Paktieren und taktieren

Die Bundesarbeitsgemeinschaft gegen religiösen Extremismus als Interessenvertretung

In einer aktuellen Stellungnahme der „Bundesarbeitsgemeinschaft gegen religiösen Extremismus“ (BAG) positioniert sich der Vorsitzende dieser Arbeitsgemeinschaft, Dr. Götz Nordbruch, zu einem kritischen Artikel zur Präventionslandschaft in der Süddeutschen Zeitung. Die BAG ist ein Zusammenschluß verschiedener Dienstleister, die im Bereich der Extremismus-Prävention tätig sind und mehrheitlich öffentliche Fördermittel erhalten. Die BAG versteht sich nach Gründungssatzung explizit als Interessenvertratung dieser Dienstleister.

Der Artikel in der Süddeutschen:

http://www.sueddeutsche.de/politik/extremismus-in-die-sonnemit-abu-adam-1.3709409

Und hier die Stellungnahme dazu:

Staatliche Kontrolle statt zivilgesellschaftlichem „Wildwuchs“? Präventions- und Ausstiegsarbeit in Deutschland

Man reagiert dem Anschein nach, weil nicht nur die Eigendarstellung hinsichtlich der Leistungen eingeholt wurde, sondern auch Fremdsichten, also Einschätzungen von Dritten zu dem, was tatsächlich vorliegt. Man scheint dies nicht gewohnt zu sein.

Diese aktuelle Intervention ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, dass ufuq, die von Nordbruch mitgegründete Beratungsorganisation*, vor längerer Zeit noch vor Grauen Wölfen und Muslimbrüdern warnte, aber nunmehr Strukturen in dieser Arbeitsgemeinschaft mit vertritt, die Unterorganisationen als Mitglieder haben, die zu diesen fragwürdigen Gruppen eine große Nähe aufweisen, oder gleich selber diese Nähe haben. Die Mitglieder-Auflistung:

Mitglieder

Es gibt eine Reihe – meist wohl öffentlich finanzierter – Einschätzungen von ufuq zu diesen Gruppen. So wird in einer Schrift, die u.a. von ufuq vor längerem erarbeitet wurde, ausgeführt:

Lange wurde der Zentralrat als unabhängig eingeschätzt; in letzter Zeit mehren sich Hinweise, die den Zentralrat in die Nähe der Islamischen Weltliga (internationale Organisation zur Wahrnehmung muslimischer Interessen, die unter direktem Einfluss des saudischen Staates steht) rücken

Die ATIB wird berechtigt als türkisch-nationalistisch zugeordnet (sie ist Mitglied des Zentralrats der Muslime, ZMD).

Klicke, um auf publikationen_datei_1080805175.pdf zuzugreifen

In der BAG werden diese aber nunmehr nicht nur geduldet, sondern mit vertreten. Das war auch schon hier kritisiert worden. Nachbesserungen dieses paradoxen Zustandes, etwas gleichzeitig zu bekämpfen vorzugeben und die real existierenden Strukturen zu vertreten, sind nicht bekannt: Anscheinend richtet man sich in diesem Zustand ein und verlegt das primäre Augenmerk darauf, dass möglichst wenig darüber gesprochen wird:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/02/19/wer-schuetzt-vor-dieser-praevention/

Man kann bei dem Vorsitzenden der BAG also davon ausgehen, dass er weiß, was er tut. Gut finden muss man das nicht und auch nicht zielführend, sofern man nicht (nur) die eigene wirtschaftliche Besserstellung als Ziel formulieren mag. Alternativ wäre das die Unzulänglichkeit, nicht mal mit Legalisten eine kontroverse Debatte führen zu können.

Doch zur Stellungnahme. Nordbruch kritisiert, die Kritik sei unangemessen:

Zuletzt bemängelte Ronen Steinke in der Süddeutschen Zeitung, der Zivilgesellschaft komme in der Präventionspolitik eine zu große Bedeutung zu. Von „Wildwuchs“, „Ratlosigkeit“ und Konzeptlosigkeit dieser „privaten Programme“ war hier die Rede.“

