Mannheim: Eindrücke von einer Tagung zu Salafismus

Beobachtungen und Eindrücke von einer Mannheimer Tagung

Am Freitag, den 14.07.2017 fand in Mannheim eine halbtägige Tagung zum Thema Salafismus statt. Veranstalter war ein „Institut für Islamische Studien und Interkulturelle Zusammenarbeit“, das seinen Sitz in Mannheim im Gewerbemischgebiet hat. Auf dem großzügigen Gelände (geschätzt 4000 Quadratmeter), das von einem hohen Zaum umgeben ist, befindet sich ein Zweckbau mit Saal, Bibliothek, Büros und Nebenflächen.

Das Institut:

http://www.ifis-iz.com/index.php?id=9

Im wissenschaftlichen Beirat findet sich neben verschiedenen christlichen und mehrheitlich türkischstämmigen Lehrenden auch Tariq Ramadan:

http://ifis-iz.de/index.php?id=46

Die Einrichtung wird finanziell durch einen Förderverein „Kulturhaus der europäischen Muslime e. V. “ unterstützt. Der Verein:

http://ifis-iz.de/index.php?id=47

Das KUDEM finanziert sich durch Mitgliederbeiträge und privaten Spenden.

Die Ankündigung zur Tagung:

 

In seiner Begrüßung vertrat Prof. Cinar, der Mitbegründer des veranstaltenden Instituts ist, die These, Religion sei „Impfstoff gegen Radikalisierung“. Eine merkwürdige These, denn dann müssten sehr viele, ja nahezu ausschließlich Atheisten einer solchen (islamistischen) Radikalisierung anheim fallen. Diese These wurde aber vom Publikum ohne Murren hingenommen, da nicht nur sehr viele konservative Muslime anwesend waren, die das für einen passablen Ansatz halten mögen, sondern auch reichlich Personen der Mehrheitsgesellschaft, die das entweder selber für bare Münze nehmen oder dies aus Gründen der beabsichtigten Instrumentalisierung hinnehmen. Leider bestand keine Möglichkeit, diese These zu diskutieren.

Mitveranstalter war die Stadt Mannheim. Das politische Mannheim war gut vertreten. Neben dem Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz waren weitere Vertreter des Gemeinderats mal kürzer, mal länger anwesend. Der OB hielt ein Grußwort, in dem er sehr den „Mannheimer Weg“ lobte. Dialog sei dort zentral und man pflege ihn intensiv. Dass die, die Dialog betreiben, nicht die sind, die direkt und persönlich gefährlich sind, scheint ihm nicht geläufig. Die Teilnahme an und Durchführung von Dialogveranstaltungen ist in der hiesigen Gesellschaft Mittel des politischen Islams und meist nur solche Personen wird man bei Dialogen antreffen. Dass die Pflege des politischen Islam wenig verhindert, wenn es um sicherheitsrelevante Vorgänge geht, wird ihm kaum zu vermitteln sein. Ein Teil des Problems ist dort die mangelnde Differenzierung:zwischen Strömungen und Gruppen, es wird fälschlich angenommen, wenn man rede, machte man damit etwas gegen Radikalisierung. Das ist mehr als fraglich. Noch so warme Worte des OB ändern nicht den Charakter der Predigten in den Einrichtungen, vor allem nicht jenen, die problematisch sind. Man macht nur das eine zur Gesellschaft hin, während man das andere ein wenig besser verbirgt. Ob die Stadt Mannheim zu dem Event auch finanziell beitrug?

