Gekämpft wird in Falke-Socken

Siebter Verhandlungstag im Prozeß am OLG Frankfurt gegen Aria L. am 28.06.2016

Liste der bisherigen Berichte dazu s.u.

Der Zeuge Tolga A. wird vernommen. Tolga A., er trägt einen längeren Bart und hat die Kopfhaare zu einer Art Dutt am Oberkopf befestigt, war aus der Türkei angereist. Warum er sich zur Zeit in der Türkei aufhielt, wird leider nicht hinterfragt in der öffentlichen Verhandlung.

Militär-Socken 160629

Beispielbild: http://www.dhgate.com/product/new- retro-long-men-women-military-army-green/237175485.html#s1-3-1;onsh|4170757512

Tolga A. ist – das wird in der Vernehmung deutlich – ein enger Weggefährte von Vedat V. aus Frankfurt. Sprachmelodie und besondere Redewendungen sind so ähnlich, dass man die beiden im nur mündlichen Vortrag fast verwechseln könnte. Sogar die Angewohnheit, manche Worte in der Verdoppelung zu verballhornen, ist zu hören. Beispiel Vedat V.: „Freundin-Meundin, Solarium-Monarium“. Tolga A.: „Rückzieher-Mückzieher, Tausch-Mausch“. Das ist eine bizarre Angewohnheit und sehr weit von üblichen Sprechgewohnheiten abweichend. Eine solche Art der Sprachimitation hat man üblicherweise nur bei engstem Kontakt, die Sprachgewohnheiten werden sozusagen gespiegelt. Auch aktuell steht Tolga A. noch mit ihm im Austausch. V. habe niemanden mehr, nur ihn. Vedat sehe ihn wie einen älteren Bruder. Man rede über alles, aber nicht über Details der Kämpfe. Er habe auch den Kontakt zur Polizei vermittelt. Das, was er in der Vernehmung sagen werde, sei von Vedat V. gebilligt, er solle dies sogar aussagen. Wenn Vedat sage, er solle dies und das sagen, dann tue er das; wenn Vedat sage, er solle schweigen, dann tue er auch dies. [Hier versäumte das Gericht den Hinweis, dass nicht Vedat V. entscheidet, was gefragt wird, und dass er, Tolga A., als Zeuge der Wahrheit verpflichtet ist, nicht Vedat V. SHM]

Tolga A. war mit Vedat V. auch über Facebook befreundet. Dort habe er gesehen, dass Vedat V. die Bilder gepostet habe. Nach seiner Einschätzung habe V. das gemacht, um zu dokumentieren, dass er keinen Rückzieher gemacht habe. Auch seien die Bilder gemacht worden, um auf „die Feinde“ zu wirken. V. sei bei IS gewesen, auch bei der al Nusra, sei aber zu der fraglichen Zeit „frei“ gewesen. Er habe damals bei einer Gruppe von Muslimen gelebt und sei für deren Schutz zuständig gewesen. Auf Nachfrage hin erläutert A., das sei so „Robin Hood-mäßig“ gewesen. A. wird seine Einlassung vom Januar vorgehalten. Dort hatte er angegeben, V. sei „Amir“ geworden, sei für die Ausbildung von einer Gruppe „Jungs“ zuständig gewesen, habe sie trainiert. Jeder habe dort eine Waffe, merkt A. auf Nachfrage hin an.

Hinsichtlich der Ausreise-Motivation gibt sich A. sicher, V. sei gegangen, weil er „nicht in den Knast“ wollte. Er meint, dass er keinen kenne, der „einen Top-Job, eine Top-Familie“ gehabt habe, keinen, der keine Probleme gehabt habe, der „runterging“.

Vedat V. sei aktuell in einer mißlichen Lage. A. gibt an, er sei „50 Tage lang mit verbundenen Augen eingesperrt“ gewesen und „mit Elektroschocks gefoltert“ worden. Sein Bein sei „kaputt“, er sei abhängig von anderen Menschen. Kämpfen könne er nicht mehr.

