Frühes Ende der Ermittlungen?

Teil 4 einer Einordnung zu einem „Ermittlungsblog“ ohne weitergehende Ermittlungen

Wiederholung hier vom blog zum Einstieg für neue Leser:

Der Journalist Yassin Musharbash hatte vor zwei Jahren für die Zeit den Artikel „Schluß mit Dschihad“ verfasst. Es ging im Artikel um Deradikalisierungsarbeit im Allgemeinen und den Leipziger Imam Hesham Shashaa im Besonderen. […] Aktuell haben andere Journalisten diese Vorgänge bei der Deradikalisierung kritisch aufgegriffen, nachdem Shashaa im April in Spanien festgenommen worden war. Zwar gibt es wenig Neues aus Spanien und auch sonst nach der Berichterstattung des BR und des MDR. […] Der Autor wurde in dem „Fall Peter“, über den er hier neutral zu „ermitteln“ vorgibt, gegenüber der Presse als „Fachjournalist“ von Claudia Dantschke angeführt. Er ist also Beteiligter in der Sache, was auch seine Sicht beeinflussen mag.

Teil 4 der Reihe:

http://blog.zeit.de/radikale-ansichten/2017/12/13/er-hat-hier-so-eine-axt/

Vorab:
In Teil 2 Hatte Musharbash klar gemacht, dass ein Kontakt mit Shashaa derzeit nicht möglich sei:

Im Moment ist es wegen der Untersuchungshaft nicht möglich, Abu Adam zu befragen.

http://blog.zeit.de/radikale-ansichten/2017/12/08/der-fall-peter/

Wieso hatte der Leipziger Imam Abu Adam so viel Kontakt zu IS-Verdächtigen? Teil 4 unseres Ermittlungsblogs.“

Musharbash will der Frage in diesem Text nun nachgehen. Unklar bleibt, wie und ob er die Gesprächspartner nunmehr erreichte, bei denen er seine vergeblichen Bemühungen im letzten Teil aufzeigte. Sehr vieles des Nachfolgenden stammt schlicht aus den Ermittlungsakten. Das ist an sich statthaft – trifft aber weniger die Erwartungen der Leser an einen „Ermittlungsblog“: Da erwartet man ja v.a. eigenes, selber recherchiertes oder neutral überprüftes. Vor allen Dingen aber Neues.

Shashaa sagt weiter, er habe versprochen, zu versuchen, der Familie zu helfen. Der Anruf beim Konsul dient offenbar der Erkundigung darüber, ob die Familie mit gültigen Papieren ausgestattet werden und nach Spanien, wo sie zuvor gelebt hat, zurückgebracht werden kann. Shashaa erwähnt, dass die Familie eine spanische Aufenthaltsgenehmigung habe. „Ich brauche grünes Licht“, schließt Shashaa das Gespräch, „um die Person zu finden, die sie herausholen kann“.

Von wem oder woher stammt diese Darstellung?

Die spanischen Ermittler sehen das anders {Shashaas Einlassung, seine Kontakte seien Deradikalisierungs-Bemühungen, SHM] . Das oben zitierte Telefonat wurde abgehört, eine Teilabschrift findet sich in den Ermittlungsakten. Die Spanier sagen, das Gespräch zeige, dass Abu Adam in der Lage sei, im IS-Gebiet relevante Personen zu finden. Und es belege, dass Abu Adam die Absicht habe, „kämpfende Mitglieder des IS“ nach Spanien zu schaffen – wo es dann denkbar sei, dass diese Anschläge planen. Außerdem steht in den Akten, dass für Habiba A. ein Haftbefehl wegen Terrorverdachts besteht. Abu Adam beteuert währenddessen in seiner Vernehmung, die Frau denke anders als ihr getöteter Mann. Sie sei also nicht auf IS-Linie.

„Ermittlungen“ dem Anschein nach nur durch Aktenstudium. Ein Konsul ist in der Regel erreichbar. Wurde der nicht befragt? Es folgen drei Vorhalte aus den Ermittlungsakten, drei Kontakte.

Zu allen drei Männern befragt, erklärt Abu Adam in seiner Vernehmung den Akten zufolge, er kenne sie nicht. Warum er das sagt, verstehe ich nicht. Will er sie schützen? Sich schützen? Erinnert sich nicht? Hier bleiben einstweilen Fragen offen. Der Leipziger Anwalt Abu Adams erklärte dazu, dass die Familie dabei sei, entlastendes Material aus eigenen Unterlagen zusammenzustellen, dies aber der Umstände halber schwierig sei. Sobald es zusammengestellt sei, wäre die Familie bereit, es so weit möglich mitzuteilen. […] (Ich liefere diesen und andere Belege nach, wenn/sobald sie mich erreichen.).