Die teilweise Konzeptionslosigkeit der Projekte war vom Leiter des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention, Andreas Armborst, behauptet worden und entspricht der Realität. Nicht nur nach  meiner Sicht, sondern sie ist auch das Ergebnis einer breiter angelegten Sichtung, die in der Mitte des Jahres veröffentlicht wurde. Will die BAG tatsächlich behaupten, dass alle Projekte schon hinsichtlich des Konzepts da ohne Mangel seien, von den fehlenden Evaluationen ganz zu schweigen? Hier die noch recht frische Untersuchung aus dem NZK:

http://journals.sfu.ca/jd/index.php/jd/article/view/105/88

[Wobei da sogar schon reine und sehr überschaubare Tätigkeitsbeschreibungen, deren evaluativer Wert deutlichst bezweifelt werden muss, Eingang in die kleine Tabelle 1 fanden: „Systemische Deradikalisierungsarbeit am Beispiel der Initiative HAYAT-Deutschland“]

und wie gut die Präventionsarbeit in Deutschland gerade wegen des mit Bundes- und Landesmitteln geförderten zivilgesellschaftlichen Engagements aufgestellt ist

Eine Menge tun – das ist noch kein Ausweis einer sinnvollen und ziekgerichteten Betätigung. Das kann auch 2 rechts, 2 links, 4 fallen lassen sein. „Gut aufgestellt“ sein zeigt sich nicht an Angebot und Nachfrage, die aufgrund von Handlungsnotwendigkeit und eines wenig hinterfragten Angebots besteht, sondern an Evaluationen. Sie misst sich vor allem nicht an der Eigendarstellung von Vereinen, die selber anbieten, aber genau dieses wirtschaftliche Interesse in den Hintergrund spielen. Zu dem letztes Jahr unter Beobachtung gestellten Dachverband z.B. hörte man genau nichts von den „Präventionsprofis“ (im Gegenteil, sie haben einen der Akteure über eine andere Struktur nun gar selber dabei). Die Marktposition – und die BAG stellt den Versuch dar, die Anbieterseite zu monopolisieren – gibt keine Auskunft über die Sinnhaftigkeit eines konkreten Angebots für den Käufer, wenn negative Rückmeldungen es schwer haben, den Weg in die Öffentlichkeit zu finden. Das ist eher noch ungünstiger als – Metapher – wenn der Käufer eines Dieselfahrzeugs gegen die Marketing-Abteilung von VW antrat.

Auf politischer Ebene hat sich mittlerweile ein Bewusstsein dafür durchgesetzt, wie breit das Spektrum zwischen universeller Prävention, Interventions – und Ausstiegsarbeit gedacht werden muss.

Das kann man anders sehen. Nicht wenige Präventionsdienstleister versuchen, einen Gegennarrativ zum Verfassungsschutz aufzubauen und den politischen Islam zu verharmlosen. Oder sind gar ein Teil von ihm. Man kann begründet die Ansicht vertreten, dass eben jene Dienstleister aus wirtschaftlichem und langfristigem Eigeninteresse versuchen, sich selber als primäre Einstufer und Einschätzer des Problems bei der Politik einzubringen. Das wäre sogar nachvollziehbar, käme man tatsächlich nachweislich zu Erfolgen. Ohne diesen Nachweis bleibt es jedoch nur eines: Marketing.

Prävention im allgemeinen Sinne richtet sich an alle Jugendliche und junge Erwachsene, die im Alltag mit salafistischen Ansprachen in Berührung kommen können. In der Praxis gibt es dabei zahlreiche Überschneidungen mit der politischen Bildung und Demokratiepädagogik.

An dem Punkt wird es, geht man in die Breite, auch bei ufuq selber interessant. Man verkauft Präventionsdienstleistungen. Vielfach wird die konkrete Ausführung dieser Prävention in den Schulen jedoch wohl an „Teamer“ vergeben, die selber nur eine oberflächliche Kenntnis benötigen, da sie sowieso i.W. nur moderieren sollen. Beispielhaft:

Im Idealfall führen die Teamer immer in Zweier-Teams mit einer Schulkasse oder Gruppe drei dieser Workshops als Reihe durch. Sie leiten verschiedene Übungen zu den Filmen an und moderieren Diskussionen unter den Jugendlichen. Dabei ist es nicht so wichtig, ob sie selbst ExpertInnen im Thema sind, sondern eher, dass sie den Jugendlichen helfen, darüber zu diskutieren, was sie selbst über das Thema denken.

http://www.vielfalt-bewegt-frankfurt.de/de/angebote/teamerinnen-qualifizierung

Hier wird konkretisiert, nach 5 Tagen werden die Ausführenden losgeschickt. Und (Schreibfehler original belassen):

Ziel der Workshops ist es, mit muslimischen und nichtmuslimischen Jugendlichen über die  Vielfältigkeit des Islam ins Gespräch zu kommen und über Fragen von Glauben, Identität,  Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu diskutieren – und darüber zu sprechen, wie sie sich ihre Zunft in dieser Gesellschaft wünschen.

