Die Marrakesch Deklaration

Zurück in die Zukunft

Im letzten Januar wurde in Marrakesch unter großem Getöse eine Erklärung verabschiedet, die eine Bewegung innerhalb der muslimischen Welt darstellen helfen sollte, hin zu Versöhnung, zum Frieden:

http://www.marrakeshdeclaration.org

Spätestens nach einer Übersetzung ins Deutsche wird die sogenannte Marrakesch Deklaration ihren Weg breiter in deutsche Medien und öffentliche Wahrnehmung finden. Der Zentralrat der Muslime hat bereits zu einer Kooperation mit der EKHN etwas verlautbart, aktuelles Statement:

Dabei hob Dr. Bin Bayyah ausdrücklich die Initiative des Zentralrates der Muslime in Deutschland  mit der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau [EKHN] zu kooperieren hervor. Diese äußerst fruchtbare Zusammenarbeit hat zur Übersetzung und Veröffentlichung der wegweisenden „Marrakesch Deklaration“ in Deutschland geführt.

http://islam.de/28879

[Im Artikel wird eine neue Mitgliedschaft des ZMD in einem „Forum zur Förderung von Frieden“ erwähnt. Gemeint ist wohl dieses hier: „Forum for Promoting Peace in Muslim Societies“

http://peacems.com/?page_id=2973&lang=en

Das ist wieder ein neues Gremium, das Verwirrung schaffen soll. Bekannte Protagonisten, der alte Fundamentalismus im flotten Marketing-Gewand, keine Abkehr. Der ZMD wird das aber wohl anders abgestimmt vermarkten, halt angepasst auf den deutschen Markt.

Zum Herrn bin Bayyah siehe diverse Beiträge hier auf diesem Blog: Kurz gefasst: Langjährig der Stellvertreter Yussuf Al Qaradawis, aktiv in problematischen Gremien wie der Muslim World League. Trotz des Äußeren eben kein harmloser alter Mann.]

Auch wenn eine „Zusammenarbeit zur Übersetzung“ eines derart überschaubaren Textes (2 Seiten in englisch in großem, 4 Seiten im deutschen Text in sehr, sehr großem Schriftbild) reichlich albern* erscheinen mag, so hat man damit doch die EKHN eingebunden. In der Annahme, dass niemand mal nachschaut, kann man solche Heißluftballons seitens des ZMD natürlich steigen lassen.

http://www.zentrum-oekumene.de/fileadmin/content/Materialien/Dokumentationen/Broschueren/Marrakeschdeklaration.pdf

Der englische Text:

http://www.marrakeshdeclaration.org/files/Bismilah-2-ENG.pdf

 

Da der Text sicher weidlich als Marketing-tool verwendet werden wird, lohnt ein genauerer Blick. Was wurde denn nun beschlossen vor über einem Jahr?

In einer Zeit, in der sich dreihundert islamische Gelehrte aus mehr als 120 Nationen, gemeinsam mit Repräsentanten islamischer und internationaler Organisationen, sowie darüber hinaus Führern der verschiedensten Konfessionen und Nationen in Marrakesch zu einer großen Konferenz versammelt haben, um die Prinzipien der Charta von Medina wiederzubeleben;

Man traf sich also im Januar 2016 in Marokko, um einen Vertrag unter arabischen Stämmen aus dem 7. Jahrhundert „wiederzubeleben“. Dieser Vereinbarung schreibt man wundersame Eigenschaften zu:

und dass die Grundsätze der Charta von Medina eine geeignete Basis für nationale Verfassungen in Staaten mit muslimischer Majorität darstellen, und die Charta der Vereinten Nationen sowie verwandter Dokumente wie der Universellen Erklärung der Menschenrechte mit der Charta von Medina inklusive ihrer Einsetzung für die öffentliche Ordnung in Einklang stehen

Ein britischer Islamwissenschaftler, Michael Mumisa, merkt dazu korrekt an:

If this is indeed the case, then why not just call for the strict implementation of the UDHR [Unversal Declaration of Human Rights, SHM] in all Muslim countries?”

http://www.anglican.ink/article/cambridge-scholar-criticizes-marrakesh-declaration-muslim-treatment-religious-minorities

weiter:

have unwittingly provided PR cover to the various governments and religious establishments which signed them in the worst violations of Islamic principles and fundamental human rights.”

