Sag, wie hältst dus mit der Evolution?

Die Problematik mit der Nichtanerkennung der Evolutionslehre und was das für das Verhältnis dieser Muslime zu Nichtmuslimen heißt, war hier bereits mehrfach Thema:

https://vunv1863.wordpress.com/2015/06/11/feindbild-evolutionslehre-pierre-vogel-stammt-nicht-vom-affen-ab/

https://vunv1863.wordpress.com/2016/09/22/biologieunterricht-als-problemzone/

Aktuell wurde in der Türkei beschlossen, die Evolutionslehre ganz aus dem Schulunterricht zu verbannen:

 

Dazu auch:

http://www.deutschlandfunk.de/tuerkei-evolution-im-schulunterricht-gestrichen.2850.de.html?drn:news_id=760748

http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/ausland/Warum-Darwins-Evolutionstheorie-in-Erdogans-T%C3%BCrkei-st%C3%B6rt-article3588030.html

Erst Anfang des Jahres hatte der türkische Vize-Regierungschef Kurtulmus Zweifel an der Evolutionstheorie geäußert und sie als veraltet bezeichnet.

http://www.deutschlandfunk.de/tuerkei-evolution-im-schulunterricht-gestrichen.2850.de.html?drn:news_id=760748

Diese Entwicklung wird eine stärkere Orientierung an der religiösen Schöpfungsgeschichte bewirken. Selbst wenn Eltern noch selber in der Schule die Evolutionslehre gelernt haben sollten, werden sie damit konfrontiert, dass ihren Kindern dieses Wissen nicht mehr strukturiert vermittelt wird. Man übt damit – mit der Umgestaltung des Lehrplanes – auch auf die Lehrer Druck aus: Wer von den Biologie-Lehrern noch die Evolutionslehre vermittelt, auch ohne Lehrbuch-Unterstützung, stellt sich außerhalb des Lehrplanes und wird damit angreifbar.

Parallel mit dem Erstarken des türkischen Nationalismus wird daraus ein giftiges Gebräu: Das bietet genug Raum für Überlegenheitsphantasien, die auch noch religiös legitimiert werden. Minderheiten werden es auch daher in der näheren Zukunft in der Türkei noch schwerer haben, denn die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe beispielsweise wird dann religiös nochmals überhöht und nicht mehr biologisch bzw. soziologisch gesehen. Das bietet auch genug Raum für eine wieder stärkere Betonung der abgrenzenden und abwertenden Inhalte aus Schriften und Überlieferungen. Der Mitmensch ist dann nicht mehr einfach ein Mitmensch, sondern göttlich gewollt halt das, was er ist (man sehe dazu Kinderprogramme aus dem nahen Osten, in denen Nichtmuslime schon mal als „Affen und Schweine“ bezeichnet werden, s. MEMRI). Da ist der Weg kurz zu den unterschiedlichen Rechten, die Menschen nach ihrer religiösen Zugehörigkeit differierend zuerkannt werden.

Was heißt dies nun für Deutschland?

69 % der Bevölkerung hierzulande halten die Evolution für die beste Erklärung zur Abstammung des Menschen:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/5983/umfrage/beste-erklaerung-fuer-die-entstehung-des-heutigen-menschen/

Schon vorher gab es in Deutschland Versuche, die Lehre von der Evolution nicht als die zutreffende und logische Abstammungslehre zu unterrichten, sondern sie nur zwischen Mythen als gleichermaßen unbelegt zu lehren. Auch christlich konnotierte Versuche gab es, wie aus Hessen im Jahr 2006 dokumentiert:

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/hessische-schulen-kultusministerin-faellt-auf-kreationisten-herein-a-445487.html

Im Jahr 2007 war der türkische Autor Adnan Oktar alias Harun Yahya auch in Deutschland aktiv geworden:

Der Angriff auf die Naturwissenschaft hat Gewicht: Etwa sieben Kilo schwer und mehr als 800 Seiten dick ist der „Atlas der Schöpfung“. Er wurde an Kölner Biologie- und Philosophielehrer verschickt. Absender des teuren Geschenks ist Adnan Oktar, der unter dem Pseudonym Harun Yahya mit Büchern und Filmen die Welt bekehren will. Die Botschaft seiner „Einladung zur Wahrheit“ lautet: Die Evolutionstheorie ist Betrug, die „göttliche Schöpfung“ eine „Tatsache“.

http://www.ksta.de/13123510

Es wurde nie so recht geklärt, woher die Gelder für diese Aktion stammten. Mancherorts mag dieses Werk wegen seiner hochwertig scheinenden Aufmachung in der Schulbibliothek gelandet sein (da sollte man einmal nachschauen, ob dort ein Exemplar vorzufinden ist).