Auch hier (wie beim spanischen Anwalt, auf dessen Einarbeitung man nicht warten wollte): Warum wartet Musharbash nicht ab? Und warum benötigt eine Familie, die schon aus eigener Kraft derart viel „manpower“ hat, angeblich mehr als ein halbes Jahr, um Entlastendes zusammenzustellen? Warum fragt Musharbahs dem Anschein nach nicht regelhaft weiter bei den spanischen Behörden nach?

Ich bin ja nicht vom Fach, aber üblicherweise sammelt man erst die Belege und veröffentlicht dann. Bis die Belege geliefert werden, ist das dann die Darstellung der Familie, ist das so zu verstehen?

Wer ist der Scheich?

Abou El Khouloud: Die Ermittler schreiben, {…] Ich vermute, dass es sich um denselben Vorgang handelt, da er anscheinend ebenfalls in Fürstenfeldbrück spielt.

Nichts weiter ermittelt. Trotz – nach eigener Angabe – wochenlanger Recherche.

Es folgen zwei weitere reine Bezüge aus den Akten. Und nun?

Abdallah Al-Muslih: Dieser Mann habe Verbindungen zu Terrorgruppen im Irak, schreiben die Ermittler. Dazu befragt, sagt Abu Adam in der Vernehmung, es handle sich um einen Imam, der ab und zu nach Deutschland komme. Es habe aber seit sechs Jahren keinen Kontakt zwischen ihnen gegeben. Welcher Natur der Kontakt vorher war, darüber gibt es in der Aussage keine Auskunft. Ich bin mir noch nicht abschließend sicher, ob es sich um diesen Imam handelt, aber falls ja, dann hat er offenbar in einer Fernseh-Show Selbstmordattentate für unter bestimmten Ansichten als akzeptable Taktik bewertet. Anderenorts soll sich Al-Muslih gegen Terrorismus positioniert haben, das habe ich noch nicht verifizieren können.“

MEMRI, ok

https://www.memri.org/tv/saudi-sheikh-abdallah-al-muslih-suicide-bombings

Eins wird immer wieder klar: Herr Musharbash wendet einfach zu wenig Zeit und Mühe auf. Alternativ will er einfach nichts ermitteln, was über den potentiellen Sachstand der Behörden hinausgeht.
Das kann man privat so machen. Das kann man sogar als Journalist so machen. Dann aber darf man nicht angeben, „ergebnisoffen“ zu bloggen, sondern muss sich darauf beschränken, zuzugeben, dass man nur nach Entlastendem suche. Denn der Herr Musharbash gibt sich in seinem „Ermittlungsblog“ oft mit den Akten oder den Darstellungen Beteiligter  zufrieden. „Steht nicht drin.“ ist dann schon mal sein letztes Wort dazu. Ergebnisoffen geht anders. Da käme der Herr „Ermittlungsblogger“ nämlich mal auf die Idee, für seine „ergebnisoffene Ermittlung“ nicht nur im Behörden-Sachstand, sondern z.B. im Internet zu schauen. Da sind nämlich gleich mehrere Videos, die z.B. die „Art des Kontakts“ visuell dokumentieren:

Al Muslih 2008 mit Shashaa:

 

Al Muslih 2009 mit Shashaa:

 

Al Muslih, wahrscheinlich 2011 mit Shashaa und Taha Sabri (NBS Neukölln):

Shashaa Al Mosleh Sabri

Zwei Fälle, die gar nicht in den spanischen Akten stehen

Weil es keine richtigen „Fälle“ sind. Warum sollten Behörden Kontakte zu Personen thematisieren, bei denen sie keine kausale Verknüpfung zu einer Ausreise o.ä. zu Shashaas Handlungen sehen? Jenseits dessen kann man aber feststellen, dass während des Kontakts zu Hesham Shashaa dieser dann wohl folgerichtig auch nicht deren radikale Grundhaltung erfasste und entgegenwirkte. Durch ein Nennen solcher Kontakte  als „Fälle“ versickern echte Vorhalte bzw. werden falsch eingeordnet.