Klicke, um auf amka_ausschreibung_teamer_2016.pdf zuzugreifen

Sie erhalten 25 € pro 45 min.

Da wüsste man gerne mal, wie das hinterher ausgewertet wird. Haltungen verändert man durch eine solche Vorgehensweise eher nicht. Was daran präventiv wirken soll – und man möchte doch Wirkung, oder? – erschließt sich weniger. Allenfalls wird daran der Mangel deutlich, dass „diese“ Themen üblicherweise ausgeklammert werden.

Zurück zur aktuellen Stellungnahme:

Interventions- oder Ausstiegsarbeit wendet sich hingegen an Personen, die bereits religiös-extremistische Orientierungen und Verhaltensweise zeigen und eventuell in salafistischen Gruppierungen aktiv sind. Dabei ist der Begriff der Deradikalisierung in der Fachdebatte selbst umstritten, suggeriert er doch, dass eine Person „von außen“ deradikalisiert werden könnte. Immer häufiger ist daher auch von Distanzierungsarbeit die Rede, in der der Verzicht auf Gewalt und die Abwendung von der Szene im Mittelpunkt steht.

Da fehlt ganz deutlich der Aspekt, dass alle angebotene Distanzierungsarbeit auf freiwilliger Basis erfolgt (vielleicht jenseits von Schule, Auflage in einer Bewährung und Gefängnis, wo man andere Einflußfaktoren hat, die die Kooperativität erhöhen). Sich freiwillig in ein solches Hilfsangebot zu begeben – da ist schon reichlich eigene Distanzierung notwendig. Die kann man unterstützen, ja. Aber es ist nicht ganz redlich vorzugeben, man erreiche damit jene, die sich schlicht nicht als hilfsbedürftig erachten. Oder jene, die sagen, nein, mein Kind ist auf einem guten Weg zu Gott, das ist ein frommes Kind.
Immerhin wird am Text deutlich, dass man versucht, die Erwartungen, die man selbst erheblich weckte und hochschraubte, herabzusetzen. Vielleicht ist der nächste Schritt, dass man bitteschön zahlen, aber gar keine Erwartungen mehr stellen sollte an eine Wirksamkeit. Das ist dann ein wenig wie bei der Homöopathie: kostenpflichtiges assistiertes Zuwarten, ob der natürliche Verlauf fatal oder benigne ist.

Diese Unterscheidungen sind notwendig um zu verstehen, wieso sich die Ansätze der Präventions- und Ausstiegsarbeit zum Teil erheblich unterscheiden, und warum Erfolg ganz unterschiedlich definiert wird.

Vielleicht sollte man dann Prävention und Ausstiegsarbeit dann nicht in eine Hand geben und die Prävention lieber geschulten Pädagogen anvertrauen denn angehenden oder fertigen Islamwissenschaftlern (die oft eine eigene Agenda haben) Für Prävention reicht Islamwissenschaft als Hilfswissenschaft völlig. In die theologische Debatte einsteigen zu können müsste man dann nicht als Verkaufsargument bringen – wie ufuq selber durch seine Anforderungen an Teamer belegt, können diese ja für Prävention schon nach eigener Ansicht zumindest dort nicht die zentrale Rolle spielen.

So unterstellt Steinke der Präventionsarbeit pauschal „bescheidene Ziele“, es gehe allein darum, das Bombenbauen zu verhindern.

Sieht man sich die Vorstellungen oben an, die bei der Teamer-Ausschreibung vorgegeben werden, sind die Ziele sogar noch weitaus bescheidener als Steinke das angab: Man will nach obiger Vorgabe wohl nur eine Diskussion über Gesellschaftsentwürfe anregen. Ob eine Diskussion über „wünsch dir was“ schon vom als „bescheiden“ bezeichneten Ziel des zu verhindernden Bombenbaus abhält – nun, das mag man sich selber überlegen. Zumal Herr Nordbruch hier selber die Aspekte, die er vorher trennen wollte, wieder vermischt: Nicht allen muslimischen Jugendlichen wird die Neigung zum Bombenbau unterstellt; vom Bombenbau abzuhalten, das ist dann doch eher die Sache der Intervention. Nur abstrakt Gewalt nicht als Lösungsansatz zu sehen, das ist schon Bestandteil anderer schulischer Ansätze.

