Mahnwache vom 19.11.2016

Von 15-17 Uhr vor dem Peek & Cloppenburg auf der Zeil. Herzlichen Dank an die Frankfurter Polizei für den freundlichen Schutz.

Eine Mahnwache gegen Strassenradikalisierung nach dem „LIES!“-Verbot?

Die Frage ist berechtigt, denn auf ein solches Verbot wurde seit Jahren abgezielt. Zwar ist das Verbot weniger ein direkter oder gar persönlicher Erfolg – vor allem wegen der unklaren Fortführung. Man kann sich aber zugute halten, vor Jahren schon diese Gruppierung – auch in ihrer Gefährlichkeit – richtig eingeschätzt zu haben in ihrer strukturellen Verfasstheit. Es ist leider wenig mehr als ein Etappenziel, auch wenn Genugtuung durchaus vorhanden ist. Auch eine Art Rückblick:

 

Leider ist jedoch, obwohl das Verbot sinnvoll ist und überfällig war, die Struktur nach wie vor da. Die Aktivisten von „LIES!“ hatten sich schon vor dem Verbot Alternativen offensichtlich überlegt. Also eine Vorgehensweise, wie die Freiluft-Sprechstunde und Straßenmission weitergehen könne, sofern das LIES!-Projekt verboten wird. Als solch eine Weiterführung der Strassen-Aktivitäten erscheint die aktuelle Betätigung von Pierre Vogel. Die Aktion „we love Muhammad“ von Pierre Vogel hat nicht nur den mehrjährigen LIES-Logistiker Bilal Gümüs als wichtigen Protagonisten dabei, sondern ahmt auch das Missionierungskonzept von „LIES!“ nach. Die Anwesenheit in der Fußgängerzone wird mit einer Buchverteilung begründet. Verteilt wird eine Biographie des Religionsbegründers. Das Motto, unter dem diese Aktion steht, ist wiederum geeignet, es uninformierteren Muslimen als harmlosere Missionierungstätigkeit zu verkaufen, auch wenn Vogel in einer Stellungnahme explizit darauf abstellt, dass man sich an Muslime wende bzw. diese gewinnen und schulen wolle. Mit dem Ruf zur Religion hat das somit nur sekundär zu tun, sondern mehr mit der Bildung einer mindestens ggf. politisch aktiven Gruppierung, die Vogel unterstellt ist. Folgt man der längeren Linie Vogels und seinen Vernetzungen, so dürften Einflüsse von Hassan Dabbagh und Marcel Krass bei dieser Struktur auch relevant sein. Zumindest deutet eine Einlassung von Abou Nagie aus dem Jahr 2013 aus einem Deutsche Welle Interview darauf hin. In diesem war eine abgesprochene Strategie aus den früheren Jahren erwähnt worden, wonach sich Vogel und Abou Nagie mehr um die publikumswirksamen Handlungen kümmern sollten. Für diese Linie und für diese Inhalte will man v.a. Muslime gewinnen. Mit Marcel Krass gemeinsam hatte Vogel vor zwei Jahren über eine „neue Generation Muslime“ nachgedacht. Über eine regelmäßige bzw. bekannte oder bekannt gemachte Anwesenheit in den Fußgängerzonen Deutschlands (und der Schweiz bislang) wird sichergestellt, dass Personen zur Ansprache kontaktiert werden können. Die Anwerbung junger Menschen auf der Straße geht also bis auf weiteres weiter – bis klar gestellt ist von der Seite des hessischen oder Bundesinnenministers, dass die Aktion „we love Muhammad“ ebenfalls zu verbieten ist oder unterbunden wird. Als Nachfolgeorganisation oder infolge eines Betätigungsverbots für bestimmte Personen:

mahnwache-we-love-muhammad-161119

 

Auf begrenztem Raum ist das Anliegen und die Umbenennung der Gruppierung schwer zusammenzufassen.

