Angst vor der Phobie

Warum der Ansatz „Islamophobie als Ursache von Radikalisierung“ untauglich ist

„Was treibt Menschen um, die sich islamistisch radikalisieren?“ ist wohl derzeit eine der am häufigsten gestellten Fragen. Es gibt darauf verschiedene Antworten. Diese Antworten sind unterschiedlich gehaltvoll, auch von den gehaltvollen trifft nicht jede zu auf jeden Fall. Manche sind aus dem vorliegenden Zahlenmaterial herleitbar, andere weniger. Einige sind in sich schlüssig, andere nicht. Und es gibt Antworten, die schlüssig sind und herleitbar, die aber nicht gefallen.

Fragezeichen 160620

Zunächst: Was ist „Islamophobie“? Der Begriff der Phobie stammt eigentlich aus Medizin und Psychologie. Eine Phobie ist eine Furcht, die nicht durch tatsächliche Bedrohungen ausgelöst wird. Ist die Bedrohung real, so spricht man von Angst. Niemand spricht (i.d.R.) von einer „Todesphobie“ als Beispiel, sondern nennt dies Todesangst (bei Todesgefahr). Bei Spinnen allerdings, deren reiner Anblick zwar nicht gefährlich, aber angstverursachend sein kann, spricht man von einer Spinnenphobie. Eine Phobie ist also eine Angststörung, eine Furcht, die nicht adäquat ist in Relation zum Auslöser.

Die Bezeichnung „Islamophobie“ im üblichen Sprachgebrauch wird jedoch – je nach Nutzer – mehr oder weniger diffus verwendet. Gemeint ist mitnichten ein Schaudern, wenn ein Koran erblickt wird. Vielmehr wird darunter von einer pauschalen Ablehnung von Muslimen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Weltreligion (also besser: Muslimfeindlichkeit) bis hin zu konkreten politischen Gegenhaltungen zu konkreten gesellschaftlichen religiösen Vorgaben (also besser Gegenmeinung) alles mögliche vermengt (das zieht sich von der Wikipedia bis hin zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen). Der Begriff ist also vom erklärenden Charakter her wenig nützlich, da es bessere und genauere Begriffe gibt. Nützlich ist er jedoch, wenn genau diese Unschärfe gewünscht ist. Cui bono? Diese Vermengung ist für jemanden, der eine bestimmte politische Meinung bzw. Forderung voranbringen will, höchst nützlich, immunisiert sie doch seine Meinung, indem die Gegenmeinung in den Ruch der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gerät alleine durch die Nutzung dieser Vokabel. Es gibt ganze Konferenzen unter Bezug auf den Begriff, die auch wissenschaftlichen Anspruch haben, obwohl schon der Begriff so diffus verstanden wird:

http://crg.berkeley.edu/content/irdpconf2016

Das geht bis hin zu Konferenzen von Personen, die die Nützlichkeit dieser Unschärfe sehr wohl begreifen:

http://www.jpost.com/International/First-Islamophobia-summit-to-be-held-in-Europe-457324

Es gibt nebenbei keine andere Weltanschauung, die es bislang fertig brachte, die eigenen Aussagen derart zu immunisieren. Wenn man Buddhismus nicht gut findet, gilt man nicht als Feind des Dalai Lamas oder aller Buddhisten oder gar Tibeter. Analog gilt dies für eine pointiertere Gegenmeinung, die sogenannte „Islamfeindlichkeit“, die als politische Gegenmeinung zu religiösen Vorstellungen beim Buddhismus als völlig akzeptabel gilt. Eine „Buddhophobie“ würde als ganz lächerlich abgetan. Zur Ehrenrettung mancher Nutzer des Begriffs muss man allerdings auch sagen, dass die Zusammenziehung wohl aus dem englischen herüberschwappte, wo es wohl weniger Ausdrücke für Angstzustände gibt. Nicht umsonst wurde die „German Angst“ importiert, wo sie etwas anderes ausdrückt als „fear“. Der Begriff „Islamophobie“ wird also in gewisser Weise auch zur Pathologisierung der Gegenmeinung benutzt. Klassisch erklärt von Farid Hafez, der auch glaubt und verbreitet, der Verfassungsschutz gestalte die islamisch theologischen Lehrstühle:

 

Wenn man eine pointierte Gegenmeinung zu konkreten Haltungen einer Weltanschauung vertritt, projiziert man also eigene Ängste, meint der Herr Hafez. Das scheint aber beim Buddhismus eher nicht in Anspruch genommen zu werden. All dies entlarvt den Begriff als politischen Kampfbegriff, wenn er nicht gedankenlos oder in manchen wissenschaftlichen Kontexten, wo er sich leider eingebürgert hat, gebraucht wird.

