Islamistische Identitäre

Zum Begriff identitär

Was ist damit gemeint?

In den Medien ist das Wort seit einigen Monaten vor allem wegen der Betätigungen rechter Gruppen häufiger verwendet worden. Neu ist dieses Phänomen hingegen nicht. Schon vor 6 Jahren fielen identitäre Gruppen auf, die sich auch so nannten:

Inhaltlich beschreitet die angebliche Bewegung aber keine neuen Pfade. Mit ihrer Bejahung von Parlamentarismus und dem Verzicht auf offen antisemitische Argumentationsmuster grenzt sie sich klar vom Umfeld der NPD ab. Ihr dezidierter Antiliberalismus und die Angst vor Überfremdung verortet sie im sogenannten neurechten Lager.

„Uns Identitären geht es um den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität, die heute durch den demografischen Kollaps, die Massenzuwanderung und die Islamisierung bedroht ist“, heißt es im Programm. Sich selbst hingegen verstehen die Identitären als Vertreter einer zu unrecht als „rassistisch diskreditierten Mehrheitsmeinung“: „100% identitär, 0% rassistisch“, nenne sie als Motto. Diese Argumentation finden sich in ähnlicher Form in fast allen rechtspopulistischen Bewegungen Europas wieder.

http://www.fr.de/politik/rechtsextremismus/neue-rechte/rechtsextremismus-neueste-rechte-a-773966

Mehr:

https://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4re_Bewegung

http://www.br.de/nachrichten/rechtsaussen/rechtsextremismus-identitaere-bewegung-100.html

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-05/rechtsextremismus-identitaere-bewegung-beobachtung-verfassungsschutz

Wie kann man dieses Wort nun bei Strömungen des Islams verwenden?

Man kann diesen Begriff auch dort in berechtigter Analogie verwenden. Dies begründet sich in ähnlichen Denkmustern und ähnlichen Haltungen, insbesondere, was die Sicht auf andere Menschen betrifft und die Prägung des eigenes Verhältnisses zu diesen anderen Menschen.

Ähnlich wie in obigem Programmansatz der (deutschen) Identitären Bewegung fürchten nicht wenige Islamisten (aber auch, der Vollständigkeit halber erwähnt, manche Hindus usw.) um die ethnokulturelle Identität, die sie – das unterscheidet oft, aber nicht immer – vorwiegend auch an ihre Religion binden, in der Diaspora. Eine grobe Übersicht zu einigen Merkmalen in der Zusammenschau, der Versuch einer Gegenüberstellung wesentlicher Haltungen identitärer Gruppen und islamistischer Gruppen:

 

 

[Zu den Aussagen hinsichtlich der Identitären Bewegung finden sich jeweils Nachweise im Netz. Journalisten oder ernsthaft Interessierte können diese Belege bei mir nachfragen. Im Sinne der Eingrenzung dieser Ideologie werde ich diese Belege ausnahmsweise nicht öffentlich zugänglich machen. Ich bedanke mich für das Verständnis.]

Islamisten fürchten dort insbesondere die Verlockungen der Moderne, die von dem Weg abführen könne, den sie je nach Gruppe unterschiedlich für sich als den einzigen, den geraden Weg, den „Weg der Mitte“ definieren. Hin- und hergerissen zwischen Tradition und Moderne, wird versucht, diesen Weg auch in der Lebenspraxis und in der umgebenden Gesellschaft zu finden. Klischeehaft: Der Junge soll Anwalt werden; aber er soll sich, schon erwachsen, von Mutter und Vater die Braut aussuchen lassen. Das Mädchen soll Ärztin werden, aber nur, um sie auf dem Heiratsmarkt aufzuwerten, damit sie einen „besonders guten Mann“ bekommt (was sich oft genug an reinen Äußerlichkeiten, die für Eltern attraktiv sind, festmacht). Und natürlich darf insbesondere das Mädchen keinerlei sexuell anmutende Beziehungen zu Männern unterhalten. Die Kinder sollen sich, mit anderen Worten, äußerlich anpassen an Europa, aber trotzdem in der Tradition bleiben, die oftmals kollektivistisch geprägt ist. Die Kinder sollen vieles von dem, was Europa ausmacht, eben nicht selber leben. Allgemeine Freiheit z.B. oder ein modernes Geschlechterverhältnis und das Recht am eigenen Körper. Das gefährdet in der Sicht islamistischer Identitärer die Tradition und bei Personen, die sich wesentlich über Tradition und Religion definieren, direkt die eigene Identität.