Eine Gruppe kleiner Mädchen, vielleicht 11, 12 gefiel sich darin, immer wieder sich die Aktion erklären zu lassen. Sie fanden es sehr belustigend, dass ich mehrfach versuchte, ihnen klar zu machen, dass Krieg nichts Gutes ist und auch die älteren Brüder angeworben werden könnten für schlimme Dinge. Sie wiederholten ständig, dass mich das alles nichts anginge. Nach mir versuchten sie ihr Glück auch noch bei einer Mitstreiterin. Man muss sich schon fragen, was solche Kinder den ganzen Nachmittag alleine auf der Zeil machen.

Ähnlich waren mehrere junge Männer der Meinung, ich solle das „einfach lassen und nach Hause gehen“. Das brächte doch alles nichts. Hier stellt sich die Frage, warum sie dann, wenn es sinnlos ist, sie so im Schnitt eine halbe Stunde ihrer Zeit darauf verwendeten, um herum zu stehen, mit wechselnden Mitstreitern zu reden oder auch nur zu beobachten.

Etliche englischsprachige Touristen fragen verteilt über die Zeit der Mahnwache nach. Meist verstehen sie das Anliegen nach kurzer Erläuterung und wir scheiden oft in dem Einvernehmen, dass man die Jugendlichen vor der Radikalisierung auf der Straße schützen müsse.

mahnwache-161119

 

Bei einem Gespräch am Rande stellte ich obiges Plakat kurz auf den Boden und klemmte es wegen des Windes zwischen den Knien fest. Ein wohl muslimischer Mann mittleren Alters sah dies, trat rasch heran und fing an, an dem Plakat herumzuziehen. Als ich mir das – irritiert – verbat, sagte er, da stehe unten „Muhammad“ drauf. Das Plakat dürfe nicht den Boden berühren. Ich stellte klar, dass dies mein Plakat sei und ich damit tun könne, was immer mir beliebe. Das überzeugte ihn nicht: Er versuchte es erneut. Erst nach noch deutlicherer Ansprache unterließ er den Versuch, mir das Plakat zwischen den Beinen weg zu ziehen.

Eine jüngere Frau, wohl Muslima, lies sich alles eingehend erklären. Sie meinte dann, dass das Anliegen gut und berechtigt wäre, wir aber nicht die richtige Form gefunden hätten. Ich schlug ihr vor, eine eigene, bessere oder eher ihr gefallende Aktion selber zu machen. Spontan fiel ihr dazu allerdings auch nichts ein. Sie blieb aber und diskutierte die restliche Stunde mit verschiedenen jüngeren Personen, die mich zunächst angegangen waren und beschimpft hatten. Diese hatten – trotz Erklärung – darauf bestanden, dass ich etwas gegen Muslime hätte. Auch der Punkt, dass man sich dort auf der Strasse für die etwa 80 % der geworbenen Jugendlichen aus muslimischen Familien stark mache, zog nicht. Es ist schon eine besondere Logik, dass man Muslime schützen wollen kann und trotzdem in der Sicht der schlichteren etwas gegen Muslime habe, weil man das Wort „Islamismus“ benutzt oder gegen die salafistische Buchverteilung zum Zweck der Anwerbung in salafistische Netzwerke ist.

Ein bereits mehrfach als aggressiv aufgefallener Junge, der sich ganz nach Tageslaune als Marokkaner oder Türke ausgibt, fiel wieder durch offensives Nachrücken auf. In seinem Blick ist immer sehr viel Verachtung. Gerne betont er, dass ich seiner Sicht nach zu Recht in die Hölle kommen werde. Auf die Frage, ob er es denn nicht bald leid sei, nachzurücken und immer wieder das selber zu sagen, meinte er, er müsse seine Religion verteidigen. Eine solche Argumentationslinie hinterlässt das ungute Gefühl, dass dieser Junge es als Teil seiner persönlichen Ehre empfindet oder er so erzogen wurde, seine Religion gegen Diskussionen schon zu schützen. Auch wahrscheinlich einer, der gerne zuschlagen würde, wenn da nicht die Polizei wäre.

Ein Mann, vielleicht 30, wahrscheinlich Muslim, dem ich alles eingehend erklärt hatte, wurde unvermittelt fordernd und fragte,. ob ich Kinder habe und wie alt ich überhaupt sei. Als ich wahrheitsgemäß antwortete, meinte er, das könne nicht stimmen, ich müsse mindestens 80 sein, so wie ich aussähe.