Zu Oktar:

https://de.wikipedia.org/wiki/Harun_Yahya

https://www.psiram.com/de/index.php?title=Adnan_Oktar&redirect=no

Wenig erstaunlich ist man übrigens von Seiten der Gülen-Bewegung ganz ähnlicher Ansicht:

Welche Absicht er mit seinen Arbeiten auch verfolgt haben mag, sie bestätigen wie jeder andere glaubwürdige wissenschaftliche Fortschritt auch die Allmächtige Kraft, den Architekten, Erhalter und Verwalter des Universums, der diese wunderbare Organisation und die verlässliche, systematische und feinsinnige Harmonie der Natur gewollt hat und dieser Ordnung Schönheit verliehen hat. Während das Werk Darwins uns im Glauben an Gott bestärkt hat, hat es ihn selbst in die Irre geführt.

Wie groß und erhaben der Schöpfer doch ist! Er beschenkt uns mit Ordnung, Verstand und Weisheit, Er weist uns den richtigen Weg.

http://www.fgulen.com/de/werke/aktuelle-artikel/27676-warum-der-darwinismus-auch-heute-noch-so-populaer-ist

Und an einer hiesigen Schule:

Man unterrichte streng nach staatlichem Lehrplan, sagt Schulleiterin Sabrina Leberecht. Das gelte auch für das Fach Biologie: „Bei uns wird Evolution ganz normal unterrichtet. Wir haben auch kreationistische Denkansätze, die wir diskutieren. Da müssen die Kinder selbst einen Weg finden, wie sie ihren Glauben mit einer wissenschaftlichen Weltsicht in Einklang bringen.

http://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/freitagsforum/Moderner-Islam-oder-Parallelwelt-Die-Guelen-Bewegung-in-Deutschland,freitagsforum232.html

Auch da muss man darauf achten, wie das gewichtet wird. Im Biologie-Unterricht haben Mythen nichts zu suchen, auch nicht als „Angebote, selber seinen Weg zu finden“.

Wie ist das im Vergleich zu anderen Ländern?

Eine Übersicht in verschiedenen Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung:

https://whyevolutionistrue.wordpress.com/2013/05/08/pew-report-on-muslim-world-paints-a-distressing-picture/hameed-survey/

Interessant ist auch, dass bei Fragen, die die Evolution atheistisch konnotieren, sich mehr Muslime gegen die Evolutionslehre entscheiden:

If evolution gets conflated with atheism, then a vast rejection, even of the basic principles, is quite possible,“ he said. Human evolution, though, will likely continue to be a controversial subject — and perhaps be rejected by the majority of Muslims.

http://www.scidev.net/global/health/news/complex-islamic-response-to-evolution-emerges-from-study-1.html

https://www.forbes.com/sites/johnfarrell/2015/02/20/evolution-and-islam-an-update/#236434ce40b1

In  Klassenzimmern ist die Evolutionslehre auch jenseits der privaten Einrichtungen wie den Gülen-Schulen ein Thema, bei dem Wissenschaft auf Vorurteile und Wunschdenken trifft. Schon vorher war in manchem Klassenzimmer der Biologie-Unterricht schwierig wegen eben religös diesbezüglich „vorgebildeter“ Kinder. In den Koranschulen wird anderes vermittelt als die Evolutionslehre. Manche religiösere türkischstämmige Eltern könnten die aktuelle türkische Entwicklung als Anlass nehmen, in den Schulen dagegen zu protestieren, dass ihre Kinder der „veralteten“ Evolutionslehre ausgesetzt werden. Lehrer sind dort manchmal überfordert, weil schon nur ein fanatisch religiös argumentierendes Kind den ganzen Unterricht stört und Zweifel an der Kompetenz des Lehrers zu wecken sucht. So manches Kind wird gelehrt, dass das Beharren auf Belegen seine Religion angreife, Widersprüche zwischen religiöser Lehre und wissenschaftlichen Erkenntnissen werden so nicht einfach einem Realitätscheck unterworfen, sondern können ggf. als Diskriminierung umgedeutet werden. Wenn Meinungen durch Immunisierung gleiches Gewicht gegeben wird wie Fakten, wenn Kinder schon im festen Glauben erzogen werden, im Gegensatz zum Lehrer im Besitz der letzten Wahrheit zu sein, wird Unterricht schwierig.

Wenn nun diese Kinder von Besuch aus der Türkei (viele haben ja Verwandte dort) hören, dass die Evolutionslehre in der Türkei gar nicht mehr in der Schule gelehrt werde, wird das zusätzlich in der Haltung bestärken.

Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass eben jene fundamentalistischen Kreise christlicher Konnotation dieses Momentum nutzen und absehbar wieder Forderungen aufkommen. Fundamentalistisch religiöse Kreise sind sich ja – religionsübergreifend – durchaus manchmal einig, wenn es um die Gegnerschaft zum „Unglauben“ geht. Der ist manchem Religiösen der schlimmere Feind als der anders religiöse Fundamentalist, der Atheist ist der eigentliche gemeinsame Angstgegner.

Es kommen schwierige Zeiten zu auf die Lehrer – auch in Deutschland.

 

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