Eine kleine Kritik zur „Expertise islamistische Radikalisierung Rhein-Main-Gebiet“

Schwach und entbehrlich

Aktuell wird eine „Expertise islamistische Radikalisierung Rhein-Main-Gebiet“ vom „Mediendienst Integration“ verbreitet:

https://mediendienst-integration.de/artikel/expertise-militanter-islamismus-radikalisierungen-rhein-main-gebiet.html.

Der Mediendienst Integration führt in seinem Impressum keinen rechtlich Verantwortlichen mehr namentlich auf, sondern verweist nur auf den „Rat für Migration“; eine Redaktion ist aber benannt:

https://mediendienst-integration.de/impressum.html

Zu diesem Mediendienst mehr in einem weiteren Blogartikel. Dieser Mediendienst hatte im letzten November schon das n.m.M. wenig hilfreiche Handbuch für Journalisten zum Thema Islam herausgebracht.

Als Autoren der „Expertise islamistische Radikalisierung im Rhein-Main-Gebiet“ zeichnen Dr. Meltem Kulaçatan, Prof. Dr. Harry Harun Behr und Prof. Dr. Bekim Agai verantwortlich.*

Der Beitrag:

https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Expertise_Islamistische_Radikalisierung_Rhein_Main_Gebiet.pdf

Und die Bewerbung beim Mediendienst:

Was veranlasst junge Menschen dazu, sich militanten Islamisten anzuschließen? Oft stehen Probleme im Elternhaus und Diskriminierungserfahrungen im Hintergrund, betonen Forscher der Goethe-Universität Frankfurt in einer Expertise für den MEDIENDIENST. Darin fassen sie Erkenntnisse aus Studien zusammen, die sie im Rhein-Main-Gebiet durchgeführt haben.

https://mediendienst-integration.de/artikel/expertise-militanter-islamismus-radikalisierungen-rhein-main-gebiet.html

Das ist also eine Auftragsarbeit.

Für die Expertise haben die Wissenschaftler neueste Erkenntnisse aus ihren umfangreichen Forschungen zusammengefasst.

Eher nein.

Das Papier ist allenfalls gut gemeint, erscheint aber eiligst zusammengefügt. Auf welche „umfangreichen“ eigenen Studien am Klientel das tatsächlich zurückgehen soll, bleibt unklar. In der Literaturliste findet sich viel zu Identitäten und wenig zur Radikalisierung, nichts konkreteres zum Rhein-Main-Gebiet.

Aus dem Papier einige Beispiele, man könnte noch viel mehr aufgreifen:

Seite 3: „Die Rhein-Main-Region gilt als ein „Salafisten-Hotspot“. Nicht zuletzt durch Auftritte von umstrittenen Akteuren wie Pierre Vogel, der zwischenzeitlich den Schwerpunkt seiner Aktivitäten in das Rhein-Main-Gebiet verlegt hatte, hat sich dieser Eindruck verfestigt. Auch Bilder wie die von „Lies!“- Kampagnen in der Frankfurter Innenstadt, wo junge Männer öffentlich den Koran verteilten, prägten das Bild des Rhein-Main-Gebietes als Hochburg von Neo-Salafisten. Hinzu kommen das Verbot gegen den Verein „Dawa FFM“ sowie Razzien gegen Moscheen, denen Verbindungen zu potenziellen Terroristen vorgeworfen wurden. Es ist aber nicht nur das abstrakte Szenario der Ideologisierung von jungen Menschen, das den Staat zum Handeln antreibt, sondern vor allem die Gefahr einer Indoktrination hin zum kriegerisch veranlagten Salafismus: Im Jahr 2011 erschoss Arid U. zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen. Als Rechtfertigung für seine Tat dienten ihm
Bezüge zum Islam.

Dass LIES! mittlerweile verboten ist, dass jetzt unter „We love Muhammad“ weitergemacht wird, fehlt ebenso wie der Verweis auf das Verbot von „Tauhid Germany“, das für das Rhein-Main-Gebiet strukturell relevant war (wichtiger Millatu Ibrahim-Nachfolger). Ein aktuelles Papier, deren Verfasser es als Information und Orientierung für Journalisten verstehen, muss solche neueren Entwicklungen enthalten.