Ein anderer Mann, etwa gleichaltrig zum vorherigen, wirkte mühsam beherrscht in seiner Diskussions- und Darstellungsweise. Er hatte eine Betbeule, wie mir schien und er wirkte trotz der leidlich respektvollen Umgehensweise wie ein beinharter Fanatiker. Als ich Minuten später ein Gruppenfoto von der Aktion machte, auf dem er zufällig drauf war, kam er wieder zu mir und beklagte sich in auffälliger Weise über das Foto. Nachdem ich ihm die Rechtslage erläutert hatte, gab er zwar nach, schien aber beunruhigt.

Eine Gruppe Jugendlicher lies sich auch die Sache mit dem LIES-Verbot erläutern. Das hielten sie für falsch, Muslime würden verfolgt. Welchen Glauben ich denn überhaupt hätte? Bei der Angabe „Atheistin“ lachten sie höhnisch: Kein Wunder, dass ich so minderbemittelt und dumm sei. Vielen scheint nicht klar zu sein, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der etwa ein Drittel aller Menschen nicht oder nicht an einen personifizierten Gott glaubt. Es wird allerdings immer wieder deutlich, dass viele nicht nur ihre Religion für überlegen halten, sondern auch sich selber, weil sie diesem Glauben zugehören. Sich anhand eines einzelnen Merkmals, das oftmals nicht nicht einmal reflektiert selber frei gewählt ist, für überlegen zu halten, ohne eigenes Zutun, und andere Menschen, die diesbezüglich andere Merkmale haben, ohne Ansehen der Person abzuwerten, das ist ein faschistoider Hauch auf der Frankfurter Zeil.

Wir werden auf jeden Fall die weitere Entwicklung beobachten.

Advertisements

2 Gedanken zu “Mahnwache vom 19.11.2016

  1. Eindrücke einer Mitstreiterin:

    Relativ zu Beginn der Mahnwache – es haben sich noch keine Menschenansammlungen gebildet und die Zuschreibungen auf dem vom mir hochgehaltenen Schild zum Islamismus wie judenfeindlich, frauenfeindlich und homophob sind weithin gut lesbar – geht ein junger Autochthoner, Typ Antifa, vorbei; er fixiert mich, formt mit einer Hand eine Pistole, hält sie sich an die Schläfe, macht mit der Zunge ein Geräusch, um einen Schuss zu imitieren und reagiert gar nicht, als ich ihm hinterherrufe. Er wollte wohl nur diese offene Drohgebärde zum Besten geben, ohne sich einem Gespräch zu stellen.

    Zwei junge Afghanen, der deutschen Sprache nicht sehr mächtig, wollen wissen, was auf den Schild steht, welches ich hochhalte. Die Verständigung ist sehr schwierig, ich bedeute einem von ihnen vereinfachend und auf sein Herkunftsland übertragend, dass wir auch gegen die Taliban und deren Politik an dieser Stelle stehen. Es schien mir, er habe verstanden und sei damit einverstanden. Er geht, ich sage auf Farsi „Khoda hafez“ , was im Hinblick auf den persischen Sprachgebrauch als „Auf Wiedersehen“ übersetzt werden kann, in seiner genauen Bedeutung aber „Gott schütze dich“ heißt. Er erwidert auch erst „Khoda hafez“, bedeutet mir aber danach, dass es besser sei „Allah hafez“ zu sagen. Ich frage ihn, warum, und er antwortet, weil „Khoda“ nur Gott heißt und „Allah“ halt „Allah“. Ich signalisiere Unverständnis und er wiederholt seine Aussage. Dieser noch sehr junge, eher minderjährige Afghane bevorzugt demzufolge nicht den umfassenderen Gottesbegriff, der auch den Gott anderer Religionen beinhaltet, sondern möchte ausdrücklich den „muslimischen“ Begriff in der Grußformel verwendet wissen. Die Verwendung dieser Grußformeln wird im Übrigen in islamischen Kreisen umfassend diskutiert.

