Abwehrzauber

Über den mangelnden Nachweis der Wirksamkeit der Prävention und was zu tun ist

An vielen Orten in diesem Land werden mittlerweile Projekte durchgeführt, die der zunehmenden Verbreitung salafistischen Gedankenguts entgegenwirken sollen. Man macht Workshops, Tagungen und Seminare. Hintergrund ist die Herausforderung, Radikalisierung zu verhindern, oftmals jedoch nur (noch) der Wunsch, befürchtete Gewalt und Militanz einzudämmen. Nicht jeder ist ja gleich militant, wenn er radikal ist. Nicht wenige Träger arbeiten bewußt mit Personen mindestens im Graubereich (z.B. expliziten Legalisten) zusammen oder die Projekte sind sogar von Legalisten kontrolliert und verantwortet.* Darüber wird allerdings nicht so gerne geredet.

Salafismus ist eine ultraorthodoxe Variante des Islam, die man grob an verschiedenen Haltungen festmachen kann. Es wird ein Bündel fundamentalistischer Sichten vertreten, die die Aufwertung der eigenen Gruppe im Zentrum hat – und damit die Abwertung aller anderen. Im Kern ist das eine faschistisch-totalitäre Weltsicht, die eigene (Gruppen-)Überlegenheit prinzipiell und pauschal annehmen lässt: Mitglieder der Gruppe sind überlegen und alle anderen darunter, ohne Ansehen der Person.

Verbreitet und unterstützt werden sehr problematische Haltungen aber nicht nur von den Koranverteilern auf der Straße und den offenen IS-Anhängern, sondern leider auch in vielen Moscheen und zunehmend auch breiteren Teilen der muslimischen Community. Schon in dieser zurückliegenden Untersuchung (es gibt jüngere, die aber in eine ähnliche Richtung deuten) waren geschlossene fundamentalistische Haltungen bei etwa 30 % der befragten Muslime verbreitet:

https://www.wzb.eu/sites/default/files/u252/s21-25_koopmans.pdf

Das ist definitiv die letzten Jahre nicht besser geworden. Diese Haltungen anzugehen ist schwierig und bedarf des Willens und der Mitarbeit der Beteiligten. Das ist besonders schwierig, weil diese faschistoiden Haltungen angeblich göttlich legitimiert sind. Man müsste also runter vom Olymp. Ein Fall, der subjektiv eine erhebliche Höhe hat.

Wollte man eine Wirksamkeit von Präventionsprogrammen wirklich belegen, müsste man vergleichbare Gruppen mit und ohne solche Bildungs-Workshops, mit und ohne andere Maßnahmen untersuchen und vor allem die real existierenden Haltungen der Personen vor und nach den Trainings nach einiger Zeit. Solche Untersuchungen, ordentliche (Teil-)Evaluationen der Projekte liegen nicht vor.

Das aber wäre das Mindeste bevor überall erzählt wird, man mache erfolgreich Prävention. Man macht vielleicht „erfolgreich“ Beratung, indem man prinzipiell zur Verfügung steht und berät. Das ist auch ok. Man verspricht Beratung und liefert Beratung.** Aber wirklich präventiv wirksam? Was heißt das? Dazu müssten sich doch Haltungen in der Breite ändern, was nachweisbar wäre. Erfolg kann nicht schon sein, dass man etwas überhaupt tut. Da helfen auch das mancherorts aufblähende Eigenlob, das Schulterklopfen der Auftraggeber („kost´s ´nen Taler, schmeckt`s danach“, muss ja, sind ja öffentliche Gelder) und irgendwelche Preise nichts. Solche Methoden kennt man sattsam aus der Quacksalber- und Seminaranbieter-Szene: Sobald ein Bedarf da ist irgendwo, finden sich Leute, die Abhilfe anbieten. Bis real nachgewiesen ist, ob das, was sie versprochen haben, überhaupt etwas bringt, haben sie schon ihren Schnitt gemacht. Dem Patienten oder Kunden ist es meist hinterher peinlich, dass er so unachtsam und leichtgläubig war, deshalb hört man dazu weniger. In diesen Branchen wimmelt es nur so von Jodel-Diplomen, gekauften oder sonst belanglosen Preisen und vor allem vollmundigen Versprechen. Das ist bei Dingen, die von selber wieder besser werden wie ein Schnupfen oder die Bilanz eines sonst gesunden Unternehmens nicht wirklich schädlich: Es ist assistiertes und ritualisiertes Zuwarten. Die Zeit des Wartens auf Selbstheilung, die in dem System (Körper, Unternehmen) angelegt ist, wird mit Betätigung überbrückt. Bei Krebs oder drohender Insolvenz allerdings helfen weder Homöopathie noch „Resilienz im Management“-Seminare. Macht man dann trotzdem nur so etwas, geht also nicht die Ursachen an, hat das dort Folgen. Das kann man zusätzlich machen, das wiederum ist auch unschädlich. Aber um grundsätzliche und tiefer eingreifende Maßnahmen kommt man nicht herum. Man verschwendet sonst damit nur Zeit und Ressourcen, die für ursächlich wirksame Maßnahmen dann fehlen, wenn man wählen muss. Eine bei relativ harmlosen Dingen nicht relevante Dummheit und mal eine Inkompetenz rächen sich dort beim eigenen Körper oder dem Unternehmen brutal: Tod oder Insolvenz treten ein. So weit die Metapher aus einem ganz anderen Bereich.

