Lernen bei den Muslimbrüdern

Über die unkritische Betrachtung eines „Wandels“

In der „Zeit“ findet sich heute ein langer Bericht zu Abdel Adhim Kamouss mit der Überschrift „Der Wandel des Salafistenpredigers“. Thema ist der Prediger Kamouss, der nunmehr eine Stiftung gegründet hat. Zur Stiftung:

https://www.tagesspiegel.de/politik/stiftung-islam-in-deutschland-berliner-imam-will-die-verstaendigung-foerdern/22589690.html

Dass er mit dieser Stiftung Aufsehen erregt, liegt auch einem geschickten Marketing. Dieses geschickte Marketing greift auf bereits bekannte Muster und Helfer zurück. So wird anscheinend nicht hinterfragt, wird nur angeschaut, was man auch anschauen soll:

Man kann diesen Wandel nachverfolgen, wenn man sich durch seine Videos klickt. Von religiösen Pflichten ist in den ersten die Rede, von „Ungläubigen“ und dem Übel der westlichen Welt. Man sieht Kamouss darin mit den Armen fuchtelnd in der Al-Nur-Moschee stehen. Mit einer Zornesfalte im Gesicht und einem Grinsen.

Ein anderer Kamouss präsentiert sich in einem Video vom März 2016. Nachdenklich, stockend, der Blick verliert sich immer wieder im Nichts. „Wenn ich etwas durch meinen Wandel gelernt habe“, sagt er, „dann, dass ich Kritik mag.“ Und dann, fast ungläubig, schiebt er hinterher: „Auch Selbstkritik.“ Eine halbe Stunde dauert der Film, der wirkt wie ein öffentlich geführtes Selbstgespräch. Kamouss entschuldigt sich darin für seine Emotionalität und den Allgemeinheitsanspruch seiner Predigten.

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-07/abdul-adhim-kamouss-salafismus-islam-prediger-moschee-dschihad/komplettansicht

Ja, es gibt neue Videos, die zur aktuellen Darstellung besser zu passen scheinen. Die Vergangenheit wird dezent abgekürzt, auch da wird wohl nicht hinterfragt:

Bei Jauch habe man ihn als Salafisten gecastet und vorgeführt – dabei hatte er sich da längst gewandelt. Überhaupt hätten die Medien vieles falsch dargestellt.

Die Jauch-Show war am 28.09.2014.

Noch drei Monate vorher ein Auftritt mit Marcel Krass:

2015 wirbt er für einen Szene-Treff:

https://www.focus.de/panorama/welt/er-sorgte-fuer-aufregung-in-der-ard-jauchs-talkshow-imam-wirbt-jetzt-fuer-einen-grill-imbiss_id_4816318.html

Diese Stellungnahme ist auch enthalten und erklärt evtl., warum wohl wenig an der Selbstdarstellung überprüft wurde:

Am Ende dieser zehn Jahre wird die Extremismusforscherin Claudia Dantschke über ihn sagen, er sei eine „Leitfigur für alle, die eine friedliche und integrative Form suchen, den Islam zu leben.“ Wer ist dieser Mann? Und was steckt hinter seinem Wandel?

Ähnlich warme Worte fand Frau Dantschke allerdings auch zu Hesham Shashaa* und einigen anderen, die mit einer offenen Gesellschaft wenig anfangen können, aber vermutlich wohl persönlich Wirkung erzeugen.** Anscheinend wurden die Betätigungen von Herrn Kamouss im Musmbruder-Kontext nicht wahrgenommen. Alternativ findet man, wie so einige Präventionsdienstleister mittlerweile, die Muslimbrüder gar nicht so schlimm. Schließlich macht man ja gemeinsame Sache mit Strukturen aus dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft in der „Bundesarbeitsgemeinschaft gegen religösen Extremismus“.*** Man kann demnach schon den Eindruck erhalten, dass nicht nachvollzogen oder wahrgenommen wurde, dass Herr Kamouss sich mittlerweile eher in Muslimbruder-Kreisen bewegt. Sollte es wahrgenommen worden sein, tut man es zumindest nicht kund. Und der Journalist überprüft natürlich auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit, wenn ein solcher Persilschein ausgestellt wird.

