Sontra: Konservierte Ehrbegriffe?

Die Sontraer Szene und ihre Verflechtungen nach Göttingen waren auf dem blog schon mehrfach Thema. Vorgestern nun ist es in Sontra zu einem Zwischenfall am Rande dieser Szene gekommen:

Am Sonntag war es gegen 17.30 Uhr auf offener Straße in der nordhessischen Kleinstadt zu einem Streit zwischen zwei Männern gekommen. Wie Zeugen beobachteten, eskalierte die Auseinandersetzung. Ein älterer Mann schoss mehrfach auf den 24-Jährigen und flüchtete zu Fuß.

Wie der HR weiter meldet, ist das Opfer im Umfeld der dortigen Islamisten-Szene zu verorten:

Nach Informationen von hr-iNFO gehört das schwer verletzte Opfer der örtlichen Salafistenszene an. Das Tatmotiv vermuten die Ermittler demnach in einem Familienstreit. Der 24-Jährige soll eine junge Frau aus Göttingen heiraten wollen, deren Eltern jedoch gegen die Verbindung sind – ob wegen seiner extremistischen Einstellung, ist unklar. Der Schütze vom Sonntag soll ein Verwandter der jungen Frau sein.

http://www.hessenschau.de/panorama/familienstreit-war-wohl-grund-fuer-schuesse-in-sontra,schuss-sontra-100.html

Diese lokale Szene setzt sich aus Anhängern von Metin Kaplan und Salafisten zusammen. Ein Gruppenbild:

Quelle: Facebook, Abruf 20.3.2016

Diese lokale Szene setzt sich aus Anhängern von Metin Kaplan und Salafisten zusammen. Ein Gruppenbild:

Hintere Reihe Mitte der Göttinger Murat (Name geändert), der seit Jahren mit den Sontraer Islamisten gemeinsame Aktionen durchführt.

 

Diese lokale Szene setzt sich aus Anhängern von Metin Kaplan und Salafisten zusammen. Ein Gruppenbild:
Hintere Reihe Mitte der Göttinger Murat (Name geändert), der seit Jahren mit den Sontraer Islamisten gemeinsame Aktionen durchführt.

Das Portal, das den örtlichen Akteuren zugerechnet werden kann, meldet:

Bernhard Falk führte erst letzte Woche mit zwei Aktiven der Gruppe Gespräche, darunter wohl auch das Opfer der Tat :

Unter den Reaktionen auf die Tat findet sich im Kommentarbereich auch so etwas:

und:

Eine verantwortungsvolle Einordnung des Seitenbetreibers unterbleibt. dass die Tat mitnichten etwas mit einem „Schlachten DER Muslime“ zu tun hat. sondern wohl eine familiäre Auseinandersetzung die Ursache war. An diesem Punkt sollte Verschwörungstheorien entgegengetreten werden, was der Seitenbetreiber dem Anschein nah nicht für notwendig hält. Er sollte dies nachholen. Nach der Lokalpresse soll der Vater des Mädchens der Schütze sein:

https://www.rundschau-online.de/region/oberberg/bergneustadt/schuss-in-bauch-mann-in-bergneustadt-nach-schiesserei-in-hessen-festgenommen-29672674

