Muslimische Jugend: Wege, Abwege, Umwege

Ein knapper Überblick

An einigen Orten und von einigen Organisationen werden seit einiger Zeit gesonderte Jugendverbände ins Leben gerufen. Ziel ist neben der Schulung der Jugendlichen und oftmals identitären Ansätzen als von der initiierenden Strömung gesonderte Gruppierung wahrgenommen zu werden und so u.a. gesellschaftlich zu wirken oder noch einen eigenen Zugang zu öffentlichen Geldern erhalten zu können. Mancher Verband möchte seine Jugendarbeit „professionalisieren“; dahinter verbirgt sich oft banal die eigene Jugend-Verbandsarbeit, für die man aber unter der Inaussichtstellung z.B. der Extremismusprävention Gelder einzustreichen gedenkt. Das klappt an vielen Stellen sogar, obwohl so manchesmal Fördermittel explizit nicht für religiöse Arbeit vorgesehen sind. Man ist da recht frei, weil die Zuwendungsgeber die Inhalte (zu) wenig prüfen. Eine Forderung von Aiman Mazyek aus dem Jahr 2014 (in einem HR-Interview) ging da in Erfüllung. Nachfolgend werden jene Jugendgruppen herausgegriffen (nicht abschließend), die man als nicht unproblematisch einstufen kann; sei es wegen der Ideologie, sei es wegen der Herleitung oder der Kooperation mit fragwürdigen Organisationen. Man kann auch vermuten, dass wegen immer weiterer Verbreitung von Koranschulen viele religiöse Jugendorganisationen in den nächsten Jahren sich sehr vergrößern werden. Derart vorideologisierte Kinder werden sich leichter in solche Jugendverbände einfinden als Jugendliche, die oftmals noch ohne eine solche Schulung aufwuchsen. Wem früh eingeimpft wurde, was ein „sündhaftes Leben“ ist und welche Folgen das angeblich hat, wird sich eher beugen. Er wird sich eher an Vorgaben der Gruppe halten und auch seinen sozialen Nahbereich (Freundschaften etc.) so orientieren. Die religiös-ideologischen Jugendverbände sind der Griff dieser Organisationen auf den sozialen Nahbereich dieser jungen Menschen; oft wird vermittelt, dass man sich die „richtigen“ Freunde suchen solle, Freunde, die nach Möglichkeit in der eigenen Gruppe gefunden werden sollen. Insbesondere die Zeit der Partnersuche ist aus Sicht identitär Denkender „gefährlich“: Während man Konvertiten zur eigenen Richtung gerne sieht, sieht man weniger gerne, wenn die eigene Gruppe Mitglieder verliert, wenn sich das Mitglied einer anderen Richtung anschliesst. Da nach den Vorstellungen der konservativen Verbände die jungen Männer den dominierenden Part in einer Beziehung haben, ist das dort weniger „schädlich“ als bei Frauen, auf die man binnenkonsensual besonders achten muss.

Bereits länger bestehende Organisationen wie die „Muslimische Jugend Deutschlands“ (MJD)  sind über Gründerpersönlichkeiten oder Einbindungen klar zuzuordnen, auch wenn sie sich selber als „unabhängig“ bezeichnen. Bei der MJD sind z.B. deutlich die Muslimbrüderbezüge über Kooperationen nachweislich. Der im Vereinsregister angegebene Sitz des Vereins ist – wie Islamic Relief Deutschland, Berliner Büro – in der Gitschiner Str. 17 in Berlin. Islamic Relief Deutschland ist ebenfalls eine Organisation, die hinsichtlich ihrer Gründerpersönlichkeiten und Einbindungen der Muslimbruderschaft zugeordnet werden kann. Siehe dazu auch:

https://de.wikipedia.org/wiki/Muslimische_Jugend_in_Deutschland

http://mjd-net.org/beispiel-seite/ueber-uns/

Ihre Facebook-Seite:

https://www.facebook.com/MJD.Jahresmeeting/

Die Angebote sind meist geschlechtergetrennt, Mädchenevents, Brüdertreffen.