Hier im Jahr 2016, im März, einer Zeit, in der Herr Kamouss angeblich schon „längst gewandelt“ war, bei der Konstituierung des muslimbruderdominierten Fatwa-Ausschusses Deutschland (s. diesen blog und den Berliner Verfassungsschutzbericht 2016):

Quelle: fb-Profil Chooli, Abruf 18.03.2016

Die beiden Herren links im Bild neben Herrn Kamouss (2. Reihe, 2. v.r.) sind die Schweizer Extremisten Nicolas Blancho und Qaasim Illi. Im Vordergrund die beiden bundesweit bekannten Prediger Ferid Heider und Mohamed Matar (Bild: „Radikal-Imam“).

Beim Verein „Tauhid e.V.“ macht Kamouss auch ein wenig mit – als „Berater“:

https://vunv1863.wordpress.com/2018/07/09/guten-mutes-spenden-vergeben/

Oder hier, bei einem Event mit anderen aus dieser Szene, noch kein Jahr her:

Links Herr Kamouss neben bundesweit bekannten Akteuren.

Groß:

Der „gewandelte“ Herr Kamouss mit anderen aus dem Muslimbruder-Aktionsgeflecht.
Deren Argumentation und Betätigungsmuster sind vielleicht in Relation zu Jihadisten für Präventionsleute, die Jugendliche aus konkreten Situationen herausholen wollen, in Grenzen brauchbar (wobei auch da der Erfolg nicht breiter nachgewiesen ist). Ihnen jedoch gesamtgesellschaftlich Persilscheine auszustellen, Leumundszeugnisse zu verfassen, ist mehr als kontraproduktiv, völlig verfehlt. Vor allem zumal sich die Schere zwischen Dialogbekundungen und dem, was sonst von den muslimbrudernahen Vordenkern kommt, in den letzten Jahren öffnet. Im aktuellen Bericht Verfassungsschutz Baden-Württemberg, ab S. 60:

Auf Twitter empfahl Yusuf al Qaradawi am 20. Dezember 2017:
“„Der Jihad um das [muslimische] Land zu verteidigen (difa’an ani l’ard) stellt eine individuelle Pflicht (fard ain) für die Leute [in diesem Land] dar. Sollte die Verteidigung der Anwohner sich als ungenügend erweisen, so sind deren Nachbarn – dies mag sogar alle Muslime mit einschließen – verpflichtet, sie dabei zu unterstützen. Der Islam gestattet es nicht, auch nur eine Handbreit muslimisches Land abzutreten. Und handelt es sich bei diesem Land um Jerusalem, so ist dies die ruhmreichste und ehrenhafteste [Form des Jihad].“ Mit dieser Äußerung zeigt al Qaradawi, dass er weder Jerusalems als Hauptstadt Israels anerkennt, noch den israelischen Staat selbst. Vielmehr ruft er darin, unter Verweis auf eine „individuelle Pflicht“, die Palästinenser zum bewaffneten Widerstand und damit zu jihadistischen Handlungen auf.

http://www.verfassungsschutz-bw.de/site/lfv/get/documents/IV.Dachmandant/Datenquelle/PDF/2018_Aktuell/Verfassungsschutzbericht_BW_2017.pdf

Die neue Innigkeit zu einer anderen Szene sieht man schon, wenn man auf den sozialen Medien ein wenig schaut. Man beachte die Spalte rechts. Was seinen Nutzern gefällt, kann Herr Kamouss nicht unbedingt beeinflussen. Was er selber präferiert, schon:

Das passt ja schon weniger zu einer Wandlung.

Hier ein wenig Werbung:

 

Das von Herrn Kamouss herausgestellte „attraktive Angebot“ ist nur leider eines vom Rat der Imame und Gelehrten in Deutschlansd (RIG), der als Muslimbruderstruktur seit Jahren unter Beobachtung des LfV Hessen steht. Eigentlich müsste das auch der Herr Kamouss wissen. Vor allem müsste das aber Frau Dantschke wissen, die meint, der Herr Kamouss sei jetzt ein Vorbild. Die islamische Identität, die da im Vordergrund steht, ist die der Muslimbruderschaft.

Persilscheine für muslimbrudernahe Akteure darf es nicht geben. Was in die eine Richtung vielleicht (nachweisliche Erfolge?) noch sinnvoll ist, ist als allgemeine Empfehlung inakzeptabel.