Auch der Mannheimer Polizeipräsident (PP)  trug zur Veranstaltung bei. Auch er war voll des Lobes über den „Mannheimer Weg“, der vor allem bei ihm selber gefruchtet zu haben scheint, indem er einen zentralen Narrativ übernommen hat. So meinte er tatsächlich, „Extremismus lässt sich nicht aus Religion ableiten“. Es fragt sich, warum er dann die spezialisierten Beamten braucht, die genau in religiösem, islamisch/islamistischem Umfeld tätig werden. Besonders stolz schien er auf dieses Programm:

http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/speed-dating-mit-polizisten-8708078.html

Er schilderte, dass sich die Personen (also Polizisten und Teilnehmer) oft „schon beim zweiten Treffen duzen“ würden. Ob das ein Zeichen des Respekts ist, das irgendeinen Sinn ergibt (das Kennenlernen bleibt ja freiwillig) und ob seine Beamten es überhaupt gut finden, weil es ihnen aufgegeben wurde, möglichst nah zu kommen, geduzt zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Er übertrug Erfahrungen aus den 90ern mit anderen Gruppierungen auf die aktuelle Lage. Ob das weiterhilft?

https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-politik-religion-wird-fuer-gewalt-missbraucht-_arid,1080607.html

Ganz interessant, wenn auch ein wenig unstrukturiert war der Beitrag von Dr. Kellner. Da das Publikum sehr gemischt war, ist fraglich, ob dieses vom Vortrag profitierte. Nicht zum sonstigen Vortrag passte die Vorstellung, Muslime müssten sich bekennen dürfen, ohne „denunziert“ zu werden. Nun, Muslime müssen sich in einer offenen Gesellschaft auch daran gewöhnen, dass ihre Meinung wie jede andere diskutiert werden kann. Wenn fragwürdige Thesen vertreten werden, muss das diskutiert werden und dies – bei öffentlicher Betätigung – auch öffentlich. Das hat nichts mit „Denunziation“ zu tun, sondern mit offener Debatte und Meinungsfreiheit und dass man es mit Menschen zu tun hat, die die eigene Auffassung nicht teilen. Der Verfassungsschützer Dr. Köpfer wirkte sehr launig in seinem Vortrag, ein Eindruck zu dem die teilweise spasshaften ppt-Einblendungen beitrugen*. Ob dieses Maß an Lustigkeit dem Thema angemessen ist? Der Vortrag beinhaltete eher Allgemeines.

Aiman Mazyek sprach ein Grußwort, nicht ohne zu betonen, derzeit sei ein „neues Projekt mit dem Bundesministerium des Inneren von Seiten des Zentralrats“ in Planung. Da das interessant erscheint, ist das Gegenstand meiner Anfrage an das BMI. Die Antworten werden in einem update veröffentlicht. Seine Behauptungen, der ZMD setze sich seit Jahren gegen Extremismus ein, blieb von allen, Teilnehmern und Publikum, unkommentiert: Artigkeit geht vor. Die ZMD-Umdeutungen werden öffentlich mitgemacht, was dem ZMD nützlich ist, aber nichts voranbringt.

Prof. Imran Schröter ließ sich breit dazu aus, dass ein radikaler Islam ein falsch verstandener Islam sei. Es wurde allerlei Thesen gebracht, die inhaltlich die Linie von Olivier Roy** aufgreifen. Dass Personen, die selber ihren Glauben anders leben und ihn gegen Kritik immunisieren wollen, eine solche Linie begierig aufgreifen, ist psychologisch verständlich, aber wenig weiterführend. Hätten Schröter/Roy Recht, wonach sich Radikalität erst „islamisiere“, gäbe es keine Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten, nicht von Sunniten ausgehend gegen Ahmadiyya usw. Es müsste auch eine nennenswerte radikale Bewegung geben, aus der sich dann die Islamisten rekrutierten. Das ist nirgendwo in Sicht, weswegen diese Deutung als nicht faktengestützt zurückzuweisen ist.

Interessant war, dass aus der Mannheimer Salafisten-Szene Amen Dali teilnahm, zu dem einige Beiträge hier auf dem blog vorliegen, z.B. über seine Betätigungen als Krankenhaus-Seelsorger:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/03/04/seelenfang-statt-seelsorge/

https://vunv1863.wordpress.com/2016/03/06/bezahlen-und-beobachten/

Der Mann war – in Karohemd und Jeans unauffällig gekleidet – mit einer kleinen Entourage von vier, fünf Begleitern angereist. Dali ist Imam der Omar Al-Faruq Moschee, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes des Landes Baden-Württemberg steht.