Die DITIB Jugend, also der Verband, der der türkischen Religionsbehörde Diyanet direkt unterstellt ist und in Deutschalnd mehrfach am Religions-Unterricht mitwirkt, organisiert sich auf Bundesebene als „Bund der muslimischen Jugend“:

https://www.facebook.com/DITIB.BDMJ/

https://www.facebook.com/pg/DITIB.BDMJ/about/?ref=page_internal

In Hessen ist der Jugendverband bereits Träger der freien Jugendhilfe.

Auch der Dachverband der schiitischen Organisationen hat seinen Juigendverband:

http://www.igs-deutschland.org/igs-jugend/projekte-von-und-fuer-die-jugend/allgemein

Wie viele andere Jugendverbände veranstaltet auch dieser „Camps“**. So schön es ist, dass etwas für Jugendliche gemacht wird, die Betätigung durch solche Verbände ist jedoch kritisch zu sehen:

Die ATIB, eine wichtige Organisation Türkischstämmiger aus dem Graue Wölfe Spektrum, die im Zentralrat der Muslime einen stellvertretenden Vorsitzenden stellt, ist auch in mehreren Nachbarländern organisiert mit ihrem Jugendverband:

https://www.facebook.com/ATIBYouth/?hc_ref=ARQojW5Q2vS_Bd77PPYL8qEMzcYK8qUhDQs5TTt2pT_ZS3IEPFGihh4pWVSoeIx-34I

In Deutschland hat alleine dieser Verband auf seiner Facebook-Seite ca. 12.000 Follower:

https://www.facebook.com/ATIBYouth/?hc_ref=ARS3m7FYoDdDh2QN-lU2pkOgvudj0rL3bEIwfaZWHbGKXppBgbnooDrFS5Mza12XlUs

Zu den Kooperationen der jüngeren Zeit:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/08/05/die-osmanische-generation-formiert-sich/

Die dahinter stehende Haltung wird sehr deutlich in einem Zitat des Sohnes Mustafa des gegenwärtigen Vorsitzenden Ihsan Öner:

„„Wir sehen uns als Bereicherung für dieses Land“, sagt Mustafa Öner und fährt fort: „Wir wünschen uns, dass auch in 100 Jahren die türkischstämmigen Menschen in Deutschland sagen können: ,Ich bin ein Türke und ein Muslim.´

http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/mainz/nachrichten-mainz/fuer-das-mainzer-tuerkische-kulturzentrum-steht-die-bewahrung-der-eigenen-identitaet-im-vordergrund_15962265.htm

Die Gemeinschaft Milli Görus hat auch ihre eigene Jugendorganisation, die bis zur Europa-Ebene organisiert ist:

Quelle: IGMG Seite, Abruf 20.02.2018

https://www.igmg.org/jugendorganisation/

Im europäischen Jugendverband Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (FEMYSO) treffen sich dann einige Akteure: Die MJD ist dort ebenso Mitglied wie die IGMG-Jugend:

https://femyso.org/member-organisations/

Diese Mitgliedschaft der IGMG geht möglicherweise auf die damalige gemeinsame Vereinstätigkeit von Ibrahim El Zayat und seinem Schwager Mehmet Sabri Erbakan zurück:

Der Herr El Zayat ist bis in die Gegenwart einflussreich bzw. gestaltet mit (Treffen in Köln letztes Jahr*):

 

Die FEMYSO hat auch zum Europäischen Jugendkongress 2018 50 Delegiertenplätze:

https://femyso.org/apply-for-european-youth-event-1-2-june-2018/

und organisiert einen eigenen Jugend-Austausch:

https://femyso.org/youth-exchange/

Die Legalisten sind also recht gut aufgestellt: Viele Gemeinden haben ihren Jugendgruppe bereits formiert oder einen Jugendbeauftragten benannt.