Über das Motiv der Tat kann man dennoch rätseln. Eine einfache Anfrage zur Heiratsabsicht mit einer schlichten Absage erscheint auch unter archaischen Ehrbegriffen kaum geeignet, eine solche Reaktion auszulösen. Möglicherweise liegt eine andere, kulturell bedingte* Handlungsweise zugrunde.
Ein Weg, wie junge Leute eine von den Familien, insbesondere der der Frau, nicht erwünschte Eheschließung doch noch „durchsetzen“ können, ist u.a. in der Türkei (auch heute noch!) der  „Brautraub“. Besteht Einvernehmen mit der Frau, so lässt sie sich „rauben“ und verbringt eine Nacht außerhalb des Elternhauses. Da die Frau nunmehr „entehrt“ ist, gibt die Familie der Frau dann im Stillen nach, das Paar heiratet. Eine Art ritualisierter Ablauf. Anders liegt es, wenn die Familie vor allem der Frau grundsätzlich, also auch nach einer solchen Handlung, die Heirat ablehnt oder die Heirat gar – ohne Billigung der Familie – bereits heimlich geschlossen wurde (bei einer Imam-Ehe sind ja i.d.R. keine Papiere erforderlich, sondern nur Zeugen). In einem solchen Fall würde die „Kollektiv-Ehre“ verletzt. Das ist nach hiesigen Wertvorstellungen weder fassbar noch strafbar, sondern individuelle und vor allem folgenlose Entscheidung. Individuelle Entscheidungen im Bereich, der die Familie tangiert, werden aber von manchen Kollektiven nicht akzeptiert und ein archaischer Ehrbegriff sieht vor, dass die angeblich verletzte Familienehre wiederhergestellt wird. Dann können solche Vorstellungen und eine solche Handlung wiederum archaische Reaktionen hervorrufen. Solche Vorfälle werden nicht nur aus der Türkei berichtet, dennoch bleibt dies nur eine erklärende Spekulation.

Sollte eine derartige Handlung oder die Vorbereitung einer solchen Vorgehensweise im Hintergrund der Tat stehen, ergäben sich weitere Sorgen auch jenseits dessen, dass man den mutmaßlichen Täter  bereits fasste und ihn einem rechtsstaatlichen Verfahren zuführen wird. Dem jungen Mann ist gute Besserung zu wünschen. Das hätte – wenn es so ist – zwar nicht direkt mit der Religion zu tun. Religion konserviert aber solche Vorstellungen, insbesondere Religion, die patriarchale Muster ganz an der Basis der Glaubensüberzeugungen aufweist. Kultur und Religion gehen da unheilvolle Allianzen ein.** Das grundsätzliche Problem wäre dann das kollektivistische Denken, das Entscheidungen nicht in das Ermessen des Individuums stellt. Stärkung der Menschenrechte heißt dort Stärkung des Individuums und der Frauenrechte auf eigene, freie Entscheidung.

Die Ermittlungen werden sicher ergeben, wo die Kausalkette der Tat ihren Anfang nahm.

*
Unter „kulturell bedingt“ ist hier eine Handlungsweise zu verstehen, die sich in manchen Gegenden und manchen Milieus u.a. in der Türkei noch als archaischer Ausdruck eines kollektiven Denkens erhalten hat. Heirat ist dort keine Privatsache, keine freie Entscheidung zwischen zwei Individuen, sondern eine Sache, in der die Familien wenn nicht Entscheidungs-, so doch ein erhebliches Mitspracherecht haben. Sie wachen über die Handlungen insbesondere der eigenen weiblichen Mitglieder.

**
In Güner Balcis Film „Kampf im Klassenzimmer“ stellt eine solche Art zu denken ein junger Mann dar. Er wurde gefragt, was „Ehre“ im Kontext Männer und Frauen in seiner Kultur ( hier die des Herkunftslandes der Eltern) bedeute:

2 Gedanken zu „Sontra: Konservierte Ehrbegriffe?

  1. Das Opfer „Welat Yildiz“ alias Azad, ist der Schwager von Furkan Karacar(Seitenbetreiber). Furkan ist mit der Schwester von Azad verheiratet.

    Laut Furkan soll die Tat aus nationalistischen Gründen begangen worden sein. Da der Vater des Mädels ein Problem mit Kurden hat, sah er ich wohl gezwungen zu handeln.

    Nebenbei erwähnt, wenn einer 2 Liter Blut bei inneren Verletzungen verliert wäre das Opfer bereits Tod. Die sollten ihren Erste-Hilfe-Kurs erneuern…

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