Was ist die Alternative? Was ist zu tun?

Beratung weiter anbieten, natürlich.** Aber nicht erzählen und vor allem meinen, dass die Prävention wirklich wirke, solange das nicht belegt ist. Soziologie ist keine exakte Wissenschaft, ja, aber sie hat wirklich gute statistische Verfahren, mit denen man der Realität von Haltungen schon recht nahe kommt.

Also Nachweise führen und auch einfordern. Forschung, solche, die den Namen verdient, also ergebnisoffene; es gibt in dem Bereich auch andere „Forschung“. Forschung, deren Ergebnisse man auch ernst nehmen muss, wenn die Ergebnisse einen selber verunsichern, nicht gefallen, schwer zu verdauen und die Folgemaßnahmen schwer zu finden und politisch schwer umzusetzen sind. Politische Entscheider werden nicht gewählt zur rituellen Bespaßung der Bevölkerung, sondern als Problemlöser. Dazu müssen sie die Realität wahrnehmen. Das ist ähnlich wie bei Unternehmen: Ein Manager, der bei drohender Insolvenz putzige Seminare ansetzt, anstatt für Liquidität zu sorgen, hat irgendwann keine Firma mehr, für die er Fehlentscheidungen treffen kann.

Erkennen, dass wir als Gesellschaft – wir alle! – eine große und sehr schwere Aufgabe vor uns haben, von der keineswegs sicher ist, dass sie im Sinne einer offenen, freien und pluralistischen Gesellschaft gelingen wird. Denn wir haben einen Nachteil: In unserem Angebot ist nur „Gleicher unter Gleichen“ und Aufstieg durch Leistung. Wer keine Leistung bringen kann oder will, auch nicht dazu wirtschaftlich gezwungen ist, für den ist das subjektiv kein guter Deal. Sich finanzieren zu lassen, unter sich zu bleiben, wo man sich gegenseitig die Höherwertigkeit und Überlegenheit bestätigt, ist da viel angenehmer. Das machen einige islamistische Kreise ganz gezielt so (man denke an Anjem Choudary, erst Anwalt, dann Islamist). Zudem haben wir das Problem, dass Leistung und Verdienst sich stellenweise auch entkoppelten. Wer 40 Stunden hart arbeitet, muss noch keine Familie ernähren können. Mit anderen Modellen ist das nicht nur leichter, sondern auch subjektiv sicherer.*** Und dann noch die Demographie.

Wir müssen auch wahrnehmen, dass wir viel früher ansetzen müssen. Wenn junge Muslime schon meinen, dass nur der Glaubensbruder wirklich glaubwürdig ist, ist schon zu viel falsch gelaufen. Dann wurde ihm bereits eingebläut, dass die Meinung – ungeachtet des Inhalts – von einer Person nur deshalb gewichtiger wird, weil sie den gleichen Glauben hat. Dem darf man keinesfalls nachgeben, das wird aktuell breit und gedankenlos falsch gemacht. Das ist die Haltung, die Lernen von Nichtmuslimen erschwert oder unmöglich macht: Natürlich tut man dann die klassischen Medien ab, natürlich glaubt man dann dem Biologie-Lehrer nichts, auch wenn man das formal beherrscht. Da muss schon in der Grundschule gegengewirkt werden. Vielleicht über einen „Ich, du, wir“-Unterricht (eine Art bekennender Sozial- und Gemeinschaftsunterricht für Anfänger), der dort schon auffängt, was in manchen Elternhäusern so furchtbar falsch läuft.