    Ein junger Muslim in den Zwanzigern kommt auf mich zu, um mir explizit mitzuteilen, dass er für die Scharia sei (er ist in Deutschland geboren), sich aber an die Gesetze hier in Deutschland halte und er deshalb kein Problem in puncto Islamismus sehe. Dass er mit dieser Auffassung über die mögliche Anwendung des göttlichen Gesetzes bereits im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht, scheint ihm nicht bewusst zu sein, denn er bezeichnet sich selbst als „voll integriert“. Ich weise ihn auf das Grundgesetz hin und frage ihn, was denn wäre, wenn es eine Mehrheit von Muslimen in Deutschland gäbe, die die Scharia befürworteten. Diese Frage beantwortet er nicht.

    Zwei junge Frauen in den Zwanzigern, Primark-Taschen in der Hand und modern „westlich“ gekleidet gehen vorbei und zeigen ihre Zustimmung mit den Aussagen auf meinem Schild. Ich gehe auf sie zu und sie sagen mir ausdrücklich, dass alles „stimmt“, was dort steht. Wir unterhalten uns kurz und sie erzählen mir, dass sie Kurdinnen alevitischen Glaubens seien und gehen auch auf die Unterdrückung der Kurden in der Türkei Erdoğans ein, den sie deshalb selbstverständlich mit seiner islamistischen Politik ablehnen.

    Ein Mann in den Fünfzigern verdeutlicht mir durch Gestik und Mimik, dass er nur mit mir persönlich ohne Zuhörer reden möchte. Er stimmt unserer Aktion voll zu, weist auf die am Platz stehenden Menschen, die in seiner Wahrnehmung überwiegend Muslime sind und sagt, dass diese nicht hierher passen. Sie hätten eine andere Kultur, die mit der unsrigen nicht kompatibel sei. Er sagt mir auf Nachfrage, dass er Israeli ist und seit 43 Jahren in Deutschland lebt. Er findet es gut, dass Trump als Präsident in den USA gewählt wurde, macht die Obama-Administration für die Lage im Nahen Osten verantwortlich und fragt, warum denn einige arabische Staaten sich weigerten, Flüchtlinge aufzunehmen.

    Ein Autochthoner in den Fünfzigern zeigt seine Zustimmung, aber auch große Ablehnung im Hinblick auf die uns umstehende Menschenmenge. Er sagt mir auf Nachfrage, dass „sie“ sich anpassen müssen und nicht „wir“ und geht schnell weiter. Ein weiterer älterer Mann mit Migrationshintergrund geht vorbei und hebt den Daumen als Zeichen seiner Zustimmung.

    Auch während dieser Mahnwache werde ich immer wieder auf den Begriff „Islamismus“ angesprochen, dessen Erläuterung in der Regel von den mich in großer Zahl umgebenden jungen Menschen beiderlei Geschlechts und mit Migrationshintergrund nicht gehört werden will (die Frauen sind in der überwiegenden Mehrzahl „westlich“ gekleidet). Sie fragen zwar nach, streben aber eher eine Provokation an und sagen mir, dass es den Islamismus nicht gebe, sondern nur den Islam. Mit dieser Auffassung können sie die Zuschreibungen auf dem Schild folgerichtig auch nur als Angriff auf den Islam verstehen. Als ich die Versklavung und Vergewaltigung der Jesidinnen durch den IS anspreche, beantwortet ein junger Muslim dies mit der Gegenfrage, ob in Deutschland denn nicht auch Frauen vergewaltigt werden. Immer wieder höre ich aus dieser Menge die Aussage, dass die Islamisten des IS keine richtigen Muslime seien. Eine junge Frau, vielleicht Anfang Zwanzig, fragt mich stereotyp immer wieder, warum man nicht homophob sein dürfe. Ich antworte ihr, dass sie es selbstverständlich sein dürfe und ende sinngemäß mit der Aussage, dass es aber vielleicht ein Problem sein könne, wenn alle Zuschreibungen in ihrem Denken auf sie zuträfen.

