Bruderschaft ohne Brüder II

Über die Schwierigkeit von Selbstzuschreibungen bei der IGD

Die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) war auch hier schon einige Male Thema, z.B. über den seltsamen Umstand, dass es sie als Struktur der Bruderschaft zugleich wohl gibt und nicht zu geben scheint, zumindest was die Eigenbetrachtung angeht:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/08/11/bruderschaft-ohne-brueder/

Das meint das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), MB = Muslimbruderschaft:

Die MB, die nach eigenen Angaben in mehr als 70 überwiegend muslimischen Ländern in unterschiedlicher Ausprägung vertreten ist, strebt die schrittweise Umgestaltung aller arabischen Staaten in Staaten islamistischer Prägung mit einer an Koran und Sunna orientierten Staatsordnung an. Dies gilt auch für Länder, in denen sunnitische Muslime leben. Dabei setzt die MB auf eine Strategie der Einflussnahme im religiösen, politischen und gesellschaftlichen Bereich.[…] In Deutschland verfügt die MB über 1.040 Anhänger. Die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V.“ (IGD) ist dabei mit mehreren Hundert Mitgliedern die zentrale und wichtigste Organisation von Anhängern der MB in Deutschland. Neben ihrem Hauptsitz in Köln unterhält die IGD nach eigenen Angaben „Islamische Zentren“ in München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Marburg, Braunschweig und Münster. Die IGD setzt auf eine an der Ideologie der MB ausgerichtete Strategie der Einflussnahme im politischen und gesellschaftlichen Bereich, um ihren Anhängern Freiräume für eine an Koran und Sunna orientierte Lebensweise zu ermöglichen.

https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-islamismus-und-islamistischer-terrorismus/zahlen-und-fakten-islamismus/zuf-is-2015-islamistische-organisationen/zuf-is-2015-legalistische-islamisten/muslimbruderschaft-mb-islamische-gemeinschaft-in-deutschland-igd

Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht die IGD hingegen aktuell, dass man eben nicht der Muslimbruderschaft zuzuordnen sei:

 

Es gibt somit nur einige Personen in der IGD nach Eigendarstellung, die sozusagen vom Geist Al Bannas, des Gründers der Muslimbruderschaft, „inspiriert“ sind.
Nun haben alle das Recht, sich beliebig nach außen hin darzustellen.
Das Bundesamt ist da ganz klar, die IGD vertritt eine andere Sicht, könnte man meinen. Geht man in die sprachlichen Feinheiten – und man sollte da genau sein – betont die IGD jedoch nur, dass die IGD als Verband nicht Teil der Organisation „Muslimbruderschaft“ sei. Das allerdings hat das BfV auch gar nicht behauptet, sondern dass sich die Anhänger der Ideologie in den Islamischen Zentren organisieren. Die IGD wird also als Organisationsform der Anhänger beschrieben, nicht als eine Organisation, die formal Teil einer anderen Organisation sei. Es ist also eine Zuordnung, die mit einer solchen Stellungnahme nicht aus der Welt geschafft wird, die bestenfalls als eine Art Gegendarstellung zur Sicht des BfV zu sehen ist. Oder als Nebelbombe.

Einzelne Personen versuchten schon einmal, die Zuordnung zur Muslimbruderschaft gerichtlich unterbinden zu lassen (z.B. Ibrahim El Zayat) oder nahe Organisationen (z.B. Muslimische Jugend Deutschlands e.V.). Eine Person, sei sie natürlich oder juristisch, kann gegen solche Einstufungen durch Behörden nämlich auch immer rechtlich vorgehen. Unterliegt sie in dem Unterlassungsbegehren, dann bleibt die öffentliche Sicht bestehen, auch wenn das nicht gefällt.

Die neue (alte) Entwicklung, also europäisch gesehen die organisatorische, speziell deutsche Selbstentleibung (zumindest nach dem Marketing), könnte aus verschiedenen Gründen heraus erfolgt sein. Möglicherweise fühlt man sich durch die Jugendorganisation ermutigt und glaubt, dieselbe, teilweise erfolgreiche Methode auch anwenden zu können. Die hatten nämlich versucht zu unterbinden, dass sie als Jugendorganisation der IGD eingestuft würden. Zuordnungen zur IGD werden gerne in Abrede gestellt. Vor allem dann, wenn die Betätigungen eine erhebliche strategische Bedeutung haben, kämpft man da  um jeden Meter, wie zum Beispiel bei der erheblichen Strukturbildung im Osten:

Sie haben erkannt, dass es für Muslime in Ostdeutschland keine Strukturen gibt, und jetzt bauen sie diese Strukturen mit Wucht auf“, sagt Gordian Meyer-Plath, Präsident des sächsischen Verfassungsschutzes. Während es im Westen Alternativen für Muslime gebe, hätten die Muslimbrüder im Osten das Monopol und erwürben vor allem im ländlichen Raum Liegenschaften für Gebetsräume und Begegnungsstätten.

