Nihilismus als Ursache des Jihadismus?

Einige kurze Betrachtungen zu einem Buchauszug im Guardian von Olivier Roy

Olivier Roy, ein französischer Politologe, wird häufig gehört, wenn es um Islamismus und Jihadismus geht. Insbesondere nach Anschlägen ist dies der Fall. Trotz langer Beschäftigung mit dem Thema und auch wenn er manche Aspekte richtig erwähnt, vertritt er jedoch auch diskussionswürdige Herleitungen und Zuordnungen und kommt zu Ergebnissen, die die zu beobachtenden Vorgänge weniger gut erklären als andere Ansätze. In mancher Hinsicht sind seine Vorstellungen, nämlich dann, wenn sie zur Grundlage politisches Handelns werden, nach meiner Sicht ausgesprochen kontraproduktiv.

Zu Roy:

https://de.wikipedia.org/wiki/Olivier_Roy

Gesten wurden im Guardian seine Vorstellungen und Herleitungen ein weiteres Mal ausgebreitet, ein Buchauszug wurde vorgestellt:

https://www.theguardian.com/news/2017/apr/13/who-are-the-new-jihadis?CMP=fb_gu

Thesen daraus kursiv.

The latter question is all the more relevant as this attitude toward death is inextricably linked to the fact that contemporary jihadism, at least in the west – as well as in the Maghreb and in Turkey – is a youth movement that is not only constructed independently of parental religion and culture, but is also rooted in wider youth culture. This aspect of modern-day jihadism is fundamental.

 

Al Qaradawi

Zunächst allgemein: In die tatsächliche physische Auseinandersetzung gehen, im Krieg die Ausübenden sein, war immer vornehmlich eine Sache der jüngeren Männer. Ganz einfach weil Menschen, Männer, mit den Jahren langsamer werden, an Kraft, Ausdauer und Agilität verlieren. Ältere sind – auch wenn Erfahrung manches ausgleichen mag – im Grunde schlechtere Soldaten (und schlechtere Untertanen, da sie Befehle nicht nur befolgen, sondern öfter auch selber einordnen können). Auch Terrorismus war in der tatsächlichen Umsetzung eher ein Phänomen jüngerer Jahrgänge. Familienväter gehen weniger Risiken ein. Personen in höheren und im Rentenalter fungierten und fungieren aber als Befehlshaber, als Anstifter oder Auftraggeber – an der „Front“ waren altersmäßig eher ihre Söhne (oder Enkel). Die Altersgruppe der 20-40 jährigen Männer ist in der Umsetzung radikaler Ideen am aktivsten. Aus dem, was man sieht, aber nun zu schließen, dass der Antrieb und die Haltungen bei älteren Personen anders seien, der Jihadismus gar eine Jugendkultur seiist grundfalsch: All die einflußreichen Hassprediger im Netz und auch in so manchem Moscheen, die, die vorbereiten, die, die aufhetzen, sind in mittlerem bis höheren Alter. Die Nutzung moderner Technik, die die Alten überfordern mag, heißt nicht, dass sie nicht den Input lieferten. Eine Jugendkultur ist etwas, das etwas neues, genuin in dieser Generation gefundenes oder ohne Übermittlung der Vorgeneration neu belebtes Altes, darstellt. Insofern ist der Jihadismus keine Jugendkultur. Herr Roy sollte sich mal all die Beiträge auf den Kanälen aus der arabischen Welt ansehen: Da wimmelt es nur so von Graubärten, die die Jugend anstacheln. Das wirkt nicht unbedingt zum IS hin; die Auswahl dort ist aber nicht klein, es gibt viele andere, ähnlich problematische Gruppierungen (Boko haram, Fatah al Sham usw.). Vor dem IS ging man z.B. aus Deutschland auch nach Waziristan:

http://www.focus.de/politik/ausland/waziristan-ein-deutscher-sucht-den-dschihad_aid_530882.html

This self-destructive dimension has nothing to do with the politics of the Middle East. It is even counterproductive as a strategy. Though Isis proclaims its mission to restore the caliphate, its nihilism makes it impossible to reach a political solution, engage in any form of negotiation, or achieve any stable society within recognised borders.