    Eine junge Muslima um die Fünfzehn, streng islamisch gekleidet mit langem Rock und Sportschuhen, taucht immer wieder an meiner Seite auf und will mit mir über den Islam reden, der nicht frauenfeindlich sei. Sie will mir die Inferiorität der Frau damit erklären, dass es in der Welt doch überall Abstufungen und Unterschiede gäbe. Sie möchte mich wirklich überzeugen und redet sanft auf mich ein. Sie kommentiert auch meine eingenommene Position der Ungläubigen. Genauso wenig wie ich leugnen könne, eine Mutter zu haben, genauso wenig könne ich leugnen oder bezweifeln, dass es einen Gott gibt. Vielleicht braucht dieses sympathisch auftretende Mädchen wirklich eine(n) Gesprächspartner(in), der oder die sie an- und ernst nimmt.

    Ein junger Muslim mit Migrationshintergrund um die Zwanzig sagt mir, er sei gegen Schwule, weil auch Allah dagegen sei und es nicht normal sei. Dass Homosexuelle im Iran an Baukränen aufgehängt wurden, fand er wohl weniger problematisch, denn mein Hinweis darauf rief keinerlei Reaktion hervor.

    Eine junge Frau in den Zwanzigern hört meinen Ausführungen zum Islamismus zu, regt sich sehr auf, beschimpft mich und sagt mir, dass ich froh sein könnte, dass die Polizei da ist, ansonsten würde mir etwas zustoßen. Sie geht lautstark redend davon und bedient sich dabei einer Sprache, die ich nicht verstehe.

    Die aufgekommene Erwähnung Mohammeds in Zusammenhang mit der Ermordung der Juden auf dem Marktplatz von Medina mit seiner Billigung und in seinem Beisein führt auch dieses Mal sofort zu der Frage, was die Deutschen denn mit den Juden gemacht haben. Eine junge Muslima ergeht sich lang und breit in ihren Ausführungen zum Holocaust, spricht über Hitler usw. Ich stimme ihr zu, bezeichne Hitler als Verbrecher und frage im Gegenzug, ob dann manche Überlieferungen zu Mohammed nicht auch kritisch zu sehen seien. Sie redet weiter, bis ein anderer junger Muslim ihr bedeutet, dass ihre Argumentation nicht zielführend sei und sie ins Leere laufe. Gefragt führe ich als problematischen Vers die Sure 8 Vers 55 an, in der ausgesagt wird, dass Ungläubige weniger wert seien als das Vieh. Man glaubt mir nicht, ich stelle die Frage, ob ich den Koran herausholen solle, was sofort bejaht wird. Ich zitiere, zeige diesen Vers und sofort erfolgt auch aus dieser Menschenmenge heraus die stereotype Behauptung, dass es die falsche Übersetzung sei und ich den Koran auf Arabisch lesen müsse, um ihn zu verstehen. Mein Einwand, dass auch die Bibel übersetzt wurde wie auch jedes Buch übersetzt werden könne, konnte nicht nachvollzogen werden. Meine Frage, ob ich denn als Ungläubige in ihren Augen wirklich weniger wert sei, wurde mehrstimmig mit „Ja“ beantwortet. Meine Aussage, dass der Koran vielleicht wie die Bibel auch nur Menschenwerk sei, wurde kategorisch abgelehnt. Ich fragte in die Menge, ob sie denn wirklich glaubten, dass der Koran das Wort Gottes sei und erhielt auch hier wieder nur als Antwort ein „Ja“.

    Ich werde zudem gefragt, warum auf dem Schild steht, dass der Islamismus frauenfeindlich sei. Diese Aussage stimme nicht. Ich wiederhole meine Ausführungen zu den Jesidinnen aber auch das erntet nur Gegenrede. Ich zitiere den Vers aus dem Koran, dass der Mann seine widerspenstige Frau zur Strafe schlagen und im Bett meiden soll, woraufhin die Existenz des Verses im Koran geleugnet wird. Ich werde aufgefordert diese Stelle zu zeigen, tue es und erlebe wieder das gleiche Szenario der falschen Übersetzung etc. Zwischenzeitlich fordert mich ein junger Mann lächelnd auf, mich einfach doch einmal umzublicken und wahrzunehmen, dass mich fast nur Muslime umringen.