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/verfassungsschutz-warnt-vor-muslimbruedern-im-osten-14871916.html

Der sächsische Verfassungsschutz allerdings unterstellt der SBS Kontakte zur IGD, der „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ – einer dem Umfeld der Muslimbruderschaft zugerechneten Organisation mit Sitz in Köln. Als Beleg wird ein Plakat der SBS angeführt, mit dem im November für eine Veranstaltung in Dresden geworben wurde – und das unter anderem auch das IGD-Logo trägt. – Saad Elgazar sagt, dass die Argumente des Verfassungsschutzes „auf sehr wackeligen Füßen“ stünden. „Die Verwendung mehrerer Logos auf einem Veranstaltungsplakat war von uns irreführend und zweifelsohne sehr ungeschickt.“ Die SBS sei aber unabhängig und habe zur IGD keine organisatorischen oder finanziellen Verbindungen. Laut Sächsischem Verfassungsschutz gibt es aber außer dem genannten Plakat noch mehr Informationen, die auf Kontakte der SBS zur Muslimbruderschaft hindeuten. So sei im Vorfeld der Eröffnung des Pirnaer SBS-Objekts etwa Khaled Hanafy zugegen gewesen, sagt Verfassungsschutz-Sprecher Martin Döring. „Der bekleidet diverse Funktionen in der Muslimbruderschaft und in der IGD.“ Weil die Muslimbruderschaft vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet werde, registriere man auch, wenn einer ihrer Vertreter in Sachsen agiere.

http://www.sz-online.de/nachrichten/islamische-organisation-widerspricht-verfassungsschutz-3610899.html

Schaut man hin, sind sie weg.

Eine weitere Ursache für die „Klarstellung“ könnte auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) sein und der Umstand, dass man die genaue Verbandszusammensetzung anscheinend lieber im gnädigen Dunkel wissen möchte. ZMD ist Mazyek und Mazyek ist ZMD. Alles andere könnte nur verunsichern und so rühren da wenige an.

Schließlich ist die IGD Gründungsmitglied des ZMD, der weitere Probleme hat. Mehrere prominente Vorstandsmitglieder sind Mitgliedsvereinen zuzuordnen, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stehen (z.B. ATIB in einigen Bundesländern, DIV e.V. in Hessen). Diese Verbände sind jedoch bundesweit und den Medien nicht so bekannt und der eine oder andere Journalist könnte sich mit der Einordnung schwer tun. Mit den Muslimbrüdern hingegen wird meist noch mindestens vage etwas verbunden. Zudem will man und ist schon an den Fleischtöpfen der öffentlichen Hand. Ähnlich wie beim DIV in Hessen hat man als Dachverband die öffentlichen Gelder beantragt und bekam sie bewilligt, weil der Dachverband nicht unter Beobachtung steht. Dass aber etliche Untervereine, darunter eben die Dachverbände IGD, die ATIB und der DIV und damit auch Vorstandsmitglieder zumindest länderweise unter Beobachtung stehen, wurde in den zuständigen Ministerien wie beim DIV wohl nicht abgefragt: Was ein deutscher Beamter nicht weiß, kann er auch nicht berücksichtigen. Dann kann er machen, was politisch ihm vielleicht sogar vorgeben wurde und kann trotzdem die Hände in Unschuld waschen. Er wußte es ja nicht offiziell. Gibt es keine explizite Dienstanweisung vom Vorgesetzten, scheint er auch nicht zu fragen oder so zu prüfen, wie man sich das in diesem Fall vorstellen und wünschen würde. Die falsche Tat hat hier viele biologische Väter, aber nur einen rechtlichen (bislang): der zahlende Staat. Dem sieht die Kopfgeburt zwar nicht mehr sehr ähnlich, aber pacta sunt servanda.

Der ZMD kann dann also über das ZMD-Projekt „safer spaces“ – wie bereits geschehen – Prediger und Referenten laden, denen ihrerseits die Sicherheitsbehörden ihre Muslimbrudernähe vorhalten. Da ist also allerorten ziemlich viel an Muslimbruder-Aktivität zu verorten; nur wird, wie beim Scheinriesen Herr Tur Tur* alles plötzlich umso kleiner und schwerer fassbar, je näher man kommt. Plötzlich steht da nur noch ein Zwerglein und rollt mit den Augen: Ich der Herr Tur Tur? Aber nicht doch. Zwei Strassen weiter. Vielleicht.

Das ist also alles wahlweise wenig überzeugend oder nimmt für die Nichtfassbarkeit schon mal logische Mängel, Lebensferne oder Beleidigung der Intelligenz des Gegenübers in Kauf. Die Weltgeschichte ist voller solcher Merkwürdigkeiten, deren Aufzählung bei Petitessen wie Zigarren für Monica nicht anfängt und bei echten Katastrophen wie angeblich nicht geplanten Mauerbauten nicht zu Ende ist.