Im konkreten Fall, der von Steinke berichtet wird, ging es um einen jungen Mann, der vor der Ausreise nach Syrien stand – und der durch die Beratungsarbeit von einer Ausreise abgebracht werden konnte. Für die Ausstiegsarbeit ist das ein großer Erfolg, auch wenn die Arbeit damit nicht getan ist.

Das ist eine reine Wiederholung der Hayat-Darstellung. Der junge Mann sieht das anders. Niemand von Hayat hat das vor Ort überprüft, auch der Herr Nordbruch war nach Kenntnis nicht dort. Das wiederum und weiterhin als Erfolg der Ausstiegsarbeit zu propagieren, ist schon ambitioniert.

In der universellen Präventionsarbeit geht es um mehr, zum Beispiel darum, Jugendliche und junge Erwachsene in die Lage zu versetzen, mit gesellschaftlicher Vielfalt umzugehen und diese für sich als wertvoll zu begreifen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Islamischen Staat und dschihadistischer Propaganda, im Zentrum steht aber der Versuch, Bindungen an die Gesellschaft zu stärken, ein Bewusstsein für innergesellschaftliche und innerreligiöse Vielfalt zu fördern oder Rassismuserfahrungen aufzugreifen, ohne in eine „Opferideologie“ zu verfallen, wie sie von Salafisten propagiert wird. Messen lässt sich ein Erfolg hier noch weniger als in der Ausstiegsarbeit.

S.o.
Klartext: Zahlen und sie machen lassen. Und bitte keine Ansprüche oder Nachfragen stellen. Erfolg ist, was die Dienstleister dem Zuwendungsgeber als Erfolg verkaufen wollen. Dabei bitte nicht stören.

 

Die Erfahrungen aus Frankreich zeigen, wie schnell staatlich geführte Maßnahmen in diesem Feld an Grenzen stoßen. Frankreichs Antiterrorpolitik schaffte es zuletzt mit dem gescheiterten Projekt eines Internats für radikalisierte junge Erwachsene in die internationalen Medien. Die Bewohner sollten mit Fahnenappell und Unterweisungen in die Werte der französischen Revolution auf den rechten Weg gebracht werden sollten. Das Projekt, das als Modell für ähnliche Internate in ganz Frankreich geplant war, wurde nach einigen Monaten angesichts verherrender Kritik wieder eingestellt. Ein Schnellschuss, der aufgrund der zahlreichen Anschläge in den vergangenen Jahren zwar verständlich war, der aber deutlich machte, wie sehr es an zivilgesellschaftlichen Strukturen mangelt, auf deren Erfahrungen man in der Präventions- und Ausstiegsarbeit aufbauen konnte.

Das hatte m.M.nweniger mit der Trägerschaft als dem Konzept zu tun. Ein nichtstaatlicher Träger wäre mit demselben Konzept vermutlich auch gescheitert. Umerziehungsversuche und Freiwilligkeit – das kann nicht funktionieren, dann geht man einfach (wie geschehen), wenn es nicht gefällt. Oderr geht erst gar nicht hin. Es mangelte auch schon an der Nachfrage. Aber das ist ein komplexeres Thema, das den Rahmen dieses Beitrags sprengt.

Bis zu den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo im Januar 2015 konnte von einer Präventionsarbeit in Frankreich kaum die Rede sein. Der Staat setzte auf Repression und Haftstrafen, religiöse Radikalisierungen waren die Sache der Sicherheitsbehörden und der Justiz.

Das trifft zu. Das heißt aber nicht, dass nichtrepressive Ansätze per se wirkungsvoller sein müßten. Wirkung muss man immer belegen. So gut es geht und mindestens, wenn man sie behauptet.

Entscheidungen fielen in Paris, die Kommunen blieben außen vor. Das Gleiche galt für zivilgesellschaftliche Träger, auch sie spielten noch vor zwei Jahren kaum eine Rolle wenn es darum ging, radikalisierte Personen aus salafistischen Szenen zu lösen oder der Attraktivität salafistischer Ansprachen entgegenzuwirken. Kaum etwas illustriert diesen Ansatz besser als die Online-Kampagne „Stop Djihadisme“, mit der die französische Regierung anfänglich versuchte, Jugendliche davon zu überzeugen, dass der Islamische Staat barbarisch und in Frankreich eigentlich alles wunderbar sei. Funktioniert hat das nicht.