Aber auch jene Personen, die mindestens in der Grauzone des legalistischen Spektrums agieren, haben ihre Jugendstrukturen. Das geht von den Hizb ut Tahrir nahen Plattformen „Generation Islam“ (Hamburg) und „My Community“ (Frankfurt) bis hin zu Neugründungen. Zu den beiden genannten siehe diesen blog. Die beabsichtigte neue Strukturbildung in Mannheim beispielsweise zeigt durch die Wahl ihres Treffpunkts gleich einmal, in welche Fahrwässer man steuert:

Die Moschee steht unter Beobachtung des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg.

Die organisierte muslimische Jugend, von der hier ein kleiner Ausschnitt gezeigt wurde, stellt sich also vielfältig dar. Im Grunde ist dies ein Euphemismus dafür, dass die jeweiligen Organisationen deutlich versuchen, die „eigenen“ Kinder und Jugendlichen separat zu halten. Das ist segregativ nicht nur zur Mehrheitsgesellschaft hin, sondern auch gegenüber dem Glaubensbruder einer anderen Richtung. Das wurzelt im Überlegenheitsdenken: Man glaubt sich einander jeweils überlegen, glaubt an den eigenen Weg als den wahren. Einig sind sich alle jedoch oftmals darin, dass sie der Mehrheitsgesellschaft gemeinsam mehr Vorteile abringen können, als dies einzeln möglich wäre. An einem Strang zieht man eher nur, wenn es um die Umsetzung gemeinsamer Interessen zur Mehrheitsgesellschaft hin geht. Ansonsten bestehen die Interessen darin, identitär zu agieren und die eigene Lesart, die eigene Ausrichtung möglichst einflussreich werden zu lassen. Jugendverbände sind auch für fragwürdige Gruppierungen ein Mittel, um junge Menschen abzusondern. Bei der IGMG-Jugend wird man keinen Ahmadi finden usw. Für die jungen Leute ist – man ist häufig bei der Strömung, der auch schon die Eltern zugeneigt waren – das bei weitem nicht so „bunt“, wie es bei oberflächlichem Blick erscheinen mag. Vieles ist grundsätzlich identitär.

Ein anderer Anteil Jugendlicher wird sich wohl den Angeboten des organisierten Islams entziehen. Weil sie zwar vielleicht nicht die Religion bzw. die Strömung der Vorfahren verlassen können oder wollen, aber für sie anderes viel wichtiger ist: Chemiker zu werden. Oder Philosoph. Diesen jungen Leuten müssen wir als Gesellschaft den Rücken stärken. Nicht im Identitätsaspekt „Muslim“, sondern in dem, was ihnen wichtig(er) ist. Als Individuum.*** Und wir sollten v.a. auch Mädchen stärken dabei, dass sie das Kollektiv nicht einholt, wenn sie Chemikerin oder Philosophin werden wollen und der Enge und Herrschaft manches kollektiven Anspruchs entfliehen wollen: Dabei, werden zu können, wer sie sein wollen und auch z.B. lieben zu können, wen sie selber sich erwählen. Dafür braucht es Unterstützung, denn das jeweilige Kollektiv wird zu oft noch insbesondere Mädchen versuchen zu biegen und notfalls zu brechen. So weit zu biegen, dass sie es für ihren freien Willen halten, gebeugt zu sein unter den Einfluß einer Organisation und eines Kollektivs, das vorgibt, den wahren Willen ihres Gottes zu kennen.