Die Vokabel „Nihilismus“ mag sich schick anhören ist aber nicht mal in Verbindung mit der zur Jugendkultur verkannten Linie binnenkonsistent*: Um bei einer Jugendkultur dazuzugehören, muss man deren Regeln und Codes annehmen. Mit dem real vorzufindenden hat dies also nicht allzuviel zu tun. Die gezielte Anwerbung von Frauen, der Versuch, Infrastruktur aufzubauen oder und erhalten und als bestes Argument, der Aufbau einer eigenen Bürokratie, sprechen dagegen. Da fehlte nur noch der Faktor Zeit. Ein Nihilist macht keine Formblätter. Dass keine „stabile Gesellschaft“ (was ist das in diesem Kontext?) erzielt wurde, lag also weniger am Wollen oder prinzipiellen Können; es lag vielmehr an Expansion und Einwirkung von außen. Denkt man die Einwirkung von außen hinweg, wie es dann wohl in den betroffenen Gebieten aussähe?

Additionally, suicide terrorism is not even effective from a military standpoint. While some degree of rationality can be found in “simple” terrorism – in which a few determined individuals inflict considerable damage on a far more powerful enemy – it is entirely absent from suicide attacks. The fact that hardened militants are used only once is not rational. Terrorist attacks do not bring western societies to their knees – they only provoke a counter-reaction. And this kind of terrorism today claims more Muslim than western lives.“

Auch das ist in mehrfacher Hinsicht falsch: Bei starkem Ungleichgewicht der rein militärischen Kräfte kann das militärstrategisch als Option bei erwarteter hoher Opferzahl auf der Gegenseite in Betracht gezogen werden. Die 9/11 Täter z.B. haben eine hohe Zahl Opfer gehabt in Relation zum Aufwand. Japan machte das gegen Ende des 2. Weltkriegs ebenfalls (nicht ganz vergleichbar):

https://de.wikipedia.org/wiki/Shimp%C5%AB_Tokk%C5%8Dtai

Auch die Grundannahme, dass trainierte Soldaten „nur einmal“ „verwendet“ wurden, ist schlicht falsch: Es wurden oft schwache und „militärisch unbrauchbare“ Personen dafür eingesetzt, weil man damit ihren Nutzen im Einsatz optimierte, Verwundete, die nicht mehr richtig zusammengeflickt werden konnten (man erinnere sich an Philip B., der nach schwerer Verwundung (der Unterkiefer war wohl nicht mehr vorhanden: https://ojihad.wordpress.com/tag/philip-b/ ) als Selbstmordattentäter endete).

The genius of Isis is the way it offers young volunteers a narrative framework within which they can achieve their aspirations.

Hier widerspricht sich Roy selbst: Wenn doch die Radikalität am Beginn steht, müsste es auch Personen geben, die z.B. einen antiwestlichen Narrativ aufnehmen und aus diesem heraus ebenfalls terroristisch aktiv würden. Das ist genau der Punkt, an dem Roy scheitert. Erklärungen sind um so besser, je mehr der vorliegenden Symptome sie beinhalten, binnenkonsistent bleiben und weitere Fakten plausibel machen bzw. Vorhersagen treffen können (die auch zutreffen). Nach Roys Ansatz müssten wir breite Schichten junger Menschen haben, die extremistische Haltungen vertreten, von denen Teile radikal genug sind, um zu töten. Ein paar von ihnen wären dann halt – mehr oder weniger zufällig – Muslime. Das ist nun aber nicht so: Es fehlen all die anderen, die ebenfalls radikal genug wären, um zu töten, aber keine „islamische Legitimation“ beanspruchen. Zumindest aktuell und in Europa kann man dies nicht erkennen. Es gibt hingegen breitere Schichten von Muslimen mit fundamentalistischen bis extremen Ansichten, von denen sich manche so weit radikalisieren, dass sie töten. Diese Personen sind mehrheitlich jünger. Personen wie Bernhad Falk, den man als Royschen Archetyp sehen könnte, sind die Ausnahme, aber auch er betätigt sich aktuell „nur“ als Person, die andere lehrt. Vielleicht beruht der Irrtum Roys auf ähnlichen Wahrnehmungen, die auf einem bestimmten Datensatz aufbauen und dessen Begrenzungen nicht ausreichend berücksichtigen:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/03/24/praevention-durch-mission/#more-9025

It is too often forgotten that suicide terrorism and organisations such as al-Qaida and Isis are new in the history of the Muslim world, and cannot be explained simply by the rise of fundamentalism. We must understand that terrorism does not arise from the radicalisation of Islam, but from the Islamisation of radicalism.