Aber selbst wenn man ihn als Begriff hernimmt für den antimuslimischen Rassismus (den es zweifellos leider gibt) – taugt diese Herleitung, um Radikalisierung zu erklären? Ist das eine konsistente Logik? Denkansätze taugen immer nur so viel, wie sie besser erklären können als der Konkurrenzansatz. Nach diesem Ansatz, man kehrt sich ja ab von der westlichen Gesellschaft, weil sie die Person nicht annimmt und ablehnt, müssten radikale, fundamentalistische Haltungen dort verbreiteter sein, wo es diesen antimuslimischen Rassismus gibt. Diese Haltungen müssten in muslimischen Gesellschaften im Gegenzug wesentlich weniger verbreitet sein bzw. es dürfte dort keine radikale islamische Jugend geben. Sind antimuslimischer Rassismus und Diskriminierung wegen der Zugehörigkeit eine ernstzunehmende Ursache von Radikalisierung, so müssten diese Haltungen in muslimischen Gesellschaften weniger verbreitet sein. Ist das so?

Zunächst müsste man klaren: Was alles wird unter Radikalisierung verstanden, wo beginnt sie? Liegt sie schon vor, wenn ein fundamentalistisches Weltbild vorliegt? Dann haben wir ein zahlenmäßig sehr großes Problem, denn z.B. ungefähr die Hälfte aller Türkischstämmigen hält die (ihre) religiösen Gesetze für wichtiger als die Gesetze eines (nicht- oder andersreligiösen) Staates:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article156269271/Islam-Gebote-stehen-ueber-dem-Gesetz-findet-fast-die-Haelfte.html

Oder wird unter Radikalisierung erst verstanden, wenn diese Haltung auch in Taten münden soll, wenn aus einer Gegenhaltung zu diesem Land und seinen Menschen eine deutlicher artikulierte Abwertung resultiert, die auch Gewalt nicht ausschließt oder gar vorbereitet? Auch dann haben wir ein großes Problem, denn schon nach der BMI-Studie von 2009 fand etwa ein Fünftel der befragten Muslime Gewalt legitim, zumindest, wenn sich „der Islam verteidigen“ müsse. In anderen europäischen Ländern ist diese Rate nicht besser, für GB:

http://www.cbsnews.com/news/many-british-muslims-put-islam-first/

2/3 der britischen Muslime würden nicht mit den Behörden kooperieren (hier: vorher warnen), sofern eine ihnen nahe Person einen terroristischen Akt plante:

http://www.thetimes.co.uk/tto/news/uk/article4730825.ece

Das spiegelt sich leider auch in den sozialen Medien, wo es regelmäßig nach Anschlägen Menschen gibt, die dies gutheißen in nicht geringer Zahl. Wird eine solche Ansicht „den Anschlag von Nizza finde ich gut“ jenseits der sozialen Medien und von Umfragen geäußert, wäre die Person sicher als Radikaler zu bezeichnen (und eigentlich auch dort, auch wenn es da leicht, zu leicht, fallen mag). Sofern die betreffende Person einen Migrationshintergrund hat, muss man leider konstatieren, dass diese Zahlen in den Herkunftsgesellschaften nicht niedriger sind, beispielhaft:

http://www.worldpublicopinion.org/pipa/pdf/feb09/STARTII_Feb09_rpt.pdf

Das sind also bei manchen Gruppen durchaus Muster, die sozusagen im Koffer mitgebracht werden und sich hier ändern können, aber nicht müssen. Solche Haltungen sind in den Herkunftsländern aber sozial meist akzeptiert.

In einem europäischen Kontext gelten sie selbstverständlich und zu Recht als inakzeptabel. Das ist vielen Personen auch bewußt, weswegen darüber weniger gerne offen gesprochen wird. Das ist der Grund, warum der Hassprediger nicht auffällt in manchen Moscheen und erst bei Konfrontation z.B. mit Medienvertretern mühsam eingeräumt wird, dass, ja, diese Person (nach europäischen Standards) ein Hassprediger sei.

