Mazyeks Einbahnstrasse

Wer definiert, gewinnt

Aiman Mazyek und mit ihm viele muslimische Funktionäre islamistischer Verbände beklagen häufig, dass das Bild vom Islam in den Medien ein zu schlechtes sei. Dass Medien verzerrt darstellten, wird häufig vorgehalten, und viele andere, aber im Tenor gleiche Vorwürfe werden gemacht. Die realen Vorkommnisse werden dabei nach kurzem ausgeblendet, als hätten sie tatsächlich nichts mit dem Islam zu tun. „Terror hat keine Religion“ ist eines der beliebten Schlagworte.

Nun wird gerade dem Herrn Mazyek eine Medienpräsenz angeboten, die ihresgleichen sucht und in gar keinem Verhältnis zur selbst tatsächlich vertretenen Mitgliederzahl steht. Selbst wenn man seinen Lieblingsnarrativ für bare Münze nimmt, nämlich, dass er tatsächlich für alle Muslime in Deutschland sprechen könnte, werden ihm Möglichkeiten gegeben, von denen viele andere nur träumen können, die mehr Menschen tatsächlich vertreten. So werden seine Sichten oft nicht hinterfragt. Es wird allermeist nicht einmal angedacht, welche Vereine er in seinem Dachverband (IGD, weitere muslimbrudernahe Vereine, die ATIB, weitere höchst fragwürdige oder gar unter Verfassungsschutzbeobachtung stehende Organisationen) hat und wen er damit tatsächlich vertritt. Aiman Mazyek wird damit, obwohl er eine öffentliche Person ist und sich diese – was normal ist – auch öffentlicher Kritik stellen müsste, die Deutungshoheit über sich alleine überlassen. 100 Punkte fürs Marketing, die Mischung aus Opferhabitus und aggressivem Vorpreschen scheint zu beeindrucken.

Genau so verhält es sich mit seinen Darstellungen, beispielhaft:

https://www.welt.de/politik/deutschland/article160150340/Zentralrat-fordert-mehr-muslimische-Vertreter-in-Rundfunkraeten.html

Wenn jemand die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland schon weitgehend innehat, dann Mazyek. Weite Teile der Bevölkerung haben sich seine Deutungen zu Eigen gemacht, weil Mazyek omnipräsent ist in den Medien. Personen, die ihn wegen seiner Einbindungen kritisch sehen, werden eben nicht in Talkshows et cetera eingeladen, also Personen, die vor dem allgemeinen Thema erst einmal fragen, für wen er denn spreche. Viele sind zu unsicher, es gibt nur wenige, die das vom Standvermögen und in Kenntnis seiner rhetorischen Mätzchen machen könnten. So bleibt vieles unwidersprochen und unhinterfragt. Das reicht ihm aber nicht. Es gibt den Rest derer, die eine Schmiererei, so unschön so etwas ist und verachtenswert, eine Schmiererei nennen und nicht einen „Angriff“. Die eine brennende Mülltonne eben eine brennende Mülltonne heißen und nicht einen „Terroranschlag“ (ohne jetzt etwas runterspielen zu wollen: Man muss doch Augenmaß behalten. Das fehlt mir häufig beim Herrn Mazyek). Die sich mit anderen Worten eben nicht die Mazyeksche verbale Aufrüstung zu eigen machen und angemessen und ganz nüchtern in Relation stellen. Das ist gut und wäre Zeichen einer wirklichen Integration: Gleicher unter Gleichen sein heißt auch, dass dieselbe Handlung nicht einmal eine Bagatelle ist und ein anderes Mal ein Drama – je nach Täter-Opfer.Konstellation*.

Das stört, das soll weg. Meint anscheinend der Herr Mazyek. Das vertritt er auch offensiv.

Dass er mit dieser Herangehensweise Erfolg hat, zeigt, dass sogar das Bundesinnenministerium sich die Blöße gab, einen Medienworkshop für Chefredakteure veranstalten zu wollen:

http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/10/treffen-mit-vertretern-muslimischer-verbaende.html

Aus dieser Pressemitteilung leuchten die Begehrlichkeiten der Verbände heraus wie ein Diamant in einem Haufen Torf: Man will den Medienmachern vorgeben, was die richtige Deutung ist und zwar die eigene. Der Journalistenverband verbat sich das zu Recht:

„Staatlich organisierten Nachhilfeunterricht brauchen wir nicht“: DJV kritisiert Islam-Workshops des Bundesinnenministeriums

https://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/pressebereich-download/pressemitteilungen/detail/article/keine-nachhilfe-noetig.html

und auch die AGRA stellte klar:

Redakteursvertreter gegen Islam-Medienkonferenz des Innenministeriums

http://www.agra-rundfunk.de/wordpress/?p=411

Nachfolgend gab es eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/103/1810368.pdf

Die „Neuen Deutschen Medienmacher“ hingegen spitzten anders zu. Sie finden das Anliegen der Verbände berechtigt und wollen da sogar selber was machen:

NdM nehmen Stellung: Darf man mit Muslimen reden?