Im Grunde, auch wenn es sich nett liest, Wortgeklingel, das eine meist vorliegende Chronologie umkehren soll. Anscheinend möchte Roy damit ausdrücken, dass Personen mit frei flottierender radikaler Neigung, die – so oder so – Terroristen würden – dann nur den Islam als Legitimation hernehmen.
Roy müsste ja erst einmal definieren, welche „Radikalisierung“ da vor der Islamisierung dieser Radikalität vorliegt. Ist Kleinkriminalität schon radikal? Wohl kaum.

Far from exonerating Islam, the “Islamisation of radicalism” forces us to ask why and how rebellious youths have found in Islam the paradigm of their total revolt.“

Ich wüßte gerne, wo er, da er von „rebellischer Jugend“ spricht, diese in der Breite sieht. Trifft diese Rebellion alle jungen Menschen gleichermaßen? Das kann er nicht ernsthaft behaupten.
Und selbst wenn man die bewußte eher jugendliche Teilgruppe hernimmt: Deren Ansatz ist ja gerade kein nihilistischer, sondern ein identitärer. Die Abgrenzung erfolgt darüber, dass man nur und vor allem Muslim ist. Das ist einer der Gründe, warum so spät oft erst von Eltern die „Notbremse“ gezogen wird. Die Hinwendung zum Glauben wird von vielen erst einmal positiv betrachtet, die antiwestlichen Ressentiments fallen wenig auf, weil man sie in so manchem Elternhaus selber pflegt.

I am simply saying that they are inadequate to account for the phenomena we study, because no causal link can be found on the basis of the empirical data we have available.

Leider schon. Es sind bei dieser Form des Terorismus (auch schon nach Definition) alles Personen, die früher oder später mit einer fundamentalistischen Version des Islam in Berührung standen. Weiter unten schreibt er das sogar selber.

„In almost every case, the processes by which a radical group is formed are nearly identical. The group’s membership is always the same: brothers, childhood friends, acquaintances from prison, sometimes from a training camp. The number of sets of siblings found is also remarkable.

This over-representation of siblings does not occur in any other context of radicalisation, whether on the extreme left or Islamist groups. It highlights the significance of the generational dimension of radicalisation.

Bei der linken weniger, ja. Bei Islamisten aber schon. Warum er hier unterscheidet zwischen Islamismus („other context“) und Jihadismus, wenn doch das eine der Oberbegriff ist, erschließt sich nicht.

As the former jihadi David Vallat has written, the radical preachers’ rhetoric could basically be summarised as: “Your father’s Islam is what the colonisers left behind, the Islam of those who bow down and obey. Our Islam is the Islam of combatants, of blood, of resistance.”

Es gibt auch genug radikale Väter, wenn auch die Väter tatsächlich oft zu fehlen scheinen in der persönlichen Historie.

Radicals are in fact often orphans – as the Kouachi brothers were – or come from dysfunctional families. They are not necessarily rebelling against their parents personally, but against what they represent: humiliation, concessions made to society, and what they view as their religious ignorance.

… die ihnen aber auch erst dann negativ auffällt, wenn sie mindestens schon mal auf das identitäre Level gehoben wurden. Vorher finden sie das ja normal. Das ist einer der Gründe, warum der identitäre Ansatz nicht nur nicht für die Prävention taugt, sondern kontraproduktiv ist. Der identitäre Ansatz macht genau anfällig für solche Einflüsterungen. Deswegen ist „Empowerment“, wenn es durch problematische Personen und nur auf eine muslimische Identität abzielend durchgeführt wird, ja ein fehlleitender Ansatz. Er macht schlimmstenfalls die Jugendlichen erst vertraut mit den Narrativen, die ähnlich dann auch Hassprediger nutzen. Die ideologische Wegstrecke zum Extremismus und dann auch zur Gewalt wird verkürzt.

Those who perpetrate attacks in Europe are not inhabitants of the Gaza Strip, Libya or Afghanistan. They are not necessarily the poorest, the most humiliated or the least integrated. The fact that 25% of jihadis are converts shows that the link between radicals and their “people” is also a largely imaginary construct.