Viele Menschen, die Vielfalt* unbesehen und diffus als etwas Positives sehen, fragen sich z.B. nicht, warum es derart viele Moscheevereine derart vieler verschiedener Richtungen gibt. Bei grober Draufsicht könnte man meinen, dass es in einer kleineren Stadt die eine große Moschee täte und man dann halt deutsch als Predigtsprache führen könnte. Bei vielen Personen, die ein eher entspanntes Verhältnis zu ihrer oder Religion allgemein haben und sich nicht über diese definieren, eine denkbare Vorstellung. Anders sieht das aus, wenn man sich über Religion und einen eigenen, identitätsstiftenden Weg definiert, der als der einzig richtige definiert wird schon in Abgrenzung zur anderen islamistischen Gruppe oder auch liberalen oder gar säkularen Muslimen.

Das funktioniert also z.B. dann nicht, wenn es eine kleine türkische, eine kleine iranische und eine kleine pakistanische Gemeinschaft gibt. Nimmt man einmal die Herkunftsnationalität für eine nicht untypische Religionszugehörigkeit in dem jeweiligen Land (es gibt ja noch andere Glaubensrichtungen und Atheisten in den jeweiligen Ländern): Man kann sich da nicht einigen, denn Hanafiten, Schiiten und Ahmadiyya beten nicht gemeinsam. Die Religion trennt schon Muslime untereinander. Schon da wirkt auch leider oft auch eine Abwertung, die allenfalls im Verbund überwunden wird, wenn es um Gegenhaltungen zu noch stärker abgelehnten Gruppen wie Juden, Atheisten oder auch Homosexuellen geht. Dort ist man sich dann manchesmal einig und so findet man auf den Seiten islamistischer Identitärer oftmals deutliche Abwertungen dieser Gruppen. Noch deutlicher wird es bei noch größeren Narrativen, auch wird dort der Schulterschluß bis in konservative Kreise wesentlich breiter (ein Phänomen, das gleichartig, aber umgekehrt hinsichtlich der abgewerteten Gruppe (Muslime, diffus auch xenophob) bei deutschen Identitären bzw. einzelnen Haltungen und Gegenhaltungen aufscheint; aber auch bei Identitären anderer Nationalität).

In der Abgrenzung gegen einen angeblichen gemeinsamen Gegner, den „Westen“ mit seiner modernen Lebensart, machen islamistische identitäre Strömungen einen gemeinsamen Wesenskern aus. Unter Verkennung also des Umstandes, dass sehr viele islamische Richtungen sich untereinander nicht einmal einigen können, wer mit wem und unter wessen Leitung beten darf, versucht man, die angeblich gemeinsame Sache im Großen voranzubringen. Interessenvertretung dort, wo es den Beteiligten nützlich erscheint (so weit normales Geschäft in einer Demokratie).

Nun könnte man fragen, was nun die islamistischen Haltungen identitärer Art noch einmal besonders problematisch macht (wenngleich man das bei anderen, ähnlichen Strömungen vielleicht nicht tut und der Abwertungscharakter etc. für sich genommen genügt, um dies als problematisch zu erkennen).

Problematisch macht, dass man, lehnt man den identitären Ansatz nicht ab bzw. die Priorisierung dieses Aspekts, keine Möglichkeiten mehr hat, einen auch temporär, auch vielleicht nur hierzulande legalistischen Islam überhaupt noch anzumahnen. Denn die Haltungen sind dann kaum noch zu trennen. Beispiele verdeutlichen dies vielleicht.

Von einem Hizb ut Tahrir-nahen Netzwerk:

Was den Islam attraktiv macht

In der Menge der weltanschaulichen Optionen, die auf die Muslime hier einprasseln, wird zunehmend eine, gerade für die Jugendlichen, immer attraktiver. Dies ist der Islam. Denn der Islam ist keine rein spirituelle Vorstellung über das Leben, sondern er bietet gerade im alltäglichen Geschehen genau das, was vielen Menschen an Rückbindungen und Wurzeln fehlen. Und warum auch nicht? Was kann grundlegender und identitätsstiftender sein als die Ideen, die man über das Leben hat, wahrzunehmen und sein Leben damit abzugleichen; also die Gebote und Verbote des Islam zum persönlichen Handlungsmaßstab werden zu lassen.