Ein Vorbild, das zur Muslimbruderschaft geht, für Veranstaltungen der Muslimbruderschaft wirbt? Das also durch Betätigungen und Akzeptanz (!) in diesen Kreisen weiterhin auffällt? Auch Jochen Müller von ufuq macht den Autor des Beitrags, Sascha Lübbe, offensichtlich nicht darauf aufmerksam, dass es zwischen Salafisten und dem Islamverständnis von Seyran Ates weitere Strömungen gibt, dass das ein weites Feld ist. Dass Kamouss vielleicht das eine oder andere nette Video gemacht hat, sich aber auch wie oben belegt, betätigt. Nach gegenwärtiger Rechtssprechung bestünden begründete Zweifel daran, dass der Herr Kamouss mit dieser Geschichte und auch diesen aktuellen Aktionen eingebürgert würde. Man fragt sich, aufgrund welcher Fakten auch die Stiftung Maecenata dazu gebracht wurde, die Stiftung von Kamouss als Treuhandstiftung zu führen. Den Zugang zu Kindern und Jugendlichen sollte man nach meiner Meinung einer so geleiteten Stiftung weder erleichtern noch finanzieren.

Übers ganze Land versuchen Protagonisten aus dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft an öffentliche Gelder zu kommen. Das gelingt ihnen vielfach, da Zuwendungsgebern falsche Versprechungen gemacht werden und das Marketing verbessert wurde. Das kann man sich von den Muslimbrüdern abgucken, aber z.B. auch von der Gülen-Bewegung. Flankiert wird das leider von manchem Präventionsdienstleister. Potentiellen Testimonials nach dem Mund zu reden ist Lektion eins. Man scheint ihn jetzt als neue Firgur in der Prävention zu sehen. Das führt jedoch nicht weiter, weil es bestenfalls bestimmte Ursachen und Motive in der Radikalisierung (sofern es um Prävention geht) ausklammert. Schlimmstenfalls wird damit der Bock zum Gärtner gemacht, indem man ungeeigneten Personen den Weg an die öffentlichen Fleischtöpfe ebnet und ihnen so den Zugang zu Zielpersonen noch erleichtert und legitimiert. Man wünschte sich, Hayat oder ufuq hätten Herrn Kamouss dahingehend beraten, z.B. wieder seinen erlernten Beruf als Ingenieur auszuüben und nicht in den Pädagogik-Bereich zu wollen. Zu groß ist die Gefahr, dass genau das, was sich entgegen den Bekundungen abzeichnet, so vollzieht. Zu absehbar, dass das neue Vorbild Identität a la Muslimbruder anbietet.

Es ist also wichtig, das tatsächliche Handeln von Akteuren anzuschauen und sich nicht auf deren Eigendarstellungen zu verlassen.

 

 

 

 

*
Shashaa sitzt weiterhin in Spanien ein wegen des Verdachts, einer Terror-Organisation zugearbeitet zu haben. Bei einer Anhörung im Mai brüstete er sich u.a. mit dem Kontakt zu Frau Dantschke, sie sei eine Beraterin bzw. „Mitarbeiterin“ Obamas. Ja nun. Anzuhören und zu lesen hier:

https://www.vozpopuli.com/espana/preso-yihadismo-ofrecio-CNI-Espana_0_1135687657.html

**
Auch Muhamed Ciftci und Hassan Dabbagh wurden nach dieser Quelle einst eher unkritischer gesehen

http://nrw-direkt.net/unglaubwuerdiger-salafisten-aussteiger/

***
Der gemeinsame Zuwendungsgeber scheint da schon mal milde ich der Bewertung zu stimmen. Und so bestätigen sich einige in den Ministerien und manche Präventionsdienstleister gegenseitig, dass sie mit ihrer Beförderung der Muslimbruderschaft doch auf einem richtigen Weg seien. Man baut einen Gegennarrativ auf – zum Verfassungsschutz. Angeblich Wandel durch Einbindung oder das kleinere Übel. Das beruht auf der falschen Fokussierung, dass nur Ausgrenzung Radikalisierung bewirke. Und so wird munter umdefiniert. Es wird zu oft negiert, dass Radikalisierung kein primäres oder singuläres Unterschichten- oder Ausgrenzungs-Phänomen durch die Mehrheitsgesellschaft ist.

Ein Gedanke zu „Lernen bei den Muslimbrüdern

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