Roys Verwunderung verwundert. Durch die Konversion werden das die „eigenen Leute“, das wird intensiv propagiert. Die Identifikation ist sogar bei vielen Konvertiten besonders stark (sogar auf fragwürdigen Portalen wird manchmal über die Konvertiten gelächelt: Sie neigten zur Übertreibung.)

Who are these new radicals? We know many of their names thanks to police identification of perpetrators of attacks in Europe and the US. More still have been caught plotting attacks. We also have all the biographical information that has been gathered by journalists. There is no need to embark on painstaking fieldwork to figure out terrorist trajectories. All the data and profiles are available.

Es ist aber doch sehr hilfreich zur Bewertung der psychischen Faktoren, da nicht nur nach Akten- und Papierlage vorzugehen, ausschließlich Ferndiagnosen zu stellen und vor allem jenseits eines sozialarbeiterischen Kontextes (in dem Personen meistens – man erhofft sich nicht unberechtigt Vorteile – die Muster anbieten, die dort nützlich sind; es wäre unklug, einem Sozialarbeiter, von dem man eine gute Bewertung erhalten will, zu erzählen, dass man ihn nicht als gleichberechtigt wahrnimmt, sondern wird vielmehr versuchen, sein Mitleid zu erregen) mit den Personen zu sprechen.

Another characteristic that all western countries have in common is that radicals are almost all “born-again” Muslims who, after living a highly secular life – frequenting clubs, drinking alcohol, involvement in petty crime – suddenly renew their religious observance, either individually or in the context of a small group.“

vs.

Another common feature is the radicals’ distance from their immediate circle. They did not live in a particularly religious environment. Their relationship to the local mosque was ambivalent: either they attended episodically, or they were expelled for having shown disrespect for the local imam. None of them belonged to the Muslim Brotherhood, none of them had worked with a Muslim charity, none of them had taken part in proselytising activities, none of them were members of a Palestinian solidarity movement, and lastly, none of them, to my knowledge, took part in the rioting in French suburbs in 2005. They were not first radicalised by a religious movement before turning to terrorism.

Das widerspricht sich. Man müsste auch schauen, wie er die Datensätze aus dem vorhandenen Pool auswählte. In den deutschen Ausarbeitungen ist das auch anders.

If indeed there was religious radicalisation, it did not occur in the framework of Salafi mosques, but individually or within the group.“

… zu der man in bestimmten Moscheen Zugang findet.

Man muss allerdings hier anmerken, dass die Radikalisierung in französischen und belgischen Gefängnissen ein größeres Problem scheint als in deutschen** und insbesondere bei der von ihm beobachteten Teilgruppe.

The fact that these young people choose Islam as a framework for thought and action is fundamental, and it is precisely the Islamisation of radicalism that we must strive to understand.“

S.o. Wo sind die Personen, die andere Legitimationen für ihre frei flottierenden terroristischen Bestrebungen finden?

It is very common to view jihadism as an extension of Salafism. Not all Salafis are jihadis, but all jihadis are supposedly Salafis, and so Salafism is the gateway to jihadism. In a word, religious radicalisation is considered to be the first stage of political radicalisation. But things are more complicated than that, as we have seen.

Clearly, however, these young radicals are sincere believers: they truly believe that they will go to heaven, and their frame of reference is deeply Islamic. They join organisations that want to set up an Islamic system, or even, in the case of Isis, to restore the caliphate. But what form of Islam are we talking about?

As we have seen, jihadis do not descend into violence after poring over sacred texts. They do not have the necessary religious culture – and, above all, care little about having one. They do not become radicals because they have misread the texts or because they have been manipulated. They are radicals because they choose to be, because only radicalism appeals to them.“

Das ist schon ein wenig bizarr in dieser Umkehrung. Das ist nicht binnenkonsistent, s.o.

No matter what database is taken as a reference, the paucity of religious knowledge among jihadis is glaring. According to leaked Isis records containing details for more than 4,000 foreign recruits, while most of the fighters are well-educated, 70% state that they have only basic knowledge of Islam.

Da ist zum einen die bereits erwähnte Begrenzung der Datensätze. Zum anderen ist fraglich, wie diese IS-Angaben zustande kamen. Man wird keine Tests geschrieben haben. Zum dritten: das zum Thema schlechte Organisation; solche Daten muss man ja auch erst einmal strukturiert erfassen.