Aber zurück aus dem Tal der Geschichten ein kleiner Blick in die nähere Geschichte

Aus dem Jahr 2005:

Der Präsident der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), Ibrahim El Zayat, darf als „Funktionär der Muslimbruderschaften“ bezeichnet werden.[…] Die IGD wird seit Jahren in den Verfassungsschutzberichten mehrerer Bundesländer als Organisation bezeichnet, die dem ägyptischen Zweig der islamistischen Muslimbruderschaften zuzurechnen sei. Auch das Bundesverwaltungsgericht hatte in einem anderen Verfahren festgestellt, daß die IGD die ideologische Grundüberzeugung der Muslimbruderschaft teilt und die IGD die in Deutschland mitgliederstärkste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft ist.

https://www.welt.de/print-welt/article185702/Islamischer-Funktionaer-darf-Muslimbruder-genannt-werden.html

Das wurde also schon mehrfach gerichtlich geprüft. Zumindest für die Vergangenheit ist diese Aussage „Klarstellung: IGD war und ist kein Teil der Muslimbruderschaft“ also gerichtlich geprüft zumindest nicht ganz richtig, vielleicht allenfalls noch spitzfindig.

Ibrahim El Zayat war – als Muslimbruder-Funktionär – noch jahrelang Präsident der IGD. Das scheint also nicht gestört zu haben. Über seine Einbindungen schreibt Heiko Heinisch:

Ibrahim el-Zayat gründete und leitete in Europa zahlreiche Organisationen, die als Tarnorganisationen der Muslimbruderschaft gelten oder derselben nahe stehen, darunter im Jahr 1996 das Forum of European Muslim Youth and Student Organizations (FEMYSO), dessen Vorsitz er bis 2002 innehatte und dem auch die MJÖ (Muslimische Jugend Österreichs) eine Zeitlang angehörte. Er sitzt darüber hinaus im Vorstand der Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE), die von verschiedenen Verfassungsschutzämtern der Muslimbruderschaft zugerechnet wird. Zudem wurde el-Zayat im Jahr 2000 als Treuhänder der der Muslimbruderschaft nahe stehenden Bildungseinrichtung Institut Européen des Sciences Humaines (I.E.S.H.) in Château-Chinon in Frankreich vorgestellt. Auf eben dieser Schule hat seine Schwester, die Direktorin der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien (IRPA), Amena Shakir eine Ausbildung genossen.

Am 19. März 2004 wurde Ibrahim el-Zayat auf der Webseite „www.islam-online.net“ als Vertreter der Muslimbrüder in Deutschland bezeichnet, was als Information aus dem Inneren der Bruderschaft angesehen werden kann, denn diese Website steht Yussuf al-Qaradawi nahe[i], den man als aktuellen Chefideologen der Muslimbruderschaft bezeichnen könnte.“

http://www.heiko-heinisch.net/kooperiert-das-koenig-abdullah-zentrums-fuer-interreligioesen-und-interkulturellen-dialog-mit-der-muslimbruderschaft/

Überdies steht er in engem Zusammenhang mit der Hilfsorganisation Islamic Relief, s. dazu die Beiträge auf diesem Blog.

Die Selbstdarstellung der IGD kann man also zu Zeit der Präsidentschaft El Zayats so verstehen:

igd-schaubild-170217

 

Hm. Die IGD ist irgendwie nach Eigendarstellung das Glied in der Kette, das sie unterbricht. Sozusagen organisatorisch das missing link. Vielleicht auch nur ein verwaister Eintrag. Und einzelne Einrichtungen? Die sollen auch nicht zuzuordnen sein. Man macht zwar alles mit, was eben so auch andernorts auffällt, aber zugehörig? Nicht doch.

Die Bruderschaft steht also organisatorisch wieder mal ohne Brüder da. Es gibt ihn – vielleicht – den Muslimbruder. Und es gibt auch – vielleicht – Muslimbruder-Funktionäre. Nicht zu vergessen die echten Muslimbruder-Prediger und -Gelehrten. Die gibt es aber auch nur vielleicht. Vielleicht sollte man diesen Grauen Herren** mal die Zigarren wegnehmen. Damit sie nicht real existierenden Flüchtlingen oder schon ansässigen Muslimen die Lebenszeit klauen, sie ideologisieren, sie aus der Gesellschaft desintegrieren oder gar nicht erst ankommen lassen und in weitere Graue Herren umwandeln. Damit der genannte Personenkreis eine Chance hat, seinen Glauben IN dieser Gesellschaft zu leben und nicht nur Gegengesellschaft nach außen gut aussehend organisiert wird.

Die Behörden haben das hoffentlich ausreichend im Blick. Die sehen die IGD nämlich mittendrin statt nur dabei. Nähme man die IGD so richtig beim Wort, stünde die Muslimbruderschaft in Deutschland ohne Vertretung da. Und das in einem so wichtigen und lukrativen Markt. Wer soll denn das glauben.

 

 

* Eine Figur aus dem Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Scheinriese

** Figuren aus dem Kinderbuch „Momo“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Momo_(Roman)#Die_grauen_Herren

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