Wenn dies geschieht, wird der Islam zur Grundlage aller Denk- und Handlungsweise der Muslime. Es ist das, was uns als Menschen dann in erster Linie ausmacht und die Frage danach, was oder wer wir sind, wird dann schnell beantwortet: In erster Linie sind wir Muslime! Der Islam wird in diesem Moment dann zum Fundament allen Stolzes, den man empfindet, ungeachtet der Nationalität, der Hautfarbe oder anderer sozialer Komponenten.

Doch was ist eine Identität ohne eine Gemeinschaft? Genauso wie es uns als Muslime mit Herzensfreude erfüllt, dass sich jemand zum Islam bekennt, sollten wir es mit Sorge betrachten, dass die Gemeinschaft, zu der wir uns zugehörig fühlen und die einst mit dem Islam ausgezeichnet wurde, nun ihre Identität in Nationalstaaten oder säkularen Ideen sucht.

Keine Identität ohne Gemeinschaft! Doch der Zusammenhalt der Gemeinschaft liegt in unseren Händen.

http://generation-islam.de/wer-bin-ich-die-suche-nach-der-eigenen-identitaet

Oder hier, schon 2009 von Hizb ut Tahrir herausgegeben als Losung und Lehrtext:

http://kalifat.com/fileadmin/user_upload/Identitaet1-K.pdf

Oder der Herr Vogel:

 

Diese Abgrenzungen sind problematisch, weil sie mit Abwertungen einhergehen. Sie sind um so mehr problematisch, wenn die Grundmuster des extremen politischen Islams, also z.B. der Muslimbruderschaft oder der Grauen-Wölfe-Feldes genau auf diese Haltungen abzielen, auch wenn vordergründig einige Vokabeln offener Gesellschaften auch benutzt werden (für Demokratie, für Frieden etc.). Die Narrative identitärer Abgrenzung sind oftmals dieselben. Die Darstellung dieser problematischen Haltungen und Muster als muslimische oder gar gesellschaftliche Normalität ist gefährlich, weil sie Abgrenzung und Politisierung durch Priorisierung einer durch religiöse Muster bestimmten Identität einerseits kaum hinterfragbar machen (im Gegensatz zu einer auch offen als politisch erkennbaren Haltung) und zum anderen durch eben diese Normalisierung einer Abgrenzung kollektivistische Muster verstärkt und auch Handlungen positiv verstärkt werden: Die jeweils eigene Gruppe rückt stärker zusammen.

Besonders problematisch ist es, wenn eine derartige Priorisierung identitärer Haltungen als vorbildlich erachtet wird oder gar – in Verkennung der Problematiken des politisch-extremistischen Islams und der langfristigen Konsequenzen – als besonders modern angepriesen wird. Auch schöne, neu wirkende Begriffe wie „Empowerment“, Selbstermächtigung oder – die ganz grosse Linie – postkolonialer Diskurs (zum Teil Unterscheidung: „Weiße“ – „Nichtweiße“ bzw. „People of Colour“) können im Grunde nicht überdecken, dass bei Akteuren mit islamistischem Hintergrund in all dem schönen „Empowerment“ vornehmlich islamistische Selbstermächtigung im Hintergrund steht. Bei Personen mit eigener extremer islamistischer Agenda steht alles im Dienst der Religion.

Solche Muster gegen Extremismus zu setzen, bedeutete beim Rechtsextremismus z.B., deutsche Identitäre in der Prävention z.B. gegen gewaltbereiten Rechtsextremismus einzusetzen. In diesem Bereich würde das jeder zwanglos als groben Unfug erkennen. Man setzte einen relativ konkreten, segregativen und abwertenden Extremismus gegen einen anderen, eher diffuseren ein. Würden diese Haltungen gar als vorteilhaft propagiert, so wäre sofort klar, dass man damit die Zahl derer, die abgrenzen und abwerten, erhöht und es nur eine Frage der Zeit ist, wann aus dieser Abwertung auch Gewalt resultierte. Mangel an Empathie („der Andere ist grundsätzlich anders“), Abwertung sind die Ursachen und Legitimation von Gewalt. Abwertung, Gewalt und nachfolgend Angst sind die Basis von Totalitarismus.

