Leben wie die Salaf(isten)?

Die Muslimbruderschaft in Deutschland und ihre identitären Projekte

Zur Mehrheitsgesellschaft hin treten Funktionäre und Unterstützer der Muslimbruderschaft (MB) gerne ostentativ „westlich“/modern auf: Man(n) trägt meist Anzug und Schlips, auch bei religiös konnotierten Feiern. Die Damen tragen auch schon mal bunte Hijabs (aber immer „mit“). Die Funktionärselite ist meist formell gebildet, scheint aber – bis auf die Mediziner – eher geneigt, den Glauben in einer zeitlich so aufwendigen Weise zu vertreten und zu verbreiten, dass man Zweifel am Arbeiten im angestammten Beruf haben kann. Das ist per se nichts Ehrenrühriges und geht die Gesellschaft erst einmal wenig an. Man kann sich aber fragen, wovon der Lebensunterhalt bestritten wird. Mission erscheint, sofern man keine Mäzene hat, zunächst brotlos. Vor allem die Schulung des Nachwuchses ist etwas, was man vornehmlich jedoch langjährig geübten Personen zu überlassen scheint.

Kinder- und Jugendangebote an die eigene Community gibt es bereits seit längerem (s. dazu auch verschiedene Beiträge auf diesem blog). Über das Berichtsjahr 2016 schreibt das hessische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV):

Aktivitäten der IGD Um Kinder und Jugendliche frühzeitig in ihre Strukturen einzubinden, veranstaltete die IGD mehrere Kinder- und Jugendcamps. So fand in Hessisch-Lichtenau (Werra-Meißner-Kreis) vom 28. bis 30. Oktober das „9. IGD-Kindercamp“ für Jungen und Mädchen im Alter von 8 bis 12 Jahren statt. Darüber hinaus führte die IGD vom 26. bis 28. August in Kirchheim (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) ihre traditionelle überregionale Veranstaltung „Islamleben“ unter dem Motto „Einheit in Vielfalt“ durch.

https://lfv.hessen.de/sites/lfv.hessen.de/files/Bericht2016/Islamismus.html#c3

Die Angebote werden jedoch dem Anschein nach zunehmend auch offen rückwärtsgewandter. Über das „Sirah-Projekt“, also eine Veranstaltungsreihe nebst möglichen Missionierungsaktionen, war bereits hier berichtet worden, u.a. sowie über eine Marketingstrategie, die – das muss man leider sagen – voll aufgegangen ist:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/07/31/islamistische-missionierung-sira-projekte/

https://vunv1863.wordpress.com/2017/06/03/die-marrakesch-deklaration/

Es wird vermehrt die Zeit des Religionsgründers beschworen: Sein Leben (das „Sirah-Projekt“ zentriert die Biographie Mohammeds), Aussprüche, die Zeit der Gefährten. So explizit schreibt man es nicht, aber zusammengefasst wird das Kalifat als Utopia für die Jüngeren konstruiert. Im aktuellen Bericht weist das LfV Hessen noch einmal explizit auf die Weiterverfolgung der extremistischen Ziele der Bewegung hin:

Das Motto der MB lautet: „Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Jihad ist unser Weg. Der Tod für Allah ist unser nobelster Wunsch“. Ebenso wie sein Vorgänger Muhammad Mahdi Akif gehört Muhammad Badi, der „oberste Führer“ (arab. murshid amm) der MB, dem konservativen Lager der Organisation an. Er fordert von der arabischen Welt, die Verhandlungen mit Israel einzustellen und durch den „heiligen Jihad“ zu ersetzen.

MEMRI mit einem aussagekräftigen Zitat des Herrn Badi:

We will continue to raise the banner of Jihad and the Koran in our confrontation with the enemy of Islam.

https://www.memri.org/tv/new-leader-muslim-brotherhood-muhammad-badi-we-will-continue-raise-banner-jihad-and-koran

Ein anderer, jüngerer Anführer hatte diese Grundlinie bzw. die Ausrichtung auf das Kalifat erst im August bekräftigt:

In an effort to reinvigorate the Muslim Brotherhood, one of the group’s leaders — Magdy Shalash — reminded supporters that the organization’s main objective is establishing an “Islamic Caliphate” based on “Sharia” law. “The Muslim Brotherhood was established for a general overall purpose, namely, the return of the comprehensive entity of the Umma (Muslim community)…the Islamic Caliphate, which is based on many Sharia proofs,” Shalash wrote in a Facebook post on Wednesday that was translated by the Investigative Project on Terrorism (IPT). 

