Verbandsmarketing II

Lobbyismus, Vertretungsanspruch und Vertretungsmacht muslimischer Verbände

Erklärungsversuche Teil 2

Mit konkreten Mitgliederzahlen tun sich die Verbände nämlich eher schwer. So gibt es z.B. keine offizielle Angabe vom ZMD. Auch die Mitglieds-Vereine und -Verbände sind mittlerweile auf der aktuellen Internetseite des ZMD nicht mehr verfügbar. Hier jedoch findet sich die Übersicht:

https://web.archive.org/web/20160526181122/http://zentralrat.de/16660.php

Nähme man die Ansprache-Quoten in den sozialen Medien einmal als Hinweis, ergäbe sich nämlich ein anderes Bild:

Facebook-Follower oder „gefällt mir“ Zahlen, Twitter in eckigen Klammern, den jeweiligen Seiten entnommen:

ADÜTDF („Graue Wölfe“)                                                      ~ 14.800
ATIB                                                                                         > 2.400
DITIB (Hessen, ca. 10 % der Moscheen)                                   > 700
DITIB *                                                                                          [183]
IGBD                                                                                        ~ 3.000
IGD                                                                                          ~ 1.500
IGMG                                                                                       ~ 3.500 [7957]
Islamrat                                                                                      ~ 900 [958]
IGS (Schiiten)                                                                           > 3.600
Koordinationsrat (Twitterkanal, letzter Eintrag 2014)                        51
ZMD                                                                                           ~ 3.100
ZMD Hessen                                                                                      16

Jugendverbände:

ATIB                                                                                          ~ 12.000
DITIB (Hessen)                                                                          ~ 1.700
IGMG –
IGMG Kinderorganisation                                                            ~ 5.100
MJD                                                                                             > 6.000

Zum Vergleich:

Bund der alevitischen Jugend (nur NRW)                                 > 53.000

Einzelpersonen:

Mehmet Alparslan Celebi (ATIB, ZMD)                                      > 7.500
Khaled Hanafi (RIGD, IGD)                                                      > 13.000
Aiman Mazyek (ZMD)                                                                 ~ 4.900

Zum Vergleich:

Pierre Vogel                                                                           ~ 244.000
Sven Lau                                                                                 > 54.000
Marcel Krass                                                                           > 28.000

Neo-osmanische Seiten                                                          ~ 50.000

Zum Vergleich:

Seite von „12thMemoRize“                                                      ~ 8.000
(eine Gruppe, die öffentliche Anti-IS-Aktionen macht)

Stand 18.02.2017

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Wie viele der Viertelmillion Personen, die über die Aktivitäten von Pierre Vogel auf dem Laufenden gehalten werden möchten, tatsächlich Muslime sind, ist nicht ersichtlich. Es sind auf jeden Fall mehr Personen, als einem lieb sein kann. Gleiches gilt für die Anzahl der schon auf Facebook in Erscheinung tretenden Anhänger der „Grauen Wölfe (ADÜTDF), dem „Graue Wölfe“-Derivat ATIB und der Anhängerzahl von Personen, die in der Mehrheitsgesellschaft recht unbekannt sind, aber einen wenig friedlichen Islam propagieren. Millionen Muslime hingegen, die nicht über die Verbände organisiert sind, bleiben auch in den sozialen Netzwerken nahezu unsichtbar. In dieser Hinsicht ist deren Lage ähnlich wie bei den Konfessionslosen: Die reale Stärke der gesellschaftlichen Gruppe spiegelt sich nicht in der Stärke ihrer Verbände.