Wie misst man hier den Misserfolg?
Misst man das so platt („wirksam ist das, was die BAG als wirksam definiert“, wie es scheint), wären beim Anlegen gleicher Maßstäbe auch die Anschläge in Deutschland und die erheblichen Ausreisen aus Berlin, wo es schon länger Angebote gab, Beleg für ein generelles Versagen. Hier aber der Träger. Ich erinnere nur an das Attentat auf die Sikh-Einrichtung oder die eine zeitlang wirklich üblen Ausreise-Zahlen aus Berlin.

Eine Lehre aus diesen Erfahrungen war, verstärkt auch mit Einrichtungen zusammenzuarbeiten, die dem Problem vor allem mit psychotherapeutischen Angeboten zu begegnen suchen. Mit der Gesellschaft, so die Annahme vieler dieser Ansätze, hätten Radikalisierungen nichts zu tun, das Problem wurzele vor allem im Individuum selbst. Dabei bezog man sich auf Erfahrungen aus der Sektenprävention, um diese auf religiös begründete Radikalisierungen zu übertragen. Bis heute findet sich daher in französischen Debatten immer noch die Vorstellung, bei Radikalisierungen handele es sich um eine Form der „Gehirnwäsche“, bei der Jugendliche von Rekrutierern manipuliert und an der Nase in den Dschihad geführt würden. Dass es gerade in der Präventionsarbeit aber nicht allein darum geht, den Rattenfängern das Handwerk zu legen, sondern auch darum zu fragen, warum sich ganz normale Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt für deren Angebote und Versprechen interessieren, geriet dabei aus dem Blick. Prävention bedeutet schließlich auch, gesellschaftliche Umstände zu erkennen, die Radikalisierungen ermöglichen und befördern können. Auch hier ist es die Zivilgesellschaft, die solche Zusammenhänge und Hintergründe am ehesten sichtbar machen und Handlungsoptionen entwickeln kann.

Warum soll sie das besser können?
Hier wird nicht benannt, dass es einen Nährboden gibt, der das Individuum empfänglicher macht für autoritäre Indoktrination: autoritäre Erziehung, religiöse Vorprägung und alternativ eine Überforderung mit Wahlmöglichkeiten, einer Sehnsucht nach Sinn und persönlicher Aufwertung. Beträfe es „ganz normale Jugendliche“, wie behauptet, beträfe es einen ungefähr repräsentativen Querschnitt. Das ist jedoch nicht der Fall. Nur etwa 20 % sind Konvertiten (mal die GTAZ-Zahlen genommen). Das Interesse wird besonders effektiv durch Freundeskreise geweckt. Dieser Effekt ist wenig durch die gesellschaftliche Großwetterlage erklärbar.

„Interessanterweise verweisen die Kritiker der französischen Präventionspolitik dabei auch auf die Erfahrungen, die in der Präventions- und Ausstiegsarbeit in Deutschland gerade von zivilgesellschaftlichen Trägern gesammelt wurden. In Deutschland entstanden schon Anfang der 2000er Jahre erste Initiativen, die sich dem Thema widmeten. Das Zentrum Demokratische Kultur und die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus zählten zu den ersten, die in Veröffentlichungen und mit Projekten für Jugendliche auf die Probleme hinwiesen, die mit religiös begründeten Radikalisierung verbunden sind – lange bevor dies von staatlicher Seite als Problem erkannt wurde. „Demokratiegefährdende Phänomene in Kreuzberg und Möglichkeiten der Intervention. Eine Kommunalanalyse im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg“, so lautete der Titel einer Broschüre des ZDK, die schon 2003 auf erste Ausdrucksformen religiöser Radikalisierungen hinwies. Das Gleiche gilt für den Verein Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, der das Thema schon vor zehn Jahren aufgriff, auch wenn der Schwerpunkt des Vereins eigentlich in der Antidiskriminierungs- und Antirassismusarbeit liegt.

Das Thema Islamismus findet sich auch früh bei etlichen anderen Akteuren. Kandel, FES, KAS usw. Ist ja nicht so, dass man das Rad nun selber gänzlich neu erfunden hätte, bei aller Wertschätzung für die Ausarbeitung (die aber doch wohl von einem politischen Akteur in Auftrag gegeben und bezahlt wurde, oder? Sie ist im Übrigen, so weit ich sah, nicht mehr abrufbar).