Aus nachfolgend verlesenen Aktennotizen und Vermerken, die zum Teil auf der Auswertung eines beschlagnahmten Handys (Mimoudi E.) beruhen, werden Details zum Tod von Mohid J. öffentlich. Viele der Whatsapp-Chats haben über 1000 Einträge. Das eine ausgewertete Telefon hätte 798 Kontakte und 627 Anrufprotokolle aufgewiesen.

In den Whatsapp Botschaften wird deutlich, dass man die Art des Todes von Mohid J. für vorbildlich heldenhaft hält. Gegen eine Übermacht und gegen anrückende Panzer sei er angetreten. Er sei „auf den Pick up gesprungen“ und habe „mit dem Geschütz auf die Panzer gefeuert“. Von einem Panzergeschoß sei er „in der Körpermitte zerteilt worden, habe aber sekundenlang noch das Bewußtsein behalten“. Erst dann sei er „Shaheed geworden“.*
Vedat V. habe Mohids J. Witwe „zur Führung des Haushalts“ bei sich gehabt. Er habe die Frau „nach Ablauf ihrer Frist“ heiraten wollen. Sie sei jedoch weggegangen, sei möglicherweise ins Gefängnis gekommen und mittlerweile möglicherweise tot.

Vedat V. habe sogar seine Handfeuerwaffe verkauft, um Essen kaufen zu können. Er bat Mimoudi E., seiner Mutter eine geringe Summe Geldes zu geben.

Aria L. gibt verschiedene Erklärungen ab. Der Vernehmung der betreuenden Polizistin stellt er entgegen, er habe sehr wohl kooperiert. Er verstünde gar nicht, warum sie ihn in ihrer Vernehmung „so schlecht gemacht habe“. Einige Vorgaben habe er auch ohne vorliegenden richterlichen Beschluß hingenommen und befolgt. Zu den Darlegungen von Tolga A. und Vedat V. meint er, Vedat habe diesen „gepusht“. Die Rettungssituation von Vedat sei von diesem stark übertrieben dargestellt worden. Er bereue mittlerweile die Bilder. Er habe damals „nicht die richtige Barmherzigkeit gegenüber diesen Toten“ gehabt. Die Einschätzung von Vedat zu seiner Person wundere ihn. Er habe viel für diesen getan. So habe er sich ein Jahr lang „um seine Mutter gekümmert, auch den jüngeren Halbbruder“. Mit diesem sei er „wöchentlich zum Friseur gegangen“, habe ihm Kleider gekauft. Das Gericht fragt nach, wovon er dieses bezahlt habe, er habe doch kein Einkommen gehabt. L. gibt an, „wesentlich länger, nicht nur einen Monat“ gearbeitet zu haben. „Bestimmt 5, 6 Monate“. Was er gearbeitet haben will, bleibt unklar, denn im Callcenter war er nachweislich nur im November-Dezember 2014 beschäftigt. Vedat selber sei „in seinen Klamotten herumgelaufen“. Der Angeklagte verwendet in seinem Satz das Wort „Plusquamperfekt“ – von Sinn und Grammatik her richtig. Die Zuschauer wundern sich.

Aus einer nachfolgend eingeführten Auswertung der Telekommunikationsüberwachung (TKÜ) ergibt sich, dass Vedat V. meinte, Aria L. sei „wegen eines Mädchens“ zurückgekehrt.

Erkenntnisse aus einem Verfahren am LG DA werden eingeführt. Dort hatte der Zeuge Kostas S. ausgesagt, dass Aria L. nichts davon gehalten habe, schon „nach 2 Tagen Shaheed zu werden. Dann habe er doch gar nichts davon“. Aria L. Mutter habe Bescheid gewußt. Aria L. habe gemeint, „seit er alleine ist, komme der Shaytan richtig krass zu ihm“.

