangt? Wenn auch Mehrehe stillschweigend akzeptiert wird? Wenn das alles harmlose Folklore ist und keine Frauen-Abwertung, dann kann die junge Frau da nur verlieren. Was die politischen Lobbyistinnen forcieren, findet zunehmend Boden bei Gläubigen. Bei Gläubigen verfängt die strengere Rückbesinnung als Abkehr von der westlichen Haltung. Bei weiblichen Nicht-Muslimen wird ihr Gefühl für den Mann gegen sie eingesetzt: „ihm zuliebe…“.

Doch nicht nur Gefühl führt unwidersprochen in diese Falle. Auch bei wirtschaftlichen Interessen wird schon einmal verkannt, dass es sich eben nicht um Spiel und Spaß handelt. Vor einer Iran-Reise einer sächsischen Wirtschaftsdelegation wurden weibliche Delegationsteilnehmer vorsorglich verschleiert:

Ein Sprecher des Infrastrukturministeriums von Mecklenburg-Vorpommern sagte, es sei Konsens vor der Reise gewesen, die Frauen mit Kopftuch abzubilden, damit sie von den Gesprächspartnern im Iran auch erkannt werden. Es sei keine Forderung aus dem Iran gewesen, betonte er.

Sachsen Wirtschaftsdelegation 160623

 

http://www.merkur.de/politik/frauenrechtlerinnen-protestieren-deutsche-delegation-iran-aerger-kopftuch-fotos-broschuere-zr-zr-6474446.html

Die Damen, die das mitmachten, hätten wahrscheinlich keinerlei Nachteile zu befürchten gehabt. „Erkannt“? Am Muster des Kopftuchs? Es ist schon bizarr, welche Ausreden da kommen. All jenen Frauen, die im Iran das Kopftuch tragen müssen, zeigt man also nicht einen Hauch Solidarität. Verkauft für die Zufriedenheit eines Ministers, der das so sieht

Das sei eben „Wandel durch Annäherung“, sagte Dulig dann auf einer Pressekonferenz am Nachmittag.

http://www.bild.de/regional/dresden/kopftuch/kopftuch-affaere-im-wirtschaftsministerium-46180916.bild.html

Es hieß ja mal, „Wandel durch Handel“. Nun „Wandel durch Annäherung“? Wer nähert sich da an, wer wandelt sich ganz augenscheinlich? Der Minister findet es anscheinend völlig in Ordnung, wenn er wandeln und annähern lässt. Dass es ein Wandel hin zu weniger Frauenrechten ist, scheint da wenig zu stören. Es sind ja nicht seine Rechte, symbolisch seine Abwertung. Er fühlt sich hingegen durch die vielen geschlossenen Verträge aufgewertet. Die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen. Die Aschenputtel-Karte haben ja die anderen Menschen seiner Delegation. Es ist auf jeden Fall eines: Ein Beispiel für Anbiederung und so intensiver Selbstverleugnung, dass man optische Mimikry betreibt.

„Wandel durch Annäherung“ – wenn man das einmal auf die obige Emanzipationsdebatte bezieht, so findet sie seit geraumer Zeit in genau umgekehrter Weise statt wie der Minister assoziiert. Immer mehr und immer jüngere Mädchen tragen Kopftuch in der Schule – weil es erlaubt ist. Mädchen, die keines tragen werden nicht selten gemobbt. Es ist ein Gruppendruck da, der Mädchen dazu bringt, es „freiwillig“ zu tragen, damit die bösen Zuschreibungen aufhören. All diese Mädchen bekommen signalisiert, dass es ok ist, Kopftuch zu tragen**, dass es nicht ok ist, Kopftuch nicht ok zu finden. Dass es sogar emanzipiert ist, es zu tragen. Das ist die schöne Geschichte für die Mehrheitsgesellschaft, die sie nur zu gerne glaubt, weil man sich dann nicht informieren und kümmern muss. Weil unschöne Debatten nicht geführt werden müssen. Sie ist mit anderen Worten bequem, aber unsolidarisch. Man würde sich den Einsatz, der beim Kampf z.B. um geschlechtergerechte Sprache gezeigt wird, bei diesen echten Debatten wünschen.

Das ist also eine ideologische Falle, die nicht die fängt, die sie stellen lassen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir die Debatte um diesen neuen Anti-Feminismus, der im Gewand von Emanzipation, Toleranz und Wandel daherkommt, führen. Die schönen Worte, die so positiv klingen, dürfen also nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Frauenbild von manchen leichtfertig zur Disposition gestellt wird. Sie sind z.T. vielleicht auch Opfer ihres eigenen „positiven Denkens“. Die Umdeutung hat bei ihnen verfangen und sie sind orientierungslos. Orientierungslosigkeit lässt jedoch Fanatiker Boden gewinnen. Deren Stand ist nämlich ganz fest und sie ziehen immer näher zu sich heran.

Bei diesem „Kampf um die Köpfe“ brauchen die Frauen wie immer auch die Unterstützung und Mithilfe zivilisierter und gerecht denkender Männer. Die müssen mitziehen am Strang, sonst wird es schwierig. Konkret heißt das, dass sie sich stark machen müssen für Frauenrechte, auch und gerade öffentlich. Es genügt nicht, wenn man aus einer entsprechenden Community stammt und sich für das Thema interessiert, selber privat „anders“ zu leben, als dies vielleicht die Tradition vorgibt. Das hat auch bei der Frauenbefreiung im „Westen“ nur so funktioniert. Dann kriegt die Frauenpower vielleicht auch wieder mehr Impulse.

 

 

 

Tauziehen 160615

 

 

 

 

*  So zumindest der Mythos über die Frauenbewegung Ende der 60er Jahre. Auch wenn es das nicht gab, es sei einmal als Metapher genommen, weil es sich um eine bekannte und auch bildstarke handelt:

Feminism Has a Bra-Burning Myth Problem

** ist es, wenn es SICHER frei gewählt ist; an der Schule hat es jedoch nichts zu suchen, einfach um sicherzustellen, dass Mädchen auch einen nichtreligiösen Raum erleben, in dem sie nicht vorrangig nach Geschlecht behandelt werden.

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