Vor diesem Hintergrund ist der Ansatz, „Islamophobie bedinge eine Radikalisierung“ bis auf Einzelfälle nicht geeignet, Radikalisierung zu erklären. Sie erklärt in keiner Weise die etwa 20 % Konvertiten unter denen, die nach Syrien oder andere Kampfgebiete reisten. Das wird auch nicht durch Täterprofile derer, die terroristische Anschläge verübten, gedeckt: Viele hatten ein Leben in dieser Gesellschaft vor sich, waren Studenten oder Akademiker. Es erklärt auch nicht, warum Muslime so schlecht mit Diskriminierung umzugehen wüssten, dass Radikalisierung eine nachvollziehbare Reaktion darstellte, denkt man die Ideologie hinweg: z.B. Sinti und Roma werden gesellschaftlich wesentlich stärker diskriminiert und es gibt KEINERLEI solcher Täter. Niemals – 100 % der islamistischen Terroristen sind Islamisten – ist jedoch die Ideologie hinwegzudenken und so ist, auch wenn das manchem, der seine Religion frei denkt von Gewaltaspekten, der wesentlichste Faktor, die conditio sine qua non.

Trotzdem ist das ein Ansatz, der verfolgt wird, um Erklärungen (und sogar Präventionsmodelle herzuleiten) zu bieten. Zum Beispiel hier:

http://www.lpb-bw.de/fileadmin/veranstaltungen_importdaten/pdfs/0629l16.pdf

Cui bono? Demjenigen, der die „Schuld“ für Radikalisierung nicht bei der radikalen Ideologie verorten will, sondern die Gesellschaft dafür verantwortlich machen möchte. Demjenigen, dem die freie Entscheidung des Individuums, einer totalitären Sicht anzuhängen, suspekt vorkommt ohne Not und weil er solchen anderen nie richtig zuhörte oder nicht die Gelegenheit dazu hatte. Oder demjenigen, der selber diese totalitäre Auslegung vor all zu viel klarer Betrachtung und Einordnung bewahren will. Hier soll also die Gesellschaft für radikale Ansichten verantwortlich sein, in Ägypten, Pakistan oder Irak hingegen nicht? Dass, obwohl es allen Mitgliedern der Gesellschaft hier wesentlich besser geht, ein soziales Netz besteht, dass die gröbsten Unbilden auffängt?

Der Zweig der Integrationsindustrie, der diese Herleitung gar als Präventionsansatz präsentiert, indem Islamismus und Islamophobie gleichermaßen in einem Atemzug genannt und in Modellprojekten bearbeitet werden, hat jedoch anscheinend wenig Interesse daran, die Ursachen, die abwegig sind, auszusondern oder zumindest nach Wahrscheinlichkeiten ordnen, wie man das als intellektuell (und akademisch!) redliche Person tun sollte. Er legt u.a. die Basis, dass diese Islamismusprävention nicht gelingen kann. Die Jugendlichen werden in der Herleitung, viele Unbilden ihres Lebens seien im Grunde an ihrer muslimischen Identität hängend, bestärkt. Ein guter Gegennarrativ wäre bei nur diffusem Gefühl, also nicht nachweislichem antimuslimischem Rassismus die Relativierung und Einordnung. Oder um ein tatsächliches Beispiel zu bringen: Eine Muslima meinte, ihr werde immer die Vorfahrt genommen, weil sie Kopftuch trüge. Das sollte man so nicht akzeptieren, sondern anmerken, dass jemand, der das ganze Auto nicht sieht, sicher auch ihr Kopftuch nicht wahrnimmt und ganz sicher keinen schuldhaften Unfall riskiert nur wegen ihres Kopftuchs. Den Opferdiskurs in der gleichzeitigen Bearbeitung von „Islamophobie“ und Islamismus als Prävention anzubieten, führt in eine Sackgasse. Das fällt nur noch nicht auf, weil alles wenig, noch zu wenig evaluiert ist und es auch schwer ist, dies hinreichend genau zu erfassen. Es wird gefördert, weil die Not groß ist und auch der politische Wille und weil getarnt über diesen Ansatz auch konservativere Gemeinden mitmachen, die ihre Jugendarbeit dann als Prävention ausgeben können.

Im Zweifelsfall wird jedoch die politische Gegenhaltung pathologisiert, während der politische Islam, der noch legalistisch operiert, verharmlost wird. Das ist maximal kontraproduktiv. Das sollte man erkennen, benennen und keine Angst davor haben, deswegen einer Phobie geziehen zu werden. Die Ideologie kann man nicht hinwegdenken. Ganz ohne Phobie.

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