So konnte man das seltene Bild beobachten, dass politische Offizielle, überaus entspannte Vertreter der Sicherheitsbehörden und Personen, die Strukturen vertreten, die unter Beobachtung stehen (mal indirekt, wie beim ZMD, der ja u.a. auch die IGD und den Graue Wölfe-Ableger ATIB vertritt, mal direkter wie bei letztgenannter Moscheegemeinde) gemeinsam auf einer Tagung waren. Ob der Polizeipräsident und der Verfassungsschützer den Herrn Dali erkannten, ist nicht bekannt (vom OB kann man das weniger erwarten). Auf jeden Fall war der wahrzunehmende Umgang und die Begrüßung zwischen Verfassungsschützer, PP, dem OB und dem Herrn Mazyek sehr freundlich und wertschätzend. Hinter dem persönlichen Umgang scheint das, wofür der Herr Mazyek eigentlich steht, zurückzutreten (wobei gegen Höflichkeit an sich nichts zu sagen ist – sofern das Menscheln keine Auswirkungen auf die professionelle Einschätzung hat). Lobyyismus in Topform. Leider musste der Herr Mazyek eilig zum Flugzeug, als die Fragerunde nach der abschließenden Podiumsdiskussion noch lief. Immerhin hatte der in Vertretung des verhinderten Dr. Kiefer als Moderator wirkende Dr. Kellner Herrn Mazyek als Frage vorgelegt, was denn die konservativen Verbände zur Behebung des Problems beitragen könnten. Von Herrn Mazyek kam da wenig Neues, im Wesentlichen nur, dass man die Verbände mit im Boot haben müsste. Nachdem Herr Mazyek weg war, fragte ich (zusammengefast), wie es denn sein könne, dass man Vertreter des politischen Islams in Prävention und Deradikalisierung einbinde. Wenn man Strukturen der Muslimbruderschaft einbinde, die selber mittelbar unter Beobachtung (ZMD: IGD und ATIB u.a.) stünden, dann könne man doch nicht mehr von einer Arbeit gegen Extremismus sprechen, sondern habe nur die direkte Gefahrenabwehr im Sinn. Der Verfassungsschützer wies dann korrekterweise darauf hin, dass solche Projekte sogar finanziell gefördert werden; er räumte ein, über den Sinn könne man da natürlich streiten.

Trotz des schönen Rahmens (man gab sich von Veranstalterseite erheblich Mühe, Dank dafür) blieben nach Besuch dieser Tagung eine Menge Fragen offen. Die nach der Finanzierung dieses schönen Rahmens, die nach der wechselseitigen Instrumentalisierung von Akteuren des politischen Islams und der öffentlichen Akteure und die danach, ob solche Dialoge ehrlich und unter Berücksichtigung der roten Linien geführt werden.

 

 

 

* So etwas hier ist gemeint:

 

Ob damit eine Karikaturen-Hyposensibilisierung erfolgen soll? Könnte man diskutieren.

** Zu Roys Thesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gilles_Kepel#Kontroverse_mit_Olivier_Roy_zum_heutigen_franz.C3.B6sischen_Islamismus

 

update, 18.07.2017:

Rechtsgrundlagen der Förderung durch das BMI in potentiell betroffenen Feldern:

Das Bundesinteresse muss erheblich sein. „Der Umstand, dass eine Förderung durch den Bund wünschenswert oder sinnvoll ist, rechtfertigt noch keine Zuwendung. Es müssen besondere Gesichtspunkte hinzutreten“ (Dittrich, Kommentar zu Paragraph 23 BHO).

http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Gesellschaft-Verfassung/Deutsche-Islam-Konferenz/Projektfoerderung-Dialog/projektfoerderung-dialog_node.html

http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Gesellschaft-Verfassung/Deutsche-Islam-Konferenz/Projektfoerderung-Flucht-Islam/projektfoerderung-flucht_node.html

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s