Armes Kind

Auf der Seite* des Frankfurter „Gangster-Rappers“ Sadiq Zadran wird aktuell ein Aufruf geteilt, der Beachtung verdient. Mit diesem Aufruf sollen Spenden für die notwendigen Operationen eines Kleinkindes aufgebracht werden. Die Eltern, Hakan und Funda Kaymak, scheinen in Gelsenkirchen zu leben. Angeblich soll die Behandlung nur im fernen Griechenland möglich sein und angeblich sollen die Kosten dafür nicht von der Krankenkasse getragen werden. Doch trifft dies zu?

Der Fall:

 

und Seite 1 des Befundes einer diagnostischen Herzkatheteruntersuchung:

 

Seite 2 mit den vorgeschlagenen Maßnahmen fehlt. Man muss leider vermuten: mit Absicht. Dort würden nämlich die empfohlenen Maßnahmen stehen.

Entgegen der Darstellung in dem Aufruf ist dies mitnichten eine Operation, die nur in einer griechischen privaten Spezialklinik durchgeführt werden kann. Das ist eine Standard-OP einer guten Kinderkardiologie, denn angeborene Herzfehler dieser Art sind relativ häufig. Sogar obige Klinik bietet das an, mit gutem Erfolg (im Einzelfall ist ein Erfolg nicht zu garantieren; das Risiko ist dort aber mit Sicherheit nicht höher als in einer „griechischen Privatklinik“, gemeint ist die Merita-Klinik, in der Kalangos wohl einmal monatlich selber operiert). Ein Beispiel, vergleichbarer Fall:

 

 

Diese Kosten werden in Deutschland von den Krankenversicherungen getragen. Diese OPs kosten auch keine 120.000 Euro, sondern hier etwa ein Viertel. Die vierfache Summe ist trotz Spezialistenhinzuziehung und neuartiger Prothese nicht herleitbar. Sollte tatsächlich ein Antrag gestellt worden sein, eine OP, die hier für ein Viertel der Kosten durchgeführt werden kann, in einer griechischen Klinik durchzuführen, wäre es nicht erstaunlich, wenn dies nicht getragen würde oder nur die Kosten in dieser Höhe erstattet würden: Die Kasse hat den Auftrag, das Notwendige zu leisten und wirtschaftlich zu handeln. Ob die Behandlung bei dem – durchaus renommierten – Spezialisten Kalangos einen relevanten Vorteil böte, ist nämlich nicht sicher. Das Verwenden des „Kalangos-Ring“ ist eine Besonderheit, die vielleicht ein paar kleine Vorteile böte, wenn sie gelingt. Das Verfahren ist aber noch experimentell.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25932243

Irgendwelche  Eigeneinschätzungen von Eltern, die nicht vom Fach sind und sich Falsches einflüstern lassen könnten (woher sie überhaupt von dieser Besonderheit wissen, wäre noch zu fragen), müssen und dürfen sie nicht tragen. Warum der Junge – glaubt man den Angaben – überhaupt schon nach Griechenland verbracht wurde, ist auch unklar. Die präoperative Versorgung ist identisch und hier eher gesichert als in Griechenland, der hier erhobene Befund verwertbar (wenn auch schon über ein halbes Jahr alt).

Der Junge könnte längst operiert sein und wäre wahrscheinlich gesund**. Wenn die Eltern nicht auf das Experiment bestehen würden. So nehmen sie Entwicklungsverzögerungen in Kauf, weil ihnen irgendwer eingeredet hat, NUR Kalangos könnte ihren Sohn retten. Das stimmt so einfach nicht.

Wegen eines solchen Herzfehlers muss auch ein Vater nicht zwingend seinen Job aufgeben; eine Betreuungsperson reicht völlig aus, die aber bei einem Kleinkind dieses Alters sowieso erforderlich ist. Es gibt also eine Menge Ungereimtheiten.

Es besteht leider der begründete Verdacht, dass die Eltern wirklich schlecht beraten sind, vielleicht aus sachfremden Gründen. Einige Angaben stimmen auf jeden Fall so nicht. Da stehen eine Menge Fragen im Raum, auch noch unschönere Möglichkeiten als fehlinformierte Eltern. Man kann nur hoffen, dass vernünftige Zeitgenossen da zeitnah auf die Eltern einwirken.

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* Auch hier wird dieser Aufruf verbreitet:

Gelsenkirchen: Türkische Community will Leben des kleinen Abdulkerim retten

** Sollte ich da etwas übersehen haben, bitte ich um Hinweise. Danke.

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