Nach längeren Ausführungen zur Chronologie, in denen aber die konkreten Namen fehlen, so etwas:

Angesichts einer aufkommenden rechts-faschistischen Bewegung in vielen Ländern Europas entwickelte sich auch in Frankfurt eine Allianz zwischen Punk, Reggae, Black Empowerment für Muslime of Colour und Antifa-Bewegungen.

S. 4: „Heute, fast 40 Jahre später, ist das Land Hessen mit etlichen militant-islamistischen
Gruppierungen konfrontiert.

Was sollen Journalisten mit solchen Allgemeinplätzen und dann dem folgenden netten, aber wenig weiterführenden Verweis auf die Präventionsarchitektur?

S. 5: „Alle genannten Akteure [VPN, Seelsorge etc. sind gemeint, SHM] versuchen, sich dem Phänomen zu nähern, fast überall hat man jedoch das Gefühl, damit überfordert zu sein.

Womit?
Mit der Annäherung, mit der Bewältigung?
Da wüsste man doch gerne, wie das erhoben wurde.

Unsere Forschungen zeigen, dass die Annäherung an Jugendliche in der Regel anders
abläuft als gemeinhin vermutet.“

Was wird denn „gemeinhin vermutet“ und wo? Journalisten ( = Nichtfachleute) müssen doch erst einmal erfahren, welches die „Vermutungen“ (Hypothesen, Ahnungen, Anekdoten?) sind, die sich nunmehr evtl. als falsch herausgestellt haben und wodurch?

„Akteurinnen und Akteure in salafistisch orientierten Netzwerken und Gruppen nähern sich den Jugendlichen nicht ausschließlich über religiöse Narrative, sondern über die Beziehungsebene.“

Lange bekannt u.a. von der Muslimbruderschaft. Wie erhoben?
Wo nähern sie sich?
Man will doch über das Rhein-Main-Gebiet eine Expertise bieten.

Die Gruppen knüpfen auch an Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen an. Sowohl in unserer Forschung als auch in der Arbeit der „Hessischen Muslime für Demokratie und Vielfalt“ werden immer wieder Mehrfachdiskriminierungen als mögliche Gründe für den Radikalisierungsprozess angeführt.  Diese werden unmittelbar erlebt oder sekundär nachempfunden.

Wessen Forschung?
Wird das strukturiert (strukturierte Interviews) erhoben, so dass man es Forschung nennen kann?
Was ist denn unter „sekundär nachempfunden“ zu verstehen?

Wird die These aufgestellt, der A radikalisiere sich, weil dem B etwas widerfuhr?

S. 5/6: „Die Verletzungen als Folge von Mehrfachdiskriminierungen werden verstärkt, indem das Stereotyp der Muslime als Opfer bedient wird. Es werden keine Angebote zur Lösungsfindung oder zur Überwindung von Konfliktsituationen gemacht, resultierend aus den mittelbaren wie unmittelbaren Diskriminierungserfahrungen.

s.o.

S. 8: „So zeigt unsere Pretest-Studie „Women and Djihad“ von 2015

Ein „Pretest“ ist eine Vorstudie. Sie dient dazu, die Erhebungsinstrumente zu verfeinern und anzupassen. In den Literaturquellen wird angegeben, der Abschlußbericht dazu sei unveröffentlicht. Was daraus wurde? Es geht nicht aus dem Text hervor.

S. 9: „Untersuchungen zeigen, dass Radikalisierungen sehr individuell verlaufen und es keinen
Königsweg mit Blick auf die Prävention und Deradikalisierung gibt. Doch lassen sich einige
konkrete Vorschläge herausarbeiten.

Welche Untersuchungen, von wem und wo erhoben?
Aus der GTAZ-Ausarbeitung?
Herausarbeiten also woraus?
Aus der Literatur? Dann sollte man das auch schreiben.

