Die Sache mit der Realität

Verfestigte Spekulatiuonen zu einem Brand in Mühlhausen

Vor einigen Tagen brannte ein Haus in Mühlhausen, bei dem bedauerlicherweise mehrere Menschen zu Schaden kamen:

14 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Sieben Bewohner wurden ins Krankenhaus gebracht, weil sie Rauch eingeatmet hatten.. [—] Das in der Mühlhäuser Innenstadt in der Nacht vom Freitag zum Samstag abgebrannte Wohnhaus beherbergte unter anderem einen islamischen Kulturverein sowie muslimische Gebetsräume. Bisher liegen keine Hinweise vor, dass der Brandausbruch im Zusammenhang mit den Räumlichkeiten des Vereins steht.

https://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/unstrut-hainich/zentralrat-geht-nach-brand-muehlhausen-von-anschlag-aus-100.html

So weit, so schlecht.

Zwei Tage später wird konkretisiert – von den Betroffenen ebenfalls gegenüber dem MDR:

Nach dem Großbrand in Mühlhausen geht der Islamische Kulturverein in der Stadt nicht von einem islamfeindlichen Anschlag aus. Djamel Benaissi, Vorsitzender des Internationalen Islamischen Kulturvereins, sagte, es habe nie Probleme gegeben. Außerdem hätten nur wenige den Gebetsraum gekannt.“

https://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/unstrut-hainich/muehlhausen-brand-polizei-geht-von-brandstiftung-aus100.html

Der Zentralrat der Muslime berichtet das seiner Community so, datiert auch am 26.02.:


http://islam.de/29692

Auf seiner Facebook-Seite zeigt sich Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), „schockiert“:

Die Islamische Zeitung zieht am Tag danach nach, der Herr Tarek Bae:

Im thüringischen Mühlhausen gab es am 23. Februar mutmaßlich einen Brandanschlag auf den Islamischen Kulturverein der Stadt. 14 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden, sieben erlitten eine Rauchvergiftung. Darunter Kinder. In dem Haus und dem Nebenhaus, in dem sich die Moschee befand, waren zudem Wohnungen. Das Bild spricht Bände. Es braucht keine gewagten Vergleichstheorien. Wer mit den Szenerien jenes berüchtigten Abschnitts deutscher Geschichte vertraut ist, sieht es förmlich vor sich: Eine längst alarmierende Eskalation.

Und doch ist sie Normalität im öffentlichen Alltag. Wie vergessen und ausradiert scheint das Ereignis der brennenden Mevlana-Moschee in Berlin. Vielleicht auch bei der Polizei, die seit 2014 keinen Täter ermittelte.

Rühmlich ist der behördliche Umgang mit dem Phänomen der gewalttätigen Islamfeindlichkeit meistens nicht. Auch in Mühlhausen erlebt man eines der klassischen Reaktionsmuster. “Laut Staatsanwaltschaft gibt es bisher keine Hinweise auf eine politisch motivierte Tat“, heißt es auf mdr.de, wo die Meldung derartig irrelevant zu sein scheint, dass sie nicht einmal über eine Suchmaschine gefunden werden konnte. Gleichzeitig berichtet die Polizei, Brandsätze und Brandbeschleuniger am Ort des Geschehens gefunden zu haben. Auch auf dem Dach der Moschee. Nur wenige Kilometer entfernt liegt das ehemalige Konzentrationslager Martha.

Noch unrühmlicher, um dem Problem auf den Grund zu gehen, ist der mediale Umgang mit diesen Ereignissen. […}

Das ist der Versuch einer Rationalisierung von Terror. Der Subtext dessen ist: Wenn es Brandstiftung war, dann hat die Gemeinde dazu beigetragen. Wie fast jede Gemeinde, hat die Gemeinde natürlich keine Probleme mit Nachbarn oder der Kommune.

Rechter Terror ist nicht rational. Terror ist nie rational. Er hat keine guten Gründe. Er versucht sich höchstens im Rechtfertigungswahn. Sagen wir es, wie es ist. Das Problem besteht darin, dass Legislative, Exekutive und Judikative Islamfeindlichkeit nicht sonderlich ernst zu nehmen scheinen. Die inoffizielle vierte Gewalt, die Medien schon gar nicht.