Schule ohne Rassismus wurde dankenswerterweise von der Aktion Courage nach belgischem Vorbild (dort seit 1988) initiiert. Dort wurden, zum. nach meiner Kenntnis islamistische Haltungen eher nicht und bis heute nur vereinzelt angegangen, wenn auch schon früher einmal in den Veröffentlichungen thematisiert:

https://de.wikipedia.org/wiki/Schule_ohne_Rassismus_%E2%80%93_Schule_mit_Courage

Die Tatsache, dass sich immer mehr Träger aus anderen Arbeitsbereichen dem Thema Radikalisierung widmen, ist dagegen für Kritiker der hiesigen Präventionslandschaft ein Beleg, dass es vor allem um öffentliche Fördermittel und die Legitimation der eigenen Arbeit gehe. Dabei ist gerade diese Bereitschaft, sich einem schwierigen und gesellschaftlich kontrovers diskutierten Thema zu widmen, ein Hinweis, dass zivilgesellschaftliche Akteure die Bedeutung dieses Problems erkannt haben. Mittlerweile gibt es bundesweit dutzende Vereine, die in diesem Feld aktiv sind – oft mit langjährigen Erfahrungen im Bereich der Rechtsextremismusprävention und immer häufiger auch mit ausgewiesenen Erfahrungen in der Jugendhilfe, der Familien- und Erziehungsberatung, der interkulturellen Arbeit oder der politischen Bildung.

Aber oft ohne Erfahrung im Bereich Islamismus und oft genug auch überschaubaren Kenntnissen in den Spezifika islamistischer Denkmuster. Gerne wird zudem – das ist einfacher – Islamophobie alleine oder mit bearbeitet. Verschwiegen wird auch, dass explizit problematische Vereine und Verbände mit am Start sind. Man könnte meinen, dass die BAG auf diese auch eigene Problemzone lieber gar nicht hinweist. Vielfalt ist ja nach Darstellung per se gut, da wird auch für schwierige Vereine in der Förderung der Persilschein mit ausgestellt. Das überzeugt nicht.

Mit „Wildwuchs“ und Beliebigkeit hat das in der Regel nichts zu, sondern ist letztlich eine notwendige Folge der Forschungen, die in den vergangenen Jahren zu den Hintergründen von Radikalisierungs-prozessen durchgeführt wurden.

Da muss man herzhaft widersprechen. Der Wildwuchs hat v.a. auch mit dem enorm großen „Kuchen“ von alleine bei „Demokratie leben“ in Höhe von 104 Mio. Euro zu tun, der allerorten zu Begehrlichkeiten führt. Wenn man dann noch manche Vergabepraxis kennt, wundert das nicht. Wer sich ein wenig auskennt und wer nachliest, den graut es beim Lesen. Anscheinend jedoch nicht den Herrn Nordbruch.

Denn Radikalisierungen lassen sich nicht monokausal erklären, sondern gründen in einer Mischung aus individuellen, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Ursachen. Für die Präventions- und Ausstiegsarbeit bedeutet dies, dass nur eine Verbindung unterschiedlicher Ansätze in verschiedenen Handlungsfeldern Aussicht auf Erfolg hat. Schule allein wird es nicht richten, Familienberatung allein auch nicht – und auch psychotherapeutische Ansätze stoßen an ihre Grenzen, wenn der gesellschaftliche Kontext nicht mitgedacht wird.

Nun, in der Eigenwerbung, vor kritischen Nachfragen und auch dem einen oder anderen Problem klang das doch noch anders. Da trat man nicht als Teil der Lösung auf, sondern verkaufte sich nach meinem Eindruck als DER Problemlöser.

Gerade hier liegt die Stärke der Präventionsarbeit, die sich in Deutschland in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Sie ermöglicht eine Vernetzung und Kooperation von unterschiedlichen Akteuren, die auf verschiedenen Ebenen Angebote machen, um Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen. Nur in diesem Zusammenspiel kann man sie darin bestärken, dass das, was sie in Deutschland vorfinden, attraktiver ist als das, was ihnen Prediger wie Abu Wala, Pierre Vogel oder Ibrahim Abou-Nagie im Jenseits – oder in Syrien – versprechen. Das reicht von religiösen Angeboten und politischer Bildung über psychosoziale Beratung in Krisensituationen bis hin zu berufsfördernden Maßnahmen.