Die absolut größte Gruppe der organisierten Personen aus dem islamischen Kulturkreis in Deutschland, die Aleviten mit etwa 500.000 Mitgliedern, werden nahezu nie von den Medien als Sprecher für diesen Kreis in Deutschland, sondern immer nur als Vertreter ihrer spezifischen Richtung oder dann als Migrantenvertreter wahrgenommen. Protagonisten der anderen größeren muslimischen Verbände werden eher als Vertreter nur ihres Verbandes befragt und wahrgenommen. Der Name des Zentralrats wirkt. Ob der Herr Mazyek die Personen aus dem islamischen Kulturkreis mit der vorliegenden Vereinsstruktur aber tatsächlich so allgemein vertreten kann, wäre zu fragen. Die Richtungen unterscheiden sich durchaus erheblich und ob der Herr Mazyek für die Personen aus dem großräumigen Kulturkreis nun wesentlich repräsentativer ist als Alevitenvertreter – wer weiß. Es sind verschiedene Richtungen im ZMD, ja. Mindestens zu einen scheint ein ultrakonservatives islamisches Gesellschaftsbild und die billigende Hinnahme anderer Vereine, die bekanntermaßen ein Problem mit der FDGO haben. Immerhin hängt die überwiegende Zahl der Muslime in Deutschland Religion real – und nicht nur in Befragungen – nicht so hoch in ihrem Leben, als dass sie sich organisieren würde.

So lange der ZMD alleine schon öffentlich nicht zu den vertretenen Unterverbänden stehen mag, nicht öffentlich auch sagt, dass man z.B. für die IGD und die ATIB und einige klar vom Verfassungsschutz der Muslimbruderschaft zugeordneter Vereine in den medialen und sonstigen Ring tritt s.u., ist das so eine Sache. Das erste, was man in einer offenen Gesellschaft voneinander erwarten kann ist, dass, wenn man nicht nur für sich, als Einzel- oder Privatperson spricht, sagt, für wen man eintritt. Das machen sogar Lobbyisten so und wegen der Spezifika und weil der Islam vielfältig ist, ist es heikel, wenn die konservativen Verbände für alle sprechen, wenn sie nur wenige hinter sich haben. Man lässt die Fechter ja auch nicht ihre Interessen so vertreten, als sei das der einzige Sport. Viele Florette, keine Bälle wäre das Ergebnis.

Auch kann man erwarten, dass man, wenn man für einen demokratischen und verfassungstreuen Staatsbürger gehalten werden will, einräumt, dass die eigenen Untervereine von eben jenem Verfassungsschutz so eingeordnet werden, wie sie eingeordnet werden. Insbesondere, da Mazyek in seiner öffentlichen Tätigkeitsauflistung seit längerer Zeit angibt, Mitglied im „Dialog Leitungsebene BKA“ (in welcher Funktion?) zu sein, müsste ihm doch klar sein, dass die nach außen getragene Forderung, der Verfassungsschutz solle dieses oder jenes namentlich ihm gegenüber belegen, nicht zu erfüllen ist. Dass ihm gegenüber nicht bekannt gegeben wird, was genau vorliegt, unterliegt genauso dem Datenschutz wie einem Dritten gegenüber Sinn und Zweck seiner Gespräche beim BKA.

Wollte man also mit den muslimischen Personen sprechen, deren Inhalte leidlich nachweislich die zahlenmäßig meisten sunnitischen Muslime interessieren, dann wäre nicht Aiman Mazyek der Ansprechpartner oder Dr. Alboga, sondern leider andere wie Pierre Vogel. Da das aber natürlich nicht angeht (und auch so etwas wie i,slam zwar vielleicht einen Teil diese Gruppe anspricht, aber eher noch m.M.n. zur Verfestigung einer „muslimisch-konservativen Identität“ führt nebst allen damit vergesellschafteten Problemen) – muss man sich in Politik und Presse dringend vom reinen Proporzdenken dort freimachen. Mazyek kann für weniger real vertretene Personen aus dem Kulturkreis sprechen als andere Vertreter oder Alboga. Wenn aber nicht der Proporz das entscheidende Argument ist, muss es die Kompatibilität der tatsächlich vertretenen Inhalte mit der FDGO sein. Wegen der beschriebenen Probleme des ZMD kann es ein Vertreter dieses Verbandes ohne Kenntlichmachung in den Medien eigentlich nicht sein. Man lässt ja auch den Fechter nicht als Vertreter des Deutschen Sportbundes durchgehen, auch wenn er selber dies vielleicht möchte.