Stellungnahme zu de Maizières Journalisten-Workshops vom 24. November 2016

http://www.neuemedienmacher.de/ndm-nehmen-stellung-darf-man-mit-muslimen-reden/

Ist man tatsächlich der Meinung, der DJV wolle nicht „mit Muslimen reden“? Eine ganz problematische Darstellung, die aufzeigt, dass sich manche von deren Vorstand eher an der Seite der islamischen Verbände sehen denn an der Seite der Journalisten-Kollegen. Schließlich unterstellt man diesen ja Schulungsbedarf. Wie dort wohl die innere Priorisierung ist? Das sollten die NDM einmal intern diskutieren. Das wäre wichtig, um das grundsätzlich sympathische Anliegen nicht in ein falsches Licht zu rücken und in ein weniger gutes Fahrwasser.

Oder hier, ein weiterer Journalist:

FEINDBILD ISLAM

Journalistenverband gegen Workshop über mediale Wahrnehmung von Muslimen

http://www.migazin.de/2016/11/21/feindbild-islam-journalistenverband-workshop-wahrnehmung/

Auch hier fällt die Zuspitzung unangenehm auf.

Das BMI hingegen hat auf die Kleine Anfrage mittlerweile geantwortet:

Es ist ein Anliegen des BMI, in geeigneten Veranstaltungsformaten den Austausch verschiedener Akteure aus Wissenschaft, Medien, politischer Bildung und Politik zu Fragen der differenzierten Wahrnehmung muslimischer Mitbürger und der Förderung von Teilhabe an der offenen Gesellschaft zu befördern. In welchen konkreten Formen dieser Austausch stattfindet, wird derzeit geprüft. […]

Die Bundesregierung sieht es als ihre Aufgabe an, im Rahmen ihrer Möglichkeiten

eine differenzierte und vorurteilsfreie Debattenkultur und damit einen demokratischen

und reflektierten Umgang miteinander zu befördern.

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/105/1810574.pdf

Das lässt etwas sprachlos zurück. Und dabei bin ich sehr für eine vorurteilsfreie Debattenkultur.

Ich kann mich aber nicht erinnern, dass das BMI beispielsweise einen Workshop für Kirchenvertreter organisierte wegen solcher Vorfälle:

http://www.kath.net/news/24391

Oder Workshops für Journalisten, weil man dem Herrn Marx so breiten Raum für seine – unbegründete – Feindseligkeit bot:

https://www.welt.de/politik/deutschland/article112429307/Ein-aggressiver-Atheismus-ist-nicht-zu-leugnen.html

Da ist eine vorurteilsfreie Debattenkultur anscheinend nicht notwendig, weil es

a) gegen Atheisten geht und

b) von der Kirche beziehungsweise einzelnen Vertretern derselben kommt.

Offenkundig ist die differenzierte Wahrnehmung – die kaum infrage steht – von Muslimen als Personen und als Gruppe deutlich relevanter als etwa die der Atheisten. Die kann man nach Belieben bashen. Da gibt es keinen Aufschrei, keine „Deutsche Kirchen-Konferenz“ oder ähnliches. Die Konfessionslosen werden nicht mal als Wähler anscheinend wahrgenommen, obwohl es von ihnen mehrfach mehr gibt als Muslime. Aber die haben ja auch keinen Herrn Mazyek. Und natürlich sind sie – im Gegensatz zur Wahrnehmung vom Herrn Marx, der eine Aggression wohl schon dann wähnt, wenn man nicht seiner Meinung ist – tatsächlich als Gruppe friedlich, obwohl sie viel weniger vom Frieden reden. Glücklicherweise hat noch niemand den beiden Herren von der Kirche von „Mikroaggressionen“ erzählt – dann wäre es aber erst schlimm.

Irgendwie kann man jetzt bei Vater Staat an das Gleichnis vom verlorenen Sohn denken. Nur dass der junge Sohn hier weniger Reue zeigt, sondern weitere Erbteile haben möchte. Das Fest gibt es trotzdem. Da also endet das Bild.

So bleibt das alles Mazyeks Einbahnstrasse: Er hat die Deutungsmacht schon inne und ihm wird mehr gereicht, weil er sie fordert. Er selber wird nicht oder kaum hinterfragt. Glücklicherweise bleibt das alles aber nicht auf lange Sicht unwidersprochen, es tut sich ein bisschen was. Wir werden – auch mit dem Herrn Mazyek, der Teil dieser Gesellschaft ist – mit ihm wie mit allen anderen Lobbyisten ringen müssen um diese Deutungshoheit. Da sollte man dabei sei. Auch und vor allem freiheitlich denkende Muslime.

.

.

* Ich bin da sehr für eine Normalisierung: Eine Nachricht sollte nach der Nachrichtenhandlung bewertet werden, weniger nach der Konstellation der Handelnden oder Erleidenden. Die Mann-beißt-Hund-Konstellation ist mir bewusst. Aber genau da hat Mazyek doch schon seinen Vorteil: Eine Person, die einen Muslim herabsetzt, da wird schnell berichtet. Anders herum ist das kaum Thema. Zumindest nach meiner Wahrnehmung. Ohne Tätlichkeit ist das einfach keine Nachricht. Zum Beispiel ist eine einzelne Morddrohung gegen mich keine Nachricht (nicht wegen der Eitelkeit, sondern nur als Beispiel hergenommen).

http://www.morgenpost.de/berlin/article134288005/Die-lange-Liste-der-Attacken-auf-Berliner-Gotteshaeuser.html

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Unterstützungsmöglichkeiten für diesen blog:

https://vunv1863.wordpress.com/2018/11/29/in-eigener-sache-2/

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