While many Islamist apologists attempt to defend the use of terms like “caliphate” or “jihad” as purely religious and peaceful concepts, Shalash does not try to hide the Brotherhood’s true colors. He calls for “the return of all states Islam ruled, such as Andalusia and others, to the quarters of the coming Caliphate.” Andalusia is part of modern-day Spain.

https://www.algemeiner.com/2017/08/07/muslim-brotherhood-leader-reaffirms-islamic-caliphate-ambition/

Dass die MB intensivst daran arbeiten, dass die „Integration“ in die Mehrheitsgesellschaft nur eine äußere, scheinbare ist, der Nachwuchs aber ideologisch in der Spur bleibt, zeigen diese vielfachen Jugendangebote. Die Jugend soll gar keine Wahl haben, soll sich eben nicht frei entscheiden können, sondern wird maximal indoktriniert und abgeschieden. Man ist Elte, auch Vordenker, aber mehr heimlich, denn offen zeigt man sich… jovial. Obige Zielvorstellungen sind ja schließlich klar konfrontativ zu den Werten der Mehrheitsgesellschaft. Diese Vorstellungen muss man also so vermitteln, dass das Produkt dieser Schulungen nur als gläubige Person erscheint, nicht aber als politisch-religiöser Fanatiker. Das sind – da darf man sich nichts vormachen – klar segregative Veranstaltungen, die zweierlei Sinn haben: Die Menge der Jugendlichen auf die Bewegung einschwören und andererseits jene herauskristallisieren, die sich für Führungsaufgaben eignen. Die also gewonnen und aufgebaut werden können, sofern sie nicht einem der aktiven Clans angehören, bei denen man Linientreue schon familiär bedingt annimmt.*

Die vielfachen Koranwettbewerbe, also Veranstaltungen, in denen es um Auswendiglernen und möglichst ansprechende Rezitation geht, werden weiter fortgesetzt. Dieses Format gibt es ja schon seit Längerem:

{Der Herr Amer ist nach letztem Kenntnisstand im RIGD in Funktion, dem Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland, der vom hess. LfV ebenfalls der Muslimbruderschaft zugeordnet wird.]}

Eine Information von der Facebookseite von Dr. Houaida Taraji** über ein Camp, in dem man sich vorbereiten kann:

[Diese Bildungsstätte ist übrigens von der Bewegung Nahestehenden aufgekauft worden.]

Man sorgt also in Klausur wohl dafür, dass der Nachwuchs „die Verfassung“ auch ordentlich lernt und befolgt. Da man praktischerweise Eigentümer ist, kann man sicherstellen, dass nur vertrauenswürdige Personen Zutritt erhalten.

Mit dem „Sirah-Projekt“ wird Mohammed als Leitbild und Führungsfigur propagiert.

 

Lustigerweise wird nur „Berlin“ genannt. Wo das wohl stattgefunden haben mag?

 

Und was passte da inhaltlich schöner noch hin? Die Zentrierung der Prophetengefährten, der Sahaba. Das Wintercamp steht unter dem Motto „Leben wie die Sahaba“:

 

Nun könnte man anmerken, dass das im Ergebnis dasselbe heißt wie die Rückberufung auf die Altvorderen, die Salaf, denn die Sahaba und diese Gruppe sind nahezu deckungsgleich (die Gruppe der Salaf ist etwas breiter ausgerichtet). Auch wenn viele Muslime die Salaf eher diffus als besonders vorbildliche Personengruppe sehen, ist das Leben der Salaf oder der Sahaba wirklich zentriert ein beliebtes Motiv salafistischer Propaganda. Damit verschwimmt für den Nachwuchs die Trennlinie zwischen der MB-Ideologie und der der Salafisten, die ohnehin dünn ist, noch mehr. Das soll also alles – so könnte man schlußfolgern – in der Folgegeneration noch kompatibler werden, als es gegenwärtig schon ist.