Innerhalb von sechs Tagen nach dem Brand gibt es bis auf Bodo Ramelow keine Reaktionen ranghoher Politiker. Der Thüringer Ministerpräsident, der sich in der Vergangenheit oft dezidiert gegen Islamfeindlichkeit stellte, äußerte sich zaghaft. Der Staatsschutz ermittle.

Man lese unbedingt den ganzen Beitrag hier, der untertitelt ist mit „Kommentar: Die Stille um die Islamfeindlichkeit ist ohrenbetäubend„:

https://www.islamische-zeitung.de/nie-wieder-in-deutschland-brennen-moscheen-ab-und-keiner-weiss-es/

Nachfolgend noch mal der MDR am 1. März:

Die Polizei in Nordhausen hat nach eigenen Angaben weder neue Erkenntnisse noch irgendwelche Hinweise auf ein politisches Motiv. Ähnlich sieht es die Staatsanwaltschaft. Innenstaatssekretär Udo Götze erklärte am Donnerstag, die Polizei ermittele in alle Richtungen. Es gebe gegenwärtig keine Hinweise auf eine politisch motivierte Tat. Man werde unverzüglich darüber informieren, wenn es neue Erkenntnisse zur Brandursache gebe. Die islamische Gemeinde in Mühlhausen hatte bereits politische Gründe für das Feuer ausgeschlossen.

Mühlhausens Oberbürgermeister Johannes Bruns (SPD) reagierte bestürzt auf die Behauptung des Zentralrates. In einem Telefonat mit dem Vorsitzenden des Zentralrats Aiman Mazyek habe er diesem am Mittag deutlich gemacht, dass die Polizei bisher keine Anhaltspunkte für eine politisch motivierte Tat habe. Bruns forderte Polizei und Staatsanwaltschaft auf, den Stand der Ermittlungen deutlich zu machen.

https://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/unstrut-hainich/zentralrat-geht-nach-brand-muehlhausen-von-anschlag-aus-100.html

Die Nachricht auf der islam.de-Seite bleibt weiterhin derart übertitelt.

Es gibt Handlungen gegen Muslime und auch gegen Gebäude und Einrichtungen. Das ist schlimm und schäbig. Angriffe auf Personen sind übel und verachtenswert und man muss sie anmahnen. Auch Sachbeschädigungen sind inakzeptabel. Kaum weniger fragwürdig ist es jedoch, bei ganz unzureichender Faktenlage und sogar explizit in die Gegenrichtung weisenden Verlautbarungen Betroffenheit und Wut auslösen zu wollen, wenn noch gar nicht klar ist, ob die Tat „islamfeindlich“ oder ausländerfeindlich motiviert war. Es ist auch reichlich eigenartig, wenn der Herr Bae von „Rationalisierungen“ schreibt, wenn die Polizei sogar offener ermittelt als die Betroffenen sich das vorstellen können. Perfide ist, wie er es den Medien anlastet – er scheint allgemein bösen Willen in den Raum stellen zu wollen – dass diese im Gegensatz zu ihm Fakten abwarten und  – natürlich – eine andere, eine fachübliche Relevanzschwelle haben: Ein Brand eines Wohnhauses, bei dem glücklicherweise niemand ernsthaft zu Schaden kam, ist nunmal nichts, worüber breiter berichtet würde oder das gar die Politik größer auf den Plan riefe. islam.de und die IZ scheinen Schulter an Schulter offensichtlich bemüht, aus dürren Fakten, die die vertretene Position nicht einmal stützen, sofort einen Skandal zu kommunizieren. Das sind beim aktuellen Stand recht wilde Verschwörungstheorien. Das ist nicht einmal der eigenen Sache nützlich, denn es ist möglich, dass sich  die Befürchtungen und Vermutungen von Aiman Mazyek und Tarek Bae nicht bestätigen. Manchmal ist es besser, abzuwarten und die Ermittler erst einmal weiter Fakten sammeln zu lassen. Und vor allem ist es besser, Medien und Politik keinen bösen Willen zu unterstellen, wenn diese ihrerseits Fakten abwarten.

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