S. 10: „Religion als Ressource zur Selbstermächtigung

Wie wird diese genutzt in Abgrenzung zu den Narrativen der Salafisten?

S. 10: „Zum anderen wissen wir aus unseren Untersuchungen und auch praktischen Umsetzungen in der Metropolregion Frankfurt, dass eine religiöse Beheimatung eine wichtige Rolle dabei spielen kann, Jugendliche gegen Radikalisierungsangebote zu immunisieren.

Im Konjunktiv ist alles möglich.
Sogar das Gegenteil.
Welche Studien?
Gibt es Zahlen?
Was wird unter „religiöser Beheimatung“ verstanden?
Wessen „praktische Umsetzung“ und wovon genau?

S. 10: „Wichtig ist auch, sich kritisch mit der jeweiligen Indoktrinierung auseinanderzusetzen, ohne in eine Form der Gegenrede oder gar Stigmatisierung überzugehen.

Wichtig wofür?
Wenn keine Gegenrede erfolgen kann, ist keinerlei Auseinandersetzung möglich und auch nicht das Diskutieren von Gegennarrativen. Das ist nicht einmal binnenkonsistent

S. 10: „Jede religionsgruppenspezifisch adressierte Restriktion muss aufgehoben werden, etwa Burka- und Kopftuchverbote. Es muss mehr Toleranz gegenüber öffentlich artikulierter Religion eingefordert werden. Damit ist ein Toleranzbegriff gemeint, der auf Wertschätzung und nicht auf Duldung setzt. Sprachliche Stereotype, die rassistische, genderfeindliche wie Antigenderismus und sozial ausgrenzende Konzepte transportieren, müssen dekonstruiert werden.

Da die Radikalisierungsgründe individuell verschieden sind, erscheinen solche allgemeinen Forderungen als Mittel gegen Radikalisierung ambitioniert. Wissenschaftlich oder auch nur sachlich hergeleitet sind sie in diesem Text jedenfalls nicht.

Keine Gegenrede soll also möglich sein, weil eine Gegenrede – vielleicht! – radikalisierend wirke. Eine Begründung, warum mehr Toleranz eingefordert werden MUSS, ist nicht ersichtlich. Es ist einigermaßen bizarr, in einem Text zur islamistischen Radikalisierung die Wertschätzung jedweder öffentlichen Religionsbekundung von der Gesellschaft zu fordern, während denen, die radikal sind, nicht einmal eine Gegenrede zumutbar sein soll. Das liest sich eher wie eine to do Liste für die Gesellschaft**.

Es muss mehr nach Dingen gefragt werden, die die Gesellschaft von Migrantinnen und Migranten lernen kann.“

Ein überraschendes Konzept, wenn es konkret um Radikalisierung geht.

Integration darf nicht auf die Bringschuld von Migrantinnen und Migranten reduziert werden, sondern muss als gesamtgesellschaftliches Anliegen verstanden und gestaltet werden, in einer als kontingent empfundenen Situation größtmögliche Normalität herzustellen, und zwar Vielfalt und nicht Einfalt als Normalität.

Das ist eine rein politische Sprache, die zudem Aufforderungscharakter hat.

Die vorliegende Expertise hat auf Gefahren der Radikalisierung, Strategien von NeoSalafisten
und auf mögliche Gegenstrategien und –maßnahmen hingewiesen, mit besonderem Fokus auf die Situation im Rhein-Main-Gebiet

Im ganzen Text finden sich neben dem Verweis auf Unveröffentlichtes lediglich ein paar sparsame allgemeine Darstellungen zum Rhein-Main-Gebiet. Um so etwas zu schreiben, braucht man weder Kenntnisse der Szene noch Kenntnisse der Örtlichkeiten, denn alles, was konkreter wäre, wurde weggelassen.