    In dieser mich umgebenden Menge steht auch ein schwarzgekleideter Autochthoner um die Vierzig, die Arme vor der Brust verschränkt und hört eine längere Weile stoisch zu, bis ihm der Kragen platzt und er gegenüber den jungen Menschen sagt, dass ich Recht habe. Die Situation wird immer turbulenter, zwischendurch kommt auch noch die Bemerkung, dass ich gelbe Zähne habe und aus dem Mund stinke. Dann taucht eine wohl strenggläubige Muslima in den Dreißigern vor mir auf, sie trägt ein eng gewickeltes Kopftuch und spricht laut auf Spanisch, versetzt mit sehr wenigen Brocken Deutsch, ich verstehe sie nicht und sie mich auch nicht. Sie ist sehr erregt und wohl extrem empört und wird unterstützt von einem ebenfalls Spanisch sprechenden Mann. Ich verstehe das Wort „racista“. Sie entfernt sich, nur um nach einer Weile erneut aufzutauchen. Sie baut sich vor mir auf, zeigt mir ihren wohl in der Zwischenzeit geholten eigenen Koran und steigert sich lautstark in eine unglaubliche Wut hinein. Ihre Worte prasseln auf mich ein, sie steht mir dabei wenige Zentimeter gegenüber. Ich blicke in hasserfüllte Augen, verstehe, dass sie auf Deutsch „meine Religion“ schreit und sie im Begriff ist, diese gegen mich zu verteidigen. Die Situation kulminiert in ihrem Ausruf „Allah hu Akbar“, sie wiederholt ihn und die mich eng umstehende Menschenmenge stimmt sofort ein, so dass dieser Ausruf wieder einmal vielstimmig über die Zeil schallt.

    Nach all den massierten Anfeindungen komme ich mit einem Autochthonen zwischen Dreißig und Vierzig ins Gespräch, der mir seinen Freund vorstellt und über ihn sagt, er sei Nachfahre Mohammeds und könne es sogar nachweisen. Ich dachte, er beliebt zu scherzen und frage den neben ihm stehenden jungen Mann selbst. Da dieser selbst noch kein ausreichendes Deutsch spricht, sagt er mir auf Englisch, dass es stimme. Auf meine Frage, wie Mohammed selbst es wohl finden würde, dass sein Nachfahre homosexuell ist, antwortet er, dass dieser wohl nicht damit einverstanden wäre. Des Weiteren erzählt er mir, dass er in Marokko vor seinem Coming Out Imam gewesen sei. Wir scherzen ein wenig miteinander, sie verabschieden sich freundlich und gehen händchenhaltend von dannen. Ich blicke ihnen ein wenig ungläubig hinterher. Da wir am Rande standen und die Dämmerung bereits eingesetzt hatte, wird es von den sich noch auf dem Platz befindenden jungen Leuten mit Migrationshintergrund nicht zur Kenntnis genommen.

    Einem jungen Mann mit Migrationshintergrund zwischen 25 und 30 erläutere ich das Verbot der LIES-Gruppierung und frage ihn, wie er dazu steht. Er sagt mir offen, dass er das Verbot ablehnt. Ich rede über die Straßenradikalisierung und führe aus, dass junge Menschen für Syrien angeworben wurden. Er bezweifelt diese Aussage und fragt mich, wer das behauptet. Ich verweise auf den Verfassungsschutz, doch auch das kommt bei ihm nicht an. Stattdessen behauptet er, dass wir mit unserer Aktion die Gesellschaft spalten.
    Ein Mann in den Dreißigern kommt auf mich zu, um mir zu sagen, dass die Kämpfer des IS keine Muslime seien. Er sei selbst Muslim aus Syrien und könne es deshalb beurteilen. Seine Deutschkenntnisse weisen darauf hin, dass er wohl noch nicht allzu lange in Deutschland ist.
    Auch dieses Mal werde ich zweimal gefragt, wer hinter dieser Aktion steht. Man spürt förmlich die Befürchtung, es könne eine pegidaähnliche Gruppe sein. Ich erkläre, wer wir sind und erfahre danach erleichterte Zustimmung.
    Zum Abschluss der Veranstaltung sagt mir dann noch ein Russlanddeutscher, der zuschaut, wie wir unsere Schilder einpacken, dass es für unsere Aktion sowieso bereits zu spät sei.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s