Wir brauchen also sehr viel mehr als Abwehrzauber. Denn ohne Nachweis ist es wenig mehr als Wünschen und Wollen (was ehrenwert auf der Seite der Entscheidet und Bezahler und nützlich auf der Seite der Ausführenden ist). Ohne Nachweise sind Homöopathie bei Krebs und Seminare bei der Insolvenz „wirksam“. Sie sind wirksam nur in der Ankündigung der Anbieter, die es selber nicht wissen und hoffen – in der Metapher – dass es eben kein Krebs sei oder ein weißer Ritter auftauche, der die Insolvenz abwende. Darauf allerdings darf man sich nicht verlassen und Zuwarten macht alles schwerer.

Wir brauchen bei den Entscheidern eine Wahrnehmung der Realität, keine Spiegelung ihrer Wünsche und Beruhigung, wo es keinen Anlass zur Entspannung geben darf. Zur Wahrnehmung dieser Realität braucht es mehr Forschung und Personen, die diese ergebnisoffene Forschung auch zur Kenntnis nehmen. Es braucht notwendigerweise auch die Kritik der Maßnahmen, die bereits laufen. Nur durch Kritik kommt man voran und der Realität näher. Und um die soll es doch gehen?

Wir müssen und wir werden „es“ wahrscheinlich schaffen. Die Frage ist nur, wie viele Irrwege „wir“ uns leisten und wie viel Zeit wir uns nehmen, sie zu erkennen. Irrwege sind teuer. Hoffen wir, dass sie hier nicht auch blutig sein werden.

 

 

Hier sei noch einmal explizit auf diesen Beitrag verwiesen, der Irrwege aufzeigt:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/01/06/islamistische-quantenspruenge/

 

 

* Deren Zutrauen, das alles im Griff zu behalten, möchte man haben (und nein, sie haben es NICHT im Griff, heilige Selbstüberschätzung!).

** Es geht nicht darum, alle Angebote prinzipiell abzutun. Beratung ist wichtig und wertvoll für die Angehörigen. Man darf jenseits des psychischen Auffangens Betroffener aber keine Wunder erwarten: Zum einen meldet sich nur ein Teil und holt Hilfe. Selbst bei maximalem Aufwand fruchtet das aber nur bei einem kleineren Teil der betreuten Fälle. Es geht auch nicht darum, Bildungsangebote abzutun. Auch die sind wichtig und wertvoll. Wunder darf man aber bei den verfolgten (und auch allen anderen) Ansätzen auch nicht erwarten: Wir haben es teilweise schon mit verfestigten Weltbildern zu tun, die mit einem nicht-konfrontativen Ansatz erst gar nicht anzuweichen sind: Personen, die sich ihrer selbst nicht wahrnehmbar sicher sind, werden auch von autoritär Strukturierten nicht auf Augenhöhe wahrgenommen.  Es geht darum, den Blick zu schärfen, dass das Problem viel breiter gelagert ist und die Selbstdarstellung mancher, man mache erfolgreich Prävention, den Blick der Politik vernebelt für das Ausmaß der Problemzonen. Wenn rückgemeldet wird, man tue alles und sei auf dem allerbesten Weg, also falsch oder ohne Nachweis behauptet, man ändere in der Breite Haltungen, dann muss man das auch belegen können. Alles andere ist Mumbo-Jumbo.

*** Die Clinton-Regierung war in den 90ern vor eine Herausforderung gestellt, die sie nicht vorhergesehen hatte:  Manche Minderjährige hatten das „Modell“, ganz jung Mutter zu werden und weitere Kinder wegen der Sozialleistungen zu bekommen, als Versorgungsmodell entdeckt. Die Fälle häuften sich relevant. Nachdem Änderungen am Sozialsystem vollzogen waren, die erheblich auf Widerstand in der eigenen Partei stießen, wurden dann auch Verhütungsmittel wieder populärer in den Zielgruppen. Das war hart und es traf auch manche ungewollt Schwangere und einige andere. Es stoppte aber den „Missbrauch“ und sorgte dafür, dass diese jungen Frauen wieder mehr Verantwortung für ihr Leben selber übernahmen.

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