Radikalisierung und ihre Wahrnehmung

Ein paar Worte zur Berichterstattung nach Manchester

Zur Zeit wird wieder – das ist natürlich, menschlich und verständlich – über die islamistische Radikalisierung vermehrt gesprochen und geschrieben. Häufig ist nach dem, was nun bekannt ist, die Rede davon, der junge Täter habe sich „erst kürzlich radikalisiert“ oder sei „plötzlich radikal“ geworden. So z.B. in diesem Tagesspiegel-Artikel:

http://www.tagesspiegel.de/politik/anschlag-in-manchester-sicherheitsexperten-sprechen-von-neuer-taktik-des-is/19852878.html

Häufig liegt dort ein Verständnis von Radikalität zugrunde, das Radikalität als Synonym von Gewaltbereitschaft und konkreten Umsetzungsplänen erscheinen lässt. Das aber ist falsch und erschwert die Ursachensuche. Das mag teilweise auf manche Stellungnahme mit beruflich in diesem Bereich aktiven Personen zusammenhängen, die fast ausschließlich über das soziale Umfeld an Verdachtsfälle herankommen bzw. dieses Umfeld beraten. Es wird sich aber nur ein Umfeld an solche Berater wenden, das die Entwicklung des Angehörigen selber für problematisch hält und seine Entwicklung daher kritisch sieht. IS-Anhänger hingegen werden einen solchen jungen Mann für nicht hilfsbedürftig erachten.

Es ist mittlerweile bekannt, dass der Vater wohl auch Al Qaida – Anhänger ist oder war und dass mindestens ein Bruder bekannte, ebenfalls ein Anhänger des IS zu sein. Das ist ein ziemlich radikales familiäres Umfeld. Das junge Mann wuchs wohl schon mit der Al Qaida-Ideologie auf. Anzunehmen, dass eine „westliche Werte“ ablehnende generelle Hass-Indoktrination da im Hintergrund steht, ist nicht abwegig.

Die Betonung einer „plötzlichen Radikalisierung“ lenkt von den Fragen ab, die man stellen muss, deren Antworten aber schwierig, komplex und teilweise bitter sind. Trotzdem muss man sie stellen. Nämlich den Fragen nach der Familie, der Frage, was in nicht wenigen Koranschulen abläuft und was in einigen Moscheen gepredigt wird.

Elham Manea, die zu solchen abgeschlossenen sozialen Systemen jahrelang in England geforscht hat, meint dazu:

Wir können noch so viel Geld in die Bekämpfung des gewaltsamen Extremismus stecken – es wird nichts bringen, solange wir die nicht-gewalttätigen Formen des Islamismus ignorieren. Diejenigen, die sich als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen sind lediglich am Endpunkt eines Radikalisierungsprozesses angelangt. Aber wir müssen uns auch ansehen, was vorher passiert ist! Aber dazu scheinen wir nicht bereit zu sein. Denn das würde ernste Fragen aufwerfen nach der Art von Integration, beziehungsweise dem Mangel davon. Fragen, nach den Strukturen, die wir haben, nach unserer Politik. Wir müssen die Wurzeln des Problems angehen, wenn wir den Terrorismus bekämpfen wollen. Denn er kommt nicht von außen, er kommt von innen.“

http://m.dw.com/de/ghettoisierte-muslime-sind-ein-riesenproblem/a-38958306

Dieses Problem betrifft nicht nur England, aber wir sollten unbedingt von England (und von Israel!) lernen. Nicht jeden Fehler muss man selber machen, um aus ihm zu lernen. Es ist wichtig, dass wir von Israel v.a. lernen, wie ernst diese Dinge zu nehmen sind und dass legalistischer Islamismus kein Rezept sein kann gegen gewaltbereiten Islamismus. Wenn wir erst den gewaltbereiten Islamisten als Radikalen sehen, bis zu dessen Haltungen Toleranz gilt, dann übersehen wir die vielen feinen Schritte und Zwischenstufen zum Extremismus, die vor einer offen gezeigten Radikalisierung schon erfolgt sind.