Wir müssen, mit anderen Worten, Jugendliche allgemein so stärken, dass sie ihren eigenen Weg finden können (dies gilt gleichermaßen für alle Jugendlichen). Dass sie Freiheit nicht als Gefahr und Bedrohung sehen, sondern als lebenslange Herausforderung und als Ziel. Dass Individualität, die eigene Sinnschaffung, ein großes Geschenk und Vorzug ist, der sie als Menschen zentriert und nicht ihre Unterwerfung fordert, sondern Eigenverantwortung. Dass es in unserer Gesellschaft viele Möglichkeiten gibt, sich selber einer Gemeinschaft nach eigener Wahl anzuschließen und sie dort gemeinsam mit anderen an und in dieser Gesellschaft wirken können. Empowerment darf nicht identitär sein, darf nicht das Empowern eines Kollektivs, sondern muss das Empowern des Individuums sein. Natürlich können sie sich für die ausgetretenen Pfade entscheiden, das steht ihnen frei. Aber als Gesellschaft sollte man es nicht unterhinterfragt lassen, wenn jungen Menschen eben diese ausgetretenen Pfade als modern und individualistisch verkauft werden, als nachgerade einzig statthafter Weg. Gerade wenn man sich um junge Menschen sorgt, muss man ihnen zeigen, worin die Angebote verschiedener Strömungen tatsächlich bestehen, darf das nicht dem Eigenmarketing und sozialem Druck überlassen. Dazu gehört eine ehrliche Debatte um das, was inhaltlich und auch von den Interessenlagen her hinter den Jugendangeboten steht.

 

 

 

 

*
Unter sich stellt man sich übrigens wesentlich breiter dar als auf der Internetseite, die ja für die öffentliche Wahrnehmung gedacht ist:

**

***
Unbedingt lesenswert, vielleicht nicht im Fazit, aber den Schilderungen. Grausam:

Dann merkten einige von uns, dass es keinen Lichtblick gab, dass sie nur bestraft wurden, wenn sie die herrschenden sozialen Normen in den muslimischen Communities brechen. Als die hübschesten, selbstbewusstesten und coolsten marokkanischen Mädels mit 16 Jahren verheiratet wurden, als die freiheitsliebende und aufmüpfige Freundin nach dem Abitur ihren Cousin heiraten musste und sich anschließend das Leben nahm, als nur wenige es schafften, ein selbstbestimmtes, freies und offenes Leben zu haben – ohne mit den Eltern zu brechen, oder eine „falsche Muslima“ oder „unehrenhaft“ zu sein. Da fing man an, konform zu leben. Konform gegenüber den Erwartungen der Eltern. Und die Jugend war dahin. […]

Wir wollten niemals konform leben. Aber man hat unseren Kampf für Freiheit nicht gesehen, nicht erkannt, nicht belohnt. Man fing irgendwann an, uns in Kategorien zu betrachten. Wir mussten mit Stereotypen kämpfen. Jahre später musste ich meinen altbekannten Klassenkameraden erklären, weshalb ich nicht in die Moschee gehe, weshalb ich kein Kopftuch trage. Wir mussten uns erklären, was wir vom 11. September hielten. Wir wurden als Deutsche etikettiert, obwohl wir spürten, dass wir nicht mal als Ausländer akzeptiert wurden. Weder von den Deutschen, noch von den Ausländern. Wir wurden hin- und hergezerrt. Nicht zwischen Tradition und Moderne – denn wir hatten uns längst für die Moderne entschieden – sondern zwischen Labels, die man uns gab.

Wir seien von nun an deutsche Muslime. Wir hätten einen Migrationshintergrund. Man müsse uns verstehen. Man müsste uns tolerieren. Kaum jemand hat uns gefragt, wer oder was wir sein wollen. Dabei wollten wir einfach nur jung sein. Wir wollten frei sein.

Ein wichtiger Punkt fehlt da n.m.M.: Es ist die muslimische Community, die den Freiheitswillen zu brechen versucht. Weil der Glaube und das „Ansehen“ zu oft über das Kind gestellt wird. Der finale Eltern-Egoismus. Es geht nicht um das Glück des Kindes, sondern die Selbstvergewisserung.

https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/wo-ist-die-coole-muslimische-jugend-hin/wo-ist-die-coole-muslimische-jugend-hin-1.html

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