Die Erkenntnisse zum sonstigen Verhalten von Aria L. werden vorgebracht. Neben spezieller Winterkleidung habe er sich eine größere Menge Spezial-Socken von der Firma Falke kommen lassen. Er habe 9 verschiedene Handies mit verschiedenen Nummern benutzt. Vom Gericht wird gefragt, warum er ein derartiges Verhalten, das man als konspirativ deuten könne, gezeigt habe? Der Angeklagte gibt die Begründung, er habe sich so wegen seiner Ex-Freundin verhalten. Der Vorhalt, er habe doch selber mit ihr stundenlang telefoniert, wird vom Verteidiger flankiert, indem er anmerkt, dass dies manche sehr arme Leute machten, da dies billiger sei als alle anderen Alternativen. Auch das scheint nicht zu überzeugen.

Die Beweisaufnahme wird geschlossen. Zur Verlesung kommen die Einträge von Aria L. im Zentralregister.

2010: Verstoß gegen das Waffengesetzt. Eingestellt.

2010: Urkundenfälschung. Eingestellt.

2010: Fahren ohne Führerschein, 2 malig. Im Zusammenhang mit der Urkundenfälschung 60 Arbeitsstunden.

2012: Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Eingestellt.
2013: Gemeinsamer Diebstahl. Arbeitsstunden

2013: Wohnungseinbruch. 50 Arbeitsstunden

Die Ausreise erfolgte im Frühjahr 2014.

Der Vorsitzende merkt an, dass das AG Offenbach sehr viel Geduld mit dem Angeklagten gezeigt habe.

Die Jugendgerichtshilfe trägt vor. Der Angeklagte weise wenig Merkmale auf, die eine Reifungsverzögerung nahelegten. Allenfalls die unterbrochene Bildungsbiographie weise darauf hin. Andere Merkmale zeigten hingegen auf, dass die Persönlichkeitsentwicklung zum fraglichen Zeitpunkt abgeschlossen gewesen sein. Es sei sicher schwierig, den Zustand einer Person und Persönlichkeit mit zweijährigem Abstand zu beurteilen, dafür gebe es kein wissenschaftliches Instrumentarium. Allerdings gebe es – der Angeklagte sei mittlerweile 21 – keinen Ansatzpunkt aus der Jugendhilfe, die eine erwachsene Person akzeptieren würde. Erzieherische Maßnahmen wirkten bei erwachsenen Personen weniger. Eine Beurteilung nach Jugendstrafrecht sei in der zusammenfassenden Schau nicht geboten.

Die Verteidigung verweist noch einmal auf den Besuchsantrag durch die aktuelle Freundin. Die Staatsanwaltschaft tritt dem entgegen, da diese Freundin den Prozeß als Zuschauerin verfolge und im Verdacht stehe, auf diesen Einfluß nehmen zu wollen. Es habe der begründete Verdacht bestanden, dass diese der Exfreundin die drohende Vorführung ankündigte und so eine Zeugenbefragung hintertrieben haben könnte. Das Gericht will dieses beraten.

Die Verhandlung wird am 05.07.2016 fortgesetzt.

 

 

 

Teil 1: https://vunv1863.wordpress.com/2016/05/03/schoene-landschaft-mit-viel-blut/

Teil 2: https://vunv1863.wordpress.com/2016/05/04/ausser-kontrolle/

Teil 3: https://vunv1863.wordpress.com/2016/05/11/mucke-muckis-und-moschee/

Teil 4: https://vunv1863.wordpress.com/2016/05/17/rechenschaft-vor-den-kuffar/

Teil 5: https://vunv1863.wordpress.com/2016/06/08/offenbacher-puzzle/

Teil 6: https://vunv1863.wordpress.com/2016/06/22/bieberer-viertelwelt/

 

* Ich bitte die Angehörigen von Mohid J. und Vedat V. um Entschuldigung, dass ich die in die öffentliche Verhandlung eingeführten Details aufführe. Es ist jedoch wichtig, auch solche Dinge zu schildern, weil manche Personen, die sich in diesen Krieg begeben, eine schönfärbende Disney-Version von Krieg im Kopf haben, die durch die Propaganda-Filme des IS befördert wird.

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