Hier wird die Ideologie völlig ausgeblendet.
Nein, es liegt eben nicht zentral an der Gesellschaft, die nicht genügend Angebote machte (in Einzelfällen kommt das vor). Schon ein Blick in die GTAZ Ausarbeitungen hätte gezeigt, dass ein erheblicher Anteil Abiturienten und auch Studenten dabei war. Was genau will man mehr anbieten können als Teilhabe durch Bildung? Es wird völlig negiert, dass auch Teilhabe, auch Bildung mitnichten Integration bedeuten muss. Das sind dann diejenigen, bei denen z.B. der Herr Nordbruch anscheinend überrascht konstatiert, dass es sich doch um normale Jugendliche gehandelt habe.

Polizei und Verfassungsschutz spielen vor allem in sicherheitsrelevanten Fällen eine zentrale Rolle, und auch Jugendämtern und anderen Behörden kommt in vielen Bereichen große Bedeutung zu. Aber schon bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit zeigen sich die Grenzen einer Präventionsarbeit, die allein auf Behörden setzt. Hinzu kommt, dass öffentliche Einrichtungen in den wenigsten Fällen an Menschen herankommen, die von Radikalisierungen betroffen sind.

Wer kommt denn an „echte“ Radikale heran?
Die Präventionsdienstleister?
Echten Radikalen ist oft schon die öffentliche Bezahlung Beleg genug, diese Akteure, Diener des Taghut, nicht an sich heranzulassen. Ist der Hilfswunsch da, ist der SELBER gefällt, eine eigene Hilfsbedürftigkeit erkannt, dann tut es fast jeder, der diese Hilfe anbietet. Das Zeitfenster ist wichtig. Ist es nicht erkannt, ist es bei freiwilligen Programmen schwer mit der Ansprache. Wenn man denn so erfolgreich anspricht, könnte man ja wenigstens diese Zahlen veröffentlichen. Da aber wird es dürr. Das sind dann wohl die „grauen“ Evaluationen, die man nicht mal dem BKA zeigen mag (warum nicht?).

Auch hier ist Frankreich ein Beispiel dafür, dass Meldestellen, die direkt bei den Sicherheitsbehörden angesiedelt sind, nur bedingt erfolgsversprechend sind. Zivilgesellschaftliche Träger können Brücken bauen und intervenieren, weil sie nicht unmittelbar mit staatlichen Interessen und sicherheitspolitischen Erwägungen in Verbindung stehen.

Was man dann ja zeigen könnte. Kann man?

Die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, in der mittlerweile 25 Vereine und andere zivilgesellschaftliche Organisationen vertreten sind, steht für die Vielzahl der Ansätze, die in diesem Themenfeld verfolgt werden, und für den Anspruch, eine Vernetzung und Kooperation der beteiligten Akteure zu fördern. Sie knüpft in vielerlei Hinsicht an die seit den 1990er Jahren gesammelten Erfahrungen im Bereich der Rechtsextremismusprävention an. Auch hier sind es vor allem zivilgesellschaftliche Strukturen, die sich als wirkungsvoll erwiesen haben und die zur Entwicklung von Qualitätsstandards beigetragen haben.

Das ist nur bedingt vergleichbar. Andere Identitätsmuster, meist andere Primärsozialisation. Und es ging auch mehr nur um Gewaltprävention.
Wenn denn alles so easy ist, warum die Geheimniskrämerei mit den Zahlen und die eigenen Evaluationen? Viele Ansätze per se als positives Merkmal? Nicht der werte Ernst. Wenn es eine Wirksamkeit gibt, was ja behauptet wird, dann können nicht alle Maßnahmen gleichermaßen wirksam sein (jenseits der wirtschaftlichen Zielerfüllung für die Anbieter). Damit man nicht falsch versteht: Für WIRKSAME Ansätze ist die öffentliche Förderung gut und angemessen. Allerdings „Vielfalt“ anzupreisen, das ist schon eine merkwürdige Sache. Wird ja nicht alles überall angeboten. Kein Betroffener kann aus einem Strauss der Angebote wählen.

Hier zeigt sich glasklar die BAG als das, was sie auch ist:
Die Interessenvertretung aller, die vom Fördergeld etwas ab haben wollen. Das ist genau jener von Steinke kritisierte „Wildwuchs“, der hier als Verkaufsargument umgedeutet wird.