[…]

Wie gesagt: wegen der Untersuchungshaft ist es derzeit nicht möglich, Abu Adam dazu zu befragen. Sobald das möglich sein sollte, werde ich das nachholen.“

Man kann gar nicht oft genug sagen, dass in professionellen Texten Satzteile wie „wie gesagt“ eigentlich wenig zu suchen haben. Aber das ist nur meine Meinung.

Der Fall Amina

[…] Abu Adam macht geltend, dass er zu der Zeit, in der der Vorgang spielt, gerade dabei war, Amina zu deradikalisieren.

[…] „Ich hatte Gelegenheit, einige gespeicherten WhatsApp-Sprachnachrichten anzuhören.

Wie ist Musharbash an diese Nachrichten gekommen? Wie kam Shashaa an Amina, wenn sie in NRW war und er in Leipzig? Fragen, denen nicht nachgegangen wird.

Im Folgenden Auszüge: […]

Amina schickt ihm noch ein Foto mit einer Fahne, die sie an der Wand entdeckt hat, und fragt, ob das die Flagge des IS sei.“

Als Nächstes wendet Abu Adam sich an Claudia Dantschke von der Beratungsstelle Hayat: Es gebe ein Problem mit einem „deradikalisierten Mädchen“. Er bittet, dass Dantschke ihm die Nummer einer zuständigen Polizeidienststelle in NRW besorgt.

Wenn er selber, aus eigenen Stücken den Kontakt mit Amina herstellte, warum bindet er dann Frau Dantschke ein?

Am Tag darauf schreibt Abu Adam eine Nachricht an Claudia Dantschke: Amina sei befreit. (Ob durch die Polizei oder auf welche Weise genau, das weiß ich nicht.)

Nanu. Zugang zur professionellen Post von Frau Dantschke und dann keine weiteren Erläuterungen?

Wie lautet das Fazit dieser Folge?“

Das ist bei mir anders als bei ihm:
Er gibt sich deutlich zu wenig Mühe, seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Nicht Dritte haben den formuliert.

„Dabei will ich es für heute belassen. Ich werde aber sicher nochmal auf den einen oder anderen Fall zu sprechen kommen.“

Warum?

Für Freitag plane ich eine Folge, in der ich mich mit ersten Reaktionen auf dieses Blog befassen will.

Das erstaunt. Er gibt doch noch so viel zu „ermitteln“ und herauszufinden, was er und damit der Leser noch nicht weiß. Die britische Linie, die norwegischen Verflechtungen, vor allem auch die in arabische Länder. Die Bewerbung des „Modells Shashaa“ usw. Die Reaktionen sind doch eigentlich ganz uninteressant. Zur Erinnerung: „Ermittlungsblog“ heißt sein Arbeitsauftrag. „Reaktionen“ sind keine „Ermittlungen“. Reaktionen finden sich in den Kommentaren (weniger werdend). War das so geplant?

In Teil 1 hieß es noch:

Dieses Ermittlungsblog ist ausdrücklich ergebnisoffen und zugleich work in progress: Ich werde laufend von meinen Recherchefortschritten und -sackgassen berichten und da, wo es sich anbietet, außerdem auf die Berichterstattung anderer Medien eingehen. Ich mache das nicht zuletzt, weil ich selbst in der ZEIT über Adam berichtet habe. Ich will wissen, wie dieser Fall weitergeht.

Die BR-Berichterstattung und die des MDR finde ich nicht ausreichend einbezogen. Bot es sich nicht an?

Es bleibt alles recht oberflächlich. Musharbash beschäftigt sich vor allem mit den älteren Akten und Vorhalten. Ein wirklicher Aufklärungswille scheint deutlich zu fehlen. Die jüngeren Entwicklungen scheint er auch noch gar nicht wahrgenommen zu haben. Und keiner scheint bei der ZEIT oder anderen Medien sichtbar, der dies hier einmal kritisch hinterfragt: die eigene Beteiligung Musharbahs z.B. als eine Art „Gutachter“ im Fall Peter. Er selber ist Akteur. Seine seinerzeitige Berichterstattung hat nach meiner Sicht auch nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass das „Modell Shashaa“ erst so spät hinterfragt wird.

 

 

 

Ein wenig Material:

https://www.br.de/nachrichten/kooperation-beratungsstelle-is-sympathisant-100.html

https://www.mdr.de/investigativ/fakt-imam-abu-adam-100.html

Und der neueste Beitrag im Magazin Fakt. Es geht um den Fall einer „gescheiterten Deradikalisierung“:

https://www.mdr.de/investigativ/fakt-gescheiterte-de-radikalisierung-100.html

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