Aufklärung über relevantere neuere Handlungsstränge bietet der Text auch nicht, genauso wenig wie wirklich praxisrelevante konkrete Ansätze. Man merkt m.M.n. dem Papier an, dass wenig Kontakt zur Klientel zu Grunde liegt. Dass man – oftmals autoritäre Primärsozialisation! – mit den angebotenen Vorschlägen eine positive Verstärkung des eigentlich unerwünschten Verhaltens bewirken könnte, scheint nicht mal überlegt worden zu sein.

Das alles als Expertise zu veröffentlichen, ist durchaus ambitioniert. Eine Expertise ist üblicherweise eine Art Gutachten, also ein Fachtext, der sich auf Expertenwissen stützt. Schon am Gutachtenstil mangelt es, die Literatur wurde als Liste angefügt (man suche sich die Zitate und Belege selber aus den aufgeführten Texten heraus; keiner kann wissen, ob die Angaben tatsächlich drinnen stehen, denn sie sind nicht zugeordnet). Das würde üblicherweise kaum als Praktikantentext oder als Hausarbeit in einem unteren Semester durchgehen.

Journalisten, für die der Text wohl verfasst sein soll, finden nichts neues an Fakten, aber etliches an Normen, die sie wohl verinnerlichen sollen.

Das Beste aber zum Schluß:

Diese Publikation erscheint im Kontext des vom LOEWE-Programm des Hessischen Ministeriums
für Wissenschaft und Kunst geförderten Forschungsprojekts „Religiöse Positionierung:
Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten“ an der
Goethe-Universität Frankfurt/Justus-Liebig-Universität Gießen.

Also ich würde mir ja anstelle des Wissenschaftsministeriums die evtl. geflossenen Mittel zurückerstatten lassen. Es erscheint auch ein wenig seltsam, unter einem solchen Text, der derart schwach und entbehrlich ist, den Namen des Wissenschaftsministeriums zu lesen. Ob das schon abgenommen wurde?

Aber das wäre nicht der erste Fall, in dem kaum geschaut wurde, was für öffentliche Gelder tatsächlich geliefert wurde:

http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus-in-ostdeutschland-handwerkliche-fehler-in-regierungsstudie/19841920.html

 

 

 

 

 

 

 

* Prof Behr forscht und lehrt in Frankfurt in dem Bereich Religionspädagogik:
https://www.uni-frankfurt.de/55952989/Behr_Harry_Harun

Einzig Dr. Kulacatan forscht nach Eigenangabe u.a. im Gebiet. Sie macht hauptsächlich Geschlechterrollen, Identitäten. Sie ist derzeit als Gastprofessorin in Zürich. Sie ist im „Rat für Migration“, der für den „Mediendienst Integration“ veranstwortlich ist:
https://www.uni-frankfurt.de/55953120/Kulacatan_Meltem

Prof Agai bildet ebenfalls Religionslehrer aus:
http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/campusmagazin/salafismus-studenten-bekim-agai-100.html
https://www.uni-frankfurt.de/45592987/Agai_Bekim

Er ist Projektverantwortlicher des Projekts „Hessische Muslime für Demokratie und Vielfalt“. Dieses Projekt hat einen pädagogischen Ansatz, der „Empowerment“ in das Zentrum stellt (wogegen nichts zu sagen wäre, wenn es nicht mehrheitlich eher nur um die muslimische Identität ginge (also nicht die Förderung verschiedener Identitätsaspekte) und nicht auch Personen mit fragwürdiger Haltung eingebunden würden).

Man kann sich schon wundern.

** Gegen diese Haltungen anzugehen, ist ja begrüßenswert. Das betrifft aber alle Personen gleichermaßen.
Es ist auch völlig korrekt, breiter sich aufzustellen und das als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu gestalten. Nur so, wie dies in diesem Papier dargestellt wird, werden die Hausaufgaben, die von z.B. den Moscheevereinen zu leisten sind, völlig in den Hintergrund gerückt. Und dass, obwohl diese nach der jüngsten Fortschreibung der GTAZ-Ausarbeitung vom November 2016 einen erheblichen Einfluß darstellen. Die Familien werden als Einflußfaktor gänzlich ausgelassen.

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