Nach etlichen Wiederholungen im Text:

And they are, in a way, because living in an Islamic society does not interest jihadis: they do not go to the Middle East to live, but to die. That is the paradox: these young radicals are not utopians, they are nihilists.

Das geben die deutschen Daten nicht her. Ich weiß nicht, ob Roys selektierte Daten das hergeben. Die erhebliche Anzahl von Frauen, die hin gingen, z.T. ganze Familien, und zwar mit einem Peak als das Kalifat tatsächlich ausgerufen wurde, also Struktur geboten wurde, ergibt ein ganz anderes Bild. Das widerspräche aber seinem Grundansatz einer nihilistischen Truppe und möglicherweise deswegen nimmt Herr Roy das nicht wahr. Er hat auch anscheinend die Werbevideos nicht gesehen: Werbefiguren, die darstellen, wie gut es sich im neuen Kalifat leben lasse, mit Pools und allem. Und Frauen! Viele, viele Frauen! Da wird nicht der Tod beworben, sondern Heldentum, das seine Belohnung schon im Diesseits erfährt. Die Rückmeldungen der Kämpfer von dort sind voll auch mit Essensbilder. Das Kalifat war genau das: ein Utopia. Mit Todeskult, ja, aber eben nicht nihilistisch.

There is a temptation to see in Islam a radical ideology that mobilises throngs of people in the Muslim world, just as Nazism was able to mobilise large sections of the German population. But the reality is that Isis’s pretension to establish a global caliphate is a delusion – that is why it draws in violent youngsters who have delusions of grandeur.

Die Verkennung ist nicht mit dem Wunsch zu verwechseln. Der Wunsch nach einer weltweiten Vormachtstellung des Islam aber ist recht weit verbreitet. Vielleicht sollte Herr Roy auch mal dem zuhören, was sol von der Muslim World League kommt. Vielleicht sollte Herr Roy ebenfalls die enormen Summen betrachten, die saudische Akteure weltweit ausgeben, um genau ihre Version des Islam voranzubringen – in etlichen Ländern sind da Fortschritte in deren Sinne zu verzeichnen. Das ist nicht sofort, direkt und explizit jihadistisch (jenseits von jihadistischen Unter- und Nebenorganisationen), aber es bereitet den Boden. Es bereitet dort den Boden, wo die wahabitische Ideologie auch ohne physische Mittel voranzubringen ist, ohne diese, bei Gelegenheit zu scheuen.

Fazit: Der Ansatz über einen diagnostizierten Nihilismus geht ganz fehl. Er beschreibt schon die Realität nicht so gut wie andere Herleitungen. Für die Ursachensuche und erst recht die Gegenmaßnahmen ist die Annahme, es mit Nihilisten zu tun zu haben, gänzlich ungeeignet. Der Ansatz über den islamistischen Totalitarismus deckt vorliegende Beobachtungen besser ab und ist auch hinsichtlich der Gegenmaßnahmen erfolgversprechender. Denn wenn eine bestimmte Religionsauslegung nicht wirklich am Beginn steht, dann muss man ihr auch nichts entgegensetzen, kommt es einem „nur“ auf die Terrorvorbeugung an. Insofern dient der Roysche Ansatz bestenfalls als Persilschein für die Politik, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, indem man die identitären und eigennützlichen Vorstellungen der Verbände unterstützt. Wenn man, um Terrorismus vorzubeugen, den jungen „Nihilisten“ angeblich nur ein straff identitäres Selbstbild vermitteln muss, ist das politisch viel leichter an die bisherige Haltung vieler politischer Akteure anschlußfähig als gegen einen islamischen Totalitarismus anzugehen. Das eine wird aber das Problem auf mittlere Sicht verschlimmern.

 

 

* Roy verwendet den Begriff „Nihilismus“ häufiger und wie ich meine mindestens ungewohnt. Diesen Gebrauch halte ich für klärungsbedürftig, denn subjektiv ist die Haltung der Jihadis gerade keine nihilistische, sondern es gibt genau eine Wahrheit:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nihilismus

** Im Datensatz der GTAZ-Ausarbeitung spielte bei nur 2 % der Betrachteten das Gefängnis eine Rolle in ihrer persönlichen Radikalisierung; das ist eine „gute“ Rate im europäischen Vergleich.

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