Was die Indoktrination junger Menschen mit Hass-Kinderprogrammen, Erziehung durch Eltern, die die Mehrheitsgesellschaft feindlich sehen, und die schwarze Pädagogik mancher Koranschulen anrichten können, habe ich vielfach auf der Strasse erlebt. Das erste Mal erschrickt man zutiefst, wenn einem Kinder den Tod wünschen. Solche Kinder werden aber irgendwann erwachsen sein und wenn sie dann  – aus welcher persönlichen Lage auch immer heraus – dann so etwas direkt umsetzen würden, könnte niemand von einer „plötzlichen Radikalisierung“ sprechen. Das war so nicht bei Safia S., und auch bei einigen anderen jüngeren Tätern muss man die Geschichten der plötzlichen Radikalisierung hinterfragen.

Wer einen Salafi (es gibt Ausnahmen) pauschal als nur harmlosen Frömmler sieht, übersieht vielfach, dass Gewalt manchmal nur eine Frage des Antriebs, der persönlichen Lebenslage und der Gelegenheit ist. Zwischen Wollen aufgrund einer durchgängigen Persönlichkeitsstruktur und der Tat stehen manchmal nur geringe Dinge. Oder eine Gruppe, die gemeinsam zur Tat schreiten will. Die Haltung ist wesentlich. Man übersieht auch leicht, dass selber nicht gewalttätige Personen Unterstützer, Mitwisser oder Mitläufer sein können oder Propagandisten.

Wer einen Muslimbruder nicht für einen Radikalen hält, obwohl er vielleicht selber keine Gewalt anwendet, übersieht, dass dieser ein Milieu schafft und schaffen will, in dem auch Gewalt irgendwann legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung sein kann. Ähnlich verhält es sich mit anderen Islamisten. Sie bereiten – auch wenn das umstürzlerische Ziel fern sein mag – den Boden, sie säen die Saat, sie implantieren die Narrative, die die Wege zur Gewalt kurz machen, weil das eine aggressive und abwertende Ideologie ist, die sie vertreten.

Radikal war der junge Herr Abedi also wahrscheinlich schon sehr lange. Das sollte man im Hinterkopf haben.

 

 

 

Anmerkung:

Die Briten haben eine Art religionskundlichen Unterricht. Die britische Kirche warnte vor einem Monat:

RE lessons, along with other school subjects, can help efforts to combat extremism and foster better community relations, he added.

Writing in a blog on the Church of England’s Facebook page, he said: „Sadly, and dangerously, the right of withdrawal from RE is now being exploited by a range of ‚interest groups‘ often using a dubious interpretation of human rights legislation.

“The right of withdrawal form RE now gives comfort to those who are breaking the law and seeking to incite religious hatred”.

http://www.telegraph.co.uk/education/2017/04/26/ban-parents-pulling-children-religious-education-classes-church/

Nachtrag/update 26.05.2017, 19:20 Uhr:

Zu der Mosche, in der der Vater beschäftigt war. Diese Moschee ist wohl der Muslimbruderschaft zuzuordnen. Klassisch wird eine Doppelstrategie verfolgt:

 

Zu den Eltern:

Vater und Mutter haben enge Kontakte zur Al-Kaida
Allerdings sagte eine ehemalige libyische Sicherheitskraft gegenüber der Nachrichtenagentur AP, dass der Vater des Manchester-Bombers unter der Herrschaft von Muammar al-Gadafi Mitglied einer radikalen islamistischen Gruppierung gewesen sei und auch Kontakte zur Al-Kaida habe. Ramadan Abedi sei im Jahr 1993 zuerst nach Saudi-Arabien und anschließend nach Großbritannien geflohen, wo er um politisches Asyl angesucht habe. Dort lebte der Libyer 25 Jahre lang und zog auch seine Kinder groß. Nach dem Sturz und der Ermordung Gadafis kehrte Ramadan Abedi wieder in sein Heimatland zurück.
Auch seine Frau, eine Nuklearwissenschaftlerin, soll dem AP-Bericht zufolge Kontakte zur Al-Kaida haben. Sie sei sehr eng mit Abu Anas Al-Libi befreundet gewesen. Libi gilt als Drahtzieher der beiden Bombenanschläge auf US-Botschaften im Jahr 1998 in Afrika. Der Terrorist befand sich auch auf der Most-Wanted-Liste des FBI. Nach seiner Verhaftung im Jahr 2013 starb er 2015 in US-Gewahrsam an Folgen einer Hepatitis-C- und einer Krebserkrankung.

http://www.krone.at/welt/vater-des-terror-bombers-bei-interview-verhaftet-glaubt-nicht-daran-story-571100

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