Gesprächspartner für die Politik kann eigentlich nur sein, wer nicht nur als Lippenbekenntnis sich zur Demokratie bekennt, sondern das auch in seiner Organisation lebt und nachweislich spiegelt. Vertreter von Organisationen, deren Unterstrukturen nicht auf dem Boden der FDGO stehen – da ist das Marketing und auch das persönlich gefühlige unbeachtlich.** Da muss man in der Politik ab vom Decken des Eigenmarketings und zur Verbands-Realität finden. Das mag ungewohnt sein und schwierig erscheinen. Es führt aber kein Weg daran vorbei, wenn man auch für liberale Muslime genügend Anreize schaffen will, sich a) zu organisieren und b) sich von all diesen Strukturen abzugrenzen. Derzeit wird einfache Anwesenheit positiv verstärkt, auch wenn man so zusammengesetzt ist, wie man zusammengesetzt ist. Entgegenkommen auf der anderen Seite braucht es nicht mehr, der Wunschtraum eines Lobbyisten geht so in Erfüllung. Man kann da durchaus aus anderen sensiblen Bereichen lernen: In den Gemein­samen Bundes­aus­schuss (G-BA) lässt man ja auch keine Pharma-Lobbyisten, aus gutem Grund.

Mit Personen zu reden, das ist normal und Teil des Prozesses. Dass sich aber Teile der politischen und auch medialen Landschaft derart vorführen und instrumentalisieren lassen, ist problematisch. Und das wird nicht besser werden. Das Gleiche gilt für andere Institutionen.*** Muslimbruderschaft und ATIB, zunehmend auch bei der DITIB erkennbar – das sind Strukturen, deren tatsächlich vertretene Inhalte nur schwer mit der demokratischen Kultur und der freien Gesellschaft vereinbar scheinen. Es hilft nicht, wenn Lobbyisten anderes erzählen und man das Spiel auf Zeit mitmacht. Es hilft nicht, da politische Holzwege so lange zu pflastern und auszubauen, bis aus ihnen vierspurige Autobahnen geworden sind.

Es ist also deutlich an der Zeit, sich da umzuorientieren. Das gilt für alle.

Zeit für die politische Notbremse, bei den Ansprechpartnern, aber auch in den eigenen Strukturen.

 

 

* Twitter wird in der Türkei sehr intensiv genutzt. Da kein Facebook-Account des Dachverbbandes zu bestehen scheint, hier zum Vergleich die Follower von Twitter:

https://twitter.com/DITIBkoeln?lang=de

** Die Zusammensetzung des ZMD wird nahezu nie thematisiert. Allenfalls ist das Adjektiv „konservativ“. Oft genug wird entweder die Eigendarstellung übernommen, so dass die Problemzonen eben nicht zur Sprache kommen, oder Unwesentliches sogar souffliert. Hier eine freundliche, ethnisch bunte Variante (es sind auch nicht 35 DACHorganisationen), die nicht hinterfragt wird:

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ist ein Zusammenschluss von derzeit 35 muslimischen Dachorganisationen, 300 Moschee-Gemeinden und Einzelmitgliedern. Der ZMD betont seine innere Vielfalt: So seien dort sowohl Schiiten als auch Sunniten vertreten, darunter Türken, Araber (Marokkaner), Deutsche, Albaner, Iraner, Afrikaner und Bosnier.

https://www.domradio.de/themen/islam-und-kirche/2017-02-15/islamische-verbaende-deutschland-sind-sehr-unterschiedlich

Übersetzung: darunter IZH (Verfassungsschutzbericht HH), ATIB (Verfassungsschutzbericht Bayern), DIV (Verfassungsschutz Hessen) usw. Das sind also nicht irgendwelche Iraner oder Schiiten, sondern schon besondere. Nicht irgendwelche Türken, sondern u.a. die Vertreter der ATIB usw.

*** Insbesondere fallen da die bpb und (leider!) auch zunehmend die FES auf. Sich für ein imaginiertes Gemeinwohl der Zukunft in der Gegenwart von fragwürdigen Vereinen und mediengeübten Vereinsvertretern instrumentalisieren zu lassen, ist maximal kontraproduktiv: Nein, so gewinnt man die Zukunft nicht, indem man autoritären Strukturen entgegenkommt bzw. sie nicht wenigstens hinterfragt und kenntlich macht.

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