Parallel fühlt man sich dem Anschein nach so sicher, dass man das schon als öffentliche Ankündigung und Betätigung sehen kann. Man baut darauf, dass entweder nur die eigene Community dies zur Kenntnis nimmt oder Entscheidern dies nicht bewußt gemacht wird. Man baut darauf, dass Entscheider, sollten sie Kenntnis erlangen, dies abtun, weil sie nicht parkettsicher sind und lieber einen halbfalschen, aber ausgetretenen Weg weiter nutzen denn Mut zu zeigen und sich zu distanzieren. Politischen Entscheidern und Kirchenunterstützern, die jeweils eigene Interessen verfolgen, macht man sich als überschaubare Gruppe schmackhaft, indem man parallel die sozial und gesellschaftlich erwünschten Inhalte zur Mehrheitsgesellschaft hin offensiv verbreitet und schon Belegtes nach Möglichkeit juristisch angeht. Wird nur die „schöne Seite“ wahrgenommen, gibt es positive Verstärkung. Lob und Inaussichstellung von „vielen muslimischen Stimmen“ bei den einen, das Beschwören gemeinsamer Interessen zur säkularen Gesellschaft hin bei den anderen. Schon wird bereits bei den Salafisten ähnlich verfahren: Es wird alles so weit aufgesplittert, dass man keinerlei eigenes Urteil, keine Haltung seitens mehrheitsgesellschaftlicher Akteure mehr entwickeln muss. Die rote Linie ist nur noch die persönliche (!) Gewaltbereitschaft. Daraus lernen Islamisten natürlich. Sogar den Salafismus kann man Stück für Stück hoffähig machen, indem man MB und Salafisten in die Präventionsarbeit einbindet. Es bleibt nichts übrig, alle Haltung, die bei anderen Extremisten kantenscharf ausgelotet und eingefordert wird, soll verschwimmen. Werden die Strategie und die eigentlichen Haltungen beleuchtet, so versucht man dies nach Möglichkeit zu „bestrafen“ – und sei es nur indem man durch juristisch wenig aussichtsreiche Verfahren zu zermürben versucht oder indem sich manche Medienvertreter gemein machen, die auch bei sachlich begründeter Organisations- und Strukturkritik „Islamophobie“*** anmahnen (und von denen einige erkennbar eine eigene diesbezügliche Agenda haben). Der Muslimbruder wird zum normalen Muslim umgetextet, so kann man sich ungeniert solidarisch zeigen****. Zuckerbrot und Peitsche.

Und zum Schluß (mehr scherzhaft, da so halt die Schrift ist). Zumindest da ist man sich ja schon ganz nah:

 

 

*
Der Nachwuchs wird dem Anschein nach auch zu Praktika innerhalb der angeschlossenen Organisationen entsandt – so lernt man die Strukturen kennen. Es gibt mehrere solche Clans in Deutschland, bei denen meist schon die zweite Generation aktuell in Funktion ist.

**
Dr. Tarajji ist eine Multifunktionärin bei muslimbrudernahen Institutionen. So war sie stellvertretende IGD-Vorsitzende und ist aktuell im Vorstand des Zentralrats der Muslime:

http://zentralrat.de/21417

***
Es gibt verurteilenswerten antimuslimischen Rassismus, keine Frage. Der ist aber hier nicht gemeint, sondern Organisations- und Ideologiekritik, die, da sie immer konkret sein muss, natürlich statthaft ist.

****
Kommunalpolitisches Quartett, vielerorts zu beobachten: Politischer Entscheider definiert Muslimbruder als normalen Muslim. Muslimbruder definiert Salafisten als vielleicht ein bisschen anders, aber eigentlich ganz harmlos. Salafist definiert Jihadisten als einen, der ja eigentlich schon so seine Gründe hat…

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