Das schreit nach einem Faktencheck.

Die Charta sieht so aus:

https://en.wikisource.org/wiki/Medina_Charter

Natürlich gibt es anhand der Übersetzung ins Englische und auch hinsichtlich der Sprache (alter Text etc.) Unschärfen. Doch seien mal einige Punkte herausgegriffen**:

Da finden sich dann z.B. Konzepte wie „Blut-Geld“.

[Zum Konzept des Blutgeldes: Da gibt es für Frauen nur die Hälfte und für den Nichtgläubigen ohne Schutzbrief gar nichts, denn deren Tötung ist im Gebiet des Islam legitim:

https://de.wikipedia.org/wiki/Diya_(Islam) ]

Oder man liest solche Vereinbarungen:

No Believer will help an un-Believer against a Believer.

Believers are all friends to each other to the exclusion of all others.

Those Jews who follow the Believers will be helped and will be treated with equality.

The Believers must avenge the blood of one another when fighting in the Path of Allah

A woman will be given protection only with the consent of her family

Man lese sich den dürren Text einmal im Ganzen durch.
Da steht nicht nur 7. Jahrhundert drauf, sondern das ist auch drinnen. Sozusagen kodifizierter Salafismus. Wie man auf die Idee kommen kann, das als eine „geeignete Basis für nationale Verfassungen in Staaten mit muslimischer Majorität“ anzupreisen, erscheint verwegen im 21. Jahrhundert.

Zu behaupten, die im Text deutlich aufscheinende Abwertung und Benachteiligung von Nichtgläubigen stehe im Einklang mit der „Charta der Vereinten Nationen sowie verwandter Dokumente wie der Universellen Erklärung der Menschenrechte“ hat ungefähr denselben Wahrheitsgehalt wie die Vorgabe, der Februar hätte manchmal 30 Tage.

Noch mal obige Quelle:

By focusing on this 7th century document as a source of Muslim constitutional law, Mr Mumisa accuses the producers of the Marrakesh declaration of engaging in:

“a selective reading of historical sources which betrays a careless approach to the Sira (biography) of the Prophet of Islam… Thus, we have the highly curious situation of a group of Muslim scholars meeting in Marrakesh to call for the adoption of the Medina Charter as a source of Muslim constitutional law in response to the brutality of ISIS, about two years after ISIS invoked the same Charter of Medina as a basis of its own constitutional proposals, producing horrific results!

Der entsprechende Artikel „The Problem with the Marrakesh Declaration“

https://blogs.soas.ac.uk/muslimwise/2016/05/09/ideas-hub-the-problem-with-the-marrakesh-declaration-by-michael-mumisa-shaykh/

Warum die evangelische Kirche Hessen-Nassau das mitmachte? Möglicherweise werden nicht mal evangelische, sozusagen eigene, Experten herangezogen, bevor man solche Marketing-Aktionen mitmacht. Friedemann Eißler meint z.B. zur Erklärung von Marrakesch

„Ist dieser Hintergrund maßgeblich für das Verständnis der Erklärung von Marrakesch – und daran lässt das Dokument selbst keinen Zweifel –, dann leiten sich die Prinzipien des gesellschaftlichen Miteinanders aus der Scharia ab und aktualisieren damit das Konzept des Dhimmi-Status für Christen und Juden. Es geht von vornherein um die Darlegung der „Rechte von Minderheiten in mehrheitlich islamischen Ländern“ aus den islamischen Quellen, so der Hauptfokus des Schreibens.

http://www.ezw-berlin.de/html/15_7020.php

Eine Übersetzung der Charta von Medina, deren „Wiederbelebung“ beschlossen wurde, wird von der EKHN nämlich nicht mitgeliefert. Entweder weiß man, warum man das besser nicht macht, dann ist man nur am Marketing interessiert. Oder man hat das mit veröffentlichte Papier kaum verstehend gelesen. Jenseits der ernsten Überlegungen, die man dazu haben kann, dass die EKHN es mit abfeiert, dass ihren Kirchenmitgliedern mindere Rechte zugestanden werden, wenn man in das Kleingedruckte geht, kann man sich wundern, wer alles noch auf dieses Marketing hereinfällt.