Dazu gehört auch die Förderung einer „Fehlerkultur“, wie sie von Kritikern der Präventionsarbeit aktuell zu recht eingefordert wird. Denn Fehler werden auch zukünftig zu beklagen sein – genauso wie sich einzelne Ansätze als falsch und fehlgeleitet erweisen werden. Dies zu erkennen und darauf zu reagieren ist die Aufgabe der Träger, die in der Prävention und Ausstiegsarbeit aktiv sind.

Fehler sind nicht das allererste Problem. Fehler passieren, v.a. in einem neuen und komplexen Feld. Kein Konzept haben, für die religiöse Verbandsarbeit bezahlt werden wollen, Fehler nicht einsehen und sie dann umdeuten, Extremisten gegen Extremisten einsetzen (oder sie dulden und decken), das sind Probleme.
Die Art der Fehlerkultur, die man hier in Blüte sehen kann ist vor allem Umdeutung. Kritische Presse bekommt solche Gegenreaktionen: Schulterschluß der Akteure in der Prävention gegen Transparenz. Fehler werden nicht eingeräumt. Nicht beim Sikh-Attentat, nicht bei anderen Vorgängen. Das ist das, was schwierig ist.

Neu ist diese Einsicht allerdings keineswegs. So laufen aktuell zahlreiche externe Evaluationen, um konzeptionelle Schwachstellen zu erkennen und Ansätze weiterzuentwickeln. Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft besteht darin, die Rahmenbedingungen einer Präventionslandschaft zu schaffen, in denen eine solche „Fehlerkultur“ auch langfristig möglich ist. Denn der Staat alleine wird das Problem von Radikalisierungen nicht richten – und wenn er es doch versucht, stößt er schnell an seine Grenzen.

Und da ist sie wieder, die verkaufsfördernde Erwartungsweckung.
Wenn „Vielfalt“ wie oben schon als Vorteil angeben wird, dann kann doch mehr davon nur besser sein.
Diese ganze „bunte“ Vielfalt wird jedoch auffallend monochromatisch, wenn es um die Abwehr von tatsächlicher Erwartungserfüllung, kritischen Nachfragen oder gar Struktur- und Personalfragen geht. Da sei die BAG vor, wie gut, dass man sich gegenseitig immunisieren kann.

Da kann man sich die Zukunft bunt ausmalen: Von den Präventionsdienstleistern wird fürderhin keiner mehr was gegen die Muslimbruderschaft oder andere Legalisten einzuwenden haben.

Zusammenfassend läßt sich feststellen: Den Behörden möchte man über seine Betätigung und seine Ergebnisse (zum BKA, nach Feststellung des NZK, s. Studie oben) nicht so recht Rechenschaft ablegen. Der Öffentlichkeit, also der Presse, auch nicht. Was immer geht, ist, sich für selbst behauptete und -definierte Erfolge feiern und sich mit Preisen ausstaffieren zu lassen. In anderen Bereichen, also solchen ohne Helden-Nimbus, nennt man sowas schlicht Marketing und Lobbyismus.

Förderung, Lob und Preise wären vollumfänglich gegönnt bei guter Arbeit. Gute Arbeit soll angemessen honoriert und gewürdigt werden. Daran, wie gut die Arbeit tatsächlich wirkt, misst sich jedoch, ob es angemessen ist. Islamismus- und Extremismusbekämpfung ist keine ABM, wo jeder mal bisschen Vielfalt darstellen darf als Selbstzweck oder ggf. gar kontraproduktiv, dazu ist das Thema zu ernst. Es ist auch zu ernst, um eine Struktur gegen Transparenz und letztlich gegen die Zuwendungsgeber zu positionieren.

 

 

 

* ufuq über sich:

Ufuq.de bemüht sich um Alternativen zu den aufgeregten Debatten um „Parallelgesellschaften“, religiös begründete Radikalisierung und eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands. Wir arbeiten an der Schnittstelle von politischer Bildung, Pädagogik, Wissenschaft und politischer Debatte und informieren, beraten und unterstützen in den Herausforderungen, die sich in der pädagogischen Arbeit in der Migrationsgesellschaft ergeben können.

Dabei ist unser Vereinsname Programm: „ufuq“ ist arabisch und heißt „Horizont“. Bei allen Fragen und Konflikten, die sich im Alltag, in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Politik bei der „Einbürgerung des Islams“ ergeben mögen, geht es uns nicht mehr darum, ob diese stattfindet, sondern darum, wie dieser Prozess gestaltet wird.

http://www.ufuq.de/verein/uber-uns/verein/

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