Diese identitäre Haltung wird zunehmend vertreten. Siehe dazu auch auf diesem blog den Beitrag: zur „Ummahgenese“. Die „wir“ gegen „die“ Haltung findet ihren Weg auch in die Kinderstuben:

Nach Einschätzung von Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück sind „bereits 13-Jährige unter den Mädchen, die sich radikalisieren“. Die Altersgrenze verschiebe sich immer weiter nach unten. Anders als bei Jungen, die häufig provozierten und konfrontativ seien, vollziehe sich die Radikalisierung von Mädchen im Stillen, erklärte Kiefer. „Wir sprechen von einer Kinderzimmerradikalisierung“, sagte der Islamwissenschaftler.

http://www.n-tv.de/politik/Zahl-radikalisierter-Maedchen-nimmt-rasant-zu-article18609271.html

Im Artikel wird leider zu wenig darauf verwiesen, wer eine „Kinderzimmer-Radikalisierung betreibt: Das sind oftmals nicht die Kinder, die sich selbsttätig „informieren“, sondern islamistisch eingestellte Eltern, die die Basis legen. Die rufen allerdings selten bei den Beratungsstellen an, die fallen erst einmal weniger auf, die sind nur an den Schulen zu finden, wenn es Probleme bei den Lehrern gibt.

Kommen zu dieser Grundhaltung dann auch noch Personen in der Prävention, die identitäre Muster selber gut heißen und nur Gewalt ablehnen, werden die Schüler z.B. bestärkt, erst zu einer Haltung gebracht, die muslimische Identität zu priorisieren. Im Effekt werden dann die Lehrer – es wird ja unter dem Begriff der Prävention verbreitet – dazu gebracht, auch islamistische Muster noch als Haltungen normaler muslimischer Identitätsbildung zu akzeptieren. Alle anderen sozialpädagogischen Mittel werden, da man den religiösen Ansatz wegen der Verkennung der Bias im Deradikalisierungsbereich (und mittlerweile deren Wirkungsbegrenzungen, die aus anderen Ländern (Frankreich!) aufscheint, hierzulande noch nicht wahrgenommen hat) präferiert, untergewichtet. Zur Prävention bedarf es keiner identitär argumentierender Personen – das verschärft das Problem. Die identitären Argumentationsmuster mögen zur Gewaltausübung abgrenzen. Sie grenzen aber auch zur Gesellschaft im Allgemeinen ab. Islamwissenschaftler mögen zwischen „guter“ Identitätsbildung unter Priorisierung der Religion und „schlechter“ Identitätsbildung unter Priorisierung der Religion unterscheiden können. Jugendliche und Lehrer können das nicht. Die sollen auch nicht alle Islamwissenschaftler werden und so manche sehen diese Übergewichtung und religiös motivierte Identitätsbildung kritisch. Weil sie sie von ihren Schülern entfernt, das Gewichts eines Wortes dann vom Sprecher abhängig wird und nicht mehr der Inhalt entscheidet.

„Wir brauchen eine islamische Identität“ klingt aus dem Mund von Pierre Vogel gleich wie aus dem Mund einer Person, die Prävention betreibt. Wenn es das Muster nicht mehr ist, wenn es die Haltungen nicht mehr sind, die man erkennen soll, was ist es dann?

Die  „Prävention“ mit einem identitären Ansatz ist problematisch. Weil es das Unterscheidungsvermögen der Jugendlichen und auch allen anderen schwächt statt stärkt. All die politisch agierenden Islamisten propagieren nicht offen Gewalt. Es ist dann also auf Personen bezogen. Bei all den vielen Akteuren können Menschen, die nicht dauernd damit befasst sind, kaum noch unterscheiden, wer eine „gute“ islamische Identität bietet und wer eine „schlechte“. Und schlecht in Relation wozu?

All das spielt also dem politischen Islam in die Karten.

* Das ist sie ja auch, deswegen sollte sie gegen totaltäre Identitäre jedweder Coleur in Schutz genommen werden. Sie muss aber – das ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu einer nur diffus und „bunt“ empfundenen Vielfalt – Ergebnis individueller Freiheit sein. Vielfalt, die nicht einer individuellen Freiheit entspringt, sondern nur das Ergebnis einer zufälligen Zusammenwürfelung jeweils unfreier Gruppen in einer Gesellschaft, ist damit nicht gemeint. Vielfalt muss Wahlfreiheit heißen für das Individuum, sonst ist sie nur Folklore.

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