Da mögen noch ein paar nette Absichtserklärungen dabei sein; das erscheint aber als Make up, denn der Beschlußtext verweist eben auf die Quelle, aus der etwas entwickelt werden soll. Das ist eben die Charta. Die setzt die Eckpunkte.

Ein Satz zum Schluß aus der Deklaration:

und halten abschließend fest, dass es respektlos ist, die Religion als Werkzeug für Anschläge auf die Rechte religiöser Minoritäten in muslimisch dominierten Ländern einzusetzen.

Was ist mit allen anderen Ländern?
Was ist mit anderen Machtverhältnissen?
Diesen Satz hätte so sicher auch der Herr Al Mosleh unterzeichnen können.
Der ist nämlich auch für diese Einschränkung, fokussiert aber nicht auf die Minderheiten, sondern verbietet dies generell in muslimischen Ländern. Aber nur dort.

Unter diesen Aspekten ist die als moderat verkaufte „Marrakesch-Deklaration“ zu sehen. Mit Rückgriff auf die Gemeindeordnung von Medina wird diese als Modell für Gesellschaften vorgeschlagen. Der Vertrag, die Gemeindeordnung war übrigens späterhin eben kein Schutz für die Juden (s. auch Text von Eißler). Man orientierte sich gegenüber den Juden lieber an anderen Handlungen des Religionsgründers. Glaubhaft um Frieden bemüht wäre eine „neue“ Struktur auch unter ibn Baiya erst dann, wenn man sich deutlich von der Hamas distanzierte und das Existenzrecht des Staates Israel anerkennen würde, man sich also glaubhaft von den antijüdischen Haltungen, Handlungen und und auch DIESEM Terror distanzierte. Das aber stach nicht ins Auge.

Deklarationen wie diese gab es unter jeweiligem gebührenden Medien-Echo immer mal wieder. Immer wurde das als neuer Schritt bezeichnet. Geschehen ist nichts die letzten 20 Jahre jenseits dessen, dass die wahabitische Lesart sich immer weiter ausbreitete. Gutes Marketing und eine Menge Geld machten das möglich, weltweit. 2 rechts, 2 links, 4 fallenlassen nur zur Dekoration. Immer das gleiche Spiel in der Annahme, dass Journalisten und Politiker wechseln (auch die Kirchenfunktionäre) und dass man ihnen ähnliche Manöver immer wieder vorsetzen kann. Läuft.

 

 

 

 

 

 

* Die Übersetzungsarbeit wurde vom Herrn Dr. Khallouk geleistet – der aber auch stellv. Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland ist. Das hatte man also ohne „Kooperation“ an einem Nachmittag durchaus stemmen können – wollte man aber offenkundig nicht.

** bin Bayyah benutzt in seinen Erläuterungen zur Charta aber die identischen Textstellen (z.B. 25 und 37 zu jüdischen Vertragspartner; das sollte also eine korrekte Übersetzung sein), S. 10:

http://www.marrakeshdeclaration.org/Files/Booklet-eng.pdf

Die Ausführungen seien zur weiten Lektüre empfohlen.

Dazu auch:

https://counterjihadreport.com/tag/shaykh-abdallah-bin-bayyah

/http://www.jewishpress.com/news/morocco-muslim-summit-to-debate-protecting-non-muslims/2016/01/23/

Und noch ein spaßiges Zitat am Schluß, epic fail:

Zentrum eines toleranten Islam: Die Al-Azhar-Universität in Kairo

http://www.dw.com/de/deklaration-gegen-religi%C3%B6se-diskriminierung/a-19010483

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